Ankunft in Südafrika

Es ist schon so lange her, für viele von euch schon in Vergessenheit geraten, aber ich halte daran fest, dass ich „zu Ende“ schreibe. Dieser Blog ist nicht nur für Euch. Er ist auch für mich. Es tut mir gut über meine Reise zu reflektieren und was sie damals (und heute) für mich in Bewegung gesetzt hat.

Inzwischen sehne ich mich manchmal zurück. Es war so eine lebendige, bereichernde Zeit. Meine Tagebücher aus der Zeit helfen mir das alles zu schreiben, denn ich merke, wie die Erinnerungen an manche Sachen verblassen.

Was jetzt noch fehlt, ist nicht mehr viel. Südafrika war der letzte Stopp bevor ich im Februar 2020 nach Deutschland zurück kam. Diesen Abschnitt bekommt ihr jetzt. Ich würde dann gerne noch ein abschließendes Kapitel, ein Fazit, ein Resumé über meine Wanderschaft und wie es nach der Reise für mich weiter ging mit euch teilen.

Von Südafrika habe ich, ich sage es gleich, nicht viel gesehen. Meine Reiseprinzipien (ohne Geld für Transport und Unterkunft, sowie das Erarbeiten meines Lebensunterhalts) machten es mir in diesem Land schwer herum zu reisen. Es ist für Touristen nicht gängig in Südafrika zu hitchhiken, in einigen Gebieten wohl auch einfach zu gefährlich so zu reisen, wie ich es tue. Ich hätte wohl kaum mitten im Nirgendwo sicher zelten können und ganz abgesehen davon, war es eine zeitliche Entscheidung. Wenn ich schon meine Regel brach und mit dem Flugzeug nach Deutschland flog, wollte ich mir das Geld dafür wenigstens erarbeiten und dazu musste ich an einem Ort bleiben. Mir standen insgesamt 90 Tage in dem Land zur Verfügung und in dieser Zeit musste ich mir meinen Flug verdienen. Bei den dort üblichen Löhnen nicht ganz so einfach.

Ich kann also nicht behaupten, dass ich das Land wirklich kennen gelernt habe. Ich war noch dazu in einem sehr aufgewühlten emotionalen Durcheinander und viel mit mir selbst beschäftigt. Um meine dortige Umwelt mit Präsenz und wirklicher Anteilnahme wahrzunehmen und zu entdecken, fehlten mir einfach die Kapazitäten. Vielleicht nahm ich durch meine innere Anspannung auch die politischen und gesellschaftlichen Anspannungen besonders feinfühlig war. Ich fühlte mich dadurch in meiner Autonomie sehr limitiert und eingeschränkt, das hat meinen Aufenthalt ganz schön überschattet.

Ich hoffe ihr könnt den Bericht genießen auch wenn er sehr von meiner „Emo Zeit“ geprägt ist.

Here we go….

In Durban reisten wir ein. Über East London ging es dann nach Simon’s Town bei Kapstadt

Ums Kap von Afrika

Hinter mir lag die schlimmste Nacht meiner Reise. Ich hatte das erste Mal richtig Angst auf dem Meer gehabt. Zum Glück hatte sich diese Angst mehr in meinem Kopf abgespielt, als in der Realität und wir waren unbeschadet am Ziel angekommen. Ich hatte das Schlafen so bitter nötig. Wir wollten „nur kurz“ ins Marina Office in Durban, unserem ersten Hafen in Südafrika, und sagen, dass wir da sind. Daraus wurde zu meinem Unglück eine Anmelde-Odyssee, die den Rest des Tages beanspruchte. In Südafrika herrschte ganz eindeutig ein anderer Tonfall als in Madagaskar. Das merkten wir schon nach wenigen Sätzen mit den Empfangsdamen der Marina. „Wie, ihr habt euch nicht per Funk angekündigt? Dann müsst ihr Euch sofort bei den Behörden melden! Sonst könnte euer Schiff beschlagnahmt werden…“ Hoffentlich wird das jetzt nicht wieder so ne komplizierte Nummer wie in Indonesien, bitte bitte nicht, ich will doch nur schlafen…!

Für das südafrikanische Anmeldungsritual mussten wir, zersauselt wie wir noch waren, die Marina verlassen und in der weiteren, aber noch fußläufigen Umgebung die einzelnen Stationen abarbeiten. Beim Verlassen der Marina merkte ich, dass wir gerade ein Hochsicherheitsgelände verließen, das mit seinen schweren und hohen Gittern, Zäunen und Kameras einem Gefängnis glich und kaum auf den öffentlichen Wegen, standen an vielen Ecken Schilder, die das Tragen von Waffen verboten.

Welcome to South Africa.

Die Wege durch das Viertel lösten in mir ein Gefühl von Misstrauen und Beklemmung aus. Ich fühlte mich auf unangenehme Weise beobachtet und nicht gerade entspannt, was die Sicherheit betraf. Dieses Gefühl immer irgendwie auf der Hut sein zu müssen und den Menschen mit Vorsicht begegnen zu müssen, zog sich wie ein roter Faden durch meine Zeit in Südafrika und ist vermutlich einer, der sich bedauerlicherweise durch die ganze Gesellschaft zieht und sich so fest ins Kollektivgedächtnis eingebrannt hat, dass er schwer zu durchtrennen ist. Ich versuchte mich so oft es geht nicht von diesen Angstgedanken leiten zu lassen, stattdessen meiner Intuition zu vertrauen und den Menschen mit Offenheit statt mit Mitrauen zu begegnen und erlebte dann auch wirklich tolle Begegnungen, die für mich als Beweis reichen, dass sich Angstkultur selbst füttert und dadurch immer größer macht, was gar nicht immer da ist.

In Durban blieben wir nur so lang wie nötig. Andi beobachtete das Wetter, um unsere Route entlang des Kaps gut zu planen. Es gibt nicht so viele sichere Buchten entlang der Küste und die Schlechtwetterfronten waren noch immer zahlreich, dazwischen oft nur 35-40 Stunden Zeit um recht große Entfernungen zurück zu legen. Einige der anderen Segler der Marina saßen bereits seit Wochen fest, weil die Wetterfenster oft zu kurz waren, um in die nächste sichere Bucht zu kommen. Mit Andis Zeitdruck im Nacken um seinen Flug zu erreichen, mussten nun auch wir abwägen wie viel Wagnis wir eingehen sollten und wie immer traf Andi die richtige Entscheidung. Die Prognosen kündigten uns zwei kurze Wetterfenster an. Beide waren sehr knapp in Anbetracht der Strecke, die uns bis zum nächsten sicheren Hafen, East London, bevorstand. Wir waren jetzt mehr Mathematiker und Taktiker, als Segler und obwohl ich es mir eigentlich anders gewünscht hatte, fasste Andi den Entschluss am nächsten Morgen mit dem ersten Wetterfenster abzureisen. Grrr….Mir gefiel das nicht. Nicht weil Durban so schön war, sondern weil ich dringend eine Auszeit von mir selbst, Andi und dem Boot brauchte und mich gern mit Claire und Joe, die in einer anderen Stadt lagen, zu einem Trip in den Bergen verabredet hätte.

Mit dem Entschluss schon am nächsten Morgen im Morgengrauen die Leinen zu schmeißen, begann das Gewusel um die Abfahrt. Ein halbes Drama entfaltete sich: Ich kam gerade noch rechtzeitig ins Marina Office, um gerade rechtzeitig, 10 Minuten vor Schließung noch zu bezahlen. Am Wochenende ist die nämlich nicht besetzt. Und die Sekretärin wies mich mahnend darauf hin, dass wir nicht einfach abreisen könnten, ohne uns bei der Port Authority abzumelden, die ebenfalls am Wochenende zu hat. Ich dachte mir: Wie konnte ich bloß darauf kommen, dass wir einfach so abreisen können? Menno.

Zwei Bleichgesichter irrten nun in Flop Flops stundenlang im größten Containerhafen Afrikas von einer geschlossenen Hafenbehörde zu anderen nur um das OK zu bekommen von einem Hafen in einen anderen zu fahren. Manchmal könnte ich sie alle umbringen! