Miri on the boat

Na, kennt ihr mich noch? Es ist schon so lange her, seit ich geschrieben habe, dass ich es euch nicht übel nehmen würde, haha. Dann habe ich auch noch mein Handy im Pazifik versenkt – wer mich anruft und es blubbern hört, weiß Bescheid. Leider sind damit auch sämtliche Bilder und Texte für immer verloren gegangen, die ich bereits über die folgenden zwei ein halb Episoden geschrieben hatte, in denen es über meine Pazifiküberquerung geht. An dieser Stelle sei jeder, der Zwischen Anfang Oktober und Ende Dezember von mir Fotos über WhatsApp oder Email, oder was auch immer, bekommen hat, freundlich dazu aufgefordert mir diese zurückzuschicken, falls sie noch existieren. Ihr seid meine einzige Chance die Erinnerungsdateien zurückzugewinnen.

Foto: Gucho

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Manihiki. (Manni-Hie-Kie). Das klingt schon so nach Südseesehnsucht, Blumen, Blauwasser und tropischen Genüssen.

Es war Zeit zu Segeln. Eins sag ich euch: Segler sprechen eine Fremdsprache. Um sie zu verstehen, muss man erstmal einen Sprachkurs belegen.

In den nächsten Wochen würde ich alles erleben von täglichen Pannen, Windflauten, Starkwind, mehrtägigen Passagen ohne Landsicht, Schwimmen auf „hoher“ See mit ca. 6km Wasser unter mir, Thunfischangeln, Manta-Rochen, Wale, Orcas, Geisterinseln….Knatsch an Bord, Probleme mit den Autoritäten….Aber fangen wir von vorne an.

Volle Kraft voraus. Foto: Dietmar Quist

Schon über WhatsApp war mir der Kontakt mit der Manihiki sympathisch. April, wie der Monat, war meine philippinische Ansprechpartnerin und empfing mich am Steg als ich in die Marina kam. Sie war klein, sehr schmal, dunkelhäutig, und ausgesprochen hübsch. Haare bis über den Po. Pokahontas. Sie lächelte und ihre weißen Zähne und das Weiß in ihren dunklen Augen blitzten mich freundlich aus ihrem Puppengesicht an. Ein paar Meter weiter arbeiteten drei Männer auf dem Steg an einem Aluprofil. Es war schon später Nachmittag und sie sahen aus, als hätten sie schon länger dort gewerkelt. Umständliches ich-will-dich-nicht-schmutzig-machen Händeschütteln mit Adrien, Gucho und Paolo. Wer war jetzt Paolo? Der?! Der sieht gar nicht aus wie ein Italiener! Hellblaue Augen, rotblondes langes Lockenhaar. Aber kaum machte er den Mund auf, war er eindeutig ein Italiener. Grins. Gucho sah aus wie eine Hyäne. Ich sah, dass die Jungs beschäftigt waren und April führte mich zum Boot. Es kam mir riiieesig vor. Es war gefühlt doppelt so lang wie die Coccinelle. Wir zogen die Schuhe aus und stiegen aufs Deck – ein großes, weites Teakdeck. Viel Platz und eeeewig lang. Ganz vorn an der Spitze so eine Holznadel, die, wie bei den Piratenbooten von früher, den Rumpf verlängert, um noch ein Segel zu befestigen, darunter ein Netz, perfekt als Hängematte zum Sternegucken. Überhaupt hatte dieses Boot Stil. Es war ein Holzboot. Es sah alt aus, hatte Charakter und Geschichte. Baujahr 1932. Eine junge Blondine kam aus den Tiefen empor und stellte sich lächelnd vor. Natalie. Sie zeigte auf meine Nase und sagte: cooles Piercing. Ich zeigte auf die ihre und sagte. Deins auch und lachte. Wir setzten uns zu dritt an Deck und quatschten, erzählten ein wenig über uns und über die Pläne. Ich stellte ein paar Fragen zu Kosten und Zeitplan und April erklärte mir, was sie wusste. Doch eins stellte sie sofort klar: Paolo ist der Kapitän und was der Kapitän befiehlt, wird weder hinterfragt noch anders gemacht. Vor allem unterwegs. Manchmal müsse es eben schnell gehen, da ist für Demokratie kein Platz. Hilfe.

Die Manihiki ist das größte Boot im Hafen.

Die Führung durchs Innere vergrößerte meine sowieso schon leuchtenden Augen. Edle Hölzer, Ledersofas, zwei Kojen mit Hochbett und jede ein eigenes Klo mit Dusche. Ganz vorn die Koje von Paolo und April. Die Bäder mit Marmorwaschbecken und Elektrospülung. Das konnte ich ja niemandem erzählen, wenn ich auf so einem Luxusdampfer durch die Südsee gleiten würde!

