Die Krönung 

Freitag nach dem Umzug war frei und ohne Tapatitermine. Die meisten mussten sich wohl erstmal erholen. Am Samstagabend trafen sich wieder einige von Tahiras Leuten, um sie wie bei der Eröffnung zur Bühne zu geleiten. Der einzige Unterschied bestand darin, dass Fer und Tahira auf einem der Umzugswagen standen und die ganze Gefolgschaft Kronen aus Blumen und Blättern trug. Sie drehten eine große Runde und kamen singend und klatschend an der Bühne an. Die Tanzgruppen sollten sich hinter der Bühne treffen, um ein letztes Mal zu tanzen, diesmal alle drei Gruppen gemischt. Es kamen nur noch Wenige, ein winziger Bruchteil der ursprünglichen Gruppengrößen, und die meisten trugen diesmal nicht ihre Tracht, sondern ein rotes Kleid oder andere rote Kleidung und die Blumenkronen.

Meine allererste Blumenkette.

Während auf der Bühne eine Band den Abend mit einem Konzert eröffnete, warteten wir auf unseren Einsatz ohne so recht zu wissen wann und wie wir uns aufstellen sollten und welche Lieder wir überhaupt tanzen würden. Aber diesmal war die Unordnung nicht stressig, denn es war ja von vornherein ein improvisierter und nicht einstudierter Auftritt. Schließlich traten wir alle auf die Bühne, ebenso Tiare, Petero und ihre Familien und Obfrau. Das Ergebnis, das alle bereits kannten, wurde nochmals wiederholt und alle vier Kandidaten hielten eine kurze Ansprache. Tiare musste weinen und hatte Mühe ihre Rede zu beenden, aber erhielt Applaus und Anerkennung von allen Seiten. Es muss echt hart sein zu verlieren, schließlich ist die Arbeit auf beiden Seiten intensiv und sie lag ja immer einen winzigen Schritt vorn. Tahira war auch ganz gerührt, als sie ihren Dank den vielen Mitwirkenden aussprach und es war insgesamt ein sehr verbundener Auftritt, wo keine Seite die andere beleidigte oder einen bissigen Kommentar abgeben musste, weil sie mit dem Ergebnis nicht umgehen konnte. Das ist alles schon passiert.
Dann erhielten alle vier ein Andenken, und Tahira ihre Krone. Schließlich tanzten wir alle und als wir die Bühne verließen, endete der Abend in einem fulminanten Feuerwerk. 

Am Sonntag fand eine zweite, „traditionelle“  Krönung statt. Sie war kurz und schmerzlos, ohne viel Brimborium, was ich gut fand und das Beste war, dass sie am Ahu Tahai stattfand, also vor einem der Moai in unmittelbarer Nähe der Bühne. Sie bestand aus einer Prozession, die von einem „Schamanen“ angeführt wurde, der zusammen mit einer Frau auf Rapa Nui eine Art Gebet (?) sang. Es wurde ein Opferessen aus dem Umu herumgereicht. Dann tanzten einige der „Krieger“ von Trommeln begleitet, später traten einige Frauen aus der Gefolgschaft hinzu und dann erhielt erst Tahira ihre Krone vom „Schamanen“  und dann Fer. Witzig war ein kleiner Junge, ich schätze ihn auf 2-3, der sich beim Tanz der Krieger in ihre Mitte traute und sie versuchte zu imitieren. Der kleine Zwerg hat alle zum Lachen gebracht. Und nachdem die Krönung erfolgt war, drehte die Gruppe eine letzte Runde und das Tapati war vorbei. 🙂
Schön wars.

Wir haben gewonnen!

Tapati Tag 14

Es ist kaum zu glauben, aber wahr…Tahira und Fer haben das Tapati gewonnen! Der große Umzug hat’s entschieden.

Um 12:00 eröffnete Tahira im Garten von Fers Oma im Zentrum der Stadt und ganz in der Nähe des Startpunkts des großen Umzugs ihre Hauptquartiere. Ein Umu wurde gemacht, um alle Teilnehmer mit diesem Festessen zu versorgen und zu danken, Trachten zu verteilen, zu bemalen, zu schmücken… Die Erdfarben wurden mit Wasser angemischt, und die Grundfarbe Rot in einer Badewanne angerührt. Als ich von der Arbeit kam war es bereits kurz nach 15h. Die Zählung sollte um 17h beginnen und es war bereits voll und viele bereits sehr ansehnlich.

Beim Umzug werden zwei Dinge bewertet: einerseits jeder einzelner Mitläufer, als auch die im Vorfeld vorbereiteten Umzugswagen. Jede Seite muss mit den Figuren ihrer Umzugswagen eine Legende erzählen und visuell umsetzen. Dazu werden aufwendige und überlebensgroße Figuren geschnitzt, Wagen geschweißt und geschmückt und von mit Grünzeug bedeckten Traktoren gezogen. Auf den Wagen fahren Tänzer und Musiker mit. Diese Wagen werden von der Jury bewertet. Die Zählung der Umzugsteilnehmer findet an einem Engpass statt an der jeder einzelne durchgewunken wird und je nach Verkleidungsgrad (es soll polynesisch sein) 3,5,10 oder 15 Punkte bekommt. 3 und 5 Punkte bekam man für die popeligen und „zu bedeckten“ Klamotten, also für Leute die nur einen pareu und ein TShirt tragen, oder ein buntes Blumenkleid etc. 10 Punkte gab es für eine Tracht aus traditionellen Materialien und traditioneller Bemalung, 15 Punkte gab es für ganz besondere und kreative Trachten, die speziell für den Anlass gefertigt wurden.

