Valparaiso

Wer mich schon vermisst hat und auf meinen Blog geschaut hat, hat sich vllt gewundert, dass er verschwunden war….oopsi… Dafür ist die miri jetzt nicht mehr in .de unterwegs, sondern weltweit. Dot com

War alles Absicht. Und ihr braucht nen langen Atem.

Valpo, wie Valparaiso liebevoll abgekürzt wird und von Amerikanern mit einem breiten „Väälpoww“ verhunzt wird, ist eine Stadt, die man nicht mit wenigen Worten beschreiben kann. Sie ist noch am ehesten schizophren. Wenn’s sowas wie multiple Schizophrenie gibt und man damit eine Stadt beschreiben könnte, dann würde dies auf Valpo zutreffen.
Dass ich ohnehin nach einigen Monaten in der Natur eine große Abneigung gegen Städte entwickelt habe, wird hier in gewisser Weise zum Konflikt, denn Valparaiso ist trotz aller Wucherungen auch eine faszinierende, anziehende Stadt und mit Sicherheit die allererste, die ich nennen würde, wenn man mich fragen würde, welche Stadt in Chile sich zu besuchen lohne. Heute, einige Wochen später, kann ich sagen, dass Valpo wie viele der anderen längeren Stationen meiner Walz, vor allem eine innere Reise war. Es ist so, als ob der Körper, wenn er nicht mehr im Äußeren reist, die Reise im Inneren fortsetzt. Aber fangen wir chronologisch an:


Mein Ziel ist es in Valpo ein Segelboot oder Schiff Richtung Polynesien zu finden, denn im September heiratet mein Vater auf Raiatea, woohooohooooooooo, Weddingtime! Raiatea hat mit Sicherheit noch nie jemand von euch gehört – schaut mal auf die Karte, dann seht ihr wie weit das weg ist. Von Chile aus sind das beinahe 9000km, uff! Ich habe mich im Vorfeld hier und dort informiert und muss mit mindestens 45 Tagen Überfahrt rechnen, plus die Zeit ein passendes Boot zu finden, daher bin ich mit genügend Vorsprung nach Valparaiso aufgebrochen, Chiles größte Hafenstadt.
Ich komme bei Sonnenuntergang an. Per Anhalter aus Santiago heraus zu kommen, war schwieriger als gedacht. Der Verkehr und die Menschenmassen bei Ankunft an der Uferpromenade sind anstrengend, weil es so viele interessante Leute gibt und man alles mit den Augen aufsaugen möchte und ich zugleich Angst habe, jemand könnte mich und meinen großen Rucksack überfallen wollen. Ich muss etwa 30 min laufen und eines muss man über Valparaiso wissen: die Stadt ist auf spektakuläre Art und Weise auf die Hügel der Küste zugeschneidert, noch nie habe ich dermaßen Steile Stufen, Straßen, Häuser und Geheimwege gesehen und an meinem ersten Tag muss ich bereits mit meinem Gepäck einen Hügel erklimmen, muss immer wieder pausieren und meiner Lunge und Schenkel eine Pause erlauben.

Blick aus Andreis Haus

Ich komme für ein paar Tage bei Andrei unter, den ich über Workaway gefunden habe und vor allem wegen der zentralen Lage zugesagt habe, denn ich will ja in den nächsten Tagen vor allem ein Boot nach Tahiti oder zumindest bis zur Osterinsel finden denn die liegt etwa auf halben Weg. Andrei hat ein ganz neues Bed&Breakfast und brauchte laut Beschreibung Hilfe beim Anfertigen von Palettenmöbeln, Streichen etc. Das klingt doch nach mir! Wir hatten kurz telefoniert und er war mir auf Anhieb sympathisch. Doch während der nächsten Tage stellte ich fest, dass ich mich ganz und gar nicht wohl bei ihm fühlte, nicht etwa, weil er doch nicht nett war, sondern weil wir keine funktionierende Kommunikation aufbauen konnten und ich ständig das Gefühl hatte etwas falsch zu machen. Letztendlich hatten wir vllt. auch unterschiedliche Vorstellungen von unserem Leistungsaustausch. Ich brauchte Flexibilität und so was wie Gleitzeit um meine Bootssuche voranzutreiben und ich hatte das Gefühl, dass ich seiner Meinung nach mehr und zu festen Zeiten arbeiten sollte, doch jedes Mal wenn ich nach Aufgaben fragte, oder meine Hilfe anbot, hatte Andrei wenig Ideen und er tat sich schwer sich welche auszudenken, weil er nicht wusste, ob ich nun nur eine Woche, oder einen Monat bleiben würde, das wusste ich ja schließlich selber nicht…Ich beschloss also nach wenigen Tagen umzuziehen und mich bei Jaime, einem chilenisch-brasilianischen Workaway-Gastgeber, einzuquartieren, den ich in der Zwischenzeit kennengelernt hatte. Das Problem bei Workaway ist, dass man oft keine Antwort erhält und dadurch vielen Gastgebern auf einmal schreibt. Im Falle Valparaisos haben mir dann unerwartet drei von etwa zehn angeschriebenen Stellen geantwortet und dann hatte ich das Dilemma umgekehrt. Schließlich habe ich bei allen dreien gewohnt 😉


Jaime wohnt am Rand von Viña del Mar, wie die Nachbarstadt (wie eine andere Welt) von Valparaiso heißt, und die zwei Städte gehen fließend ineinander über und treffen sich auf einem der Hügel, könnten aber unterschiedlicher nicht sein. Die Häuser der einen Seite des Hügels sind schon Viña, der spießige Regierungssitz Chiles, die anderen noch Valparaiso, die siffige Hafenstadt mit viiiel Geschichte, Graffitis, flippige Farben und vor allem spektakuläre Bauweisen. Von einem Stadtzentrum zum anderen hat man einen Gehweg von etwa 1 Stunde. Jaime hat hier das Haus seiner verstorbenen Mutter vor einiger Zeit geerbt und will dieses nun verkaufen. Dazu will er es noch anständig herrichten und braucht Hilfe beim Streichen, Ausmisten, Gartenpflegen, Dachrinnen reinigen etc.

Viña del Mar, das häßliche Entlein

Er ist Ende 30, hat Ingenieurswesen studiert, dann einige Jahre auf einem Flughafen gearbeitet, dann die Krise bekommen und angefangen auf Segelbooten anzuheuern, vor allem in Europa, wo er unter anderem Charterschiffe von A nach B brachte, oder als Koch anheuerte. Er war also ganz nebenbei eine große Hilfe bei meinen Erkundigungen nach Segelbooten, hatte Tipps und Ideen wo und wie ich noch nachfragen konnte und fragte in seinem Bekanntenkreis nach Möglichkeiten. Es destillierten sich drei bis vier Optionen heraus: (in absteigender Erfolgswahrschienlichkeit)
– Die „Achilles“, ein Versorgungsschiff der Marine, das zweimal im Jahr zur Osterinsel fährt und auch einige wenige Passagiere transportiert.
– Ein Segelboot
– Ein Cargofrachter
– Ein Kreuzfahrtschiff
In der ersten Woche erkundigte ich mich vornehmlich nach den ersten beiden, besuchte die Armada, das ist die Marine, traf mich mit Offizieren und Kadetten in albernen Uniformen, wurde von einer Abteilung zur nächsten geschickt. Das Ergebnis: die Achilles befördert nur Anwohner bzw. Angehörige von Anwohnern zu einem Preis von ca. 15€ täglich. Das geht ja…Die Überfahrt dauert etwa 12 Tage mit Zwischenstopp auf Juan-Fernandez (die Robinson Crusoe Insel) und würde am 17. August den Hafen verlassen. Das war mir zu spät, denn damit würde ich nur bis zur Osterinsel kommen und somit Schwierigkeiten haben ein pünktliches Segelboot nach Tahiti zu ergattern. Außerdem war ich weder Anwohner noch Angehörige und hätte die Gouverneurin der Osterinsel um eine Sondergenehmigung bitten müssen, welche in der Regel nur erteilt wird, wenn man einen gemeinnützigen politischen oder sozialen Zweck auf Rapa Nui unterstützen würde. Das würde schwer zu begründen werden…Na Frau Gouverneurin, wie wär‘s mit einem Moai aus Stahl?