Ich durfte gleich zum Essen bleiben und half Natalie, der Schwedin, beim Kochen von Nudeln und Tomatensoße. Wir waren jetzt allein und ich fragte sie, wie es hier mit Fleisch und den Koch- und Essgewohnheiten sei, denn ich hatte derzeit die Schnauze voll von diesem unbewussten und ständigen Fleischkonsum und freute mich auf Veggiezeit. Sie senkte die Stimme und sagte: ich bin eigentlich Vegetarierin, aber habe das noch nicht so gesagt, weil ich mich nicht gleich unbeliebt machen will. Die essen hier schon viel Fleisch, aber ich mach jetzt was Vegetarisches! Wir fingen an zu schnippeln und ich stellte sofort fest, dass sie zu den Pingeligen gehört, die nahrungstechnisch kompliziert sind. Ich sollte das Gemüse bitte noch kleiner schneiden, sie könne das nicht haben, wenn die Stücke zu groß seien. Oh weia, das war mein wunder Punkt. Ich kann es nicht leiden, wenn Personen bei Essen so kompliziert sind…

Als ich mich verabschiedete, verblieben wir so, dass ich mich innerhalb der nächsten 3 Tage entscheiden würde, ob ich mitfahren würde. So hielt ich mir offen noch ein Boot direkt nach Neuseeland zu finden. Ich sagte aber, ich würde dennoch gerne tagsüber bei den Vorbereitungen helfen – erstens, um mich direkt nützlich zu machen und einen guten Eindruck zu hinterlassen (eine nicht zu vernachlässigende wichtige Aufgabe für zukünftige Vorhaben) und zweitens, um was zu Lernen. Die Fertigkeiten ein Boot zu reparieren könnten später nützlich sein.

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Im Grunde hatte ich gar keine Wahl mehr. Die Manihiki war meine beste und möglicherweise letzte Chance aus dem teuren Französisch Polynesien zu kommen und Andi in Samoa einzuholen. Doch ich haderte noch, ob ich das Risiko eingehen sollte in Papeete auf ein direktes Boot zu warten. Auf die allerletzten Vögel, die, die sich unterwegs vielleicht verflogen oder verletzt hatten. Mir war auch unklar, wie lange Andi in Samoa noch auf mich warten würde. Seine Reise war ja genauso wetterabhängig wie meine. Doch sollte ich irgendwo in der Südsee die „Cyclon-Season“ abwettern müssen wegen mangelnder Segelgelegenheiten nach Neuseeland, dann war HIER wiederum der beste Ort um Geld zu verdienen. Je weiter westlich ich „stranden“ würde, desto ärmer und weniger entwickelt würden die Inseln werden – und somit auch meine Chancen eine bezahlte Arbeit zu finden. Anderseits würde ich es dann nicht mehr per Boot nach Neuseeland schaffen, ehe meine Mutter mich dort im Februar besuchen würde. Ich würde dann zwangsweise fliegen müssen, da erst ab April wieder – mit Ende der Cyclon-Season – Segelboote in alle Richtungen des Pazifiks aufbrechen. Und Fliegen ist eigentlich tabu.

Am nächsten Tag begann meine Mitarbeit auf der Manihiki. Ich hatte mein letztes Geld für das Hostel ausgegeben und fragte Paolo, ob ich auch schon auf dem Schiff schlafen dürfe und er sagte ja. So ließ ich Dietmar allein im Hostel zurück und schritt mit meinem Rucksack auf mein neues Zuhause zu, mein Bauchgefühl freute sich. Es sollte eine spannende und sehr lehrreiche Woche werden. Es war Montag. Donnertsag wollte Paolo los. Willkommen im Matrosenleben.

Katastrophenlogbuch:

Ab jetzt gab es jeden Tag eine kleine, mittlere, oder größere Katastrophe. Angeblich „muss“ das so auf Booten…Die Manihiki war ziemlich geschunden in Papeete eingetroffen. Gut, dass ich das volle Ausmaß nicht begriff, wer weiß, ob meine Zuversicht sonst so groß gewesen wäre. Von 5 Segeln waren 4 kaputt. Das Größte war nur noch zu retten, weil es noch relativ neu war.

Foto: D. Quist

Das Stahlseil (Ich erspare euch das Fachchinesisch, dazu ein separater Abschnitt), an dem dieses immense Segel hängt, war völlig zerstört, zusammen mit dem ganzen Zubehör. Weitere 4 Stahlseile, die die beiden Masten abspannen, mussten ausgetauscht werden, die Motorkühlung hatte einen gigantischen Riss, weshalb der Motor nicht einsatzfähig war, die Salzwasserleitungen zu den Klos hatten auch ein Leck, im Rumpf befanden sich ganze drei Pumpen, um das Wasser jederzeit abzupumpen. Die Liste war schier unendlich. Und mit jeder Reparatur fielen neue Aufgaben an, es musste ständig improvisiert werden und Paolo und der „Kapitän in Ausbildung“ Adrien, fuhren jeden Tag durch die Stadt auf der Suche nach geeigneten Werkstätten und Baumärkten für die Ersatzteile. Für mich war es das Paradies. Werkeln, Lernen, Neues.

Foto: D. Quist

Tag 1. Beim Zusammenschrauben des Aluprofils für das vorderste Segel, die sogenannte Genua, fällt mir der Sechskantschlüssel ins Wasser. Á la Titanic sehe ich das Teil langsam in die grüne Tiefe sinken. No Jack, don’t leave me! Man könnte sicher einen ganzen Werkzeugladen mit Hafengrund-Fundstücken ausstatten. Nathalie verlor auch ihre Taucherflosse und ging mit ihrer Tauchausrüstung hinab (sie ist Tauchlehrerin) um sie zurückzuholen aber mein Inbusschlüssel war verloren.

Tag 2. Seefahrern wünscht man einen „Mast- und Schotbruch“. Ich breche was anderes:

In Grüppchen kümmern wir uns um verschiedene Aufgaben. Ich helfe Gucho, meinem polnischen Kollegen bei allen möglichen handwerklichen Dingen am Boot. Während Cäptn Paolo und Cäptn-in-Ausbildung Adrien, durch die Stadt fahren und Ersatzteile besorgen, baut Gucho die Treppe zum Salon aus, um am Motor zu arbeiten. Ich arbeite draußen und steige nichtsahnend die Treppe herunter, um etwas zu besorgen. Kaum habe ich mich versehen, stürze ich die fehlenden Stufen hinab und bleibe mit dem linken kleinen Zeh an der letzten Stufe hängen. Ist das schön wenn der Schmerz nachlässt! Aber ihr kennt das ja; man hat das so ein bisschen im Pipi, wenn was nicht so ist, wie es sein sollte. Als der Tag ausklingt bin ich mir ziemlich sicher: ich habe mir den Zeh gebrochen.

Tag 3. Wieder Verletzte. Schlosser können auch Chirurgen sein:

Wir sind am späten Abend bereit das neue Aluprofil für das vorderste Segel zum Mast hochzuziehen. Es ist schon dunkel und wir haben schon viele Stunden gearbeitet. Aber das soll heute noch gemacht werden und alle sollen helfen. Jeder nimmt seine Position ein, Paolo hängt an der Mastspitze und wird das Ende einhängen. Wir ziehen die lange Stange vorsichtig immer höher, sie darf bloß nicht knicken und das Schwierigste kommt zum Schluss: die Enden unter Zugspannung einhaken. Nathalie steht an der Bugspitze und hält das Ende fest. Der Rest steht am Kai und hängt an den Seilen. Plötzlich ein kurzes Zischen und ich sehe nur, wie Nathalie schmerzversehrt und mit einem Schreck im Gesicht die Hand wegzieht. Sie ist ganz still, aber ihre Augen füllen sich mit Tränen, als sie auf ihre Hand schaut. Außer mir und Gucho bekommt niemand mit, dass wir eine Verletzte haben. Ein schwerer Rutsch-Zylinder, der auf dem Profil sitzt, war in der nun aufrechten Position der Stange auf einmal hinabgerutscht, genau auf ihre Hand, die das Profil umfasste. Eigentlich hätten wir ihn vor der Montage nach unten schieben müssen, damit genau dies nicht geschieht. Ich rufe zu ihr rüber, uns trennt das Wasser zwischen Boot und Kai, und frage sie, wie ihre Hand aussieht. Sie blutet und Nathalie sagt mit zitternder Stimme „Mein Ring….“. Er ist platt, aber ihr Daumen ist noch immer dazwischen. Paolo bekommt von all dem nichts mit und brüllt weiter Befehle und ich stelle fest, dass ich hier die Einzige bin, die etwas tun kann. Ich übereiche Gucho mein Seil und renne an Deck. Nathalie kommt mir entgegen und wechselt gerade von stillem Schock zu hyperventilierter Panik. Ich habe jetzt ihre Hand in meiner und sehe ihren Daumen im zerdrückten Silberring, er sieht noch OK aus, ist alles halb so wild. Zwischen Daumen und Zeigefinger ist eine kleine Platzwunde die blutet. Auch wenn Nathalie jetzt gerade beginnt durchzudrehen und mir was von abfallenden Fingern erzählt, weiß ich, dass wir Zeit haben, wenngleich so schnell wie möglich den Ring aufknipsen müssen. Wo zum Geier ist der Werkzeugkasten, ich brauche die Kneifzange! Ich versuche Nathalie erst zu beruhigen, aber sie ist über den Punkt schon hinweg und bereits völlig hysterisch und aggressiv. Also lasse ich sie kurzerhand sitzen und versuche die Zange zu finden. Verdammt, in dieser Kiste ist keine. Dort auch nicht. Fuck! Ich höre die Sekunden in meinem Kopf ticken…Tick…Tack…Such weiter! Wer weiß, am Ende waren es vielleicht 20 Sekunden, per Zufall fand ich die Zange. In zwei Sätzen war ich neben Nathalie, die beim Anblick der Zange nur noch ängstlicher wurde. Ich schaute sie an und sagte: Nathalie, es ist alles ok, das ist nicht schwer und ich werde dich nicht verletzen, aber schau bitte woanders hin. In einer Hand die Zange, mit der linken verdecke ich ihre Sicht, eine Sekunde ansetzen und eine gute Stelle finden. Durch. Der Ring ist weich wie Butter und sofort durch. Jetzt noch vorsichtig auseinander biegen (der Daumen ist inzwischen leicht lila) und Swushhhhh! Das Blut rauscht wieder durch und der Daumen ist frei. Nathalie zieht die Hand an ihre Brust und ist immer noch völlig neben der Spur. Erst jetzt kommen Adrien und April und übernehmen die Patientin. Sie braucht über eine Stunde, um sich wieder zu beruhigen. Aber ihre Stimmung schwankt zwischen Wut auf Paolo, Ungeduld und Genervtheit weil alles so chaotisch ist und wir jetzt schon ahnen, dass wir nicht pünktlich am nächsten Morgen ablegen können, hinzu kommen ganz existenzielle Ängste und ein kurzer Anfall, wo sie sagte: eigentlich könnte ich genauso gut wieder nach Schweden, ich krieg mein Leben ja eh nicht auf die Reihe. Interessant was so ein Schockzustand alles machen kann. Der Daumen jedenfalls war nicht gebrochen und das hatte sie im Grunde dem Ring zu verdanken.

Paolo erklärt mir eine Aufgabe. Foto: D. Quist

Tag 4 – der Intercooler vom Motor ist völlig hinüber, da ist ein gigantischer Riss drin. Wieder wird die Abfahrt um einen Tag verschoben. Ein neues Crewmitglied kommt an: die 51-jährige Gio aus Italien. Wir sind somit jetzt schon eine Person mehr als es Kojen gibt.

Tag 5. Die Mechaniker bauen den Motor wieder ein, vergessen aber den Gurt zum Abschalten des Motors. Weil Freitag ist, besteht keine Chance auf einen weiteren Einsatz der Mechaniker, die schon längst im Wochenende sind. Die Abfahrt verzögert sich abermals um einen Tag, weil wir uns selber drum kümmern, abends gibt’s eine Gruppen-Standpauke von Paolo, aber vor allem Nathalie kriegt es ab. Inzwischen habe ich so langsam begriffen, wie die einzelnen Protagonisten im Team drauf sind:

Paolo. Der chaotische Kapitän, der nur „auf Reaktion“ arbeitet. Sprich, er reagiert immer auf die kleinen und großen Katastrophen des Alltags, anstelle von vornherein so zu arbeiten, dass Zwischenfälle vermieden werden. Hang zu Drama, Übertreibung und Größenwahn. Ein Meister der Notfallimprovisation. Hat die Angewohnheit immer mehr Leute auf das Boot einzuladen und dann so zu tun, als ob sie ohne sein endgültiges Einverständnis aus heiterem Himmel Tickets aus Europa gekauft hätten, um zur Crew zu stoßen. Überhaupt sind immer die anderen an allem Schuld und wer am lautesten spricht und schimpft (also er), hat immer Recht. Aber alles in allem ein korrekter Typ und seetüchtiger Kapitän, der zwar oft einen sehr radikalen Standpunkt vertritt und manchmal tyrannische Züge hat, aber dennoch auch seine weichen, menschlichen Seiten hat. Man ist entweder Freund oder Feind. Als Feind hat man es schwer.

April. Das Philippinische Püppchen und Freundin von Paolo. Sie ist klein und zierlich, aber sie hat ihre dominanten Momente. Sie schwankt zwischen autoritärer Chefin-Rolle (wo sie manchmal völlig blödsinnige Änderungen vorgibt, wie beim Aufräumen der Werkzeuge oder bei organisatorischen Dingen) und manchmal teilnahmslosem Passivsein während Paolo sein Temperament an anderen auslässt. Sie ist allgemein sehr devot Paolo gegenüber und hat sich perfekt an die Regel „was der Kapitän sagt, wird gemacht und hier gibt’s keine Demokratie“ angepasst. Ihr größtes Problem: sie ist absolut seekrank. Während der Überfahrten geht’s ihr rund um die Uhr so schlecht, dass sie zu nichts zu gebrauchen ist. Die Arme, da hat sie sich aber auch den falschen Mann gesucht.

Gucho. Sieht aus wie eine Hyäne, hat aber ein Herz aus Gold. Er ist Paolos rechte Hand, Mann für alles und seit über einem Jahr auf dem Boot. Er wird in den nächsten Wochen ein super Freund zum Pferdestehlen und wir werden dafür geneckt, dass wir so gerne im engen Motorraum die Drecksarbeit machen. Während unserer gemeinsamen Nachtschichten lerne ich ihn schätzen, er ist ein guter Lehrer und echt toller Mensch. (Wenn ich ihn auf der Straße sehen würde, würde ich die Seite wechseln!)

Adrien. Der lustige, pragmatische Franzose (Kite- und Kajaklehrer, Jetski-Fahrer) der in Zukunft als Zweitkapitän das Boot beherrschen soll. Auch er wird mein Verbündeter und Pferdestehl-Kumpane. Er liebt es Scherze zu reißen und Party zu machen und ist ein ziemlich unkomplizierter Zeitgenosse. Er nimmt sich selbstbewusst vor jeden Tag ab Abfahrt einen Fisch zu fangen. Er bleibt lange erfolglos, was für Spott und Neckereien sorgt.

Nathalie. Die kühle Zicke, die ihre Launen nicht unter Kontrolle hat. Mal ist sie die liebe Puppe, dann die patzige Diva. Sie tut sich schwer sich anderen unterzuordnen, ist oft unhöflich und eckt deswegen ständig mit Paolo an. Sie ist dabei, weil sie Tauchen gehen will und ist schon früh genervt, dass es selten dazu kommt.

Gio. Die älteste im Team. Eine lustige, junggebliebene Frohnatur aus Italien, die zu jedem Satz ein Lied trällern kann. Sie hat einiges an Segelerfahrung und ist angenehm unkompliziert. Es sagt schon einiges über sie aus, dass sie lediglich mit Handgepäck angereist ist.

Nach 6 Tagen Arbeit, endlich Abfahrt. Foto: Dietmar Quist
Landfall in Moorea

Am sechsten Tag – endlich Abfahrt! Aber was für eine! Völlig übereilt und unvorbereitet mit noch chaotischem Deck, überall Werkzeug, unaufgeräumtes Durcheinander einmal übers ganze Boot verteilt. Und all die Hektik wegen zwei Paddelbrettern, die Paolo in der nächsten Bucht kaufen will. Bei der Überfahrt nach Moorea bockige See, mir ist leicht übel, Nats muss kotzen. Der Baum vom Hauptsegel löst sich bei einer Windböe und fliegt unbefestigt herum. Gut, dass kein Kopf im Weg war. Da war wohl ein Knoten geplatzt. Wir sehen in der Ferne Wale…Das war unsere erste Segelfahrt mit der Manihiki!!! Wir sind unterwegs!

