Patagonien

Der Beginn unserer Reise, Bariloche

Uff, wie schon wieder die Zeit vergeht!!! Obwohl ich „nur reise“, habe ich selten die Muße meine Erlebnisse aufzuschreiben und doch kommt es täglich bestimmt 5mal vor, dass ich aufgeregt denke, „oh ja! Das muss ich auch unbedingt in den Blog schreiben!!“
Nach der Osterinsel habe ich mich mit Thomas in Bariloche getroffen. Wir kamen am gleichen Nachmittag an und schon auf den ersten Metern argentinischen Bodens fiel mir auf, wie anders die Argentinier von den Chilenen sind. Ich hatte ja in einem meiner ersten Berichte erzählt, dass ich in Santiago direkt damit konfrontiert wurde, dass die Lateinamerikaner ein anderes Temperament haben und mich in der Schlange einfach immer überholt haben, sprich das Konzept einer Schlange nicht kennen. Ganz anders die Argentinier, weshalb ich also meine Aussage korrigieren muss, dass es am lateinamerikanischen Temperament liegt, es scheint ein chilenisches „Problem“ zu sein. Die Argentinier sind wie die Engländer, extrem höflich, entschuldigen sich für alles, selbst wenn du ihnen auf den Fuß trittst entschuldigen sie sich für die Unhöflichkeit, ihren Fuß dort gehabt zu haben, wo du grade wie ein Elefant draufgetrampelt bist, sie sind bei der ersten Begegnung stets hilfsbereit und irgendwie so „leicht“, als ob sie erstmal völlig positiv und unvoreingenommen abwarten was du machst, bevor sie sich eine Meinung von dir bilden. Die Chilenen sind immer gleich so impulsiv und invasiv, entweder im positiven oder negativen Sinne, sie respektieren nicht die Grenzen der anderen, bzw denken einfach nicht daran, dass es welche geben könnte und sie wirken dadurch so „schlecht erzogen“. Auf jeden Fall herrschte in Argentinien eine andere Atmosphäre. Ist doch irgendwie alles komisch mit diesen Grenzen, die wir doch nur in unseren Köpfen und auf dem Papier haben,  und dennoch kann man es wahrhaftig spüren…

Mein erster Gletscher, Cerro Tronador, bei Bariloche.

Auf jeden Fall hatte Thomas ein Auto gemietet und nahm mich für die nächsten zwei ein halb Wochen als Tramperin mit auf seine Patagonien-Reise 😉 😛 wir machten Wanderungen, vergaßen dass man Autos auch tanken muss, bestiegen Gipfel, hielten Hunde für Elche, durchquerten barfuß eiskalte Gletscherbäche, 

verirrten uns im Wald, weil wir abseits der üblichen Pfade laufen wollten, aßen unverschämt viel argentisches Rind, das hier so billig ist, wie in Deutschland Bier, nahmen Tramper mit, um mein Karma für meine eigene bevorstehende Odyssee aufzustocken, haben Gletscher unglaublicher Schönheit besucht und einige Tiere in der Weite der patagonischen Steppe gesehen, während man stundenlang auf der Ruta 40 (das argentinische Pendant zur Route 66) fuhr und das Gefühl hatte, es ändere sich nicht viel an der Landschaft, obwohl man 800 km gefahren ist. Und viel gelernt, ich zumindest, Thomas weiß ich nicht 😛 Über Flora und Fauna, Gletscherbildung, Wetter, Entfernungen und Tankstellen, Geschichte… Wir waren noch nicht mal am Ende unserer Route angekommen, da hatten wir schon 2400 km hinter uns gebracht. Das ist für argentinische Verhältnisse ein Klacks. Wenn jemand behauptet er wohne „in der Nähe von dem Ort XY“, kann das locker bedeuten, dass er 1000 km davon entfernt lebt 😛