Die Marine.

Parallel beschloss ich also, dass es dringend nötig sein würde Geld zu verdienen, denn ich musste damit rechnen für die Überfahrt doch Geld auszugeben, wenn auch weniger als für einen Flug, und hatte zu diesem Zeitpunkt nur noch sage und schreibe 30 Tausend Pesos, also gut 40 Euro. Und wenn ich noch ein paar Wochen in Valpo bleiben würde, bräuchte ich vielleicht auch hier und dort mal etwas Kohle. Bei den Workaways verdient man ja kein Geld, aber sie sind für mich bislang eine gute Basis gewesen, um bezahlte Jobs zu finden.
Die „Achilles“ wurde schon Ende der ersten Woche mit einem Kuli aus meinem Notizheft gestrichen. Leider nein. Frau Gouverneurin kriegt keinen Bittbrief von mir.
Inzwischen hatte ich allerlei Notizen zur Mitsegelgelegenheit notiert: Telefonnummern, Namen, Firmen, Agenturen, Adressen, Webseiten…Mit jeder Anlaufstelle kamen neue hinzu und wurden alte weggestrichen.


Am Ende der ersten Woche erkältete ich mich und interpretierte darin meine Abwehrhaltung zum Stadtleben, der Situation mit Andrei und dem Druck mit der Bootssuche. Ich hatte zwar noch Zeit bis Ende September, es war ja gerade mal Mitte Juni und ich war dennoch angespannt. Da kam mir die Einladung Udos, einem deutschen Aussteiger, dem ich ebenfalls über Workaway geschrieben hatte, sehr entgegen. Er wohnt außerhalb der Stadt im Off, im Wald an der Küste etwa 60 min südöstlich von Valpo . Ohne Strom und Internet, keine Nachbarn – das klingt nach meiner Welt, hehe. Er baut seit knapp zwei Jahren an seinem Haus – mit so vielen recycelten Baumaterialien wie möglich und Fundstücken vom Schrottplatz und im Wesentlichen mit der Arbeitskraft von Workaway-Voluntariern. Als er meine Anfrage erhielt, war er sofort der Überzeugung ich könnte gut in seine kleine Welt passen und vor allem handwerklich eine große Hilfe sein. Er hoffte wohl auf deutsche Wertarbeit…Oh je, sollte ich das riskieren? Wir einigten uns auf ein „Schnupperwochenende“ und dies kam mir mit meiner Erkältung und der Stadtflucht gerade Recht. Ich fuhr also mit einem Stadtbus 60min bis zur Endstation im Ort Laguna Verde, wo mich Udo mit seinem „Galloper“-Jeep abholte. Ich trug natürlich meine Kluft und hatte meinen Rucksack mit abgespecktem Inhalt dabei und Udo erzählte mir unterwegs (es waren nochmal ca 30-40 min Matschwaldweg) im schönsten Badisch von seinem Haus und wie es dazu gekommen war, dass er sich hier niedergelassen hat.

Die Anfahrt über Laguna Verde endet bei Regen so manches Mal im Graben.
Udos Hexenhaus und das Gästehäuschen. Alles aus Paletten, Lehm und Holz aus dem Wald

Für die folgende Zusammenfassung der Ereignisse gebe ich keine Garantie auf chronologische Richtigkeit: Er ist einige Jahre mit einem umgebauten Bus durch Chile, Argentinien und Bolivien gefahren, hat eine Weile in Bolivien gelebt und sich dort ein Grundstück gekauft, doch das Leben brachte ihn immer wieder nach Laguna Verde. Schließlich übernahm er dort von einem Deutschen ein Hostel und ließ sich dort nieder. Er verliebte sich in eine Chilenin und sie gründeten eine Familie. Sie lebten auch eine Weile in einem ausgebauten Bus im Bolivianischen Jungel und in den Sommermonaten flog er nach Deutschland und arbeitete dort als Ingenieur an verschiedenen Projekten. Irgendwann gab er das Hostel auf, auch die Beziehung ging in die Brüche (da besteht kein kausaler Zusammenhang soweit ich weiß) und es folgten einige Monate der Ungewissheit. Bis Aldo, Udos bester Freund, ihm erzählte sein Nachbargrundstück wäre frei. Das war vor zwei ein halb Jahren. Udo kaufte ca 50 Paletten, stellte das Projekt auf Workaway und mit einer Truppe von ca 12 Leuten wurden Bäume gefällt, das Fundament gesetzt und die Wände mit Paletten gezimmert. Nach und nach kamen neue Voluntarier und mit ihnen Lehm zwischen die Palettenhohlräume und so entstand ein Fachwerkhäuschen der etwas anderen Art. Udos Hexenhaus. Wunderschön und klug, mit vielen individuellen Details, weil jeder Helfer seinen Touch hinterlassen hat. Das Haus hat eine Seele und ich fühlte mich, wie damals bei Falka und Franco, auf Anhieb wohl.

Udos Hexenhaus und das Gästehäuschen. Alles aus Paletten, Lehm und Holz aus dem Wald.

Ich bekam an meinem ersten Tag eine Führung durchs Haus und das Grundstück, dann gab’s erstmal Mittagessen und nach dem Mittagessen und langen Dialogen, wie so oft in den nächsten Wochen, machten wir mit den beiden sooooooo süßen Hündinnen, Luna und Peluda, einen Ausflug zum Leuchtturm. Im Licht der bald untergehenden Sonne hatte die Küste eine magische Stimmung. Auf meiner Rechten das Meer, vor mir die zerklüftete Küste, mit steilen Hängen, mediterraner Vegetation, Möwen, Seelöwen (jaaaa!!! :-D) und zur Linken ein dichter Wald aus überwiegend Pinien und so gut wie keinen Häusern.

Plötzlich tritt man auf eine Lichtung und Bäm! drückt einem der Wind entgegen, dass man den ganzen Körper anspannen muss, um gegen ihn an zu kommen. Der Leuchtturm, klein und pittoresk, erwartet einen irgendwie freundlich und sympathisch am Ende der Landzunge auf einer Anhöhe. Es gibt ein Fleckchen, wo es windstill ist und dort warteten wir auf den Sonnenuntergang während wir eine Büchse original deutschen Bieres trinken. Prost! Danach gabs erstmal Abendbrot.
Mein erster Tag in der „Udopie“ war also super anstrengend und unentspannt 😛 Dennoch fühle ich mich auf Anhieb willkommen. Die Anspannung der Stadt in weiter Ferne, vom Winde aus dem Kopf gepustet. Es gibt zwar schwachen Handyempfang, der sogar mobiles Internet ermöglicht, aber ich will es gar nicht nutzen und schalte mein Handy lieber aus. Auszeit. Abschalten. Back to the roots. Am Abend, wir sitzen im Schein zweier Kerzen und das Feuer knackt, bringt mir Udo ein Mantra bei, mit dem er schon seit Jahren meditiert. Es ist auf Sanskrit, besteht nur aus vier kurzen Zeilen, und ich frage mich, wie ich mir das JEMALS merken soll. Ich kann mir ja noch nicht mal deutsche oder englische Texte merken. Selbst mein Schlaflied, dass meine Mutter mir als Kind jahrelang täglich vorgesungen hat, konnte ich alleine nicht singen… Ich habe in der Vergangenheit schon mehrfach versucht regelmäßig zu meditieren, noch nie mit einem Mantra, dann kommt noch mein miserables Gedächtnis hinzu! Das schaffe ich nie! Bei unserem ersten Versuch lese ich also ab. Ich tue mich schwer mit den Tönen, dem steigenden und fallenden Volumen. Doch es gefällt mir dennoch und ich nehme mir vor in den nächsten Tagen den Text zu üben.
Am zweiten Tag in der Udopie, Sonntag, beginne ich mit der Aufgabe, die Udo für mich auserkoren hat: das Frontfenster und wie Udo es nennt, die Augen seine Hauses und somit eines der wichtigsten Kunstwerke seines Waldhäuschens: „Der Diamant“.

Hier sollen Glasscheiben rein.

Meine Vorgänger haben aus Holzstämmen ein Tragwerk in den Giebel gebaut, wo irgendwann mal Fensterscheiben hinein sollen. Aufgrund der Unregelmäßigkeit der Hölzer ist kein Feld wie das andere und um die Scheiben einsetzen zu können, muss eine ausgleichende Nut hergestellt werden. Keine leichte Aufgabe!
Während ich also an der Fassade arbeite, geht Udo in den Wald, Holz hacken für den Ofen, denn nachts wird es frisch, Pilze sammeln und Klos ausleeren. Bei den Klos handelt es sich um Trockentoiletten, was bedeutet, dass sie keine Spülung haben. Um die Geruchsbildung zu verhindern hat er ein Trennsystem gebaut, wo Trocken von Flüssig getrennt wird. Hinten ein großer Eimer, der nach Benutzung mit Sägespänen aufgeschüttet wird und vorne eine Trichtersystem aus Plastikflaschen. Alle paar Tage müssen diese also geleert werden.

Das Badezimmer. Sogar mit heißer Dusche.

Es gibt zwei Toiletten, eine im Haus, die genauso komfortabel wie eine normale Toilette ist, aber bereits eine gewisse Übung und Zielgenauigkeit voraussetzt und somit für Anfänger ungeeignet ist und die Draußentoilette für die Anfänger 😉 Dort sitzt man mitten im Wald, ohne Dach und Wand zwischen den Pinien und erfährt zum ersten Mal wie toll es ist so „ausgesetzt“ und frei seine Bedürfnisse zu verrichten und einfach mal in den Wald zu pupsen :$ das ist ziemlich toll 😉

Vielleicht nicht so schön, dafür umso mehr Freude beim Stuhlgang 😉

Für meine Aufgabe starte ich zunächst den maschinellen Versuch und greife zur Flex, meiner Lieblingsmaschine. Doch ich muss schnell eingestehen, dass mit der Holztrennscheibe ein völlig unkontrollierbares Höllenwerkzeug in meinen Händen liegt und der Aufgabe nicht gerecht wird. Damit bringe ich mich nur um. Ich wechsele also zum Stechbeitel und arbeitete mich Zentimeter für Zentimeter ins Holz und muss erfinderisch werden, um abzumessen, wo später die Scheibe aufliegen wird und wo noch Material weggenommen werden muss, damit die Scheibe richtig aufliegt. Das ist nicht an einem Sonntag zu schaffen und ich verbringe erst wieder ein paar Tage in Valpo bei Jaime um weiter nach einem Schiff zu suchen.


In der zweiten Woche widmete ich mich den Segelbooten und Frachtern. Für die Segelboote machte ich einen Aushang, den ich an die Yachthäfen ans schwarze Brett heften wollte. Den ersten hing ich an den Sportclub, den zweiten an einen quasi nur per Auto zugänglichen Hafen (in Chile haben offensichtlich alle Leute, die ein Segelboot haben auch einen fetten Wagen mit Chauffeur.). Dort schwatzte ich ein wenig mit dem freundlichen Portier, der mich in seiner Wachbude zum Kaffee einlud. Zum dritten Hafen musste ich etwa 45 min fahren, um von einem diesmal wenig hilfreichen Portier leidenschaftslos begrüßt zu werden und keine 5 min später wieder in denselben Bus zu steigen, der nun seinen Rückweg antrat. Das war wohl nix. Chile ist keine Segelnation und die wenigen Leute die Segelboote besitzen, sind in der Regel Snobs, die nur kurze Ausflüge an der Küste machen. In dieser Richtung bleibt mir also nichts als Warten, ob jemand auf meinen Zettel reagiert.
Parallel hat Jaime über Facebook all seine Kontakte nach Hinweisen gefragt und alle sagen dasselbe: es ist die falsche Jahreszeit und der falsche Hafen, um nach Seglern zu suchen, die den Pazifik überqueren. Die Hauptroute ist entweder von Panama aus, über Galapagos und dann direkt nach Polynesien, oder aber von Patagonien aus ebenfalls diagonal über den Pazifik. Nur die „Notlandungen“ kommen auf diese Höhe des Südamerikanischen Kontinents und meine Chancen sind somit gering und/oder leichtsinnig.
Ich melde mich bei zwei Onlineportalen an, über die Segelmitfahrgelegenheiten angeboten werden, um nach Alternativen in anderen Ländern, z. B Peru oder Ecuador, zu suchen, doch ich bin über den Erfolg skeptisch, denn ich will nicht das Risiko eingehen mich auf einen anonymen Onlinekontakt zu verlassen, mit dem ich dann mindestens 4 Wochen auf hoher See verbringen werde. Naja, andere heiraten dann auf die Art…
Ich suche noch die Adressen der Frachteragenturen heraus und telefoniere herum, Tag für Tag streiche ich mehr Notizen durch, als dass neue hinzukommen. Am Ende bleiben nur zwei Frachteragenturen übrig und ich beschließe persönlich zu ihnen Büro zu gehen. Die erste ist die „Iorana“. Das Büro ist in Valpo und ich treffe kurz vor 14h ein. Offenbar ist die einzige Mitarbeiterin gerade zur Tür raus und ich warte zwei Stunden (!) auf dem Treppenabsatz, immerhin lerne ich so ziemlich alle anderen Büros des Hauses kennen, unter anderem einen Anwalt. Das kann auch nicht schaden. Als gegen 16h die Sekretärin der Iorana eintrifft, erfahre ich, dass die Iorana keine Passagiere befördert. Doch die Sekretärin ist sympathisch und findet meine Idee ganz cool, hatte sogar selbst mal ähnliche Pläne für eine Reise nach Brasilien und gibt mir unerlaubterweise die persönliche Handynummer des Unternehmenschefs. Ein Rapanui. Bevor ich ihn anrufe oder anschreibe, will ich mich aber gut vorbereiten. Die Frachter sind zu diesem Zeitpunkt bereits meine wahrscheinlichste Option und ich will sie nicht vertun. Kreuzfahrtschiffe gibt es zu dieser Jahreszeit nicht.
Die andere Agentur, Kuhane, soll ein Büro in Vina haben. Ich laufe hin und erfahre, dass es das Büro zwar gibt, aber nie jemand anwesend ist und schon seit Wochen niemand mehr gekommen ist. Über die Telefonnummer ist niemand zu erreichen. In den folgenden Tagen, bekomme ich alle möglichen Hinweise: Freunde, die Leute kennen, die direkt auf den Frachtern arbeiten, deren Nummern. Eine Köchin, ein Mitarbeiter… Ich telefoniere mit ihm und erfahre auch von ihm, dass keine Passagiere mitgenommen werden können. Er sagt mir, dass der Kapitän niemals die Verantwortung für mich übernehmen wird. Doch er erwähnt, dass die Cargounternehmen für die Angehörigen ihrer Mitarbeiter Spezialtarife bei der Fluggesellschaft LAN haben und überlegt, ob ich über diesen Weg an ein billiges Flugticket komme. Wieder telefoniere ich hin und her – aber am Ende landet immer ein Strich in meinem Notizheft. Nun bleibt nur noch die Antwort vom Chef der Iorana und ich stelle mich schon innerlich darauf ein, dass ich mir einen Flug kaufen muss. Da fällt mir plötzlich ein, dass die Mutter vom Tapatikönig Fer, der ja mein Freund ist, bei LAN arbeitet und unter Umständen ebenfalls Sondertarife bei der Fluggesellschaft bekommt. Da die Familie mir in gewisser Weise „ etwas schuldig“ ist, wage ich den Versuch, sie um Hilfe zu bitten und schreibe ihr eine Nachricht.