Manchmal muss auch während der Fahrt repariert werden. Foto: Gucho

Tag 7. Wir wachen zum ersten Mal in einer Bucht auf. Unser Nachbar, ein Katamaran, rammt einen anderen Nachbarn – ein Motorboot. Spannend!!!! Bei der Überfahrt zur nächsten Bucht erwarten uns außer springenden Walen wieder eine sehr bockige See und unstete Windböen. Beim Segelseitenwechsel zerstört der Baum unseres Kleinmasts die beiden Windgeneratoren. Die Propeller fliegen uns um die Ohren. Paolo beschließt auch das Hauptsegel herunterzunehmen und, weil wie immer eine Reparatur vorausging und dann alles in Hektik geschieht, rauscht das Segel beim Herunterlassen durch die Schiene durch und ist auf einmal nicht mehr mit dem Mast verbunden! Die Rutscher, an denen das Segel hängt, fliegen heraus und die darin befindlichen Mini-Gleitkugeln rollen zu Hunderten über das Deck. Das war der Supergau! Ohne diese Kügelchen konnten wir kein Hauptsegel mehr setzen. Paolo brüllte, wir sollten die Kugeln wieder finden. Unmöglich! Wir fanden einige, aber nicht alle. Es ist wellig und Wasser läuft immer wieder übers Deck auf Paolos Bett und auch unsere Kabine kriegt was ab. Wir erreichen eine Bucht im Norden Mooreas, wo sich Haie und Rochen im Scheinwerferlicht unserer Masten tummeln. Wunderschön.

Tag 8. Fahrt nach Huahine

Brauchen wir den Mast überhaupt?! Foto: Gucho

Kurz vorm Riff-Pass erstickt der Motor und wir müssen mitten im Pass ankern, um nicht auf das Riff zu laufen. Es vergehen etliche aufregende Minuten in der Abenddämmerung ehe der Motor wieder anspringt. Grund bislang ungeklärt. Das war nicht ungefährlich. Von Huahine sieht man wenig, es ist schon dunkel.

 

Tag 9. Fahrt nach Bora BoraFrühmorgens kurzer Markteinkauf und Supermarkt auf Huahine. Kurz vorm Pass Bora Boras schaltet sich der Motor wieder aus, es beginnt dunkel zu werden. Abermals bricht Hektik aus, ich assistiere Gucho am Motor, der unter Deck ist, während Paolo und Co an Deck zwischen dem roten und grünen Passpunkt, die das Riff markieren, hin und her steuern und versuchen die Kollision mit dem Riff zu verhindern. Für den Anker ist es zu tief. Gucho und ich probieren derweil den Fehler im Motorraum zu finden und zu beheben, indem wir mit einem Kanister überbrücken. Es funktioniert – für etwa 10 min. In der Zeit verlassen wir das Riff, dann geht der Motor wieder aus. Bis zum Ankerplatz ist es noch weit. Der Motor saugt nur  dir ersten 10 cm des Kanisters an, danach ist der Schlauch zu kurz. Drei Kanister brauchen wir, um zumindest bis zur Ankerstelle zu kommen. Um unser nächstes Crewmitglied, Yili abzuholen ist es schon zu spät.

Tag 9. Bora Bora – Maupiti

Unser Kapitän frühstückt morgens vor dem Gipfel Bora Boras

Früh morgens kommt Yili an Bord. Sie ist Chilenin, juhu!

Mensch, ich bin vor Bora Bora! Aber an Land gehe ich nicht. Diese Insel ist berühmt – doch aus diesem Grund ist sie von Reichen und Schönen belagert und hat ihren natürlichen Charme verloren. Der prominente Bergkegel sieht verlockend aus – aber ich habe schon schönere Inseln gesehen. Wilder. Wir legen sofort wieder ab, diesmal Richtung Maupiti und verlieren unterwegs Diesel, was Paolo als Kleinigkeit abtut. Später finden wir heraus, dass wir fast 400l Diesel verloren haben. Kleinigkeit! Bei miesem Regen und Wind erreichen wir den schwierigsten und gefährlichsten Pass Französisch Polynesiens – den Eingang zu Maupiti. Heute darf auf gar keinen Fall der Motor ausgehen. Aber Paolos Tankmodifikation scheint geholfen zu haben, wir schaffen den Pass. Maupiti ist eine Augenweide und es gibt hier nur Einheimische!

Tag 10.
Wir wachen in der paradiesischen Bucht auf und besteigen den 372m hohen Gipfel Te Uru Fa’atú. Die Farben des Meeres sind der Knüller. Und die Mangobäume am Wegesrand. Auf dem Rückweg machen wir Stopp beim Rathaus, um uns aus Französisch Polynesien abzumelden und weiter zu den Cook Islands zu segeln. Hier erfahren wir aber, dass wir hier keine Ausreisegenehmigung für FP bekommen, da die entsprechenden Autoritäten fehlen und wir somit zurück nach Bora müssen. Da wir erst am nächsten Morgen unser (hoffentlich?) letztes Crewmitglied Petya hier auf Maupiti erwarten, müssen wir mit Verzögerungen von bis zu drei Tagen rechnen. Shit. Paolo ist fuchsteufelswild und schiebt alles auf die Unfähigkeit der Behörden, statt seine eigene Unfähigkeit als Kapitän zuzugeben. Es ist seine Aufgabe sich um solche Dinge vorab zu informieren. Aber wir machen das Beste aus unserer Zeit und machen eine Schnorcheltour mit der Passströmung. Viel weniger Fisch und Unterwasserleben, als ich dachte.

Fotos: Gucho

Tag 11, Freitag. Ankunft Petya, unser neuntes Crewmitglied

Morgens kommt die 18 jährige Petya aus Holland an und wir brechen nach einer zweiten Schnorchelexkursion mit Mantarochen, die etwa 2m Spannweite haben, gegen 10 Uhr zurück nach Bora auf. Wegen Gegenwind arbeiten wir mit Motor und hoffen darauf vor 17h anzukommen, um noch zum Gendarmeriebüro zu kommen. Vergeblich. Gegen 17:30 kommen wir an, der Motor funktioniert jetzt gut, weil Paolo die beiden inzwischen nivelliert hat. Das Gendarmeriebüro ist natürlich schon zu. Also das Wochenende auf Bora Bora verbringen. Auch nicht schlecht. Wäre nur die allgemeine Stimmung besser…. Paolo hat es eilig.

Tag 12. Samstag 21.10
Eigentlich sollten wir heute schon auf dem Weg zum Suwarrow Atoll auf den Cook Islands sein. Der Wind wäre dafür perfekt. Aber Paolo und Adrien gehen zum Gendarmeriebüro, um den Ausreiseprozess einzuleiten und zu erfahren, dass wir noch ein paar Tage warten müssen, weil die endgültige Genehmigung aus Papeete angefordert werden muss. Steinzeitlich. An Flughäfen geht sowas doch immer in Sekunden. Wir gehen einkaufen, Ersatzteile für den Motor kaufen und Adrien geht mit dem Dinghi Diesel holen. An der Anzahl der Fahrten sehen wir, dass wir etwa 400 l Diesel im Meer verloren haben. Es ist aus den Belüftungslöchern gelaufen, die für den Druckausgleich der Tanks zuständig sind. An diesem Tag holen wir etwa 800 l Diesel! Von wegen SEGELboot.

Tag 13. Ein Tag ohne Katastrophe . So was. Rumlümmeln auf Bora Bora. Das kann ich niemandem erzählen.

 

Tag 14. Aufbruch zum ersten Crossing
Tuckerfahrt zurück zur Hauptbucht, um die Abreisegenehmigung abzuholen. Abermals letztes Auftanken, Einkaufen, Boot klarmachen für unsere erste mehrtägige Überfahrt. Heute hat ein 30 l Kanister Diesel ein Leck und ergießt sich auf dem Deck und im Dinghi. Die Polizei von der Ausreise will uns alle antreten lassen, vergleicht dann noch nicht mal unsere Gesichter mit den Passbildern. Albernes Machtgehabe. Gegen 14:30 endlich Aufbruch Richtung Cook Islands! Woohoo, Samoa ich komme! (eigentlich sollte ich jetzt schon dort sein…).

 

Segeln ist soooo anstrengend!

Tag 18. Freitag 27.10
Vierte Nacht auf „hoher See“, ohne Wind. Wir sind sogar baden gegangen. Wir konnten nur am ersten Tag ohne Motor segeln. Einziges Land war das Atoll Motu One, das wir auf der Nordost Seite passierten. Vier Tage ohne Land in Sicht und manche von meinen Kollegen sind schon gelangweilt. Wenns nach mir ginge, könnte ich noch mehr Ruhe und Einsamkeit vertragen. Ich hätte echt mal Lust auf nen ganzen Monat allein auf See. Der (schwache) Wind hat die Richtung gewechselt und bringt uns zu weit nördlich. Ohne Rückmeldung vom Suwwarow Atoll, dass wir ohne Genehmigung nicht ansteuern dürfen, haben wir nun beschlossen weiter nördlich Manihiki anzusteuern, dass namensgebend für unser Boot war, als es 1932 in Frankreich gebaut wurde. Für die Nächte sind wir nun in Zweierteams zur Nachwache eingeteilt. Die Schicht dauert je zwei Stunden und Paolo vereint die Teams so, dass stets einer mit etwas Erfahrung dabei ist. Ich und Gucho bilden ein Team, glücklicherweise! Gucho mit Nathalie – das hätte Mord und Totschlag gegeben. Er kann sie nicht ausstehen. Die Nachtschichten sind meine Lieblingszeit an Bord der Manihiki. Es ist endlich Ruhe (bis auf den Rund um die Uhr lärmenden Motor, grummel) und der Sternenhimmel ist ein niemals langweilig werdender Riesenbildschirm. Hin und wieder eine Sternschnuppe, das Rauschen der Wellen, dass man jetzt viel besser wahrnimmt, wo weniger Menschen wach sind. Hin und wieder im Flüsterton gehaltene Gespräche über die Welt und die Gesellschaft mit Gucho, während im Cockpit Paolo und April pennen. An manchen Abenden gibt es auch richtig Aktion in den Nachtschichten. Der Wind wechselt, dann müssen die Segel im Dunkeln umgesetzt werden. Oder Regenböen mit Starkwind, dann wieder Flauten. Wir müssen immer wieder den Kurs anpassen und mit Sorge stelle ich fest, dass unsere Route nicht gerade in meinem Sinne verläuft. Wir fallen zu weit nach Norden ab. Jeden Abend sitze ich in meiner Schicht und sende bei jeder Sternschnuppe meinen Wunsch ins Universum, dass ich doch noch nach Samoa komme.