Als wir losfuhren und die Berge der Steppe wichen, wunderten wir uns über das Fehlen von Tieren. Kein Vogel, kein Hase, kein Reh… Irgendwann tauchten Strauße auf. Was?! Ich Schlaue hab auf meinem Handy Offline -Wikipedia und musste das sofort nachschlagen, denn es wurden immer mehr und es wurde uns klar, dass es wilde und keine domestizierten Strauße waren. Mein schlaues Handy sagte es seien Ñandus, eine kleinere und etwas andere Verwandtschaft des afrikanischen Straußes. Es gesellten sich die aufmerksam aus der Wäsche schauenden Guanakos dazu, und selten mal ein Kondor, der minutenlang ohne mit den Flügeln zu schlagen durch die Winde segeln kann. Sogar ein Gürteltier lief vor uns über die Piste. Im Laufe der Fahrt kamen noch Hasen, Füchse und zahlreiche Raubvögel hinzu, mal ganz abgesehen von den Kälbern und Schafen, die hier auf der Patagonischen Steppe grasen. Sie sind so zerstörerisch, dass pro Hektar nur ein Schaf gehalten werden kann, bzw pro 4 Hektar ein Rind, krass oder? Kein Wunder, dass über Tausende von Kilometern nichts ist, sie brauchen die ganze verdammte Fläche für die Viecher! Wahrscheinlich ist die Bevölkerungsdichte der Kühe wesentlich größer als die der Menschen.

Schafe, der Grund dass sich hier irgendwann die Europäer niederließen.
Guanakos.
Kühe?
Das Tal zur Cueva de las Manos
Die Hände, die in vielen Geschichtsbücher zu sehen sind. Sie sind ca 9000 Jahre alt. Bis auf wenige Ausnahmen sind fast alles  linke Hände. Es gibt noch Jagdszenen, Guanakos, schwangere Guanakos, geometrische Figuren und eine Echse.
Manche Tankstellen waren hunderte von Kilometern von einander entfernt, was an Tag 2 zur Entscheidung führte einen 20l Kanister zu besorgen, nachdem wir an Tag 1 beinahe leer gefahren sind.

Wir erreichten nach dem dritten Tag auf der Piste das Örtchen El Chalten, das ein Kletter- und Wandermekka ist. Dort versuchen alle den Fitz Roy Gipfel zu sehen, der fast immer in den Wolken hängt. Wir hatten Glück und ihn am Tag unserer Anreise gesehen, danach waren wieder einige Tage schlechtes Wetter und ich hörte Leute jammern, die schon mehrfach die lange Reise dorthin angetreten hatten und ihn wieder nicht zu Gesicht bekamen, vllt aber auch nur, weil sie mit ihren Ponchos kämpften, die im starken Wind in ihren Gesichtern klebten, statt ihren Körper zu bedecken.

Wanderung zur Laguna Torre, kein Fitz Roy 🙁
Während ich so durch die Landschaft schreite, staune ich über die unzähligen Grüntöne. 50 Shades of green…

Ja und das übliche Phänomen, dass man an solchen Touristenorten erlebt: 80 Prozent der Besucher scheinen Deutsche zu sein und man findet es immer nur peinlich und will nicht, dass sie merken, dass man auch einer ist. Und die Amerikaner! In den Restaurants immer die lautesten, best gelauntesten, so dass man es auch schon nervig findet…Ja ja, Verallgemeinerungen 😉
Danach kam Calafate dran, unsere letzte gemeinsame Station und glänzende Höhepunkt dank des Gletschers Perito Moreno. Es gibt auf der ganzen Welt drei bedeutende Eisflächen, die nicht unwesentlich das Weltklima beeinflussen: Antarktis, Nordpol und das Patagonische Eisfeld, dass sich über 350 Kilometer über die Südanden erstreckt und an beiden Seiten der Berge hunderte von Gletscherarme bildet. Viele sind schlecht zu erreichen, der Perito Moreno jedoch bildet ein natürliches Theater.

Sein Ende ist eine 40-70 m hohe Eiswand, mehrere Kilometer breit, die direkt gegenüber einer Halbinsel in einen Gletschersee stürzt, so dass man aus etwa 200m Entfernung das Naturschauspiel beobachten kann.Täglich bewegt er sich bis zu 2m vor, dabei brechen die Wände ab und bilden Eisberge im See.

Oben in den Bergen bildet sich der Gletscher nach. Der Perito Moreno befindet sich derzeit als einer der wenigen Gletscher im Gleichgewicht. Er bildet genauso viel Masse nach, wie er verliert. Alle paar Jahre wird er so lang, dass die Zunge die Halbinsel berührt und den See dort teilt und abzwackt. Dann steigt der Wasserspiegel auf beiden Seiten, auf der kleineren bis zu 25 m! Dann kommen umso mehr Besucher, um den Moment abzuwarten, wo der Druck so groß wird, dass die Wand in einem gewaltigen Bums reißt und das Wasser durch den Spalt schießt.

Auf jeden Fall war er klimatisch ein Kontrast zur Osterinsel 😛

In der Gegend von Calafate unternahmen wir ein paar Wanderungen zu weniger besuchten Gletschern und besuchten eine Farm, wo demonstriert wurde, wie die Schafe geschoren werden. Beinahe ganz Patagonien gehört irgendwelchen Privatleuten, die bei Ankunft einfach so viel Land umzäunten, wie sie wollten. Es gehörte dann einfach ihnen. Die Indianer (zusammengefasst unter dem Begriff Tehuelche. „Che“ bedeutet in vielen südamerikanischen Indianersprachen „Menschen/Leute“), die als Nomaden hier lebten, wurden systematisch abgeknallt; ein wenig bekannter Genozid, der auch heute noch kleingeredet wird. So gehört heute noch das meiste Land den Ranches, auf argentinischer Seite einigen deutschen Familien, auf chilenischer vielen Kroaten. Außerdem sind hier die Waliser vertreten, ein Großteil Patagoniens hat walisische Namen!

Oben: Fotos unserer Wanderung abseits der Massen zum Gletschertrio Frio, Cubo und Dickson. Wir liefen die ganze Zeit durch Regen, bis schließlich am Gletscher die Sonne kam :-)Unten: Schafschur und Grill; das war ein anderes Schaf. Die Ranches exportieren Wolle und Fleisch, früher wurden die Wollwürfel auf Planwagen in wochenlangen Trips zu den Häfen gebracht. 


Irgendwann nahte der Abschied von Thomas und der kalte Wurf ins Wasser für mich, denn erst dann würde meine Walz ins Unbekannte führen. Ich fragte mich dann zunehmend, ob ich nicht den Verstand verloren hatte.

​Llévate tus cosas, tu bandera, y laaaargate

Nimm deinen Krempel, deine Fahne und mach dass du weg kommst.

So wird man verabschiedet und ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Flieger zurück nach Santiago und höre den Soundtrack zu „Into the Wild“, der jedes Mal einen Knoten in mir löst und zugleich neue setzt. Ich stelle mir jedes Mal vor, es wäre der Soundtrack meiner Reise und vor meinem inneren Auge läuft der Film der letzten Wochen ab und das was ich mir für die Zukunft ausmale. Ich sehe mich selbst, als wäre ich ein Zuschauer; wie ich zunächst etwas verloren auf der Insel bin, weil meine engsten Freunde alle nicht da sind,  wie ich Arbeit suche und finde, vom Gefühl eine Gefangene zu sein und mich nicht frei auf der Insel bewegen zu können wie in den letzten Jahren, wie ich mich von manchen alten Bekannten abwende, neue finde, ruder, Kronen klebe, tanze, immer wieder über meinen Schatten springe und Dinge tue, die ich mir selbst nie zugetraut hatte, mich ärgere, lache, weine, enttäuscht werde, leide, überrascht werde, bewundere, staune, lerne, zum ersten Mal eine Wanderung mit Ausrüstung mache, mich stark, unbesiegbar, mich geliebt und ungeliebt fühle, manchmal Angst bekomme vor den rassistischen Tendenzen, die hier immer stärker werden, mich schön fühle, oder klein neben all den starken Persönlichkeiten, die ich kennen gelernt habe….Und es ist wie jedes Mal wenn ich hier bin: ein Teil von mir, der fliehen will, das war das letzte Mal, hier kannst du eh nix mehr ändern und ein anderer, wesentlich stärkerer,  der sich für immer angezogen fühlt von der Magie dieser Insel und weiß, dass ich immer und immer wieder kommen werde und noch viel hier vorhabe.
Ich möchte in diesem Beitrag gerne eine Analyse und ein Fazit der letzten Wochen machen. Ich will euch teilhaben lassen an meinen Gedanken und zu den ganz pragmatischen Aspekten meines nun endenden ersten Abschnitts.

