Gedanken verloren

Ich habe ein paar Gedanken auf dem indischen Ozean verloren… Sie sahen ungefähr so aus:

Das ist ein absolutes Hundeleben. Ich muss schon wieder entscheiden, ob ich heute erst schlafe, dann esse, oder erst die Angel raus und dann lese. Und dann auch noch: WAS machen wir uns heute zu essen?? Und wie oft? Wir kloppen uns schon wieder um das Kochen, schließlich ist es eine der wenigen Tätigkeiten, die Abwechslung und Kreativität verschafft. Auf einmal sehnt man sich nach Heimat, macht Sauerkraut und Milchreis, Pfannkuchen und Glühwein bei 30 Grad Außentemperatur. So sind die Freunde und Familie ganz spürbar nah, auch wenn man bis zum Horizont nix als Wasser sieht.
Ah, dieser Horizont. Ich liebe ihn. Dieser „Raum“. Ob er leer ist oder weit, ich kann es nicht sagen. Mal das eine, mal das andere. Oder genau das, wie man sich gerade in der Seele fühlt oder braucht. Meter für Meter kann man nicht weiter sehen als vorher und wenn auf einmal ein anderes Schiff dieses Reich, mein Reich, betritt, ist es fast wie ein unliebsamer Eindringling. Andererseits ist es wundervoll wenn man über Funk ein nettes Gespräch mit einem Frachter führen kann. Ein paar Minuten schnacken ist schon ganz nett, dann hat jeder wieder seine Wasserscheibe für sich. Der Chinese neulich fragte sehr interessiert, wie wir an Essen und Wasser kämen und bedauerte sehr, dass bei ihnen an Bord nur Männer seien, haha. Ich fragte nach der aktuellen Wettervorhersage und er sagte das Wetter sei die nächsten paar Tage gut. Uns ereilte in der Nacht eine anderthalb tägige Regenfront inklusive Kreuzsee und böigen Wetterlaunen – so sieht also gutes Wetter für jemanden aus Hong Kong aus. Vielleicht hat er nicht daran gedacht, dass wir lahme Enten sind, sein Wetter sah vielleicht die nächsten Tage gut aus, weil sein Kahn der Regenwalze vorweg eilte.

Die erste Woche nach Abfahrt aus Kokos Keeling zeigte sich der Indie noch von einer ungewöhnlich freundlichen Seite. Aber nach dem Bergfest wurde er seinem Ruf nach ungemütlichen Überahrten endlich gerecht. So sieht ganz nebenbei „schönes Wetter“ aus, das uns von dem chinesischen Frachter versprochen wurde. Mehrere Tage Regen 😛
Wiedersehen mit einem bekannten Gesicht mitten im Indie.

Ganz besonders war es, als wir eines Tages unserem Freund FRIDA begegneten. Das ist schon selten und ein Hochgefühl auf einem so großen Meer jemanden zu treffen, den man kennt. Tage lang hatte ich ein Licht hinter uns gesehen, es musste ein Segler sein, so wie das rauf und runter ging. Offenbar hatte Frida uns mehrfach angefunkt, wir hatten unsere Funke aber aus, um Strom zu sparen. Irgendwann tauchte sie dann hinter uns auf…Mal wieder durchgeballert, der Herr. Drei Wochen hatten wir uns nicht gesehen, seit Bali, am Ende hat er uns noch überholt und kam als erster an.

Frida kommt von hinten „angeballert“.
Unter anderen Umständen erschreckend, diesmal aber gefeiert: Frida hat uns eingeholt.
Lustige optische Täuschung. Frida säuft ab?

Heute Nacht ist es pechschwarz. Nachts ist mein Horizont, dieser „Raum“, nun gar nicht mehr greifbar. Man hört ihn nur. Das ist mulmig, man sieht die Hand vor den Augen nicht, in dieser Nacht auch keine Sterne. In den letzten Nächten staunte ich wie viel Licht selbst ohne Mond nur von den Sternen und der Milchstraße ausgeht. Ich schaue lange hoch, meist schlafe ich irgendwann ein, aber mein Wecker klingelt ja alle 20 Minuten für mindestens vier oder fünf Stunden. Dann übernimmt Andi.

Lange nix gegessen.

Ja, wir bewegen uns zu wenig und essen zu viel. Die „Barfuß-Route“ mit den Passatwinden hat bisher sehr, sehr barfüßig ausgesehen. Aus meinem Vorsatz „heute mal FDH (friss die Hälfte) zu machen“ wird, wie immer, nix. Eher fress ich das Doppelte. Es gibt kaum etwas das uns mehr beschäftigt als das Essen. Ich überlege mir schon, wie ich die nächste Gourmetkreation aus dem Ärmel zaubern kann. Andi und ich steigern uns da richtig in eine Art Wettstreit rein. Ich überlege schon seit Tagen wie ich zu meinem Geburtstag Rumkugeln machen kann. Sabber.
Als nächstes überlege ich mir dann, während ich meine Siesta genieße, wie ich die Fettpolster dann verschieben kann. Vom Rettungsring an der Hüfte eine Etage tiefer in den plattgesessenen Hintern wäre topp.
Menno, sind schon wieder 6 Stunden rum? Schon wieder Logbuch schreiben?!?  Oh Mann ist das anstrengend! Immerhin, am Segel haben wir heute und auch in den letzten Wochen nix gemacht. Geht doch. Wieder ein paar Bewegungen gespart ^^
Man wird manchmal ganz schön lethargisch. Die Klettermuskeln sind schon lange weg. Aber ich zwinge mich immerhin regelmäßig zu ein wenig Gymnastik. Kniebeugen, laufen auf der Stelle, Yoga….gar nicht so einfach bei dem Geschaukel. Muss dabei an einen Filmclip denken: zwei Freundinnen unterhalten sich über ihr nächstes Workout. Sie gehen heute mal wieder zu Bauch-Beine-Po. Der Freund hört im Hintergrund zu und fragt leicht genervt, „könnt ihr nicht mal Titten machen?“.

Während meiner Wache gucke ich Sterne, versuche ihre Wanderungen nachzuvollziehen. Versuche Sternbilder zu erkennen. Wenn Sie nach ein paar Wolkennächten wieder da sind, freut man sich, als ob man alte Freunde endlich wieder sieht. Oder ich meditiere. Schreibe Tagebuch. Massiere mich mit meinem neuen Massagestick. Lasse die Gedanken schweifen, schwelge in Erinnerung, besuche in Gedanken die Menschen, denen ich begegnet bin, frage mich, was die Zukunft bringt. Das ist neu jetzt, denn seit Australien reise ich ja nicht mehr „weiter“, sondern „zurück“. Das fühlt sich eigenartig an.
Tagsüber übe ich Knoten, oder spleiße,  denn ich will im nächsten Hafen versuchen ein paar Kröten zu verdienen, indem ich Softschäkel verkaufe. Ich lese viel. Sachbücher über das Segeln, auch Seglerberichte aus den 70ern und 80ern. Koche. Wir backen unser eigenes Brot, machen unseren eigenen Käse (den kann man auch essen, wenn ich ihn nicht aus Versehen bei einer Welle im ganzen Boot verteile…), Marmelade, fermentieren Sauerkraut… Fischen. Wenn einer anbeißt, kommt Schwung in die Bude. Jubelnd nehmen wir unsere eingespielten Positionen ein. Ich an die Kurbel, Andi an die Reling. Handschuh, Gaff und Messer liegen bereit. Heute war es doch tatsächlich ein Holzstamm. Der lässt sich besonders leicht erlegen, nur kommt sein Nährwert nicht so recht an den Fisch ran. Da ist weit und breit nix, zwei Wochen lang absolut NIX im ganzen Indischen Ozean und da schaffen wir es ausgerechnet das einzige Hindernis, das es überhaupt gibt, mit der Angel einzufangen. Menno. Hatten uns schon auf einen Mahi Mahi gefreut.

Ein Ast! Lecker! Und dieses unglaublich blaue Blau….
Normalerweise mangelt es uns NIE an Fisch. Wir fischen zwar nur soviel wir brauchen, aber wenn wir brauchen, dann ist auch stets was da. Diesmal nicht. (Das it ein Foto von anderswo).
Der Indische Ozean ist LEER. Das gibt zu Denken. Keine Fische, Keine Vögel, nur Holzstämme ^^ (und leider auch zahlreiche winzigen fliegenden Fische, die leider auf unserem Deck verenden. An einem Morgen zähle ich 28. Wäre ich ein fliegender Fisch, würde ich mir einen würdigeren Tod als das Austrocknen auf der Kama vorstellen. Dass sie genauso fühlen, sehe ich in ihren weitaufgerissenen Augen… 🙁

Wenn es aber mal ein Fisch ist, dann geht es anders zu. Am Heck kommt er, manchmal nach recht langem Duellieren (einmal fast ne Stunde), aufs Deck und in einen großen Eimer. Bevor Andi mit dem Messer am unteren Ende der Kiemen eintaucht und ins Herz sticht, danke ich dem Fisch für sein Leben und verspreche sein Fleisch nicht zu verschwenden und dankbar zu genießen. So gehört sich das. Es ist für mich nach wie vor keine Kleinigkeit ein Leben zu beenden. Es nimmt mich jedes Mal mit. Die Rapa Nui zeigten mir ihr Dankesritual und es ist für mich ein fester Bestandteil der Handlung geworden. Ich fische inzwischen sehr gerne, aber nur, wenn wir noch Fisch brauchen. Neulich war ein kleiner dran. Wir gaben ihn dem Meer zurück mit der Aufforderung sein Leben noch ein wenig zu genießen, zu wachsen, Eier zu legen, sein Wissen weiter zu geben und zu reisen. Er war noch zu jung.
Inzwischen esse ich kaum noch Fleisch, verzichte lieber darauf, denn mir fallen kaum noch Gründe zur Rechtfertigung ein. Und wenn, dann bevorzuge ich das wilde oder freilebende, selbst-erlegte, wie der Fisch eben. Ich habe dann einen Bezug dazu, baue für einen kurzen Augenblick ein unsichtbares, aber sehr starkes Band mit dem Wesen auf, was dazu führt, dass ich es sehr bewusst und voller Dankbarkeit esse. Davon kann nicht die Rede sein, wenn ich zum zehnten Mal auf einem gesichtslosen gummiartigen Supermarkt-Steak herumbeiße. Manchmal ist das Fleisch weg und man hat gar nicht registriert, dass man ein Lebewesen gegessen hat. Natürlich ist es etwas anderes, wenn ich irgendwo zu Gast bin und meine Mahlzeiten nicht selbst zubereite. Ehrengäste bekommen eigentlich immer Fleisch.
A propós, es ist beschämend wieviel Fleisch (neben dem ganzen anderen Mist natürlich) die Supermärkte entsorgen. Vergeudete und ungewürdigte Leben, meistens noch nicht mal glücklich gelebt. Mal ehrlich, was ist schlimmer: Jemand der sich nimmt und sinnvoll verwertet, was andere sowieso nicht wollen und wegschmeißen (beim Containern), oder jemand der maßlos und rein konsumorientiert fehlwirtschaftet und unnötig wegwirft, was noch brauchbar ist? Für mich ist klar, die falsche Seite wird hier als krimineller Abschaum dargestellt. Da gibts noch viel zu tun. Ich könnt mich scho wieder uffrege…
Einatmen, ausatmen.
Das kommt davon, wenn man so viel Zeit zum Sinnieren hat. Man hat das Gefühl viel klarer zu sehen.
Wahrscheinlich zwingt man uns deswegen ins Hamsterrad.
Dann hat man nicht genügend Abstand für die klare Sicht auf das Bild, das sich dort auf der Leinwand entfaltet.
Ja, auch dieses abtrünnige Denken gehört wohl zur Ausbildung eines Piratenlehrings und zur geistigen Entwicklung eines Wandersgesellen bzw. eines Reisenden im Allgemeinen. Wer seine Wanderjahre beginnt, hat dermaßen die Hosen voll vor so viel Loslassen. Hysterisch schüttelt man den Kopf, wenn die Älteren sagten „Loskommen ist einfach, das Heimkommen ist schwer.“ Jetzt so langsam dämmert es einem. Bald wollen wieder alle was von dir.

Nun gehörte das Reisen schon immer zu meinem Leben, ganz fremd ist mir dieses Weggehen und Zurückkommen also eigentlich nicht. War nun schon mehrfach diesem lähmenden Wiedereingliederungsschock und der beleidigten „DrübenistdasGrasabergrünerDepression“ ausgesetzt. Dass dort Drüben das Klopapier nur einlagig ist und sich schon vor Gebrauch wieder in seine Einzelzellen auflöst und auch andere Dinge nicht perfekt sind, wird beflissen unter den Teppich gekehrt.
Doch diese letzten drei Jahre haben mich wohl besonders stark geformt.  Ein „zurück“ im wörtlichen Sinne kann es daher gar nicht geben. Wieder nur ein Weiter. Aus mir kann man keinen sesshaften Menschen machen, der ein „normales“ Leben führt. (Über das Verständnis von „normal“ wird hier wohlwissend nicht weiter eingegangen). Und die größte Angst ist wohl die, möglicherweise nicht akzeptieren zu können, dass die Mehrheit der Gesellschaft einen nicht mehr akzeptiert. Es ist wie das Ende einer Beziehung, wo man sich bedrückt eingesteht, dass man sich auseinander gelebt hat.
Wenn es doch nur die Massen-Gesellschaft, die Behörden wären. Auf die kann ich auch verzichten, genau das habe ich ja jetzt hinlänglich erprobt. Ich freue und fürchte mich aber vor allem vor dem Wiedersehen mit Freunden und Familie. Vor den wichtigsten Menschen im Leben. Was ist, wenn man sich auseinander gelebt hat und sie nicht verstehen, dass man nicht mehr zurück kann ins alte Leben? Dass man einen anderen, ungewöhnlicheren Weg gehen wird, weil man nicht anders kann…
Es wird nicht leicht.

In dem einen Buch, das ich von einer Seglerin aus den 80ern lese, schreibt sie über ihre anstehende Heimkehr „Bin nur gespannt, wie ich zurückfinden soll in ein von gesellschaftlichen Normen bestimmtes Leben – und was mir bleiben wird von der Freiheit der See.“ Sie spricht mir aus dem Herzen…Seufz.

Kann mal jemand das Thema wechseln?! Also heute gibt es dann wieder Hefezopf, gell? 😀

Am 29.09 verbuchen wir unser „Bergfest“. So nennt man es, wenn man die Hälfte geschafft hat. Ab jetzt wird es jeden Tag ungemütlicher, windiger, welliger. Der Indie wird seinem Ruf langsam gerecht. Zwar bei Weitem nicht so furchtbar, wie angekündigt, aber trotzdem irgendwie wie Waschmaschine. Wir segeln immer schneller, kommen bald mit 7-8 Knoten voran, später sogar mit bis zu 10. Aber dieses Geschaukel! Vor ein paar Tagen habe ich mir noch gewünscht, dass ich seglerisch mal mehr gefordert werde, jetzt ist es soweit und ich find’s ätzend. Besonders spannend finde ich, dass man selbst auf hoher See den Gezeitenwechsel spürt. Wenn die Tide kippt, dann ist das Geschaukel am schlimmsten.

In mein Tagebuch schreibe ich zum Bergfest:
Verweichlichte Piraten sind wir. Es hat den ganzen Tag geregnet, oft mit über 30 Knoten gepustet, der Wellengang verlangt Mithilfe. Früher hätte man das am Ruder durchstehen müssen, den Wind und das Wetter ertragen. Wir verriegeln unsere Kuchenbude, es wird stickig und man sieht wenig, der Autopilot unterstützt unsere Windsteueranlage Lisbeth, während wir unter Deck versuchen einen Happen in den Mund zu kriegen. Welch Unterschied schon zwischen 15 und 25 Kt liegen! Bei 25 Kt ist es ja schon eine Herausforderung eine warme Mahlzeit zuzubereiten, geschweige denn sie zu servieren! Ich war heute kein einziges Mal draußen! Pfff…Gestern noch geschrieben , dass ich mir Action beim Segeln wünsche – da krieg ich sie und mache es mir noch bequemer!
Die STBD-Genuaschot ist schon total durchgeschuppert. Ich war ja für Handeln, ehe es mitten in der Nacht reißt und Chaos stiftet – aber Andi sagt die hält. Teu teu teu! (Sie hielt.)

Es bleibt bis kurz vor unserer Ankunft rau. Nichts dramatisches, oder gar gefährliches, einfach nur Ungemütlich. Drei Tage vor Ankunft, am 2. Oktober schreibe ich:
Was für eine beschissene Nacht. Da kam wohl einiges zusammen. Das Wetter, die Wellen, mein zu spät getrunkener Chai. Ich konnte die ganze Nacht kein Auge zu tun. Während meiner Wache ging es noch so mit dem Halbschlaf. Doch es wurde immer böiger, ich wollte umschalten auf Autopilot. Eine Welle pfefferte alles Mögliche durchs Cockpit, ich tastete im Dunkeln nach der AUTO-Taste, wartete auf den richtigen Moment, in dem der Windanzeiger den gewünschten Winkel hatte. Wollte dann aufräumen, doch der Winkel passte noch nicht, den muss ich nachbessern. In der Finsternis und bei dem Schaukeln muss ich aber aus Versehen die STANDBY-Taste gedrückt haben, denn auf einmal holte die Dicke nach Stbd. aus und wurde immer rasanter. Scheißdreck, wo ist die Lampe?! Fummelte mich so ans Ziel, dann riss uns eine Welle rum, ich blieb mit dem Fuß am Bodenbügel hängen, die Zentrifugalkraft tat ihr Übriges und schleuderte mich um meinen Angelpunkt mit der linken Hüfte auf die Sitzbankkante. Aua! Verdammte Hacke! Später lag ich unten auf der 40 cm breiten Saloncouch (mein Dauerbett auf Überfahrten, da es dann in meiner Koje einfach nicht geht…Dort bekomme ich nur Rückenschmerzen von dem ganzen Geschaukel.) Gerade war ich eingenickt, als ich mit einem lauten PLUMPS auf dem Boden aufwachte. Wie in einem Comic, mit dieser Sekunde des Schwebezustands….Da kriege ich schlechte Laune…jetzt tut auch noch die Schulter weh, Menno….

Am 3. Oktober stoßen wir mit einem Rum auf den 30 jährigen Mauerfall an. Normalerweise juckt mich das Datum ja wenig, zu wenig habe ich vom geteilten Deutschland mitbekommen, aber dieses Jahr ist es anders. Nicht nur, weil es ausgerechnet 30 Jahre sind, sondern auch, weil ich gerade in dem Seglerbuch davon lese, wie sich die deutsche Autorin, Einhandseglerin, damals damit auseinandergesetzt hat. Es hat sie sehr beschäftigt. Das Ereignis selbst ist zwar für mich schwer greifbar (obwohl ich damals „dabei“ war), aber die Emotionen dafür umso mehr. Durch die Isolierung auf dem Meer noch verstärkt. Mitreißend, berührend, spiegelnd. Ich bekomme eine Kloß im Hals. Und zur Feier des Tages gibt’s „nen Dusch“. Sogar die Fußnägel werden mal wieder geschnitten ^^ und mit Andi unterhalte ich mich darüber, wie er damals die Wende miterlebt hat.