Tag 19. Fünfter Tag auf See.

Manihiki. Die Insel. Wir kommen vormittags auf diesem flachen Inselchen an, dass man kaum am Horizont erkennt und gehen an Land. Es ist ein kleines Atoll, von Palmen umsäumt und es gibt kein Dorf, sondern verteilte Häuser, die über eine Schotterstraße verbunden sind. Aber es ist eigenartig. Es ist niemand da. Keine Menschenseele ist zu sehen oder hören, wir laufen Stunden durch die Palmen und sehen außer Hühnern und Schweinen nichts! Als Paolo von den Behörden wiederkommt (die ebenfalls nicht da waren), erfahren wir mehr. Wir sind am nächsten Tag zur Kirche eingeladen. Quasi obligatorisch. Aha. Kirche ist hier wichtig. Die anderen verdrehen schon genervt die Augen, aber meine Erfahrungen aus Tahiti und Rapa Nui haben mir gezeigt, dass ein Kirchenbesuch sich in Polynesien sehr lohnt! Ich freue mich schon und überrede die anderen, dass es wegen der tollen Gesänge ziemlich cool werden wird. Auf Manihiki leben rund 500 Menschen. Das Atoll hat zwei Dörfer und die Leute besuchen sich per Boot indem sie über die Lagune fahren. Dort stehen auch etliche Perlenfarmen, mit denen sich die Menschen hier im wesentlichen ihr Geld verdienen. Wir erfahren auch, dass wir ausgerechnet zu einem besonderen Anlass angereist sind: alle paar Jahre gibt es eine Versammlung aller Manihikianer, zu dem auch alle Familien anreisen, die von der Insel weggezogen sind und nun in Rarotonga (Hauptinsel von Cook Islands), Neuseeland und Übersee leben. Aus diesem Grund war bei unserem Landgang niemand in seinen Häusern.

Mich beeindrucken die Farben. Blau überwiegt. Das muss der Einfluss des Meeres sein. Und Weiß. Wie in Griechenland stechen die grellen Wände in der Sonne ins Auge. Beim Spaziergang sehe ich, dass Gräber an jedem Haus stehen. Hier begräbt man seine Angehörigen in der Nähe der Familie. Und schön finde ich, dass auf den Grabsteinen ein Bild des Verstorbenen abgedruckt ist und ein Kurztext über dessen Leben. So hat man richtig was zu sehen und erfahren. Nicht wie bei uns, wo die allermeisten Friedhöfe grau in grau sind und selbst die Blumen nichts an der melancholischen Stimmung ändern können.

Sonntag. Am nächsten Morgen ziehen wir die schicksten Kleider an, die unser Gepäck zur Verfügung stellt (das wurde explizit erwünscht: „angemessene Festtagskleidung“ sollten wir tragen) und fahren mit dem Dinghi zur Kirche. Es gibt nur zwei. Die Cook Islands Christian Church und die Katholische Kirche. Wir gehen in die erste. Die Kirche ist innen ganz weiß mit ein paar bunten Farbmustern an der Decke, der Altar ist mit Plastikblumen geschmückt und die Kirchgänger haben großartige Kleider an. Die Herren tragen bunte Blumenhemden und schwarze Anzughosen. Dafür sind manche Leute barfuß. Die Damen bunte Blumenkleider und Blumen im Haar, oder einen geflochtenen Hut.  Als Ehrengäste werden wir in eine der vorderen Reihen geleitet. Der Pastor beginnt mit einer Predigt auf Polynesisch, manche Wörter sind Englisch. Dann wechselt er auf Englisch, das ist die Amtssprache dieser ehemaligen britischen Kolonie und heißt uns herzlich willkommen. Den Rest der Predigt hält er wieder auf Polynesisch und nach ein paar Minuten stehen alle auf. Unsere Blicke sind nach vorn gerichtet, doch plötzlich sind wir von einer lauten, überwältigenden Stimmharmonie umgeben, die mit einer unerwarteten Wucht die Tränen in meine Augen treibt. Ich schaue überrascht nach hinten und sehe, wie meine Freunde, das Gleiche tun. Unsere Blicke treffen sich und ich sehe in ihren leuchtenden Augen, dass sie genauso ergriffen sind, wie ich. Ich hatte schon mit schönen Gesängen gerechnet, doch das hier übertraf alle Erwartungen. In den nächsten 50 min wurde immer wieder gesungen. Manche Lieder sanft, andere vorwärtstreibend. Schöne Wechsel zwischen Männerstimmen und Frauen – es trug die Gedanken in die Ferne, immer weiter weg. Das war definitiv einer der unvergesslichsten Augenblicke meiner bisherigen Walz. Zu schade, dass ich die Tonaufnahmen verloren habe und kein Backup davon habe. Ich könnte heulen.

