Patagonien

Der Beginn unserer Reise, Bariloche

Uff, wie schon wieder die Zeit vergeht!!! Obwohl ich „nur reise“, habe ich selten die Muße meine Erlebnisse aufzuschreiben und doch kommt es täglich bestimmt 5mal vor, dass ich aufgeregt denke, „oh ja! Das muss ich auch unbedingt in den Blog schreiben!!“
Nach der Osterinsel habe ich mich mit Thomas in Bariloche getroffen. Wir kamen am gleichen Nachmittag an und schon auf den ersten Metern argentinischen Bodens fiel mir auf, wie anders die Argentinier von den Chilenen sind. Ich hatte ja in einem meiner ersten Berichte erzählt, dass ich in Santiago direkt damit konfrontiert wurde, dass die Lateinamerikaner ein anderes Temperament haben und mich in der Schlange einfach immer überholt haben, sprich das Konzept einer Schlange nicht kennen. Ganz anders die Argentinier, weshalb ich also meine Aussage korrigieren muss, dass es am lateinamerikanischen Temperament liegt, es scheint ein chilenisches „Problem“ zu sein. Die Argentinier sind wie die Engländer, extrem höflich, entschuldigen sich für alles, selbst wenn du ihnen auf den Fuß trittst entschuldigen sie sich für die Unhöflichkeit, ihren Fuß dort gehabt zu haben, wo du grade wie ein Elefant draufgetrampelt bist, sie sind bei der ersten Begegnung stets hilfsbereit und irgendwie so „leicht“, als ob sie erstmal völlig positiv und unvoreingenommen abwarten was du machst, bevor sie sich eine Meinung von dir bilden. Die Chilenen sind immer gleich so impulsiv und invasiv, entweder im positiven oder negativen Sinne, sie respektieren nicht die Grenzen der anderen, bzw denken einfach nicht daran, dass es welche geben könnte und sie wirken dadurch so „schlecht erzogen“. Auf jeden Fall herrschte in Argentinien eine andere Atmosphäre. Ist doch irgendwie alles komisch mit diesen Grenzen, die wir doch nur in unseren Köpfen und auf dem Papier haben,  und dennoch kann man es wahrhaftig spüren…

Mein erster Gletscher, Cerro Tronador, bei Bariloche.

Auf jeden Fall hatte Thomas ein Auto gemietet und nahm mich für die nächsten zwei ein halb Wochen als Tramperin mit auf seine Patagonien-Reise 😉 😛 wir machten Wanderungen, vergaßen dass man Autos auch tanken muss, bestiegen Gipfel, hielten Hunde für Elche, durchquerten barfuß eiskalte Gletscherbäche, 

verirrten uns im Wald, weil wir abseits der üblichen Pfade laufen wollten, aßen unverschämt viel argentisches Rind, das hier so billig ist, wie in Deutschland Bier, nahmen Tramper mit, um mein Karma für meine eigene bevorstehende Odyssee aufzustocken, haben Gletscher unglaublicher Schönheit besucht und einige Tiere in der Weite der patagonischen Steppe gesehen, während man stundenlang auf der Ruta 40 (das argentinische Pendant zur Route 66) fuhr und das Gefühl hatte, es ändere sich nicht viel an der Landschaft, obwohl man 800 km gefahren ist. Und viel gelernt, ich zumindest, Thomas weiß ich nicht 😛 Über Flora und Fauna, Gletscherbildung, Wetter, Entfernungen und Tankstellen, Geschichte… Wir waren noch nicht mal am Ende unserer Route angekommen, da hatten wir schon 2400 km hinter uns gebracht. Das ist für argentinische Verhältnisse ein Klacks. Wenn jemand behauptet er wohne „in der Nähe von dem Ort XY“, kann das locker bedeuten, dass er 1000 km davon entfernt lebt 😛

Als wir losfuhren und die Berge der Steppe wichen, wunderten wir uns über das Fehlen von Tieren. Kein Vogel, kein Hase, kein Reh… Irgendwann tauchten Strauße auf. Was?! Ich Schlaue hab auf meinem Handy Offline -Wikipedia und musste das sofort nachschlagen, denn es wurden immer mehr und es wurde uns klar, dass es wilde und keine domestizierten Strauße waren. Mein schlaues Handy sagte es seien Ñandus, eine kleinere und etwas andere Verwandtschaft des afrikanischen Straußes. Es gesellten sich die aufmerksam aus der Wäsche schauenden Guanakos dazu, und selten mal ein Kondor, der minutenlang ohne mit den Flügeln zu schlagen durch die Winde segeln kann. Sogar ein Gürteltier lief vor uns über die Piste. Im Laufe der Fahrt kamen noch Hasen, Füchse und zahlreiche Raubvögel hinzu, mal ganz abgesehen von den Kälbern und Schafen, die hier auf der Patagonischen Steppe grasen. Sie sind so zerstörerisch, dass pro Hektar nur ein Schaf gehalten werden kann, bzw pro 4 Hektar ein Rind, krass oder? Kein Wunder, dass über Tausende von Kilometern nichts ist, sie brauchen die ganze verdammte Fläche für die Viecher! Wahrscheinlich ist die Bevölkerungsdichte der Kühe wesentlich größer als die der Menschen.

