Die Kama wäre während der Überfahrt des Mosambik Kanals ein guter Drehort gewesen für eine Show mit dem Titel „Das-passiert-wirklich-auf einem-Segelboot-wenn-gerade-keine-instagram-stories-gepostet-werden“. Für mich war diese Passage die abenteuerlichste und eindrücklichste meiner gesamten Zeit auf der Kama. Wem die Kurzversion genügt, dem hier in wenigen Worten die Zusammenfassung: erst tagelange Flaute, Hitzequalen und schlechte Laune – dann Raketenfahrt mit dem Strom und gute Laune – und zuletzt Angst um Leben und Tod vor Ankunft in Durban, Südafrika.
Weil es für mich wirklich eine wichtige Erfahrung war, konnte ich mich leider nicht kurz fassen, daher erwarten euch nun ganze 5 Seiten Text, aber wie gesagt, ihr könnt auch direkt hier aufhören 😛


Wir verließen den Hafen von Hellville, Madagaskar, am 15. November 2019 als die Windprognosen auf Schwachwind deuteten. Es war der Übergang in die Monsunzeit und dies bedeutete, dass alle 7 bis 10 Tage auf dieser Höhe Starkwinde oder Stürme durchzogen. Daher war es wichtig den Hafen unmittelbar nach einem solchen zu verlassen um das größtmögliche Zeitfenster bis zum nächsten zu haben. Und dies bedeutete wiederum mit meist gar keinem Wind zu starten, bei noch abebbender Waschmaschinensee. Perfekte Seekrankheits- und Schlechte-Laune-Prämissen also. Die ersten Tage gurkte die Dicke lustlos mit unter 3 Knoten über den Ozean. Ein neuer Tiefstrekord. Mir war schlecht. So würde es noch eeeewig dauern, bevor wir die Strömung des Mosambik Stroms erreichen würden, der am afrikanischen Festland Richtung Kap der Guten Hoffnung strömt. Andi bekam schlechte Laune. Die Segel schlugen jede Sekunde – gar nicht gut für das Material, welches es lieber mag prall gefüllt zu sein und eine permanente Last zu übertragen. Noch dazu plagten uns wieder die unsäglich dämlichen und mit kurzer Verdauung gesegneten Boobies, die sich nach einem Tag der Jagd über den Wellen abends gern einen Schlafplatz auf dem Großmast sicherten, um gut ausgeruht und ausgeschissen am nächsten Morgen ihre meerischen Jagdgründe weiter zu erkunden. Diese Boobies waren echt abgebrühte Kerle, die nur durch rohe, körperliche Gewalt zu beeindrucken waren.

Am dritten Tag der Reise kam es auf der Kama zu einem Todesfall. Heulsuse wurde zum Killer. Sie erwischte einen Boobie beim wiederholten Versuch sich auf den bereits besetzten Mast zu setzen mit ihren Flügeln und brach ihm vermutlich das Genick. Er stürzte auf das Achterdeck, kullerte dann ins Wasser, wo er – leider noch nicht ganz tot – seinen Kopf nicht mehr aus dem Wasser heben konnte und langsam auf dem Wasser treibend in der Entfernung verschwand. Ein Gefühl der Beklemmung und Enge überfiel meine Brust und meine Kehle, obwohl die Boobies schon eine Weile nicht mehr unsere Freunde waren. Ich sehe das Bild noch heute vor meinem inneren Auge und fühle die Enge in meiner Kehle…
Zuvor hatten wir mit unterschiedlichen Abschreckungsmethoden experimentiert: Andi feuerte ein paar abgelaufene Notraketen auf die Mastspitze, wo sich gerade zwei Boobies zankten. Einer wäre ja noch gegangen, aber bei zwei Mitfahrern waren unsere Messinstrumente in Gefahr. Es war schade um die Notraketen, denn die gingen den Boobies im wahrsten Sinne am Arsch vorbei. Aus meiner eigenen Erfahrung mit einem anderen Boobie, der mal direkt auf dem Cockpit gesessen hatte, wusste ich, dass nur direkte, rohe, körperliche Gewalt einen Boobie von seinem Platz runter kriegte. Und selbst dann waren sie hartnäckig, drehten zwei, drei Runden und kamen einfach immer und immer wieder. Der nächste Versuch, der dann zugegebenermaßen sogar ein bisschen Spaß gemacht hat, war die Zwille – mit Pfefferkörnern als Munition. Wieder nix. Nächstes Kaliber: Erdnüsse. Nix. Zuletzt Kichererbsen. Damit zwar die besten Zielerfolge, aber immer noch nix.