Am vierten Oktober erlebe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Geburtstag auf See. Es ist was Besonders für mich und ich genieße dieses Geschenk des Lebens von so außergewöhnlichen Momenten gesegnet zu sein. Immer und immer wieder, wie auch an diesem Tag an einem besonderen Ort zu sein. Meine Rumkugeln sind auch gar nicht so schlecht geworden! 😛

Am 6. Oktober taucht eine Insel vor uns auf. Es ist die Insel Rodrigues, die zu Mauritius gehört. Andächtig saßen wir beide da. Lange. Schweigend. Viel schneller kam die Insel an den Horizont, als wir erwartet hatten, nämlich noch im Dunkeln. Um 5:50 Uhr weckte mich Andi. Nicht nur FRIDAS Licht war zu sehen, sondern noch zwei. Ich dachte erst es sei ein Frachter, doch im Fernglas erkannte ich noch viel mehr, verteilt in die Breite und die Höhe, trotz der Schwärze wie eine Silhuette. Land. Weil Sonntag ist und Extragebühren zum Einklarieren erhoben werden, wollten wir eigentlich erst am Nachmittag einlaufen – nun waren wir viel zu früh! Wir rollten die Genua weg bis nur noch ein kleines Taschentuch stehen blieb. Allein mit unserem Besan, dem Segel am hinteren und viel kleineren Mast, schaukelten wir noch mit 3.3 Kt vorwärts. Noch 23 Meilen.

Wenn man länger auf See war, dann ist so ein Landfall ein überwältigendes Ereignis für die Sinne. Alles sieht gestochen scharf aus. Für die über viele Tage entspannten Augmuskeln sehen alle Farben so kräftig aus; selbst diese trockene, mediterran anmutende Landschaft. Es gibt mehr Büsche als Bäume, kurzes vetrocknetes Gras. Doch selbst diese erdigen Farben verschlingt das Auge mit Wohlgenuss. Selbst sie sind intensiv und kräftig.
Wir sitzen da und saugen alles auf, brauchen nicht miteinander zu reden. Es versteht sich von selbst, dass jeder gerade in seiner eigenen Blase schwebt.

Wir können den Pier noch nicht sehen, da bekommen wir über Funk eine bekannte Stimme zu hören. Joe und Claire. Die Franzosen und Spanier sind auch schon da – unser Partytrupp von Kokos Keeling wartet schon auf uns, haha. Na, das kann ja wieder was werden….Das wird ein Wiedersehen! Ich freue mich schon auf die lustige Räuberbande und hoffentlich ein gemütliches Gettogether zum Geburtstagnachfeiern. Ich hoffe ja auf ein Lagerfeuer am Strand 😀

16 Tage auf See. 2300 Meilen. Das ist ziemlich schnell für unsere Dicke.
Mit Ankunft auf Rodrigues haben wir den längsten Streckenabschnitt zwischen Vanuatu und Südafrika bewältigt. Wenn ich mich nicht täusche meine längste Hochsee-Überfahrt bisher, Töröh!

Die Kokosinsel

Zurück in Bali hieß es mit Andi das Boot auf die Überquerung des Indischen Ozeans vorzubereiten. Der Indische Ozean ist bei Seglern ein heißes Thema. Naja, wenn ich ehrlich bin wird genauso diskutiert, wie vor jeder Passage. Die Segler mögen es einfach den anderen jeweils ihre beste Strategie ums Maul zu schmieren und jede Passage hat eine andere „ach so tückische“ Seite, dass darüber stundenlang bei literweise Bier und Rum geplant und überlegt werden muss. Wo stoppt man? Und wenn ja wie lange? Wie sieht die Wettervorhersage aus und wo ist der beste Kurs? Über Madagaskar drüber, gibts da Piraten? oder drunter, da gibts oft heftige Stürme? Durch das rote Meer? No way, das steht gar nicht zur Debatte…

Andi und ich sind wie immer mit die letzten, die abreisen und das hat aus unserer Sicht auch einen guten Grund. Viele können es kaum erwarten sofort loszustarten, sobald laut Segelkalender die Strecke „eröffnet“ ist. Nur hat Andi aus seiner Erfahrung gelernt, dass man warten sollte, bis sich die Winde etwas einpendeln, denn zu Beginn der jeweiligen Saison ist das Wetter oft noch wechselhaft, je länger man wartet, desto besser. Es dauert eben seine Zeit bis Wind und Welle sich eingeschaukelt haben und auch wenn ich mich manchmal dabei ertappe, mich zu wundern, dass außer uns niemand mehr da ist und die Strecke schon bald wieder „geschlossen“ ist, kann ich sagen, dass Andi mit seinem Timing bisher immer richtig lag. Freunde, die oft schon vorausgeeilt waren, haben uns beim Ankommen erzählt, was sie alles noch an Wetterspäßen erlebt haben. Zwar ist es dafür bei uns etwas weniger abwechslungsreich, dafür aber sicher. Kaffeefahrt halt 😉 Andi mag Kaffee ^^

Abschied von Bali.

Die Strecke über den indischen Ozean, um Masagaskar und ums Kap von Afrika gilt als eine der schwierigen Etappen der „Barfuß-Route“ um die Welt. Ein europäischer Weltumsegler segelt meist von Europa über den Mittelatlantik in die Karibik, durch den Panamakanal, dann durch Polynesien, dann nach Neuseeland oder Australien und von dort über Indonesien Richtung Südafrika, dann wieder in die Karibik und dann über den Nordatlantik zurück nach Europa. Diese Route hat neben den einkalkulierten typischen Herausforderungen ein noch relativ geringes Maß an Adrenalin und Schwierigkeit. Die schwierigen Abschnitte lassen sich wahrscheinlich an zwei Händen abzählen.
Anders ist das beim Segeln in den höheren Breiten, wie beispielsweise um Kap Hoorn, durch Patagonien, in der Antarktis und im hohen Norden: Alaska, die Nord-West-Passage, Grönland, Island, Skandinavien. Und wer glaubt’s, kundige Segler sagen, dass die Nordsee eines des schwierigsten Gewässer der Welt ist – wegen der Gezeiten. Das alles bleibt dem Turbo-Weltumsegler eben erspart und da gehört dann der indische Ozean als einer der wenigen Highlights übrig. Darum wird die Aufregung eben vorher mit viel Flüssignahrung begossen.

Es soll von allen Ozeanen die größten Wellen geben, man muss die großen Windsysteme genau beobachten, um eine unangenehme Überfahrt zu vermeiden. Im Norden sind die Strömungen zu beachten, zu weit südlich die Stürme…Wir entscheiden uns für AB DURCH DIE MITTE nach Mauritius.

Ich wäre ja gerne nach Sri Lanka gesegelt, aber dafür ist in Andis Plan keine Zeit, er möchte zum Geburtstag seiner Tochter wieder in Deutschland sein. Davon trennen ihn noch an die 10.000 Seemeilen. Es bedeutet ein ganzes Jahr auf dem Wasser, kaum Zeit an Land. Es ist Segeln des Ankommens willen, nicht des Länderentdeckens willen. Das ist eine Belastung fürs Boot und für die Crew. Unser Freund Basti, auf seiner FRIDA, hat dafür immer so ein gutes Wort: Durchballern.

Doch um Indonesien herum werden wir wohl zunächst mit zu wenig, statt mit zu viel Wind kämpfen und Andi zieht sein Ass aus dem Ärmel. Ein fast 40 Jahre altes Segel, so alt wie das Boot, das heute kaum noch jemand kennt. Es ist der BOOSTER 😀 Damit können wir sogar mit wenig Wind die Dicke bewegen und ziehen es noch vor der Abfahrt in die Rollanlage rein. Denn eines wissen wir inzwischen aus den indonesischen Flautemeeren: Andi bekommt schlechte Laune, wenn die Segel flattern und alles durchs Boot fliegt, und ich bekomme schlechte Laune, wenn wir dann motoren müssen. Einer hat also bei Flaute immer schlechte Laune. Am Ende bin das immer ich ^^ Ich bin zwar zahlenmäßig überlegen (Ich bin Erster Steuermann, Küchenjunge, Betriebsrat und Gleichstellungsbeauftrage in einem), aber Andi ist Kapitän und die Dicke hört auf ihn. Das erste was man auf einem Boot lernt, habe ich schon in der Ausbildung gelernt: 1. Der Kapitän hat immer Recht und 2. Hat er mal nicht Recht, tritt Paragraf 1 in Kraft ;-P Da hilft auch 4 zu 1 nichts.

Der Booster schiebt uns wie ein Schmetterling übers Wasser.

Aber mit dem Booster brauche ich mir hoffentlich um schlechte Laune vorerst keine Sorgen zu machen. Es kann höchstens bedeuten, dass wir unterwegs das Segel wechseln müssen, was Andi immer zu verzögern versucht, schließlich müsste man sich dazu mal aus der Horizontalen erheben, was wir ja inzwischen tunlichst vermeiden. Das hieße ja Bewegung!

Unsere Überquerung wollen wir mit einem Stopp auf dem „letzten“ Atoll der Route unterbrechen. Cocos Keeling heißt das letzte „Südsee“-Paradies (es ist ja nicht mehr Südsee, sieht aber so aus). Freunde hatten uns gesagt, dass es sich lohne. Die Fotos sahen vielversprechend aus und ja, was soll ich sagen, es macht zwar keinen Sinn, aber es gehört zu Australien. Also nix wie hin, ein Visum hab ich ja jetzt, haha.

Mit dem Booster schneller als der Wind. Links zeigt 4.4 Knoten Wind, rechts unsere Fahrtgeschwindigkeit.
Ein Luftbild aus dem Internet. So sieht „Cocos Keeling“ aus. Not bad, oder? Das war mal ein Vulkan, der inzwischen durch sein Gewicht abgesoffen ist, übrig blieben nur die Ränder, heute sind das Riffe. Die bananenförmige Insel unten im Bild ist die Insel für die Segler. Nur hier dürfen wir ankern und haben die Insel ganz für uns allein. Die Insel in der Mitte des Bildes wird von der Malayischen Bevölkerung bewohnt, die Insel oben rechts im Bild von den Australiern. Es muss ja alles seine Ordnung haben ;-P
Die Lagune ist ein Taucher und Schnorchelparadies.

Für die Strecke brauchten wir dank des Boosters nur 9 Tage und trafen dort am 14. September ein. Bei Ankunft lagen noch vier Boote vor Anker und wir gesellten uns dazu. Eine ganze Insel, nur für die Cruising Community.

Wie gewohnt läuft am Tag der Ankunft meist nicht viel, man räumt ein wenig auf, begießt die Ankunft mit einem Bier oder zweien und freut sich über einen Schnack mit den Nachbarn. Dann aber zählt nur noch eins: eine ruhige Nacht in der Koje ohne Unterbrechungen. Am nächsten Tag folgt dann die Erkundung der Umgebung. Als erstes stelle ich aber fest, dass WIR Gegenstand der Erkundung sind. Die Kama ist umgeben von Schwarzflossenhaien, die Neugierig den Rumpf inspizieren. Das Wasser ist so unverschämt klar, der Sand so weiß….wirklich wie aus einem Bilderbuch.

Auf der kleinen Insel, Direction Island, steht für die Segler ein kleines „Club House“. Dort haben sich die Segler der letzten 30-40 Jahre mit kleinen selbstgemachten Schildern verewigt, das ganze verleiht dem kleinen Unterschlupf einen extrem gemütlichen Charme. Man kann dort Grillen, Baden, Schnorcheln – es gibt sogar WiFi! Was sonst wünscht man sich am Arsch der Welt?!

Wer lange genug sucht, findet auch Schilder von Freunden.

Das Schnorcheln hier wird zu einem ganz besonderen Erlebnis. Läuft man am Strand entlang zum Ende der Insel, befindet sich im Riff ein Riss, „The Rip“. Durch diesen Riss strömt das Meer je nach Stand der Tide mit einer besonderen Intensität und man kann einfach auf den „Zug“ aufspringen und den Strom bis weit in die Lagune hinein reiten. Das macht ja sooooo Spaß! Die Unterwasserlandschaft ist so üppig und schön, voller Fische und Haie und sonstigem Getier….ich bin das erste Mal noch etwas vorsichtig…Haie sind nicht wirklich meine Freunde, bzw habe ich mich einfach noch nicht an sie gewöhnt, das ist bei den meisten Seglern, die lange im Pazifik waren, anders. Sie wissen, dass diese Sorte nicht knabbert. Beim ersten Mal gehe ich mit Claire, die ich in Bali kennengelernt habe. Sie kommt aus Australien, ist der reinste Sonnenschein und die erste Seglerin meines Alters. Wir verstehen uns auf Anhieb und sind einfach beide sehr froh endlich wieder weibliche Gesellschaft zu haben, die in der Seglerwelt rar ist. Ab jetzt verbringen wir so viel Zeit miteinander, wie wir nur können. So zum Beispiel auch in The Rip bei den schlafenden Haien.