Das Ende des Tapatis hat mich nicht so sehr berührt, wie man vllt. erwartet hätte. Bis jetzt ist das Gefühl des Triumphs und der Höhenflug des Sieges nicht durchgesickert und wird es auch nicht mehr tun. Aber es bleibt die Erinnerung an das intensiv Erlebte, das mich bittersüß bereichert und glücklich macht. Es vergingen zunächst ein paar Tage an denen ich im wesentlichen Apfelkuchen für Mera und Co backen musste, weil der schneller weg war, als man zusehen konnte und gleich ein neuer her musste 😛 Außerdem war nun Gelegenheit ein paar vernachlässigte Kontakte zu pflegen, tauchen zu gehen und die Vorbereitung meiner seit Jahren geplanten Inselumwanderung, die schon mehrfach gescheitert ist und auch diesmal, um es gleich vorweg zu nehmen. Mit meiner neuen Freundin Mahina, mit der es beim ersten Versuch nicht klappte, sollte es diesmal gelingen. Erst hieß es zu viert ab Dienstag, dann Mittwoch bis Sonntag, aber zu dritt und schließlich Donnerstag nur noch zu zweit 😐 8Uhr wollten wir los, Mahi wollte „nur schnell ein paar Dokumente beim Rathaus abgeben“. Meine Sachen waren schon parat und unsere „Expedition“ gut vorbereitet, um 12 war Mahina aber immernoch nicht da. Als sie schließlich ankam, war es meiner Meinung nach schon zu spät und unsinnig die Wanderung zu starten, bei voller Mittagshitze und ohne Aussicht darauf, so weit zu kommen wie nötig. Unser erster Abschnitt betrug ca. 15km, eine Route, die ohne Gepäck ca 6-7 Stunden mit Pausen dauert. Ich wollte aber vor Sonnenuntergang ankommen und mit Rucksack mussten wir eh mehr Zeit einplanen. Wir beschlossen also Freitag aufzubrechen, dafür früh, und so weit zu Wandern, wie bis Sonntag möglich ohne dabei zu hetzen, nur um die ganze Runde zu schaffen. Es ging mir mehr darum, die Insel und die Sehenswürdigkeiten besser kennenzulernen, als zu hetzen, nur um die Umrundung zu schaffen, aber dabei nix zu sehen und zu genießen.

Unsere Route. Drei Tage, zwei Nächte. 1000 Erinnerungen.

Es waren großartige drei Tage, in denen wir über Stock und Stein, steile Hänge, Blumenwiesen, Lavagestein, rote Einöde, Prärien und kleine Wälder gelaufen sind, mit schwerem Gepäck und der Sonne im Nacken. Wir kamen erschöpft aber glücklich und stolz an unseren Tageszielen an, bauten das Zelt auf, sammelten Holz, machten Feuer, kochten, genossen den Sonnenuntergang, philosophierten, planten wie man die Insel retten könnte, quatschen, hatten viel Spaß, ekelten uns vor Käfern und schliefen mit steifen Beinen, Rücken und Schultern ein. Wie immer hatte ich beim Packen auf die warmen Sachen verzichtet „du wirst schon nicht frieren, der Schlafsack ist eh viel zu warm!“ und wie immer habe ich dann doch gefroren 😛 ob ich es jemals lerne? Ephra würde mich wieder auslachen.

Der Gipfel hinter uns ist das Ziel.
Zeltlager im Krater.
Wir bleiben auf den Wegen….^^

Rückblick auf unsere Strecke; wo die Sonne steht sind wir losgegangen und die ganze Küste auf der rechten Seite entlang getippelt.