Am Ende von Woche Zwei, als ich absehen kann, dass meine Recherchen in der Stadt erschöpft sind und mir nur noch das Warten bleibt, beschließe ich ganz zu Udo in das Waldhaus zu ziehen. Ich habe ja parallel zu all diesen Umfragen bei Jaime am Haus gearbeitet. Ich habe die Dachrinnen gereinigt und repariert, den alten Lack abgekratzt und die Fassade abgeblättert, damit sie frisch gestrichen werden kann. Doch auch diesmal ändert sich ein wenig die Dynamik, als Jaime Besuch von Freunden aus Brasilien bekommt. Beim ersten Besuch darf ich in „meinem“ Zimmer bleiben und Jaime schläft auf einer Isomatte, während der Gast in Jaimes Bett pennt. Jaime fühlt sich dem Besuch verpflichtet und macht mehrere Tage Touriprogramm mit ihm, obwohl er eigentlich am Haus arbeiten möchte, was dazu führt, dass er unzufrieden und genervt ist und am Ende ich es abbekomme. Er ist launisch und unausgeglichen. Als sich erneut Besuch ankündigt, heißt es zunächst, es sei alles kein Problem, doch völlig unerwartet bittet er mich am selben Tag der Anreise anderweitig unterzukommen und setzt mich kurzfristig und mehr als unvorbereitet auf die Straße. Bei Udo kann ich erst am Folgetag unterkommen und ich muss improvisieren. Glücklicherweise habe ich zwei Tage zuvor Diego kennengelernt, ein Freund von einem Freund auf der Osterinsel. Diego hatte mich auf eine Einweihungsfeier mitgenommen und mir mit seinem Motorrad ein wenig die Stadt gezeigt.

Diego wohnt derzeit in der Wohnung seiner Exfreundin und nun darf auch ich kurzfristig die Nacht hier auf dem Sofa verbringen. Diego ist Koch und derzeit arbeitslos und genauso pleite wie ich. In gewisser Weise ist das ein Problem, da ich mich zum ersten Mal seit langem wieder halbe/halbe an den Kosten für Verpflegung beteiligen möchte, aber nur noch wenig Geld habe.

Man lernt auch beim 10 Besuch in Chile was Neues. Hier ist Marihuana was ganz normales.

Da Diego Koch ist und Wert auf gute Lebensmittel legt, gebe ich an einem Tag mehr Geld aus, als wenn ich alleine kochen würde und am Ende bleiben mir nur noch 20 Tausend Pesos – 30 Euro. Da werde ich selber unruhig und hoffe umso mehr, dass ich auch bald ein wenig Geld verdienen kann.


Mein Wunsch wird erhört und ich lerne schon am nächsten Tag den Tischler José und seine Clique kennen. Sie haben auf winzigen 15 qm eine Holzwerkstatt. Unter der Clique befindet sich Koke, der im Gespräch über meine Walz fragt, ob ich Erfahrung im Lehmbau habe und meint er bräuchte Hilfe auf einer Baustelle. Wir schauen uns spontan die Baustelle an und prompt habe ich einen Job, der nach dem Wochenende für ein paar Tage Geld einbringt. Yiiihaaaa….Der Lohn ist mit 18 Euro täglich selbst für chilenische Verhältnisse sehr niedrig, aber alles ist besser als nix und bedauerlicherweise in Valpo standard. An diesem Donnerstag Nachmittag fahre ich zufrieden mit Udo auf dem Motorrad in den Wald und bin für die nächsten Tage auf mich allein gestellt und Aufpasser, denn es wurde ein Unwetter für die nächsten Tage angekündigt und bei schlechten Straßenverhältnissen kann Udo nicht mit dem Moped heim. Das Auto ist (mal wieder) in der Werkstatt und Udo muss an der Uni lehren. Er kann also erst wieder in den Wald kommen, wenn die Matschwege anfangen zu trocknen. Ich freue mich total auf die einsamen Tage im Wald, das handwerkliche Arbeiten in aller Ruhe, das schöne Haus, das Kaminfeuer am Abend, das Kerzenlicht… Udo hat für mich alles Wichtige vorbereitet: Essen, Kerzen, Brennholz, Wasser und ich freue mich auf das Wochenende ganz allein im Wald.

Mein Schlafzimmer


Das Wochenende genieße ich in vollen Zügen und komme gut voran mit dem Fenster. Luna und Peluda sind meine neuen Freundinnen, es regnet und regnet und regnet und bei Aldo, dem Nachbarn überflutet das Haus. Bei Udo ist alles schick, weil sein Haus windgeschützter ist. Ich singe alleine das Mantra und koche und putze, gehe Pilze sammeln und trocknen, backe Brot, sammele Pinienzapfen, die perfekt für den Kamin geeignet sind und lese ein Buch über Aborigines. Herrlich! Fast wie Urlaub.