Ich kam also im Garten an und wurde sofort aufgefordert mich blank zu machen und in den Matsch zu steigen. Unter normalen Umständen würde ich einen weiten Bogen, um einen Mann machen, der mich auffordert mich auszuziehen 😛 Wer hat noch nie davon geträumt im Schlamm zu baden? Ich hatte anfänglich Hemmungen und zierte mich, aber irgendwann habe ich mich auch getraut mich bis auf die Büchsen auszuziehen und in die Wanne zu steigen. Es erfüllt einen mit einer gewissen kindlichen Befriedigung bis in die Poritzen dreckig zu werden. Ich stieg also glücklich wie eine Fünfjährige wieder aus und trocknete mich in der Sonne. Es war ein ungewohnt befriedigendes Gefühl mit Farbe „gekleidet“ zu sein. Die alten Frauen saßen auf der Terrasse und schauten uns jungen Hühner neidisch an. Sie sagten, „wenn wir ihr wären, würden wir ganz ohne Tracht gehen, so wunderschön seid ihr noch in eurer Jugend!“ Die eine hob ihr Hemd ganz ungeniert und zeigte auf ihre alten Brüste und lachte. Das bewundere ich an diesen Menschen, sie gehen so anders mit Nacktheit um als ich und sie lieben ihre Körper egal ob alt, ob jung, ob runzelig oder schwabbelig, ob makellos oder nicht. Diese Alte hätte keine Probleme damit, ihre alten Brüste in Kiea zu baden und keine Tracht zu tragen. Es ist hier üblich sich mit einfachen Dingen zu schmücken, wie einer Blume oder einer Pflanzenkrone, einem pareu oder einer Muschelkette und nicht nur zu Tapati, tagtäglich. Und dadurch SIND sie auch immer wunderschön. Ich finde hier fast jeden schön und zugleich sieht man hier stets so viel Haut, dass man nicht mehr so drauf achtet, wie man es in Deutschland täte. Wenn jemand in Deutschland im Tanga durch die Stadt liefe, würden alle gaffen und den Körper bewerten. Hier irgendwann nicht mehr.

Als ich trocken war, wurde ich von einem Jungen bemalt, mit weißer Kiea. Dann zog ich mir meine Tracht an und ließ mir mit Schwarz das Gesicht bemalen.

Dann ging ich zu Tahiras Gefolge auf der Hauptstraße, wo die bereits Anwesenden schon fröhlich feierten und tanzten während sie drauf warteten gezählt und bewertet zu werden. Der Umzug begann und es war einfach fantastisch die vielen ausgefallenen und kreativen Kostüme zu betrachten. Die Bemalung, mal ganz fein und elaboriert, wie ein Tattoo, mal grob, Muscheln,  Federn,  Blätter, Rinden, Knochen, Pflanzen, Seeigel, Samen, Nüsse….Ideen und Materialien ohne Ende. Ich konnte mich nicht sattsehen an all den Eindrücken.

Hinter der Kontrolle warteten alle Wagen und wir verteilten uns nach der Zählung zwischen Tahiras Wagen, um die gesamte Hauptstraße herunter zu laufen, dann abzubiegen und schließlich an der Bühne zu enden.
Zuerst waren Tahiras Leute dran. Tiares Gefolge versammelte sich weiter oben, damit sich die Gruppen nicht vermischten. Es dauerte mindestens 2,5 Stunden, bis alle roten Leute fertig waren, aber es wurde parallel gefeiert, getanzt, und gesungen. Die Stimmung war gut.

Mit Tahiras Papa, Mama, Meras Onkel und zwei Musikern.

Ich wagte es nicht, die Gefolgschaft von Tiare aufzusuchen, ich hatte Angst zu sehen, wie viele bei ihr waren. Ich glaubte nicht daran, dass wir den Umzug gewinnen könnten. Ich schaute mir aber die Schmuckwagen an, die allesamt beeindruckende Kunstwerke waren, deren Geschichte mir aber verborgen blieb.

Der Umzug dauerte bis 22h und ich lief mal hier, mal dort mit, alleine, oder neben Leuten, die ich in den letzten Wochen kennengelernt hatte. Zuerst war es etwas träge, aber dann legten die Musiker los und es wurde heiter. Ich stellte mich mal an den Rand, um selbst auch mal Zuschauer zu sein, sonst hätte ich ja nicht gesehen, wie schön der Umzug war und Tahiras Gefolge schien kein Ende zu haben.
Von irgendwem erfuhr ich, dass die Zählung zu Ende war und Tahiras Gefolge gewonnen hatte. Ich freute mich natürlich sehr, aber wollte mich nicht so recht auf die Info verlassen.

Irgendwann erspähte ich die Lücke, die dann doch das Ende von Tahiras Truppen markierte und traute mich den Hang hochzutapseln, um Tiares Abschnitt zu begutachten. Sie hatten ebenfalls vier Wagen, davon zwei quasi identische, was mich irritierte. Ich ging seitlich an ihnen vorbei, sonst hätte ich ewig warten müssen und hätte meinen eigenen Lauf verpasst. Tiares Gruppe war deutlich kleiner! Auffällig klein! Sie sahen natürlich genauso schön bemalt und verkleidet aus, sie hatten einen Wagen, der sehr gut war, aber das Gefolge war klein. Ich ging also wieder zu meinen Leuten und tanzte bis zum Schluss eifrig mit, unter anderem die Lieder, die wir einstudiert hatten.

Als mir kurz nach 22h zu kalt wurde, beschloss ich meine Sachen abzuholen und zurück zu kommen. Ich versuchte mich im Dunkeln des Gartens mit einem Schlauch abzuwaschen, aber es war aussichtslos, also fuhr ich heim, bevor es zu spät wurde, um Mera und Co. nicht zu wecken. Ich war kurz davor einfach ins Bett zu gehen, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass noch am selben Abend das Ergebnis bekannt gegeben werden würde. Doch ich schaffte es noch mich aufzuraffen und es war noch jede Menge los, als ich ankam. Tahiras Leute saßen alle an einer Kneipe und ich ging auf das erste bekannte Gesichtszüge, eine Verwandte von Tahira. Sie sagte mir ganz nüchtern „wir haben gewonnen.“  und ich nickte nur und ging davon aus sie meinte die Zählung. Ich fragte sie wann der endgültige Gewinner deklariert würde und sie wiederholte „wir haben gewonnen.“ Ich war immernoch zu blöd es zu kapieren und fragte „ja, die Menschen, aber wie ist es mit den Wagen? Wurden die schon auf der Bühne bekannt gegeben? „wir haben alles gewonnen, alles! Da drüben sitzt Vero, frag sie!“. Wow, irgendwie kam das so unerwartet, dass ich mich gar nicht so richtig gefreut habe, aber offenbar ging es vielen so, denn es wurde nicht exzessiv gefeiert. Ich näherte mich Vero, die mich freudig zu sich winkte und mir um den Hals fiel. „Danke Miri für all deine Hilfe!!“ Dann erzählte sie mir sichtlich erleichtert und von allem Druck der letzten Tage befreit, dass sie mit den anderen Vertretern in Rathaus beordert wurde, dort sowohl das Endergebnis der Zählung, sowie die Bewertung der Wagen und die resultierende Gesamtpunktzahl erfahren hatten, alle unterschrieben und das Tapati nun offiziell gewonnen sei. Ich fragte nach den Details und sie erklärte mir Folgendes: die Differenz Mittwochabend lag bei knapp 5000 Punkten. Bei der Zählung des Umzugs hatte Tahira 21.000 Punkte bekommen, die anderen 15.000. Wahnsinn! Das machte, mit dem Vortag verrechnet einen winzigen Vorsprung für uns von nur 1000 Punkten! Es hing also alles, aber auch alles von den Wagen ab. Sowohl Tiare, als auch Tahira hätten gewinnen können…! spannend! Die 8 Wagen wurden nach Platz 1-4 ausgezeichnet und mit entsprechenden Punkten belohnt. Ein Wagen von Tiare belegte den 1. Platz, aber Platz 2-4 gingen an Tahira, und das war unser Sieg.
Wer hätte gedacht, dass es am Ende so spannend wird.

Der Rest des Abends verging damit, dass man durch die Gegend schlenderte und sich gegenseitig gratulierte; mir fielen Menschen um den Hals, an die ich mich nicht erinnern konnte, aber ihre Freude war so groß, als würden sie mich schon ewig kennen. Ich hab echt nen schlechtes Gedächtnis! Gut, dass mir dieser Blog auch als Tagebuch dient. Wer weiß, ob ich mich in ein paar Jahren noch an diese Dinge erinnere…Vor allem Hotus und Fers Familie dankten mir überschwänglich und Tahiras süßer Papa Luis. Ich kapselte mich schließlich mit Fers Freundin etwas ab, ihr ging es ähnlich wie mir mit der nicht so recht eintreten wollenden Freude. Wir unterhielten uns recht lang; sie erzählte mir von ihren Tapatistimmungen und den vielen Tränen, die es sie gekostet hat. Ich kann mir gut vorstellen, wie sehr das Jahr an den engsten Beziehungen zehrt. Für mich wird das Schönste an den letzten Wochen die Bekanntschaft mit vielen neuen Leuten sein. Insbesondere Tahiras Eltern haben es mir angetan. Ich hätte mir keine bessere Kandidatin aussuchen können, um das Tapati intern mitzuerleben. Mauruuru hai mahatu!

Jetzt fehlt nur noch Tahiras und Fers Krönung.