Gedanken verloren

Ich habe ein paar Gedanken auf dem indischen Ozean verloren… Sie sahen ungefähr so aus:

Das ist ein absolutes Hundeleben. Ich muss schon wieder entscheiden, ob ich heute erst schlafe, dann esse, oder erst die Angel raus und dann lese. Und dann auch noch: WAS machen wir uns heute zu essen?? Und wie oft? Wir kloppen uns schon wieder um das Kochen, schließlich ist es eine der wenigen Tätigkeiten, die Abwechslung und Kreativität verschafft. Auf einmal sehnt man sich nach Heimat, macht Sauerkraut und Milchreis, Pfannkuchen und Glühwein bei 30 Grad Außentemperatur. So sind die Freunde und Familie ganz spürbar nah, auch wenn man bis zum Horizont nix als Wasser sieht.
Ah, dieser Horizont. Ich liebe ihn. Dieser „Raum“. Ob er leer ist oder weit, ich kann es nicht sagen. Mal das eine, mal das andere. Oder genau das, wie man sich gerade in der Seele fühlt oder braucht. Meter für Meter kann man nicht weiter sehen als vorher und wenn auf einmal ein anderes Schiff dieses Reich, mein Reich, betritt, ist es fast wie ein unliebsamer Eindringling. Andererseits ist es wundervoll wenn man über Funk ein nettes Gespräch mit einem Frachter führen kann. Ein paar Minuten schnacken ist schon ganz nett, dann hat jeder wieder seine Wasserscheibe für sich. Der Chinese neulich fragte sehr interessiert, wie wir an Essen und Wasser kämen und bedauerte sehr, dass bei ihnen an Bord nur Männer seien, haha. Ich fragte nach der aktuellen Wettervorhersage und er sagte das Wetter sei die nächsten paar Tage gut. Uns ereilte in der Nacht eine anderthalb tägige Regenfront inklusive Kreuzsee und böigen Wetterlaunen – so sieht also gutes Wetter für jemanden aus Hong Kong aus. Vielleicht hat er nicht daran gedacht, dass wir lahme Enten sind, sein Wetter sah vielleicht die nächsten Tage gut aus, weil sein Kahn der Regenwalze vorweg eilte.

Die erste Woche nach Abfahrt aus Kokos Keeling zeigte sich der Indie noch von einer ungewöhnlich freundlichen Seite. Aber nach dem Bergfest wurde er seinem Ruf nach ungemütlichen Überahrten endlich gerecht. So sieht ganz nebenbei „schönes Wetter“ aus, das uns von dem chinesischen Frachter versprochen wurde. Mehrere Tage Regen 😛
Wiedersehen mit einem bekannten Gesicht mitten im Indie.

Ganz besonders war es, als wir eines Tages unserem Freund FRIDA begegneten. Das ist schon selten und ein Hochgefühl auf einem so großen Meer jemanden zu treffen, den man kennt. Tage lang hatte ich ein Licht hinter uns gesehen, es musste ein Segler sein, so wie das rauf und runter ging. Offenbar hatte Frida uns mehrfach angefunkt, wir hatten unsere Funke aber aus, um Strom zu sparen. Irgendwann tauchte sie dann hinter uns auf…Mal wieder durchgeballert, der Herr. Drei Wochen hatten wir uns nicht gesehen, seit Bali, am Ende hat er uns noch überholt und kam als erster an.

Frida kommt von hinten „angeballert“.
Unter anderen Umständen erschreckend, diesmal aber gefeiert: Frida hat uns eingeholt.
Lustige optische Täuschung. Frida säuft ab?

Heute Nacht ist es pechschwarz. Nachts ist mein Horizont, dieser „Raum“, nun gar nicht mehr greifbar. Man hört ihn nur. Das ist mulmig, man sieht die Hand vor den Augen nicht, in dieser Nacht auch keine Sterne. In den letzten Nächten staunte ich wie viel Licht selbst ohne Mond nur von den Sternen und der Milchstraße ausgeht. Ich schaue lange hoch, meist schlafe ich irgendwann ein, aber mein Wecker klingelt ja alle 20 Minuten für mindestens vier oder fünf Stunden. Dann übernimmt Andi.

Lange nix gegessen.

Ja, wir bewegen uns zu wenig und essen zu viel. Die „Barfuß-Route“ mit den Passatwinden hat bisher sehr, sehr barfüßig ausgesehen. Aus meinem Vorsatz „heute mal FDH (friss die Hälfte) zu machen“ wird, wie immer, nix. Eher fress ich das Doppelte. Es gibt kaum etwas das uns mehr beschäftigt als das Essen. Ich überlege mir schon, wie ich die nächste Gourmetkreation aus dem Ärmel zaubern kann. Andi und ich steigern uns da richtig in eine Art Wettstreit rein. Ich überlege schon seit Tagen wie ich zu meinem Geburtstag Rumkugeln machen kann. Sabber.
Als nächstes überlege ich mir dann, während ich meine Siesta genieße, wie ich die Fettpolster dann verschieben kann. Vom Rettungsring an der Hüfte eine Etage tiefer in den plattgesessenen Hintern wäre topp.
Menno, sind schon wieder 6 Stunden rum? Schon wieder Logbuch schreiben?!?  Oh Mann ist das anstrengend! Immerhin, am Segel haben wir heute und auch in den letzten Wochen nix gemacht. Geht doch. Wieder ein paar Bewegungen gespart ^^
Man wird manchmal ganz schön lethargisch. Die Klettermuskeln sind schon lange weg. Aber ich zwinge mich immerhin regelmäßig zu ein wenig Gymnastik. Kniebeugen, laufen auf der Stelle, Yoga….gar nicht so einfach bei dem Geschaukel. Muss dabei an einen Filmclip denken: zwei Freundinnen unterhalten sich über ihr nächstes Workout. Sie gehen heute mal wieder zu Bauch-Beine-Po. Der Freund hört im Hintergrund zu und fragt leicht genervt, „könnt ihr nicht mal Titten machen?“.

Während meiner Wache gucke ich Sterne, versuche ihre Wanderungen nachzuvollziehen. Versuche Sternbilder zu erkennen. Wenn Sie nach ein paar Wolkennächten wieder da sind, freut man sich, als ob man alte Freunde endlich wieder sieht. Oder ich meditiere. Schreibe Tagebuch. Massiere mich mit meinem neuen Massagestick. Lasse die Gedanken schweifen, schwelge in Erinnerung, besuche in Gedanken die Menschen, denen ich begegnet bin, frage mich, was die Zukunft bringt. Das ist neu jetzt, denn seit Australien reise ich ja nicht mehr „weiter“, sondern „zurück“. Das fühlt sich eigenartig an.
Tagsüber übe ich Knoten, oder spleiße,  denn ich will im nächsten Hafen versuchen ein paar Kröten zu verdienen, indem ich Softschäkel verkaufe. Ich lese viel. Sachbücher über das Segeln, auch Seglerberichte aus den 70ern und 80ern. Koche. Wir backen unser eigenes Brot, machen unseren eigenen Käse (den kann man auch essen, wenn ich ihn nicht aus Versehen bei einer Welle im ganzen Boot verteile…), Marmelade, fermentieren Sauerkraut… Fischen. Wenn einer anbeißt, kommt Schwung in die Bude. Jubelnd nehmen wir unsere eingespielten Positionen ein. Ich an die Kurbel, Andi an die Reling. Handschuh, Gaff und Messer liegen bereit. Heute war es doch tatsächlich ein Holzstamm. Der lässt sich besonders leicht erlegen, nur kommt sein Nährwert nicht so recht an den Fisch ran. Da ist weit und breit nix, zwei Wochen lang absolut NIX im ganzen Indischen Ozean und da schaffen wir es ausgerechnet das einzige Hindernis, das es überhaupt gibt, mit der Angel einzufangen. Menno. Hatten uns schon auf einen Mahi Mahi gefreut.

Ein Ast! Lecker! Und dieses unglaublich blaue Blau….
Normalerweise mangelt es uns NIE an Fisch. Wir fischen zwar nur soviel wir brauchen, aber wenn wir brauchen, dann ist auch stets was da. Diesmal nicht. (Das it ein Foto von anderswo).
Der Indische Ozean ist LEER. Das gibt zu Denken. Keine Fische, Keine Vögel, nur Holzstämme ^^ (und leider auch zahlreiche winzigen fliegenden Fische, die leider auf unserem Deck verenden. An einem Morgen zähle ich 28. Wäre ich ein fliegender Fisch, würde ich mir einen würdigeren Tod als das Austrocknen auf der Kama vorstellen. Dass sie genauso fühlen, sehe ich in ihren weitaufgerissenen Augen… 🙁

Wenn es aber mal ein Fisch ist, dann geht es anders zu. Am Heck kommt er, manchmal nach recht langem Duellieren (einmal fast ne Stunde), aufs Deck und in einen großen Eimer. Bevor Andi mit dem Messer am unteren Ende der Kiemen eintaucht und ins Herz sticht, danke ich dem Fisch für sein Leben und verspreche sein Fleisch nicht zu verschwenden und dankbar zu genießen. So gehört sich das. Es ist für mich nach wie vor keine Kleinigkeit ein Leben zu beenden. Es nimmt mich jedes Mal mit. Die Rapa Nui zeigten mir ihr Dankesritual und es ist für mich ein fester Bestandteil der Handlung geworden. Ich fische inzwischen sehr gerne, aber nur, wenn wir noch Fisch brauchen. Neulich war ein kleiner dran. Wir gaben ihn dem Meer zurück mit der Aufforderung sein Leben noch ein wenig zu genießen, zu wachsen, Eier zu legen, sein Wissen weiter zu geben und zu reisen. Er war noch zu jung.
Inzwischen esse ich kaum noch Fleisch, verzichte lieber darauf, denn mir fallen kaum noch Gründe zur Rechtfertigung ein. Und wenn, dann bevorzuge ich das wilde oder freilebende, selbst-erlegte, wie der Fisch eben. Ich habe dann einen Bezug dazu, baue für einen kurzen Augenblick ein unsichtbares, aber sehr starkes Band mit dem Wesen auf, was dazu führt, dass ich es sehr bewusst und voller Dankbarkeit esse. Davon kann nicht die Rede sein, wenn ich zum zehnten Mal auf einem gesichtslosen gummiartigen Supermarkt-Steak herumbeiße. Manchmal ist das Fleisch weg und man hat gar nicht registriert, dass man ein Lebewesen gegessen hat. Natürlich ist es etwas anderes, wenn ich irgendwo zu Gast bin und meine Mahlzeiten nicht selbst zubereite. Ehrengäste bekommen eigentlich immer Fleisch.
A propós, es ist beschämend wieviel Fleisch (neben dem ganzen anderen Mist natürlich) die Supermärkte entsorgen. Vergeudete und ungewürdigte Leben, meistens noch nicht mal glücklich gelebt. Mal ehrlich, was ist schlimmer: Jemand der sich nimmt und sinnvoll verwertet, was andere sowieso nicht wollen und wegschmeißen (beim Containern), oder jemand der maßlos und rein konsumorientiert fehlwirtschaftet und unnötig wegwirft, was noch brauchbar ist? Für mich ist klar, die falsche Seite wird hier als krimineller Abschaum dargestellt. Da gibts noch viel zu tun. Ich könnt mich scho wieder uffrege…
Einatmen, ausatmen.
Das kommt davon, wenn man so viel Zeit zum Sinnieren hat. Man hat das Gefühl viel klarer zu sehen.
Wahrscheinlich zwingt man uns deswegen ins Hamsterrad.
Dann hat man nicht genügend Abstand für die klare Sicht auf das Bild, das sich dort auf der Leinwand entfaltet.
Ja, auch dieses abtrünnige Denken gehört wohl zur Ausbildung eines Piratenlehrings und zur geistigen Entwicklung eines Wandersgesellen bzw. eines Reisenden im Allgemeinen. Wer seine Wanderjahre beginnt, hat dermaßen die Hosen voll vor so viel Loslassen. Hysterisch schüttelt man den Kopf, wenn die Älteren sagten „Loskommen ist einfach, das Heimkommen ist schwer.“ Jetzt so langsam dämmert es einem. Bald wollen wieder alle was von dir.

Nun gehörte das Reisen schon immer zu meinem Leben, ganz fremd ist mir dieses Weggehen und Zurückkommen also eigentlich nicht. War nun schon mehrfach diesem lähmenden Wiedereingliederungsschock und der beleidigten „DrübenistdasGrasabergrünerDepression“ ausgesetzt. Dass dort Drüben das Klopapier nur einlagig ist und sich schon vor Gebrauch wieder in seine Einzelzellen auflöst und auch andere Dinge nicht perfekt sind, wird beflissen unter den Teppich gekehrt.
Doch diese letzten drei Jahre haben mich wohl besonders stark geformt.  Ein „zurück“ im wörtlichen Sinne kann es daher gar nicht geben. Wieder nur ein Weiter. Aus mir kann man keinen sesshaften Menschen machen, der ein „normales“ Leben führt. (Über das Verständnis von „normal“ wird hier wohlwissend nicht weiter eingegangen). Und die größte Angst ist wohl die, möglicherweise nicht akzeptieren zu können, dass die Mehrheit der Gesellschaft einen nicht mehr akzeptiert. Es ist wie das Ende einer Beziehung, wo man sich bedrückt eingesteht, dass man sich auseinander gelebt hat.
Wenn es doch nur die Massen-Gesellschaft, die Behörden wären. Auf die kann ich auch verzichten, genau das habe ich ja jetzt hinlänglich erprobt. Ich freue und fürchte mich aber vor allem vor dem Wiedersehen mit Freunden und Familie. Vor den wichtigsten Menschen im Leben. Was ist, wenn man sich auseinander gelebt hat und sie nicht verstehen, dass man nicht mehr zurück kann ins alte Leben? Dass man einen anderen, ungewöhnlicheren Weg gehen wird, weil man nicht anders kann…
Es wird nicht leicht.

In dem einen Buch, das ich von einer Seglerin aus den 80ern lese, schreibt sie über ihre anstehende Heimkehr „Bin nur gespannt, wie ich zurückfinden soll in ein von gesellschaftlichen Normen bestimmtes Leben – und was mir bleiben wird von der Freiheit der See.“ Sie spricht mir aus dem Herzen…Seufz.

Kann mal jemand das Thema wechseln?! Also heute gibt es dann wieder Hefezopf, gell? 😀

Am 29.09 verbuchen wir unser „Bergfest“. So nennt man es, wenn man die Hälfte geschafft hat. Ab jetzt wird es jeden Tag ungemütlicher, windiger, welliger. Der Indie wird seinem Ruf langsam gerecht. Zwar bei Weitem nicht so furchtbar, wie angekündigt, aber trotzdem irgendwie wie Waschmaschine. Wir segeln immer schneller, kommen bald mit 7-8 Knoten voran, später sogar mit bis zu 10. Aber dieses Geschaukel! Vor ein paar Tagen habe ich mir noch gewünscht, dass ich seglerisch mal mehr gefordert werde, jetzt ist es soweit und ich find’s ätzend. Besonders spannend finde ich, dass man selbst auf hoher See den Gezeitenwechsel spürt. Wenn die Tide kippt, dann ist das Geschaukel am schlimmsten.

In mein Tagebuch schreibe ich zum Bergfest:
Verweichlichte Piraten sind wir. Es hat den ganzen Tag geregnet, oft mit über 30 Knoten gepustet, der Wellengang verlangt Mithilfe. Früher hätte man das am Ruder durchstehen müssen, den Wind und das Wetter ertragen. Wir verriegeln unsere Kuchenbude, es wird stickig und man sieht wenig, der Autopilot unterstützt unsere Windsteueranlage Lisbeth, während wir unter Deck versuchen einen Happen in den Mund zu kriegen. Welch Unterschied schon zwischen 15 und 25 Kt liegen! Bei 25 Kt ist es ja schon eine Herausforderung eine warme Mahlzeit zuzubereiten, geschweige denn sie zu servieren! Ich war heute kein einziges Mal draußen! Pfff…Gestern noch geschrieben , dass ich mir Action beim Segeln wünsche – da krieg ich sie und mache es mir noch bequemer!
Die STBD-Genuaschot ist schon total durchgeschuppert. Ich war ja für Handeln, ehe es mitten in der Nacht reißt und Chaos stiftet – aber Andi sagt die hält. Teu teu teu! (Sie hielt.)

Es bleibt bis kurz vor unserer Ankunft rau. Nichts dramatisches, oder gar gefährliches, einfach nur Ungemütlich. Drei Tage vor Ankunft, am 2. Oktober schreibe ich:
Was für eine beschissene Nacht. Da kam wohl einiges zusammen. Das Wetter, die Wellen, mein zu spät getrunkener Chai. Ich konnte die ganze Nacht kein Auge zu tun. Während meiner Wache ging es noch so mit dem Halbschlaf. Doch es wurde immer böiger, ich wollte umschalten auf Autopilot. Eine Welle pfefferte alles Mögliche durchs Cockpit, ich tastete im Dunkeln nach der AUTO-Taste, wartete auf den richtigen Moment, in dem der Windanzeiger den gewünschten Winkel hatte. Wollte dann aufräumen, doch der Winkel passte noch nicht, den muss ich nachbessern. In der Finsternis und bei dem Schaukeln muss ich aber aus Versehen die STANDBY-Taste gedrückt haben, denn auf einmal holte die Dicke nach Stbd. aus und wurde immer rasanter. Scheißdreck, wo ist die Lampe?! Fummelte mich so ans Ziel, dann riss uns eine Welle rum, ich blieb mit dem Fuß am Bodenbügel hängen, die Zentrifugalkraft tat ihr Übriges und schleuderte mich um meinen Angelpunkt mit der linken Hüfte auf die Sitzbankkante. Aua! Verdammte Hacke! Später lag ich unten auf der 40 cm breiten Saloncouch (mein Dauerbett auf Überfahrten, da es dann in meiner Koje einfach nicht geht…Dort bekomme ich nur Rückenschmerzen von dem ganzen Geschaukel.) Gerade war ich eingenickt, als ich mit einem lauten PLUMPS auf dem Boden aufwachte. Wie in einem Comic, mit dieser Sekunde des Schwebezustands….Da kriege ich schlechte Laune…jetzt tut auch noch die Schulter weh, Menno….

Am 3. Oktober stoßen wir mit einem Rum auf den 30 jährigen Mauerfall an. Normalerweise juckt mich das Datum ja wenig, zu wenig habe ich vom geteilten Deutschland mitbekommen, aber dieses Jahr ist es anders. Nicht nur, weil es ausgerechnet 30 Jahre sind, sondern auch, weil ich gerade in dem Seglerbuch davon lese, wie sich die deutsche Autorin, Einhandseglerin, damals damit auseinandergesetzt hat. Es hat sie sehr beschäftigt. Das Ereignis selbst ist zwar für mich schwer greifbar (obwohl ich damals „dabei“ war), aber die Emotionen dafür umso mehr. Durch die Isolierung auf dem Meer noch verstärkt. Mitreißend, berührend, spiegelnd. Ich bekomme eine Kloß im Hals. Und zur Feier des Tages gibt’s „nen Dusch“. Sogar die Fußnägel werden mal wieder geschnitten ^^ und mit Andi unterhalte ich mich darüber, wie er damals die Wende miterlebt hat.

Am vierten Oktober erlebe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Geburtstag auf See. Es ist was Besonders für mich und ich genieße dieses Geschenk des Lebens von so außergewöhnlichen Momenten gesegnet zu sein. Immer und immer wieder, wie auch an diesem Tag an einem besonderen Ort zu sein. Meine Rumkugeln sind auch gar nicht so schlecht geworden! 😛

Am 6. Oktober taucht eine Insel vor uns auf. Es ist die Insel Rodrigues, die zu Mauritius gehört. Andächtig saßen wir beide da. Lange. Schweigend. Viel schneller kam die Insel an den Horizont, als wir erwartet hatten, nämlich noch im Dunkeln. Um 5:50 Uhr weckte mich Andi. Nicht nur FRIDAS Licht war zu sehen, sondern noch zwei. Ich dachte erst es sei ein Frachter, doch im Fernglas erkannte ich noch viel mehr, verteilt in die Breite und die Höhe, trotz der Schwärze wie eine Silhuette. Land. Weil Sonntag ist und Extragebühren zum Einklarieren erhoben werden, wollten wir eigentlich erst am Nachmittag einlaufen – nun waren wir viel zu früh! Wir rollten die Genua weg bis nur noch ein kleines Taschentuch stehen blieb. Allein mit unserem Besan, dem Segel am hinteren und viel kleineren Mast, schaukelten wir noch mit 3.3 Kt vorwärts. Noch 23 Meilen.

Wenn man länger auf See war, dann ist so ein Landfall ein überwältigendes Ereignis für die Sinne. Alles sieht gestochen scharf aus. Für die über viele Tage entspannten Augmuskeln sehen alle Farben so kräftig aus; selbst diese trockene, mediterran anmutende Landschaft. Es gibt mehr Büsche als Bäume, kurzes vetrocknetes Gras. Doch selbst diese erdigen Farben verschlingt das Auge mit Wohlgenuss. Selbst sie sind intensiv und kräftig.
Wir sitzen da und saugen alles auf, brauchen nicht miteinander zu reden. Es versteht sich von selbst, dass jeder gerade in seiner eigenen Blase schwebt.

Wir können den Pier noch nicht sehen, da bekommen wir über Funk eine bekannte Stimme zu hören. Joe und Claire. Die Franzosen und Spanier sind auch schon da – unser Partytrupp von Kokos Keeling wartet schon auf uns, haha. Na, das kann ja wieder was werden….Das wird ein Wiedersehen! Ich freue mich schon auf die lustige Räuberbande und hoffentlich ein gemütliches Gettogether zum Geburtstagnachfeiern. Ich hoffe ja auf ein Lagerfeuer am Strand 😀

16 Tage auf See. 2300 Meilen. Das ist ziemlich schnell für unsere Dicke.
Mit Ankunft auf Rodrigues haben wir den längsten Streckenabschnitt zwischen Vanuatu und Südafrika bewältigt. Wenn ich mich nicht täusche meine längste Hochsee-Überfahrt bisher, Töröh!

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