Ich war ein wenig in Zwiespalt gefangen. Meine Tierliebe und Pazifismus einerseits und die Tatsache, dass der Kot dieser Vögel (Wahnsinn, wieviel aus so einem Vogel in nur einer Nacht alles rauskommt!) sich in die Materialien ätzt und nicht beseitigen lässt und sie mit ihrem Gewicht und ihrer Größe die Instrumente auf der Mastspitze beschädigen, was für uns dann ein akutes Problem werden könnte.
Kein Wunder, dass Heulsuse irgendwann der Geduldsfaden riss, aber da hat sie dann doch irgendwie übertrieben. Sie erledigte den Job ohne mit der Wimper zu zucken. Danach habe ich erst mal eine Weile nicht mit ihr geredet. Da ihr ja schon lange nichts mehr von mir gelesen habt, hier eine kurze Erinnerung: Heulsuse ist unser Windgenerator.

Wir dümpelten immer noch im Schneckentempo über den Kanal. Sobald wir über die Mitte seien, hofften wir vom Strom erfasst zu werden und auf mehr Wind, denn dann dürften wir aus der Landabdeckung raus sein. Zum Glück hatten wir inzwischen kaum noch Welle und die Segel standen, trotz nur 7 Knoten Wind. Die Dicke braucht mit ihren 13,5 Tonnen eigentlich so um die 20 Knoten Wind, um in die Pötte zu kommen, wir konnten uns also glücklich schätzen, dass wir uns überhaupt bewegten. Dennoch hofften wir auf mehr Wind, denn noch brauchten wir den Motor zur Unterstützung.
Seit wir die Seekoje in der Achterkajüte frei geräumt hatten, schlief ich auch besser. Nur die Hitze war krass. Wir hatten tagsüber um die 40 Grad. Und ohne Wind war es eine schwüle Tortur. Drei bis viermal am Tag sprangen wir am ersten Tag noch abwechselnd, später dann mutig beide zugleich in das Bugwasser und ließen uns an einem Tau von der Dicken durch den Ozean ziehen. Hauptsache die Haie denken nicht, dass wir leckere Angelköder sind und beißen uns den Popo ab. Da checkt man lieber doppelt, ob man seine Tage hat oder eine Wunde, hahaha.
Meine eigene Laune hatte ihren Tiefpunkt in der vierten Nacht. Seit zwei Tagen lief der Motor schon ohne Pause mit. Ich ertrug weder den Lärm, der gefühlt direkt in meinem Kopf drin saß, noch die Vorstellung „unnötig“ Diesel zu verbrennen, wenn man doch ein SEGELboot hat und die Abluftdämpfe, die sich bei mangelndem Wind im Cockpit sammelten und mir zu Kopf stiegen. Andis Laune wiederum erreichte eine Nacht später ihren Tiefstpunkt. Da hatten wir nach bald 50 Motorstunden den Motor ausgeschaltet, doch der erhoffte Wind war ausgeblieben. Doch das Risiko eines leeren Tanks war auch keine Option – die tückischsten Gewässer unserer Reise standen nämlich noch bevor…da würden wir den Motor noch brauchen. Möglicherweise war für Andi in dieser Phase der Zeitdruck besonders deutlich spürbar. Er hatte einen Flug gebucht von Kapstadt nach Deutschland und das Segelrevier, das uns an der Südafrikanischen Küste erwartete, nahm keine Rücksicht auf Termine. Kein Wunder, dass er gerne besser vorangekommen wäre, um sich weniger ausgeliefert zu fühlen. Wir hatten weniger als 4 Wochen Zeit.

Hallelujah, am fünften Tag stieg der Wind von 7 auf 7.4 Knoten. Schon solche kleinen Dinge zählen auf einmal als Erfolg. Ein Glück, denn die Stimmung hatte ernsthaft gelitten. Jetzt liefen wir mit 5.5 Knoten, uns hatte wohl langsam der Strom erfasst! Und es waren nur noch 8 Meilen bis zu dem Längengrad, wo laut neuester Grippies (das sind die Windpfeile aus den Prognosen) mehr Wind sein müsste, dicht an der Küste von Mosambik. Von wegen schon ab der Mitte! Das Land ist ja schon bald in Sichtweite!
Am sechsten Tag waren wir dann endgültig auf der „richtigen Stelle“. Auf der 200m Linie (Wassertiefe) soll der Strom am stärksten sein. Bis zu 4 Knoten Mitstrom, je nach Tide, drückten uns jetzt in Richtung Südafrika, und obwohl wir teilweise keinen Wind hatten, liefen wir jetzt ganz geschmeidig mit bis zu 8 Knoten, mehr als Rumpfgeschwindigkeit!
Alle 6 Stunden, bei jedem Tidenwechsel, herrschte für 1,5 – 2 Stunden Schleudergang; alles was nicht festgeschnallt war, flog durchs Boot; wer jetzt gerade seine Ruhepause hatte, kam meist um den Schlaf. In meiner Schicht von 2 Uhr morgens bis 7.30 nahmen dann sowohl der Strom, als auch der Wind ab, bis wir nur noch 2.5 – 3 Knoten liefen. Ich rollte die Segel sogar komplett weg bis wir nur noch strömten! Ohne Motor, ohne Segel….Treibgut. Jetzt hatten wir wieder bessere Laune und aßen Bananenkuchen.

In den folgenden Tagen erleben wir ein eigenartiges Naturphänomen. Am Himmel tausend Sterne, keine Wolken und dennoch blitzte es. Einmal landseitig, einmal seeseitig. Es war wunderschön. Je näher wir nach Südafrika kamen, desto aufmerksamer mussten wir das Wetter beobachten. Andi erklärte mir die Situation: Es kann hier lebensgefährlich werden, wenn auf den Mosambik Strom aus Nordost Winde über 30 Knoten aus Südwest auftreten. Sie drücken dann gegeneinander, was dazu führt, dass sich die Wassermasse zu sehr hohen Wellen, sogar „Monsterwellen“ aufbäumen kann. Wellen von 18m seien dann keine Seltenheit. Diese Richtungswechsel vom Ostwind auf Südwestwinde können innerhalb von 30 – 60 Minuten ablaufen und dann hat man nicht mehr viel Zeit zu handeln. Immerhin kündigen sich diese Winddrehungen im Vorfeld schon auf dem Barometer an, weshalb wir jetzt den Trommelbarographen aktivierten und ihn stündlich im Auge behielten. Vor allem auf der Höhe der Küste Südafrikas, wo die Abstände zwischen den Hafenstädten recht groß sind und die Wetterbedingungen sich schnell ändern und dadurch ungenauer in der Vorhersage sind, mussten wir sehr aufmerksam sein. Wir hofften auch, dass bis dahin unsere Sailmail wieder zuverlässig Wetter abrufen konnte. In den letzten Tagen, hatte es oft technisch nicht geklappt, die Wetterstationen zu erreichen und so lag eine gewisse Hut und Anspannung in der Luft.
Ich merkte, dass ich unausgeglichen war. Ich fühlte mich gereizt, schnell angegriffen oder genervt. War gehässig und streitlustig. Andi war angespannt wegen der äußeren Verantwortungen und ich, weil ich gerne mehr Selbstbestimmung gehabt hätte. Es ging dabei weniger um unsere Rollen- und Aufgabenverteilung, ich hatte eher das Gefühl in einen Druck und Zwang hineingezogen worden zu sein, der gar nicht meiner war. Ich hatte nämlich keine Termine und ich hätte viele Entscheidungen daher wohl anders getroffen. Es schien also mehr ein Fall von „wir sitzen uns jetzt zu lang und zu dicht auf der Pelle und ich brauche einen Rückzug“ zu sein. In vier Wochen würde Andi abreisen, dann musste ich wieder alleine klarkommen und das war auch gut so. Ich freute mich darauf, ja sehnte mich danach. Außerdem hatte ich noch ein paar „unfertige“ emotionale Baustellen, an denen ich während der Segelei mit Andi irgendwie nicht weiterkam.
Trotz dieser Stimmungslage, waren Andi und ich stets ein gutes Team. Und es gab immer wieder Ereignisse, die Abwechslung brachten. Was gemacht werden MUSSTE, haben wir immer rational und in gemeinsamer Anstrengung und gegenseitigem Vertrauen umgesetzt – egal wie die Laune war. Ich vertraute ihm in seiner Seemannschaft, auch wenn meine Entscheidungen manchmal anders gewesen wären. Ich habe seine Autorität in Handlungsmomenten, die schnelle Aktion verlangten, nie in Frage gestellt und mich nie quer gestellt, denn es war nicht der Moment dafür – Kritik und Alternativen konnte man später diskutieren.
Eine dieser Abwechslungen kam am Nachmittag des 23.11, wir waren seit einer Woche unterwegs und ich saß im Cockpit während Andi sich unten in den Salon zum Ruhen zurückgezogen hatte. Für eine Millisekunde schnurrte die Angel. Ein kurzer Zug, dann war der Druck wieder weg. Weder Andi noch ich hatten gerade Lust auf die Arbeit und Andi rief mir von unten zu, dass ich die Angel reinholen solle. Ich hätte sie einfach schnell reinspulen können, doch der Jagdtrieb in mir (ist wohl doch nicht zu leugnen…) gewann Oberhand und kurbelte laaaangsam, falls der Fisch doch nochmal angreifen sollte. Auf einmal lief die Leine wie verrückt runter von der Kurbel, Scheiße! dachte ich, schnell bremsen! Gerade als ich mit einer Hand an die Kurbel langte und mein Blick aufs Meer hinter uns ging, sprang ein RIESENungetüm etwa 60 Meter hinter uns aus dem Wasser. Ein Schwertfisch! Ein Riesentier! Mindestens 3 Meter lang, der wuchtige Kopf und dann nochmal die unverkennbare Lanze von etwa 80cm. Der Leib war zum Sprung gebogen, alle Muskeln angespannt, das Tier so kräftig – mindestens 50 cm dick hinterm Kopf. Wow! Was für ein königlicher Anblick. Alles passierte in Sekundenschnelle, für mich passierte es in Slowmotion. Es ist bis heute immer wieder abspielbar. Mit einem Knall riss mir die Angel aus der Hand, knallte auf das Solarpanel, die Spule gab Ruhe aber mein Gehirn begriff nicht sofort. Ich dachte erst „Scheiße, halte die Angel fest! Aber es passierte weiter nichts, der Schwertfisch hatte sich befreit.
Gut so. Das wäre vermutlich eh nicht gut ausgegangen. Entweder wir hätten die Angelrute verloren, oder den Köder, oder den Fisch nicht schmerzfrei erlegen können, uns selbst noch verletzt, aber vor Allem: Wohin mit soviel Fisch, wenn wir ihn doch geschnappt hätten? Klar, es wäre eine Sensation, eine gute Geschichte für spätere Rumrunden gewesen. Zum Prahlen und Angeben. Aber ist es das wert? Das Leben einer Kreatur? Wir hätten womöglich einen Großteil verschwendet oder an die Hitze verloren.
Jetzt konnten wir in Ruhe betrachten was passiert war. Andi kam an Deck. Die Halterung der Angel war gebrochen, die Angel hing nur noch an unserer dünnen Sicherungsleine. Zum Glück hatten wir die! Das Panel war auch noch unbeschädigt, auch die Rute und selbst der Köder! Ein Wunder…Und in meinem Gedächtnis für immer das eingebrannte Bild dieses vor Kraft und Muskeln strotzenden Tieres, das über einen Meter aus dem Wasser springt, um sich zu befreien. Wir segelten derzeit mit exakt 7 Knoten. Genau die Geschwindigkeit von den großen Jägern Marlin und Co. Aber für uns eine Nummer zu groß.
Ich sah jetzt auch vermehrt Libellen und fragte mich, ob sie wahrhaftig so weit fliegen können oder an Bord eines Schiffes Mitreisende waren. Es waren 300km bis zum Land!

Am 10. Tag sichteten wir zum ersten Mal Land. Der Strom war uns abhanden gegangen und wir liefen leider schon wieder unter Motor. Wir hatten noch Diesel für ca. 50 weitere Stunden – all solche Dinge konnten jetzt den Unterschied machen. Für die nächsten drei Tage war kein Wind vorhergesagt, danach sollte gleich Starkwind einsetzen, aber bislang zumindest aus einer „guten“ Richtung. Falls dies zutraf, wollten wir ihn nutzen, um bis nach Durban durchzukommen und dort zu rasten. Davor gab es für uns allerdings nur einen einzigen Notstopp, nämlich Richards Bay, es wäre also schlecht gewesen, wenn die Vorhersage nicht stimmte :-S
Es kam natürlich anders als gedacht. Wir hatten doch etwas Wind und kamen sogar wieder etwas in den Strom und machten zunächst mehr Strecke als erwartet. Die neuesten Wetterprognosen sagten den Starkwind nun aber doch für SW voraus, also genau jene Konstellation, die für uns gefährlich werden konnte. Jetzt hieß es also Gas geben und zusehen, dass wir bis zum 30.11 nach Durban kommen. Es würde eine wirklich knappe Kiste werden.
Am 27.11 kamen wir in südafrikanisches Gewässer. Es waren noch 150 Meilen bis Durban, bei normalem Segelwind wären das 36 Stunden. Aber der Wind ging langsam weg, um uns laut Grippies am nächsten Tag ganz zu verlassen und am Tag darauf auf die gefährliche Seite zu drehen. Wir saßen gemeinsam im Cockpit und hielten nach Sternschnuppen Ausschau, um uns guten Wind für morgen Nacht zu wünschen. Plötzlich sah ich einen grünlichen Schweif mit orangen Sprühfunken durch de Himmel ziehen. Nicht groß, nicht lang und viel zu tief um eine Sternschnuppe zu sein. Auch viel zu nah. Der Ausruf „ein Feuerwerk“ bleibt mir im Halse stecken, mein irritiertes Gehirn brachte nur noch unter Stottern hervor: „Wasn das? Ein Leuchtfeuer? Eine Notrakete?!“ Aber danach nichts als Sterne, man sah nichts weiter…Andi schaltete den Funk und den Plotter ein, reichte mir die „Mutter der Taschenlampen“…Es bleibt aber nur ein weiterer Fall von mysteriösen Ereignissen auf See.
28.11.19 Angst.
Zum ersten Mal auf meiner Reise habe ich Angst. Angst um mein Leben. Aber die Gefahr ist nicht real, sie spielt sich zu 99 % in meinem Kopf ab. Krass wie wirklich sie ist.
In meiner Schicht von 20.00 – 0.00 passierte es. Eigentlich genau wie von den Grippies angekündigt: der Wind drehte von Ost über Nord auf NW, um erheblich abzunehmen und dann um 23.30 auf West zu drehen. Und zwar mit Kraft. Als er dann auch noch auf SW drehte, war in meinem Kopf nur noch Platz für die ganzen Horrorstories. Bilder von 20-30 m hohen Wellen, Kenterung, Orientierungslosigkeit, sprühende Gischt, die Welt dreht sich, alles fliegt herum, wir sterben. Seit Wochen hieß es, wenn der Wind auf SW dreht, seht zu, dass ihr weg kommt!
Wir hatten bereits am Nachmittag vorausschauend einige Segel gewechselt und das Schiff vorbereitet. Wir waren für Leichtwind und für Starkwind ausgestattet. Meine Schicht war etwas unruhig, ich musste mehrfach Andi wecken, um mit den Schwierigkeiten an Bord klar zu kommen und da der Wind sich im Laufe der Schicht ja quasi einmal komplett um uns drehte, hatte ich gut zu tun. Irgendwas war immer. Teile, die bei den Manövern im Weg waren, Segel, die nicht mehr gut zum Kurs passten…
Der Wind wehte jetzt mit 20 – 25 Knoten. Das war eigentlich ideal für die Dicke. Wir wussten nicht, wie sich das Wetter entwickeln würde, es hatte nicht mehr geklappt Wetterdaten reinzuholen und selbst unser Telefonjoker Henning aus Deutschland, den wir über Satellitentelefon zu erreichen versuchten, ging nicht dran. Ausgerechnet jetzt.
Der Himmel hatte sich zugezogen, es nieselte, der Wind pfiff, die See war grau und gischtig. Es wurde immer böiger. Andi übernahm die Schicht, aber ich konnte in meiner Seekoje keine Ruhe finden, um mich herum waren nur unangenehme Geräusche, die meine Fantasie fütterten, also ging ich wieder hoch zu Andi. Wir zogen unsere Westen an, pickten uns ein und liefen nach vorn, um die Sturmfock doch wieder zu setzen, falls es schlimmer wurde. Das machte bei dem zunehmenden Wellengang auch schon deutlich mehr Arbeit. Die Genua hatte sich beim Reffen mit der Sturmfock vertüddelt, hier und dort kurzzeitiges Chaos, wir mussten uns über den Lärm hinweg zubrüllen, was in meinem Kopf auch gleich „Brüllen = Gefahr“ bedeutete. Und während all dem war mir eines bewusst: DAS hier ist noch GAR nix. 30 Knoten Wind sind keine Seltenheit, das sind wir sogar gewohnt, auch Wellen von 2 – 2,5 m sind völlig normal. Man stelle sich einen Sturm vor…Arbeiten an Deck?…Exponentiell schwieriger!