Danach folgen zwei Tage an denen ich mit dem notorisch mindestens 2 Stunden verspäteten, unzuverlässigen und stets bekifften Koke auf der Baustelle Lehmputz verarbeite. Es ist interessant, denn er treibt mich teilweise in den Wahnsinn. Weil ich alles richtig machen will, frage ich in den ersten Stunden oft nach, wie ich etwas machen soll, woraufhin er mich mehrfach testet und sagt: hey, du bist nicht meine Assistentin, sondern du bist Meister, so wie ich. Du musst es machen, wie du es immer machst. Er benutzt die Lehmziegel aus den alten Gemäuern, die während des Umbaus des aus 1880 stammenden Bauwerks aus den Wänden geklopft wurden. Er weicht sie mit Wasser auf und verputzt per Hand die Wand. Ganz ohne Kellen und Schwämme bringt er ganz dünne Schichten auf und erhält so die unregelmäßige Oberfläche der Wand. Mir gefällt die Ästhetik und ich muss zugeben, dass seine Arbeit die bislang professionellste handwerkliche Arbeit ist, die ich in Chile während meiner Reise gesehen habe. Doch ich merke auch, dass er viele Dinge nicht kann und mich gar nicht getestet hat, sondern ausnutzt, haha. Und zum anderen nutzt er meinen Fleiß, um selber Eier zu schaukeln. Die schwersten Aufgaben, wie die Montage eines stabilisierenden Holzbalkens, muss ich ganz alleine verrichten. Er hilft mir kein Stück. Er steht unter Zeitdruck mit der Abnahme des Raumes und ohne meine Hilfe wäre er ehrlich gesagt völlig am Arsch. Deshalb bin ich am zweiten- und somit Abgabetag diejenige, die ihn pushen muss, sich auch mal ein wenig Mühe zu geben. Nach all dem Einsatz meinerseits war ich leicht genervt von seiner Attitüde und wirklich sauer, als sich herausstellte, dass er mich nicht würde bezahlen können, wie vereinbart. Am Ende hat alles auf den letzten Drücker geklappt. Wieder einmal war das eine hilfreiche Lektion meiner Wanderschaft. Stück davon!

Das Haus aus 1883 wird gerade abermals renoviert


Danach wohne und arbeite ich ausschließlich bei Udo, denn alle weiteren Versuche an einen bezahlten Job zu kommen, scheitern leider. Doch immerhin bin ich bei Udo bestens versorgt, gebe kein Geld aus und genieße meine Arbeit. Tagsüber bin ich allein, da Udo gegen 7 zur Uni fährt und abends gegen 18/19h heim kommt. Manchmal kommt Aoni, Udos Siebenjähriger Sohn zu Besuch und verbringt einen Abend, oder ein Wochenende mit Udo. Zu Beginn spüre ich bei Aoni ein Desinteresse bzw. eine gewisse Ablehnung mir gegenüber, was mich verunsichert, da ich ja eh schon diesen „Kinderkomplex“ habe, wo ich immer wieder denke, dass ich für Kinder total öde und langweilig bin, bzw. umgekehrt einfach ratlos bin, wie ich eine Beziehung zu einem Kind aufbauen soll.

Jeden Abend meditieren Udo und ich gemeinsam und wer will es glauben, ich singe schon am 4. Tag ganz ohne spicken den Text richtig mit! Jaahaaa….wir singen immer harmonischer, oder in harmonischer Disharmonie, mal laut, mal leise, mal flüsternd und es ist faszinierend, wie es immer leichter wird, nach dem Gesang für ein paar Minuten die „Affen im Kopf“ still zu kriegen. Und mit Aoni komme ich irgendwann auch richtig gut zurecht (und dass, obwohl Aoni Spinnen liebt).
Nach etwa einer Woche ist meine Vorbereitung am Fenster so weit fertig, dass Udo die Scheiben bestellen kann und wir gemeinsam die Maße austüfteln. Und ein paar Tage und Experimente später kommt der historische Tag an dem die Scheiben eingesetzt werden können und Udo nach zwei Jahren im Wind scheppernder Plastikfolien nun endlich ein echtes Fenster hat. Applaus!!!


Insgesamt verbringe ich bei Udo 4 Wochen. Nach der Aufgabe mit dem Diamanten, bekommt das Bad eine Tür, die historische Eingangstüre wird von alter Farbe befreit und zu neuer (alter) Schönheit restauriert, und zuletzt setze ich die Arbeit am Frontfenster fort und setze die Streben für die letzten noch fehlenden Scheiben ein und baue die Türen für den zukünftigen Balkon. Udo macht mit mir den Kettensägenführerschein, ich baue ihm heimlich ein Schachbrett, Aoni bekommt einen kleinen Tisch und, und und…ich erreichte mal wieder den Punkt, wo ich mich selbst unter Druck setzte mit meinem Perfektionismus. Udo sagte mal einen schönen Satz, den ich nie vergessen werde und in Zukunft hoffentlich in angebrachter Dosis umsetzen kann: Übe dich in Schlampigkeit!

Die Tür vorher und nachher

Ich erinnerte mich an einen Satz über das Miteinander von Helena, die Thomas und ich in Patagonien als Anhalterin mitgenommen habe: „in der ersten Woche bist du noch ganz begeistert, nach zwei Wochen bist du von den Macken genervt, nach drei Wochen kriegst du die Krise und in der vierten Woche kommt man zu dem Ergebnis, dass es besser sei sich zu trennen“. So, oder so ähnlich ging es mir in der „Udopie“. Udo ist im Grunde ein herzensguter Mann, der mir manchmal zu viel redet, immer „Eeeeecht?!“ sagt (uups, das sage ich inzwischen auch! 😛 ), oder etwas „gar nicht glauben kann“, der jeden irgendwie für irgendwas bewundert, der viele Menschen ganz ganz toll oder süß findet, in manchen Punkten dem schwäbischen Geiz alle Ehre macht, aber andererseits gerne kleine Geschenke macht. Es war irgendwann ziemlich klar, dass er auch mich ganz ganz toll fand und er lobte mich ohne Halten (Lydia, lass dir das eine Lehre sein! Zu viel Lob ist auch verkehrt…;-)) Die Begeisterung war mir schon suspekt! Es war eine intensive und nicht ganz einfache Zeit, weil ich im gesamten Zeitraum die einzige Voluntarierin war. Schließlich drohte mir die Decke auf den Kopf zu fallen, ich fühlte mich schließlich eingeengt, angespannt und irgendwann, als auch der letzte Anker der Bootssuche – die noch ausstehende Antwort vom Eigentümer der Iorana – negativ ausfiel, beschloss ich, dass es wieder Zeit war zu tippeln. Gott sei Dank hatte mir Su, die Mutter vom Tapatikönig, inzwischen zugesagt, dass sie mir helfen würde ein Ticket von Santiago zur Osterinsel zu besorgen, und ich Anfang/Mitte August würde fliegen können. Ich wusste zwar weder wann ich fliegen würde, noch was es mich kosten würde, aber ich hatte keine Wahl, als mich auf sie zu verlassen. Es war inzwischen um den 20 Juli, also blieb mir noch mindestens eine Woche vor dem Flug zur Osterinsel und ich war fest entschlossen, diese letzte Woche nicht mehr in der Udopie zu verbringen. Da meine Freunde aus Lima schon die ganze Zeit gejammert hatten, dass ich sie auch mal besuchen kommen solle, kaufte ich mir kurz entschlossen ein Ticket nach Lima. Als einzige Verteidigung kann ich sagen, dass ich nicht weiß, wann ich wieder nach Südamerika kommen werde, möglicherweise erst in 4-5 Jahren; und mein letzter Perubesuch liegt auch schon wieder 7 Jahre zurück, was meinen Freunden gegenüber natürlich unverantwortlich ist. Das ist also Rechtfertigung genug für eine Ausnahme.