Als wir die Rutsche das erste Mal reiten, bleiben wir an der Oberfläche und ich sehe unter den ausgespülten Tunnelrändern die schlafenden Haie. Ihre Leiber sind nebeneinander aufgereiht, wie die Perlen an einer Kette. Gerne würde ich auch mal abtauchen und eine andere Perspektive einnehmen, aber der Strom ist zu schnell und schon ist man 5m weiter. Eigentlich ist hier das Strömen die eigentliche Attraktion. Man lässt sich einfach mitreißen, kann ein wenig nach recht und links lenken und schon ist es vorbei. Dann läuft man wieder am Strand ans obere Ende und macht das ganze nochmal. Und nochmal. Und nochmal 😀 Es ist das einzige Mal, dass ich wirklich bedauere keine Unterwasserkamera zu haben. Es ist toll von so schönen Fischen umgeben zu sein. Manche riesengroß, etwa 1 m oder mehr, manche winzig klein und total bunt…

Schafft man es den Scheitelpunkt der Tiden zu erwischen, ist der Strom am langsamsten, nur dann hat man den Ansatz einer Chance hier auch mal etwas länger an einer Stelle zu bleiben, zu mäandern und auch mal abzutauchen. Bei meiner Begabung die Luft nur 10 Sekunden anzuhalten, ist das aber aus anderen Gründen das reinste Desaster. Für mich bleibt also diese paradiesische Unterwasserwelt ein Freude aus der „Vogelperspektive“. Rechts und links des Tunnels ist das Wasser aber wesentlich flacher und Claire und ich machen eine Challenge daraus, gegen den Strom durch das Labyrinth an Korallen und Blöcken zu schwimmen. Das ist extrem anstrengend und reicht dann auch erstmal als sportliche Betätigung für die nächsten Tage 😛

Aber wir sind ja nicht nur zum Spaß hier. Es gibt auch Arbeit. Unser Booster hat leider auf die letzten Tage noch einige Risse eingebußt und mit Claires Nähmaschine setze ich mich ans Flicken. Außerdem muss Wäsche gewaschen werden (auf dem Boot ist Wasser ein kostbares Gut, aber auch auf Cocos Keeling ist es das. Wir versuchen daher so wenig Wasser wie möglich zu nehmen, denn die Inseln versorgen sich fast ausschließlich über Regen), die Insel erkundet werden, ein paar Formalitäten erledigt werden und nicht zuletzt brauch auch die KAMA noch ein schönes Schild fürs Clubhouse…

Bei meinen Spaziergängen über das winzige Eiland sammele ich, wie viele der anderen Segler offenbar auch, Müll vom Strand ein. Durch seine Lage mitten im indischen Ozean, dient es leider als Müllfang. Die Meereesseite des Atolls ist voll davon und man kann hier interessante Studien anstellen. Am häufigsten finden wir Flip-Flops und andere Sandalen. Es leuchtet ein, denn das sind Produkte, die aufgrund des niedrigen Preises als Hauptschuhwerk weit verbreitet sind und auch als Wegwerfprodukt akzeptiert sind. Kommt mir mal einer abhanden, kaufe ich mir halt schnell ein neues Paar. Macht doch jeder. Und sie schwimmen halt und sinken nicht, dann sind sie eben Wochen später in Cocos Keeling. Flip Flops von Welt. Und da auch ich zu den Tollpatschen gehöre, die regelmäßig ihre Flip Flops ver- oder zerlegen, nutze ich dieses open-air Schuhgeschäft, um mich neu einzudecken. Da liegt doch ein netter, und da drüben noch einer, passt! Für Andi finde ich sogar ein Pärchen. Topp.

Für den einen oder anderen, dienen die Fundstücke des Strandes als Grundlage für die Boots-Schilder am Clubhouse, hier und da sind andere kleine Kunstwerke aus dem Müll entstanden und so machen auch Claire und ich uns ans Werk. Am Wegesrand richte ich eine kleine Schuhausstellung ein, für die zukünftigen Schuhkäufer und Claire macht einen Gebetskappenshop, der auch zeigt, weshalb die Insel ihren Namen trägt: nein, nicht Gebetskappeninseln, sondern Kokosinseln. Es gibt hier mehr als genug Kokosnüsse und das spielte auch für die Geschichte der Insel eine entscheidende Rolle.

Mal etwas Geschichte:

Im Grunde handelt es sich um die gleiche Geschichte wie immer. Die Gleiche Art Geschichte, die Filmen wie Django zugrunde liegt, vielleicht mit weniger Splatterästhetik – aber ihr wisst schon was ich meine. Diese Geschichte, die man einfach mit der Copy&Paste Funktion für viele Orte dieser Erde wiederverwenden kann:

Um 1800 kam durch die Niederländer ein gewisser Herr Hare, ein britischer Abenteurer, mit seinen malayischen „Bediensteten“ aus Borneo auf die Insel. Vorher war sie unbewohnt. Er betrieb einige Zeit den Export von Kokosöl bis sein schottischer Verwalter Clunies-Ross das Zepter übernahm und eine vorbildlich unglorreiche Herrschaft ganz im Stile der Großgrundbesitzer etablierte, die noch mehrere Generationen anhielt (Copy&Paste). Clunies-Ross (also genau genommen seine Malayischen Sklaven) produzierte weiterhin Kokosöl, das er erfolgreich in Niederländisch-Java verkaufte; einen Nebenverdienst machte er sich mit Walfängern, die die Inseln auf ihrem Weg zur Antarktis als Zwischenstation aufsuchten. Clunie-Ross errichtete auf den Inseln eine autoritäre Herrschaft mit eigenen Gesetzen und eigenem, nur auf seinen Inseln gültigem Geld, das erst 1978, einige Generationen später, abgeschafft wurde. Er und seine Familie lebten (Copy&Paste) in tollen Herrenhäusern, die aussahen wie in England mit einem feingemähten britischen Rasen drum herum, das man auch heute noch besichtigen kann.
Nach seinem Tod übernahm sein Sohn George (Copy&Paste), der weitere Arbeiter, meist Gefangene (Copy&Paste) aus Indonesien, herbeiholte und danach dessen Sohn Sydney. Schon unter George kam es zwischen den Arbeitern und den Clunies häufiger zu Aufständen und Plünderungen (Copy&Paste), desweiteren suchten mehrere Zyklone die Insel heim und zerstörten jedesmal großflächig die Plantagen und Häuser. Zwar wurde die Sklaverei unter George abgeschafft und die Malayen stiegen zu „Arbeitern“ empor (Copy&Paste), aber die Behandlung der Leute war dennoch kaum besser. Nach George und unter Sydney wurden beispielsweise zwei Malayen, die angeblich einen Landsmann ermordet haben sollten zum Tode verurteilt und mit Gewichten an den Füßen bei lebendigem Leib im Meer versenkt (Copy&Paste).

Auf Home Island lebten damals wie heute die Malayen. Und bis heute verdient Kokos Keeling ein wenig Geld mit seinen Kokosnüssen, wenn auch in anderer Form. Es wird an der Produktion von hochwertigen Karbonfasern aus Kokosprodukten geforscht. Die Menschen gehen Fischen und können in geringen Maßen auch Obst und Gemüse anpflanzen, das meiste wird aber importiert. Auf Korallen wächst nunmal nicht viel. Laut wikipedia ist der Verkauf einer inseleigenen Internetdomain eine weitere Einnahmequelle.

Während Sydneys Zeit kam eine Neuentwicklung in die Geschichte des Atolls, die den Übergang zu einem weiteren interessanten Kapitel bereitet, das auch uns Deutsche betraf: Um 1910 wurde auf Direction Island (dort wo heute die Segler ihr Clubhouse haben) eine Funkstation gebaut, denn inzwischen tobte der erste Weltkrieg und Kommunikation erreichte eine neue Bedeutung. Die Kokosinseln gehörten inzwischen offiziell den Briten (unter dem Zepter der Clunies) und wurden mit Unterwasserkabeln in das Kommunikationsnetz der Briten eingebunden. Dafür war auch ihre Lage sehr geeignet. Alle Kommunikation aus Australien und Südostasien lief nun via den Kokosinseln und Ceylon an die Hauptquartiere in der Mutternation England. An und für sich war nicht besonders viel militärisch los auf Kokos Keeling. Es gab halt eine Funkstation und eine Handvoll Männer, die sie besetzen und Nachrichten weitergaben. Mehr nicht. Sie lebten von den Plantagenbewohnern strikt getrennt (das war ja auch ne andere Insel, auf der anderen Seite von „The Rip“ 😉 und kamen den Clunies daher nicht in die Quere. Die Eintönigkeit ihres Lebens ist ein Kapitel für sich. Bis 1914.

Indes hatte das Deutsche Kaiserreich einen kleinen Kreuzer auf geheime Mission geschickt. Das Schiff hieß Emden und könnte dem einen oder anderen ein vager Begriff sein. Sie war eines der erfolgreichsten Schiffe seiner Zeit und fand hier auf den Kokos Inseln ihr Ende. Ihr Auftrag: um von einem anderen Kommando der Deutschen Flotte abzulenken, sollte die Emden als modernster und schnellster der Kleinen Kreuzer des Ostasiensgeschwaders in den Indischen Ozean auf Kaperfahrt gehen, um die Aufmerksamkeit der Royal Navy auf sich ziehen, indem sie vorwiegend britische Frachter aufbrachte und angriff.

Unter dem Kommando von Kapitän von Müller verkleidete man die Emden mit einem vierten Schornstein, damit sie aussah wie ein britischer Kreuzer der Town Klasse und los ging die Kaperfahrt. In nur zwei Monaten griff sie Öllager an, versenkte 16 Handelschiffe, einen russischen Kreuzer, einen französischen Zertrörer, brachte weitere 7 auf, insgesamt 23. Wie ein Geist wütete sie im Indischen Ozean und viele fürchteten sie. Niemand wusste, wo sie steckte. Es war eine glänzende Karriere.

In rot die Bahn der Emden während ihrer zweimonatigen Kaperfahrt. Kein Wunder, dass niemand wusste, wo sie ist, sie wussten es womöglich selbst nicht mehr! Unten Kokos Keeling, wo ihre Laufbahn ein Ende nahm.

Was mir bei den Infotafeln auf Kokos Keeling auffiel war vor allem eines: obwohl die Emden ein feindliches Schiff war, denn die Australier kämpften auf Seiten der Briten, wurde mehrfach betont, wie „korrekt“ von Müller mit all seinen Gegnern umging, ein Verhalten, dass ihm offensichtlich hoch angerechnet wurde und ihm und seiner Mannschaft später auch zu Gute kam. Wurde ein Schiff angegriffen, wurde die Besatzung so gut es ging gerettet und abgesetzt, die Gefangenen berichteten von den Leuten der Emden stets vernünftig behandelt worden zu sein. Von Müller nutze die Handelsschiffe, um sich selbst neu zu versorgen, die Gegner zu schwächen, aber versuchte wo es ging Leben zu verschonen. Es ging hauptsächlich um die Unterbrechung der Kriegsversorgung und um das Ablenkungsmanöver. Von Müller war wegen seiner Ritterlichkeit und Kühnheit auch und gerade von den Gegnern hoch geachtet, er wurde als „Last Gentleman of War“ betitelt.

Die Emden, ein deutscher Kreuzer, liegt bei Kokos Keeling auf einem Riff.

Schließlich setzte die Emden an das Kommunikationsnetzwerk der Briten zu schwächen und machte sich nach Cocos Keeling auf, um dort die Funkstation niederzureißen.

Am 9. November 1914 führte ein Teil der Besatzung der Emden ein Landungsunternehmen gegen die Kabelstation auf Direction Island durch, die zerstört werden sollte. Das Kommando von knapp 50 Mann erreichte die Station, deren Besatzung sich kampflos ergab. Doch gelang es ihr rechtzeitig einen Notruf abzusetzen. Dieser Notruf wurde auf dem australischen Kreuzer Sydney empfangen, der rein zufällig an diesem Tag in etwa 50 Seemeilen Entfernung als Begleitschutz eines australischen Truppenkonvois die Kokosinseln passierte. Es kam, wie es kommen musste: die Emden hielt die herannahende Sydney für das Versorgungsschiff, mit dem sie verabredet war und stellte zu spät fest, dass es ein feindliches Kriegsschiff war. Die Zeit reichte nicht mehr, um das Landungskommando zurück zu holen und die Emden versuchte der Sydney im Gefecht entgegen zu treten. Sie schaffte es nicht, war dem Kriegsschiff deutlich unterlegen und wurde schwer beschädigt. Die personellen Schäden waren auch schnell so hoch, dass von Müller entschied das Schiff auf das Riff von North Keeling laufen zu lassen, um es vor dem Sinken zu bewahren und die Überlebenschancen seiner Leute zu vergrößern.