Schön war, dass Mahina mir viele Sachen zeigen konnte und mir viele Legenden erzählt hat. Die Geschichte der Insel ist weitgehend mündlich in Form von Liedern, Legenden und Sagen überliefert. Es ist verrückt, dass alles einen Eigennamen hat, jede Höhle, fast jede Wohnruine, jede Ebene, jede Mulde, jeder Hügel…Und überall ist „was passiert“, was in den Legenden überliefert ist. Wir sind in mindestens drei Höhlen gekrochen, jede davon einzigartig, aber nicht alle Fragen konnte Mahi mir beantworten. Die erste Höhle war zur Hälfte natürlich, zur Hälfte aus recycelten Paenga. Das sind die gewaltigen Grundsteine der ehemaligen Behausungen, die in den Boden eingelassen wurden und an der Oberseite Vertiefungen haben, wo die Stangen für die „Zeltkonstruktion“ reingesteckt wurden. Sie wurden vllt wiederverwendet, als die Bevölkerungsdichte schließlich abnahm und die Häuser nicht mehr gebraucht wurden, weil sich eh alle aus Angst vor Angriffen der anderen Clans lieber in Höhlen versteckten.

Der Eingang zur Paenga Höhle

Man könnte die Geschichte der Osterinsel sehr grob wie folgt zusammenfassen: die erste Phase in der es stets einen König und einen Königsstamm gab und mehrere andere untergeordneten Stämme. In dieser Zeit wurden die Ahus und Moai gebaut. Dann die Stammeskriege und der Umsturz der Moai und der bestehenden politischen Strukturen. In dieser Zeit wurden die Ressourcen knapp und die Clans fielen übereinander her, es herrschte Kannibalismus und Chaos. Zuletzt die Zeit des „Vogelmann-Kultes“, der neue Ordnung herstellen sollte, um die Stammeskriege zu beenden. Jedes Jahr fand ein Wettkampf statt, dessen Gewinner ein Jahr König wurde – eine Herrschaft des Stärksten bzw. des „von-den-Geistern Auserwählten“. Schließlich der Zerfall durch eingeschleppte Krankheiten von europäischen Seefahrern, Sklaverei etc. und Unterdrückung der alten Kultur durch Missionierung und politische Fremdbestimmung.

Die Höhle aus den Paenga stammt, meiner Vorstellung nach, vermutlich aus der Zeit der Stammeskriege.

Später erreichten wir eine weitere Höhle, übersät mit Petroglyphen des Gottes Make-Make. Es wird immer nur sein Gesicht dargestellt, zwei Augen mit einer runden Kartoffelnase. Manchmal sehen die abstrakteren Darstellungen eher vulgär aus, aber in dieser Höhle waren die Darstellungen alle sehr detailliert und dennoch alle unterschiedlich. Es hat Freude gemacht die vielen Gesichter zu sehen.

Am ersten Tag kamen wir an meiner alten Arbeitsstelle vorbei, an der ich vor zwei Jahren gezeltet habe. Als wir uns näherten spürte ich dieses Gefühl von Aufregung, wenn man nach langer Abwesenheit wieder heim kommt. Es war so schön dort und wir legten uns unter die Palmen und machten ein regenerierendes Nickerchen.

In Hanga O Teo meiner „alten Heimat“ sammeln wir Mangos bevor wir weiter gehen.

Am zweiten Tag erreichten wir den Vulkan Poike an der Ostküste der Insel. Ein Graben trennt ihn vom Rest der Insel. Auch um diesen Graben gibt es zur Abwechslung eine blutrünstige Legende. Auf dem Poike lebten die Stämme, die mit den Königlichen nicht so gut konnten. Der Poike ist heute noch anders als der Rest der Insel, schon rein landschaftlich wie eine andere Welt. Es gibt kaum Steine. Das fällt auf, denn der Rest der Insel ist übersät von Steinen. Die Erde ist orange und an vielen Stellen so erodiert,  dass man den Marsianer Teil 2 dort drehen könnte. Die Ahus dort sind ebenfalls anders, sie haben auch weiße Steine! Die Legende jedenfalls besagt, dass einst die Mirus den Poike angreifen wollten,  was lange nicht gelang. Eines Tages verriert ein Weib vom Poike ihre Stammesbrüder und die Mirus passierten des Nachts die Grenze am Fuße des Vulkans. In dieser Nacht fanden erbitterte Kämpfe statt, fast alle Poike Leute sollen umgekommen sein. Der Graben, der kilometerlang den Berg umsäumt, soll das Ergebnis dieser Schlachten sein und in ihm viele Menschen verbrannt sein.