Im Nachhinein fehlt es einem schon… Dieser magische Ort, die Hänge, die Seelöweninsel…

Lima

Ich habe es getan! Mir die Haare kurz geschnitten! Schon seit so vielen Jahren spiele ich mit dem Gedanken mir mal einen Kurzhaarschnitt zu machen und wenn ich dann beim Friseur sitze, traue ich mich doch nicht. Diesmal nicht! Ich bin mutig geworden und abenteuerlustig. Ganz im Sinne meiner bisherigen Walz überwinde ich auch jetzt meine eigenen Limits. Schneid sie ab!
Prima Klima in Lima

Als ich in Lima ankomme, stehen die Nationalfeiertage bevor, die ich ganz vergessen hatte. Das bedeutet leider das Schlimmste. Die ganze Stadt ist rot-weiß in den peruanischen Nationalfarben geschmückt, an jeder Waschmaschine hängt ‘nen Fähnchen, die Radiosender bringen landestypische Musik und es gibt alle möglichen patriotischen Festakte, Militärparaden und Volksfeste. Oh je…Aber! es hat auch was Gutes…meine beiden besten Freunde Michelle und Tito haben ein langes Wochenende und somit mehr Zeit für mich.
Ich habe nur eine Woche in Lima, dieser schmuddeligen, versmogten Riesenstadt, die so wenig liebenswert ist und meine ehemalige Gastschwester Michelle holt mich am Flughafen ab. Ich habe sie seit 7 Jahren nicht mehr gesehen (es könnten auch 8 sein – wir sind schon so alt geworden, dass wir es nicht mehr wissen) und sie ist moppeliger geworden, genau wie ich haha, aber ansonsten im Gesicht immer noch genau wie früher, sogar die Frisur ist noch dieselbe (im Gegensatz zu mir, hehe). Als wir uns das letzte Mal sahen, war Michelle seit kurzem mit dem Studium fertig und hatte gerade angefangen, bei einem großen Lebensmittelkonzern zu arbeiten. Dort ist sie auch heute noch und ihr Leben hat sich in der „typischen“ Weise entwickelt, wie es sich so viele Menschen in ihrem Leben erträumen und erstreben: ein sicherer Job, gutes Einkommen, wenig Freizeit, sie hat jetzt ein schickes Auto, dass zweimal die Woche gewaschen und geputzt wird, damit es auch immer schön glänzt, sie regt sich über den Verkehr auf und über die Armen, die klauen und kriminell werden, macht aus diesem Grund an jeder Ampel die Fenster herunter und versteckt ihr iPhone aktuellster Generation in der Seitentür. Sie hat seit vier ein halb Jahren einen Freund, der seit über einem Jahr in Kanada lebt und seinen Master gerade beendet hat und sie wollen demnächst zusammen ziehen und heiraten.

Oma Doris, Mama Cecilia, Schwester Michelle und Prinz Eisenherz

Tito hat nach dem Produktdesign-Studium eine kleine Firma gegründet, die mit 3D-Druckern Prototypen herstellt und ist damit erfolgreich gewesen und konnte nun das Unternehmen vergrößern. Er ist Vollblut-Geschäftsmann und liebt seinen Job über alles. Eine Familie will er nicht, auch keine Partnerin, er ist mit sich selbst, seinen drei Mitarbeitern und seiner Firma verheiratet und verbringt nicht selten die Nacht auf dem Sofa des Büros. Vielleicht sieht er deswegen weg so erschreckend alt aus…Es ist irgendwie eigenartig, dass ich ausgerechnet mit ihm, dem Unternehmer, sozialkritische, philosophische Gespräche über die Entwicklung unserer modernen Gesellschaft führen kann, über Materialismus und Kapitalismus und wie unsere Menschheit mit beschleunigendem Tempo gegen eine Wand zu fahren scheint. Er ist offen für meine „esoterische“ Gedankenwelt und meine liebe Schwester Michelle lehnt es ab Produkte aus Vollkornmehl zu essen, weil dieses „kaum oder schlecht verarbeitetes Weizen sei, dass nicht so gut ist, wie das Weißmehl, das so schön fein und rein ist.“ Naja, sie arbeitet ausgerechnet in der Mehlproduktion des Lebensmittelkonzerns und muss drei Mehlwerke koordinieren. Vielleicht ist ihr das viele Weißmehl nicht so gut bekommen, wie sie denkt.


Am zweiten Tag nach Ankunft fahre ich mit Michelles Familie (es ist ein reiner Frauenhaushalt dreier Generationen) in einen „Country Club“ etwa 1 Stunde von Lima entfernt. Jeder Limeno der Mittel- und Oberschicht muss Mitglied in einem Club sein, um auch wirklich was zu sein. Im Countryclub unseres Vertrauens scheint angeblich immer die Sonne, egal wie pieselig es in Lima ist. Und tatsächlich, wir fahren extra früh los, um die Rushhour zu überlisten, und bei Ankunft im Club scheint die Sonne. Den Tag verbringen wir dort, es wird standesgemäß gegrillt und entspannt, um die Mittagszeit gibt es anlässlich der Feiertage einen Umzug, wo die einzelnen Gremien des Clubs, wie beispielsweise die Schachgruppe, die Tanzgruppe, die Sportgruppen, die Omis, die Opis und so weiter und so fort ihren glamourösen Auftritt haben. Jede Gruppe hatte ein Motto und dazu entsprechend „traditionelle“ Trachten aus billigem Plastik, es wurde Marinera getanzt, ein Volkstanz, auch Tänze aus dem Amazonas und aus den Anden und alles wurde von einer motivierten Blaskapelle begleitet. Es waren aber auch irgendwelche Römer und Amor vertreten, seltsame Maskottchen und fragwürdige Kreaturen…Es ist schon eigenartig, wenn man bei den Menschen Tränen in den Augen sieht und echte Rührung und tiefstes Glück, wenn ihre Landesfahne gehisst wird und die Hymne durch die Lautsprecher scheppert. Mit dieser Art Stolz werde ich mich wohl nie identifizieren können. Ich musste mich auch echt zurückhalten nicht loszulachen, als der nicht sehr talentierte Moderator minutenlang von Peru geschwärmt hat und von der schönsten Nation der Welt, mit den tollsten Bergen, den blauesten Seen, den grünsten Wäldern, und von der einzigen Nation in der man geboren werden möchte.

Die Unabhängigkeit Perus von Spanien wurde das ganze Wochenende gefeiert und meine Gastmutter und Gastoma, Cecilia und Doris, schauten sich stundenlang im Fernsehen die Militärparaden an und die Ansprachen der führenden Politiker. Stundenlang konnten sie darüber lästern, wie die dazugehörigen Ehefrauen, Töchter und Enkel gekleidet waren, zu bunt, zu sommerlich, zu zugeknöpft, zu unkonservativ. Wenn ich vorsichtig bohrte, wo genau ein Zusammenhang zwischen der Kleidung und der politischen Zukunft eines Landes bestehe, erntete ich nur eine bissige Bemerkung, dass es gegen das Protokoll sei. Und Skandal! Dass der Präsident am wichtigsten Tag in die evangelische Kirche ging und dort seine Gedenkrede hielt, statt in der katholischen Kirche, wie es sich für ein katholisches Land gehöre…Ein Unding!
Da saß ich nun am Esstisch und fragte mich, ob ich mich heute noch genauso eng mit dieser Familie anfreunden würde, wenn ich sie jetzt erst kennenlernen würde. Wohl nicht mehr so intensiv… und dann dämmert es mir, dass nicht sie sich so verändert haben in den 13 Jahren, die ich sie nun kenne, sondern ich. Doch spätestens als wir mit den Maul-Auf-Klemmen aus Cecilias Zahnarztpraxis versuchten Tabu zu spielen, waren all diese düsteren Überlegungen wieder vergessen.