Als der Gottesdienst endet, werden wir von einer kleinen Gruppe Kirchgänger den Weg hochgebracht, zur zweiten Kirche, wo der katholische Gottesdienst im Endspurt steht. Daneben gibt es ein Gemeinschaftshaus für alle Dorfbewohner, wo, wie jeden Sonntag, für das kommunale Mittagessen eine riesige Tafel aufgebaut wird. Dieses Gemeinschaftsmahl findet jeden Sonntag statt, aber heute ist es besonders: nicht nur wegen der weit angereisten Manihikianer, sondern auch unseretwegen. Wir werden als Ehrengäste willkommen geheißen, bekommen jeder eine frische Kokosnuss in die Hand gedrückt und sollen uns zwischen die Menge schmeißen. Das Buffet, zu dem jeder mit einer Speise einen Beitrag leistet, ist einer Hochzeit würdig. Der Wahnsinn! Es wird ein langer Nachmittag in netter Gesellschaft und interessanten Gesprächen mit den Einheimischen, die alle gut Englisch sprechen.

Mittwoch 1.11

Nach zwei Nächten vor Manihiki reisen wir ab Richtung Westen. Nun heißt es für mich alle Daumen drücken, damit wir doch noch nach Samoa fahren und nicht etwa weiter nördlich, dann habe ich keine Chance mehr auf Neuseeland. Seit unserer Abfahrt aus Papeete macht Paolo mir immer wieder klar, dass Samoa keine Priorität für ihn ist. Ich frage mich manchmal sogar, ob er innerlich sowieso schon entschieden hat es zu überspringen, es mir aber nicht sagen will.
Heute früh haben wir Puka Puka , ein abgelegenes isoliertes Atoll erreicht, doch wegen fehlender Ankerstelle und rauer See konnten wir nicht stoppen und sind nun auf direktem Weg nach Apia, woohoo! Das ist Samoa! Dank sei dem Diesel – es reicht nicht mehr, um woanders hin zu fahren – also ist Apia Paolos einzige Chance zum Nachtanken. Yabbadabbaduh!

Kurz nach Mittag ein regelmäßiges Klopfen unterm Cockpit. Es stellt sich heraus, dass sich die Propellerachse gelöst hat. Irgend ’ne lockere Schraube. Gut, dass uns das auffällt, als der Motor aus ist. So vergeht auch Gios 52. Geburtstag nicht ohne Katastrophe….

Seit zwei Tagen bewegen wir uns mit reinem Wind! Heute früh, alle schlafen noch, offenbart mir Paolo sein Vorhaben Nats in Samoa rauszuschmeißen, weil sie zu patzig und unhöflich ist und seiner Meinung nach nicht ins Team passt. Nun soll ich ihr den Schock erleichtern, indem ich sie mental darauf vorbereite, damit sie „von alleine“ auf die Idee kommt das Boot zu verlassen. Er will, dass ich sie „beiläufig“ einlade mit mir in Samoa ein neues Boot zu suchen oder mit mir nach Neuseeland zu kommen. Es zeigt mir, was es heißt von Paolo verachtet zu werden. Er hat nicht vor, sie persönlich über seinen Entschluss zu informieren, er würde Nathalie eiskalt (oder feige?) unvermittelt in Samoa an Land setzen. Seine Güte besteht lediglich darin mich als freundliche Vermittlerin auszunutzen, um sie auf ihr Los vorzubereiten und ihr das Gefühl zu geben sie habe die Kontrolle.

Es fällt mir nicht leicht Nathalie anzusprechen. Ich bin schließlich zu dem Entschluss gekommen, dass ich mich nicht als Vertuscherin von Paolos Entschluss ausnutzen lasse. Schon gar nicht, will ich ihr anbieten nach Neuseeland zu kommen. Ich sage ihr, dass Paolo mit mir darüber gesprochen hat, sie von der Crewliste zu nehmen und nach anfänglicher Empörung und Wut über Paolos Feigheit, hat sie sich schnell gefangen und positiv reagiert. Sie sagt es sei in der Tat besser sie würde was anderes machen, wo sie mehr tauchen könne und weniger genervt sei.

Am Ende hat Paolo kein einziges Wort zu ihr gesagt. Sie nahm schließlich alle Zügel in die Hand. Nicht ohne in den letzten vier Tagen mit einem Höhepunkt an Zickigkeit zu bestätigen, wie unsympathisch sie sein kann. Sogar ich, die bislang gut mit ihr ausgekommen war, hatte zwischendurch das Bedürfnis ihr eine reinzuhauen.

In Samoa würde sich somit die Crew der Manihiki fast halbieren. Nicht nur Nathalie und ich verlassen das Boot, sondern auch April, die bereits in die Philippinen vorfliegen wird und Yili, die sich seit Tahiti nie so richtig eingelebt hat und ebenfalls beschlossen hat, zu gehen.

Ich verlasse die Manihiki mit gemischten Gefühlen. Abschiede fallen mir immer noch schwer, obwohl ich sie immer wieder erlebe. Ich habe auch hier wieder wundervolle Erinnerungen gesammelt und Freundschaften geschlossen, viel gelernt und mich willkommen gefühlt. Das Team mag mich, sie halten viel von mir. Mehrfach wurde ich eingeladen bis in die Philippinen mit zu kommen. Auch verlockend! Doch am Ende siegt meine Zielstrebigkeit. Ich will nach Neuseeland. Andi wartet inzwischen in Tonga auf mich und ich will ihn nicht ein drittes Mal verpassen. Ich freue mich auf ein neues Boot, einen neuen Kapitän, eine neue Segelsituation und andere Bedingungen. Vielleicht weniger Chaos? Ich werde wieder jede Menge lernen. Es ist ein neues Abenteuer.

Foto: D. Quist