Die Sydney erkannte, dass die Emden erledigt war und verfolgte nun das mittlerweile ebenfalls herangekommene Versorgungsschiff, holte es nach einiger Zeit ein und nahm die Besatzung gefangen. Am nächsten Tag wurden die Überlebenden der deutschen Besatzung durch die Australier vom Wrack bzw. von North Keeling gerettet. Danach lief die Sydney nach Direction Island. Doch die 50 Männer vom Landungszug, unter dem Kommando von Kapitänleutnant von Mücke, waren am Abend zuvor mit einem alten ausgedienten, eigentlich seeuntauglichen Schoner der Kokosinseln, Ayesha, entkommen. Die Ayesha hatte ursprünglich der Versorgung der britischen Besatzung der Kokosinseln und dem Transport von Kopra nach Batavia (heute Jakarta) gedient. Nach Einrichtung einer Dampferverbindung wurde das Schiff aber auf Kokos nicht mehr genutzt und lag abgetakelt im Hafen von Direction Island, wo heute, über hundert Jahre später, wir vor Anker lagen. Die englische Besatzung der Funkstation half den Deutschen zwar noch beim Beladen des Schiffs mit Lebensmitteln, konnte aber unbemerkt die Dichtungen der Seeventile des Seglers entfernen, so dass das Schiff ständig Wasser machte und die Lenzpumpen nicht einwandfrei funktionierten, hehe. Nach einer abenteuerlichen Odyssee über Arabien und Konstantinopel kehrte der Trupp im Juni 1915 nach Deutschland zurück. Auch das ist eine tolle Geschichte für sich.

Wo einst Geschichte geschrieben wurde, ist heute nichts mehr als unverschämte Bläue. Wären keine Gedenktafeln, hätte ich niemals davon erfahren.
Ein australisches Patrouilleboot bewacht den Eingang der Lagune. Es soll überhaupt ganz Australien vor illegalen Einwanderen aus vornehmlich Indonesien schützen. Da aber nur alle paar Jahre mal ein paar indonesische Nussschalen den Versuch starten, verballert der Kutter einfach nur Geld. Dreht seine Runden, die Besatzung schaukelt die Eier (bzw. schnorchelt jeden Tag durch „The Rip“, bekommt doppeltes Gehalt für den Auslandseinsatz und darf alle zwei Wochen für zwei Wochen nach Australien fliegen…) und hält über Funk mit den vorbeifahrenden Segelbooten einen Schnack. Kein Wunder, dass die Australier traurig sind, wenn ihr Maximalaufenthalt auf den Kokosinseln zuende ist ^^.
Die Inseln sind ja klein genug, um in 20 Minuten alles abzulaufen, dennoch sieht man auf Home Island überall diese kleinen Golfbuggies. Bei der australischen Bevölkerung auf West Island sogar die obligatorischen SUVs und Geländewagen, ohne die sich ein Australier nicht wohl fühlt.
Und das Atoll spürt den Klimawandel jetzt schon recht unmittelbar. Es ist selten höher als 1 m über dem Meeresspiegel. Die Strände sind schon recht üppig mit fetten Sandsäcken gegen den steigenden Wasserpegel gewappnet. Es würde mich nicht wundern, wenn es das Atoll zum Ende meines Lebens nicht mehr gibt. Oder zumindest nicht mehr bewohnt wird.
Ausflug mit Freunden, die uns seit Bali immer wieder begegnen.

Da auf Kokos Keeling nicht viele Segler sind und dort diese Aura der Gemeinschaft besonders stark ist, kommen wir uns in den nächsten Tage immer näher. Die vier Boote werden fortan mehrfach aufeinander treffen, Freundschaften wachsen, es wird viel gebechert, gelacht, gespielt, Dramen entfalten sich. Es sind aber glückliche Tage und bleibende Begegnungen. Eine bunte Mischung mit Booten unter spanischer, französischer, und deutscher Flagge.

Abends trifft sich Hinz und Kunz am Clubhouse.
Nach mehreren Runden im Clubhouse geht es oft noch auf einem der Boote weiter, deren Erinnerungen und die Geschichten mir hoffentlich für immer im Gedächtnis bleiben.

Eine meiner allerschönsten Erinnerungen ans Leben überhaupt ist hier verankert. Hier an diesem Strand. Eines Abends nach dem Grillen, wir blieben das erste Mal bis in die Dunkelheit, wir beladen gerade die Schlauchboote, um zu unseren Schiffen zurückzufahren…Meine Füße berühren die Brandung, dort wo das Meer sanft den Sand küsst. Um meine Zehen sprühen grüne Sterne. Mit jedem Tritt, so stelle ich fest, leuchten viele kleine grüne Punkte auf – verblassen erst einige Atemzüge später. Auf einmal fühle ich mich wie in einem Feenland, mich überkommt eine kindliche Freude. Ich stampfe auf der Stelle, staune, lache, renne über den nassen Strand, jeder Fußabdruck verwandelt sich ein ein grünes Funkenbad, das noch eine Weile sichtbar bleibt. Es ist wie Magie. Wir steigen in die Dingies, etwas Traurigkeit überkommt mich, gerne hätte ich länger mit diesen Funken getanzt, doch als die Motoren anspringen und ihr lautes Dröhnen meine Stimmung zu kippen droht, siegt doch wieder das glückselige Lachen, wir ziehen ein grünes Band hinter uns her. Wie eine Sternschnuppe. Über uns der Sternenhimmel. Man kann es nicht in Worte fassen, man kann es nicht in Bilder rahmen…

Jeden Abend kommen kurz vor der Dämmerung Tausende, ja Millionen von Einsiedlerkrebsen aus ihren Sandlöchern und tippeln lustig von einer Seite der Insel zu anderen. Wie Miri 🙂 Das Häuschen immer dabei.

Eine ganze Woche verbingen wir in diesem Idyll. Es fällt uns schwer uns zu trennen, aber ein gutes Wetterfenster gebietet den Aufbruch zur nächsten Passage. Unser Vierergespann an Booten trennt sich – wird sich aber hoffentlich schon bald wieder sehen. Zwei Sachen stehen aber noch an: Fotos machen zum Neidischwerden und ein Schild für die Kama machen. Es soll das coolste und schönste und kunstvollste von allen werden, ha! Ich habe da schon eine Idee…

Die anderen brechen auf….wir sind wie immer …..DIE LETZTEN! 😀
Hunderte von Seglern haben hier ihre Zeichen hinterlassen. Jetzt kommt unseres.
Ich bin mächtig stolz auf mein Werk und hoffe doch sehr, dass ihr erkennt, was das sein soll ^^
Adios Cocos Keeling!