Einige Tage später landete ein Artikel in meinem Postfach über die Unfähigkeit der ach so weltoffenen Menschen, tolerant zu sein gegenüber den Personen mit festen Denkstrukturen und „begrenztem“ Horizont und damit selbst in eine fundamentalistische Position rutschen. Das machte mich nachdenklich, da ich mich in einigen Punkten ertappt fühlte. Obacht!
An Essen würde es mir die Woche nicht mangeln. Seit Wochen schon hatte ich mich auf die peruanische Küche gefreut, die meiner Meinung nach eine der besten der Welt ist und in den letzten Jahren die internationale Gourmetküchen erobert. Bei Ankunft habe ich darum gebeten ausschließlich peruanisch bekocht zu werden. Ana, das Kindermädchen des Hauses kommt aus dem peruanischen Amazonasgebiet und lebt schon seit 40 Jahren in Michelles Familie. Sie hat Cecilia als junges Mädchen kennengelernt und deren drei Kinder bis heute begleitet. Sie ist ein angestelltes Familienmitglied und eine super Köchin und kocht die ganze Woche ein peruanisches Gericht nach dem anderen für mich.

Und Pisco Sour nicht zu vergessen

Ich begleite sie auf den Markt, wo es sogar Alligatorenköpfe gibt und Schlangen. Es gibt einen Heiltrankstand mit zig Terrarien und Aquarien und einem Mixer, wo der „Barman“ eine Kröte aus dem Eiswasser angelt und zu einem dubiosen Heiltrank schreddert.

Hinter ihm im Regal stehen grottig designte Schachteln mit Mittelchen für alle möglichen Leiden. Und Farben, überall Farben, Gerüche, Menschen, Pflanzen, Gemüse und Obst, dass man noch nie gesehen hat, oder noch nie für essbar gehalten hat. Kartoffeln gibt es hier in tausend Farben und Varianten, es gibt sogar irgendwo ein Kartoffelmuseum, auch Bananen! Es gibt Markthallen, wo lagermäßig 20 m lange Gänge mit 6 m hohen Industrieregalen ausgestattet sind, darin fahren Gabelstapler herum und suchen die entsprechenden Bananen – denn es ist eine Markthalle, wo es ausschließlich Bananen gibt. Pinke Bananen, Kochbananen, Bratbananen, Obstbananen. Auch Mais! Lila Mais, weißer Mais, wo jedes Korn so groß ist, wie der Zahn eines Pferdes, Mais für dieses, Mais für jenes…Der Markt scheint – es ist ein ganzes Stadtviertel – trotz des chaotischen Anscheins eine gewisse Struktur zu haben, die sich mir nicht offenbaren wird.

Wir gehen zunächst in irgendwelche Hallen, wo es Gewürze, Mehle, getrocknete Kartoffeln, Nüsse, Weizenarten, Körner und so weiter gibt. Dann gibt es Bereiche, da bekommt man Fleisch, dann gibt es Kräuter, Backartikel und so weiter. Auf den Straßen sind dann die Obst und Gemüsestände, in einem Nachbarviertel gibt’s Klamotten, Schuhe und Markenimitate zu Spottpreisen. Ich kann gar nicht alles aufsaugen und je voller es wird, desto exotischer fühle ich mich inmitten all der indianischen Gesichter und Leiber. Alle starren mich an und aus vielen Augen kann ich nicht ablesen, ob sie freundlich oder feindlich gesinnt sind. Froooind oder Feeeeind?


Am Montag lasse ich mich zum Indiomarkt fahren. In Lima war die Sicherheitspolemik schon damals zu meinen Schulzeiten ein Thema und man rät mir heute umso mehr nur mit Bekannten Auto zu fahren. Taxis sind angeblich nicht mehr sicher – selbst nicht die privaten, da sind die Busse ok, dafür aber „riskierst du darin dein Leben“ (wegen des Fahrstils). Der Verkehr, der schon immer eine Katastrophe war, ist noch schlimmer geworden, weshalb ich am liebsten laufen würde, aber das wird mir – das versteht sich von selbst – verboten. Ich staune über die Entwicklung der Stadt. Ich dachte ja schon immer „mehr Stadt“ ginge nicht, aber doch. Noch mehr Werbung, noch größer, jetzt in blinki-blinki, digital und überall, noch mehr Autos, doch nicht mehr die Blechschachteln auf Rädern, sondern glänzende, protzige asiatische Marken, noch mehr fette Geländewagen. Noch mehr Konsum, noch mehr Lifestyle, noch mehr Statussymbole. In Südamerika dreht sich alles darum, sein Geld, egal wie wenig man hat, auszugeben und (vor allem in Chile) bloß nicht zu zeigen, dass man arm ist. Hier ist Geiz nicht geil. In Peru sieht man durchaus den armen Menschen ihre Armut an, aber man kann eben auch mit weniger Geld schon den größten Scheiß kaufen.
Der Indiomarkt ist, wie der Lebensmittelmarkt, eine Explosion von Eindrücken. So viele Farben, bunte Stoffe, Souvenirs, Taschen, Kleidung, Keramik, Instruments….eine unendliche Liste. Da ich weiß, wie gerne ich durch die Hallen streife, habe ich allen anderen abgeraten mich zu begleiten. So habe ich keinen Zeitdruck. Und ich bleibe sage und schreibe 8 Stunden und begehe nur drei von etwa fünf Hallen. Ich schnacke mit manchen Verkäufern etwas länger, man muss handeln und ich mache gute Käufe. Es gibt hier soooo weiche Pullis aus Alpaka Wolle, schöne bunte Decken, Geschenke und so weiter. Da werd ich glatt ein bisschen traurig, dass ich keinen Platz habe mir selber etwas zu kaufen.
Am Ende ist die Woche ruckzuck vorbei und von allen Vorhaben habe ich nur einen Bruchteil erledigt. Typisch! Da war doch noch die Überlegung meine Schule zu besuchen und meine Abiprüfungen anzuschauen, nach zehn Jahren hat man Einblick in die Klausuren. Ja ja, zehn Jahre ist das schon her….Da hätte ich sicher gestaunt. Ich bin mir sicher, dass ich die Klausuren heute nicht mehr bestehen würde. Und vielleicht alte Lehrer treffen und ein bisschen schwatzen, die würden sicher auch denken…“oh man, was ist aus der bloß geworden, eine Wandersgeselling – nach dem guten Abi…!!“ Aber es war auch schön nur mit Michelle und Tito Zeit zu verbringen und alles etwas gelassener anzugehen. Ein nennenswerter Nachmittag war noch ein Grillfest bei Michelles Schwiegereltern. Es waren etwa 25 Leute anwesend und der erste Eindruck war: High Society. Die aufgetakelten und operierten Ladies, ein Designerhaus, alles total schick und teuer. Hausangestellte in eleganter Kleidung, die den Grill machen und die Drinks zubereiten, zwei fette Autos, ein perfekt gepflegter Rasen. Au weia dachte ich….genau meine Welt….da fühl ich mich wieder wie das fünfte Rad am Wagen. Meine dreckigen, klobigen Wanderstiefel hat man sicher aus dem All gesehen. Herrlich war die Erkenntnis, dass mit zunehmendem Alkohol die Gäste immer „normaler“ wurden, sie ihre Etikette ablegten und lustig und gelassen über die gleichen Themen diskutierten wie jeder andere auch. Es war, als ob man mit dem Reichsein auch einen Verhaltenscodex zu erfüllen habe, den man in den eigenen vier Wänden in geschütztem Ambiente dann getrost ablegen kann und ganz ungeniert „unreich“ sein darf. Das war auch mal eine nette Erkenntnis.
An meinem letzten Tag in Lima erreichte mich die Botschaft von Su, dass sie mir ein Flugticket besorgt hatte für den 9. August, in einer Woche. Ich fragte nach, wie viel ich ihr dafür schulde und fiel aus allen Wolken, als sie mir sagte es sei ein Geschenk von ihr und ihrer Familie als Dank für meine Hilfe beim Tapati vor 6 Monaten. Da war ich wieder ganz schön baff. Und natürlich auch wieder mal davon überzeugt, was sich in den letzten Monaten immer wieder zeigte: dass man Positives erntet, wo man Positives säht. The law of attraction.
So blieben mir noch 5 Tage in Santiago, meine letzten Tage auf dem Südamerikanischen Kontinent nach 8 Monaten Walz – da wird man schon ein wenig sentimental. Ich kaufte von meinen letzten 25 Tausend Pesos Mitbringsel für die Leute auf der Osterinsel und vor allem für Su und die „königliche Familie“ und reiste zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Umzugskarton im Flugzeug.