Die äußeren Umstände waren noch nicht allzu kritisch. Nichts, was wir nicht schon erlebt hätten. Aber ich war extrem angespannt, grimmig, besorgt und verängstigt. Panik machte sich in mir breit und drohte mich zu lähmen. Es waren die Gedanken….Die Geschichten….Bei 40 Knoten Wind könnten sich Wellen von 20-30 m aufbauen, Wellen von 18m seien keine Seltenheit. Es war das große Unbekannte und unzulängliche Kenntnis, die mich verrückt machten. Laut der letzten Grippies, die wir hatten, erwarteten uns 12 – 16 Stunden Wind von der „bösen“ Seite. Seine Stärke übertraf bereits jetzt die Vorhersage und die war alt…Ich fragte mich wie schnell sich die Wellen aufbauen konnten. Wie stark und wir lang der Wind so sein müsste, dass es gefährlich werden könnte. Laut Seekarten und Hinweisen ist der Strom auf der 200 m Linie am stärksten. Diese verläuft nur 5 Seemeilen von der Küste entfernt. Der Rat war: dreht der Wind auf S/SW solle man sich ZUR Küste verpieseln, dort sei der Strom schwächer und es gebe keine Wellen. Das widerspricht dem natürlichen Instinkt eines Seglers und jeder inneren Überzeugung. Der würde sich mit dem Zeigefinger an die Stirn klopfen…Es bedeutet eingekesselt zu sein zwischen „Monsterwellen“ und Küste auf einem sehr schmalen Band von nur 2 Meilen. Normalerweise versucht man bei Schlechtwetter entweder rechtzeitig IM Hafen zu sein, oder rechtzeitig RAUS aufs offene Meer zu kommen, weg von der Küste und flachen Gewässern. Schließlich ist Land für ein Boot gefährlicher als Wasser. Aber hier in Südafrika würde dies nur noch mehr Lebensgefahr bedeuten. Unseren zwischenzeitlichen Entschluss bis Durban zu fahren, revidierten wir in dieser ungewissen Lage. Richards Bay, unser einziger Notstopp, lag 25 Meilen vor uns, wir würden es vielleicht in 8-10 Stunden dorthin schaffen….Meine Nerven lagen etwas blank.

Wir trimmten die Segel auf Westkurs, ran an die Küste. Ich hatte ein mulmiges Gefühl dabei. Andi schickte mich wieder ins Bett. Wahrscheinlich war ich in meinem Zustand nur eine Gefahr für sein noch rational funktionierendes Gehirn. Ich lag in meiner Koje und kämpfte mit meiner inneren Stimme und ihrer Panik. Ich schickte Abschiedsgebete an meine Eltern. Ich hab euch lieb. War den Tränen nahe… (wenn ihr das jetzt lest….Loveshower to you….es war alles gar nicht so schlimm, wie es sich für mich anfühlte…) und doch schaffte es zum Glück ein Teil von mir, sich zusammen zu halten – mich zu überzeugen, dass der größte Spuk doch nur in meinem Kopf war. Ich traute dem Boot, nur nicht den Wellen. Ich hatte Angst vor etwas, dass noch gar nicht DA war und schließlich schlummerte ich erschöpft von meiner inneren Unruhe ein. Drei Stunden später wurde es langsam hell, es hatte sich ein wenig beruhigt und sogar die Sonne drückte sich hier und da durch die Wolken. Die Wellen an der Küste waren in der Tat fast weg, dazu musste man wirklich bis auf die 50, 40, 20m Linie (!! so nah an die Küste!). Dort sah die Welt schon viel besser aus. 10 Stunden lang kreuzten wir zwischen der 40m und 200m Linie im Zickzack. Wer noch keine Manöver konnte, der durfte jetzt üben. Bei Sonnenaufgang gelang es uns endlich eine Wettervorhersage rein zu holen. Für 36 Stunden würden wir den mittelguten Ost/Nordost Wind haben, doch danach drohte ein zweites SW-Tief und DAS galt es definitiv zu vermeiden, also beschlossen wir doch wieder bis Durban durchzufahren.

Meine Angstnacht war vorbei und am 29.11 legten wir um die Mittagszeit in der Durban Marina an. Ich war völlig erschöpft von meiner gefühlten Nahtoderfahrung und wollte nur noch schlafen.