Schafe, der Grund dass sich hier irgendwann die Europäer niederließen.
Guanakos.
Kühe?
Das Tal zur Cueva de las Manos
Die Hände, die in vielen Geschichtsbücher zu sehen sind. Sie sind ca 9000 Jahre alt. Bis auf wenige Ausnahmen sind fast alles  linke Hände. Es gibt noch Jagdszenen, Guanakos, schwangere Guanakos, geometrische Figuren und eine Echse.
Manche Tankstellen waren hunderte von Kilometern von einander entfernt, was an Tag 2 zur Entscheidung führte einen 20l Kanister zu besorgen, nachdem wir an Tag 1 beinahe leer gefahren sind.

Wir erreichten nach dem dritten Tag auf der Piste das Örtchen El Chalten, das ein Kletter- und Wandermekka ist. Dort versuchen alle den Fitz Roy Gipfel zu sehen, der fast immer in den Wolken hängt. Wir hatten Glück und ihn am Tag unserer Anreise gesehen, danach waren wieder einige Tage schlechtes Wetter und ich hörte Leute jammern, die schon mehrfach die lange Reise dorthin angetreten hatten und ihn wieder nicht zu Gesicht bekamen, vllt aber auch nur, weil sie mit ihren Ponchos kämpften, die im starken Wind in ihren Gesichtern klebten, statt ihren Körper zu bedecken.

Wanderung zur Laguna Torre, kein Fitz Roy 🙁
Während ich so durch die Landschaft schreite, staune ich über die unzähligen Grüntöne. 50 Shades of green…

Ja und das übliche Phänomen, dass man an solchen Touristenorten erlebt: 80 Prozent der Besucher scheinen Deutsche zu sein und man findet es immer nur peinlich und will nicht, dass sie merken, dass man auch einer ist. Und die Amerikaner! In den Restaurants immer die lautesten, best gelauntesten, so dass man es auch schon nervig findet…Ja ja, Verallgemeinerungen 😉
Danach kam Calafate dran, unsere letzte gemeinsame Station und glänzende Höhepunkt dank des Gletschers Perito Moreno. Es gibt auf der ganzen Welt drei bedeutende Eisflächen, die nicht unwesentlich das Weltklima beeinflussen: Antarktis, Nordpol und das Patagonische Eisfeld, dass sich über 350 Kilometer über die Südanden erstreckt und an beiden Seiten der Berge hunderte von Gletscherarme bildet. Viele sind schlecht zu erreichen, der Perito Moreno jedoch bildet ein natürliches Theater.

Sein Ende ist eine 40-70 m hohe Eiswand, mehrere Kilometer breit, die direkt gegenüber einer Halbinsel in einen Gletschersee stürzt, so dass man aus etwa 200m Entfernung das Naturschauspiel beobachten kann.Täglich bewegt er sich bis zu 2m vor, dabei brechen die Wände ab und bilden Eisberge im See.

Oben in den Bergen bildet sich der Gletscher nach. Der Perito Moreno befindet sich derzeit als einer der wenigen Gletscher im Gleichgewicht. Er bildet genauso viel Masse nach, wie er verliert. Alle paar Jahre wird er so lang, dass die Zunge die Halbinsel berührt und den See dort teilt und abzwackt. Dann steigt der Wasserspiegel auf beiden Seiten, auf der kleineren bis zu 25 m! Dann kommen umso mehr Besucher, um den Moment abzuwarten, wo der Druck so groß wird, dass die Wand in einem gewaltigen Bums reißt und das Wasser durch den Spalt schießt.

Auf jeden Fall war er klimatisch ein Kontrast zur Osterinsel 😛

In der Gegend von Calafate unternahmen wir ein paar Wanderungen zu weniger besuchten Gletschern und besuchten eine Farm, wo demonstriert wurde, wie die Schafe geschoren werden. Beinahe ganz Patagonien gehört irgendwelchen Privatleuten, die bei Ankunft einfach so viel Land umzäunten, wie sie wollten. Es gehörte dann einfach ihnen. Die Indianer (zusammengefasst unter dem Begriff Tehuelche. „Che“ bedeutet in vielen südamerikanischen Indianersprachen „Menschen/Leute“), die als Nomaden hier lebten, wurden systematisch abgeknallt; ein wenig bekannter Genozid, der auch heute noch kleingeredet wird. So gehört heute noch das meiste Land den Ranches, auf argentinischer Seite einigen deutschen Familien, auf chilenischer vielen Kroaten. Außerdem sind hier die Waliser vertreten, ein Großteil Patagoniens hat walisische Namen!

Oben: Fotos unserer Wanderung abseits der Massen zum Gletschertrio Frio, Cubo und Dickson. Wir liefen die ganze Zeit durch Regen, bis schließlich am Gletscher die Sonne kam :-)Unten: Schafschur und Grill; das war ein anderes Schaf. Die Ranches exportieren Wolle und Fleisch, früher wurden die Wollwürfel auf Planwagen in wochenlangen Trips zu den Häfen gebracht. 


Irgendwann nahte der Abschied von Thomas und der kalte Wurf ins Wasser für mich, denn erst dann würde meine Walz ins Unbekannte führen. Ich fragte mich dann zunehmend, ob ich nicht den Verstand verloren hatte.

Ein Gedanke zu „Patagonien“

  1. ah endlich gehts hier weiter – ich hatte schon Angst du hast vor lauter Abenteuer gar keine Lust mehr uns Armendaheimgebliebenen mit neuen Bildern und Eindrücken zu trösten.
    also ich würde sagen -nein du hast nicht den Verstand verloren – aber ein mutiges Herz. 🙂
    ganz viele liebe grüße

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