Mahina. Sie ist etwas kleiner als ich, schmal und lief mir dennoch stets davon. Ihr Rucksack war genauso schwer wie meiner, geschätzt ca. 12 kg. Auch am Hang des Poike,  der aus der Entfernung so harmlos aussah, war sie mir immer einige Meter voraus und ich staunte über ihre Kraft. Aber wir stellten fest, dass ich eine bessere Ausdauer habe. Ich erreichte den Gipfel bei weitem nicht so erschöpft wie sie.

Der Poike ist ein anderer Planet.

Am letzten Tag ließen wir unsere Sachen am Lager, das wir im Krater zwischen den Eukalyptusbäumen aufgeschlagen hatten. Wir zogen mit kleinem Gepäck los, um den Poike zu erkunden. Ziel waren ein paar Ahus und die „Jungfrauenhöhle“. Die Wegbeschreibung ihres Bruders und Cousins war: hinter den Büschen noch 200m und dann links. Haha! Der ganze Hang war voller Büsche!! Wir erreichten ein paar kleinere Sehenswürdigkeiten und den Schwarz-Weißen Ahu, der bereits zur Hälfte den Hang ins Meer abschmierte. Die Suche nach dem Zugang zur Höhle erwies sich als Stecknadelsuche. Als wir schon aufgeben wollten, kamen wir an eine Stelle, die bei Mahina Jubel auslöste. Hier ist es! Und tatsächlich, noch ein wenig den Hang herunter klettern und dann hinter einem Überhang versteckt ein ovaler Lavatunnel mit ganz glatten Wänden. Der Eingang war ca. 80cm hoch und der Tunnel so lang, dass die wenigsten ihn bis zum Ende schaffen. Er wird mal größer, mal enger, so flach, dass man im liegen vorrobben müsste und nicht wenden kann. Da darf man keine Platzangst haben. Wir gingen geduckt nur in das „erste Zimmer“, die rechte Wand war übersät mit Petroglyphen, alle standen im Zusammenhang mit Fruchtbarkeit. In diese Höhle wurden die zukünftigen Ehefrauen des Königs gebracht. Sie sollten dort ein Jahr leben. Dieses Jahr diente der „Reinigung“ in jeder Hinsicht. Selbstverständlich waren es Jungfrauen ^^ aber sie sollten auch den Geist reinigen und wurden desweiteren unterrichtet. Ich fragte Mahina was sie dort lernten, aber sie wusste es nicht genau. Zum einen vermutlich ganz häusliche Dinge und über Sexualität, Schwangerschaft und Geburt, Erziehung, aber auch Medizin und Kultur. Wenn sie schließlich herausgeführt wurde, dann war sie ganz bleich und das geringste Licht blendete sie. Aber ihre nun helle Haut galt als weiteres Zeichen ihrer Reinheit und nun konnte sie den Häuptling heiraten. Ich fragte Mahi, ob die Männer nicht mehrere Frauen heirateten, aber sie meinte, dass es nicht so überliefert sei. Sie hätten alle nur eine Frau gehabt und auch nur wenige Kinder, weil es auch die Ressourcen nicht anders erlaubten. Ich frage mich, ob das nicht eine christlich angepasste Sichtweise ist. Wo wären wir denn, wenn wir in unseren Gutenachtgeschichten von so unmoralischen Lebensweisen erzählen würden!

Wir drehten noch unsere Runde über die Wiesen zu weiteren Ahus, kehrten Mittags zum Lager zurück und begannen nach dem Mittagessen mit unserem Abstieg an der Südküste. Wir machten kurz Rast an dem Abhang und blickten auf die kleine vorgelagerte Insel, die steil und hoch ca 100m  entfernt wie ein Finger aus dem Meer ragte. Die Spitze ist flach und ich hatte gehört, dass dort auf dieser winzigen Ebene ebenfalls ein Ahu stand und generell diese kleine Insel erstaunlich viele archäologische Merkmale zu bieten hat. Wir saßen dort und fragten uns, wie man das damals geschafft hatte. Die Insel, das Motu, sieht so unwirtlich aus. Nicht gerade ein gemütlicher Zufluchtsort und schon gar nicht leicht zu erreichen, geschweige denn dort große Strukturen zu bauen.

Die letzte Rast am Motu.

Mahis Bruder erzählte uns später die Legende des Motus. Es hatte mal als Gefängnis, mal als letzte Zuflucht gedient. Zwei Männer der Königlichen wollten einen der Poike Häuptlinge bitten ein Boot für ihn zu bauen, weil er darin der Beste war. Es war nur ein Vorwand, um ihn treffen zu können. Er lud sie zum Essen ein, es war üblich einen Umu zu machen, um Gäste zu ehren. Er machte den Umu mit Huhn, was die Königlichen ablehnten. Sie sagten, dass sie nur Menschenfleisch essen würden und nichts geringeres. Er opferte also einen seiner jüngeren Söhne, doch die Königlichen provozierten ihn und lehnten auch dieses Fleisch ab. Das zettelte einen Krieg an, der mehrere Jahre andauerte und ständig hin und her ging. Mal wurde ein Königlicher getötet, dann zur Rache wieder ein Poike. Nur die Häuptlinge entkamen meist, also kam der Krieg lange nicht zum Ende. Die Poike waren die schlechteren Krieger und hatten mehr Verluste, einzig die Flucht auf das Motu konnte oftmals das Leben retten. Es war gut zu verteidigen.

Schließlich kamen wir nach einem fulminanten letztes Hangabschnitt gesund und munter an unserem vereinbarten Treffpunkt an, wo uns Mahis Eltern abholten. Wir gingen ein letztes Mal baden und verbrachten die Rückfahrt schweigend, weil wir beide in Gedanken versunken an die schöne Zeit dachten. Wäre das Wasser nicht knapp geworden und hätte ich nicht meinen Rückflug gehabt, hätten wir beide weiter wandern können. Selbst das kleine Hanga Roa kam uns zu geschäftig und stressig vor.
An den letzten zwei Tagen verabschiedete ich mich von alten und neuen Freunden, von meinem Vater der auch inzwischen angekommen war, und ging tauchen mit Felipe. Die Zeit verging auf einmal wie im Flug und schon war sie vorbei…

Jetzt kommt Patagonien und dann erst bin ich ganz auf mich allein gestellt….

Ein Blick zurueck:

Zwei ein halb Monate Rapa Nui.
Vier bezahlte Jobs. Zwei unbezahlte.
Gesamtarbeitszeit. 7 Wochen und ein paar unregistrierte Nachmittage/Vormittage.
Einnahmen: 237.000 Pesos / 354 Euro
davon uebrig: 85.000 Pesos / 127 Euro
Ausgaben: 152.000 Pesos / 227 Euro

Wow!!!!! das ist ein Ergebnis mit dem ich sehr zufrieden bin und das mich auch ein wenig stolz macht. Wer haette gedacht, dass man mit so wenig Geld, so gut ueber die Runden kommt und auch noch so eine wunderschoene Zeit verbringen kann. Natuerlich ist das auch vielen lieben Menschen zu verdanken, die mich eingeladen haben. Aber es zeigt auch, dass nicht alles auf dieser Welt mit Geld belohnt werden muss. Es geht auch anders.

P.S. Ich hatte Schwierigkeiten mit dem Internet und dem Blog weshalb einige Bilder de letzten Beitrags erst jetzt hochgeladen wurden. Sie sind jetzt da!