Darin alle Geschenke und Lebensmittel für die Osterinsel und in meinem Geldbeutel noch sage und schreibe 3000 Pesos. Etwa 4,50 Euro. So „arm“ war ich noch nie. Und so reich an schönen Erinnerungen.
Auf dem Weg zum Flugzeug erhaschte ich einen letzten Blick auf die Andenkordillere und schickte in Gedanken ganz viel Dankbarkeit und eine warme Umarmung an all die Menschen, die mich in den letzten Monaten aufgenommen, mitgenommen, gefüttert, begleitet haben, mich zum Lachen und zum Weinen brachten, mir Geschichten erzählt haben und mich in ihre Familien aufgenommen haben. Ihr wart der Hammer!

Miri auf der Walz.

Osterinsel die zweite

Und immer wieder was Neues

Wie oft habe ich schon erwähnt, dass ich auf der Osterinsel jedes Mal was anderes erlebe und neues erlebe, obwohl sie so klein ist und ich schon so oft da war?! Meine diesmaligen Highlights waren definitiv meine kleine Villa Kunterbunt, in der ich drei Wochen unterkam und meine sportliche Laufbahn als Ruderprofi. Nachdem ich in den letzten Monaten und all den lieben Menschen auf meinem Wege deutlich an Kilos zugelegt hatte, meine Hosen spannten, ich mich unsportlich fühlte und ich langsam nachdenklich wurde, beschloss ich abermals mit dem Hoe weiterzumachen und schloss mich einer sehr lustigen und kameradschaftlichen Anfängergruppe an. Was haben wir gelacht! Wir trainierten drei Mal die Woche und wollten uns auf einen Anfängerwettkampf vorbereiten, an dem ich auch hätte teilnehmen können, wenn nicht zuletzt das Datum verschoben wurde und wir dann stattdessen das Grillen und Biertrinken trainierten.

Aber ansonsten trainierten wir mit dem schwersten und unbeliebtesten Boot der ganzen Insel, um am Tag der Tage wie eine Rakete davon zu schießen. Am Ende bin ich nirgendwohin geschossen – aber ich hatte meinen Spaß und habe meine Liebe zu diesem Sport weiter entwickelt.
Die Villa Kunterbunt war meine last-minut Schnäppchen, von meiner Freundin Mata organisiert, denn Mera hatte mich diesmal gebeten anderswo unterzukommen, weil sie mit der vergrößerten Familie und der anstrengenden Wohnsituation mit den Nachbarn, eine gewisse Ruhe brauchte. Mata, eine bisherige Backgroundfreundin, kam mir zu Hilfe und brachte mich spontan in der Hütte ihres Freundes unter, der gerade für 4 Wochen nach Bali gereist war. Ich verliebte mich auf anhieb in seine sympathische Surferbude. Eine Terasse mit Hängematte, ein kleines Zimmer mit Surfbrettern geschmückt, eine kleine Küche. Und in der Ecke ein schwarzer Stoffschrank aus dem ein intensiver Geruch strömte…darin 8 emporstrebende Pflänzchen und eine lila Lampe. Sowas hatte ich noch nie gesehen und gerochen. Jetzt verstand ich auch, warum Mata mir am Telefon so geheimnistuerisch gesagt hatte, ich dürfe niemanden nach Hause nehmen und niemanden was erzählen. Später erfuhr ich ich hatte falsch verstanden. Nicht etwa die Polizei durfte davon keinen Wind bekommen – sondern die lieben Mitbürger. Es ist nämlich sehr weit verbreitet in Häuser einzubrechen, nur um eine gute Pflanze zu klauen. Wer hat sowas schonmal gehört – Pflanzendiebe.

Eins und zwei macht vier, la laaa la la

Ich ging noch am ersten Tag zu Sonia, für die ich schonmal auf einer Grabung gearbeitet hatte, und begann am folgenden Tag bei ihr zu arbeiten. Ich hatte ja nicht gerade viel Geld übrig hehe. Ich sollte für sie sechs Terassen schleifen und streichen und evtl. danach noch weitere handwerkliche Aufgaben erledigen. Parallel versucht ich wieder mein Glück mit den Segelbooten, aber es war niemand da und würde auch niemand kommen nach Einschätzung der ortskundigen Segler. So ein Mist. Am Ende blieb ich vier Wochen auf der Osterinsel, arbeitete davon drei Wochen bei Sonia und zuletzt eine Woche bei ihrer Schwester Viki, wo ich dann auch die letzte Woche unterkam. Viki ist außerdem Matas Mutter und inzwischen empfinde ich diese Familie als wirklich enge Freunde. Es war diesmal ein anderer Aufenhalt als sonst. Arbeiten – Geld anhäufen – Sport machen.

Vorher
Nachher

Ich schloss neue Freundschaften und „räumte“ die alten auf, die mich belasteten. Ich merkte, dass meine Lehren mit Meister Udo aus Valparaiso Früchte trugen.

Was sich auch diesmal nicht veränderte, war dieser Spagat zwischen Faszination und Abscheu der hiesigen Mentalität. Und das Gefühl, dass sich hier sehr sehr bald eine „blutige“ Revolution ereignen wird, bei der Köpfe rollen werden. Hoffentlich nur auf politischer Ebene. Der Wunsch der Rapanui ihr Eiland autonom zu administrieren ist mit derart viel Fremdenhass und Polemik verbunden, dass ich mich mit jedem Besuch unwohler fühle. Und bald, denke ich, wird es explodieren. Ich habe immer wieder Sitationen erlebt, in denen ich meine intelligenten und intellektuellen Freunden nicht wieder erkannt habe. Ich werde aus diesem Fleck Erde mit seinen ungewöhnlichen Menschen irgendwie nicht schlau. Naja, mein Chef hat immer gesagt: „Man darf ruhig dumm sein, man muss sich nur zu helfen wissen“. Das muss Trost genug sein.

Wie wird es für meine Freunde weiter gehen?
Ganz rechts Viki, meine neue Freundin

Am 12. September reiste ich zusammen mit meinem Vater, seiner lieben Leonie und einem Haufen von Freunden und Verwandten nach Papeete, Tahiti. Das würde nun endgültig der Beginn eines neuen Abschnitts werden: Ozeanien. Weddingtime. Segeltime (hoffentlich). Adios amigos de Latinoamerica – danke für die letzten 9 Monate.

Weddingtime!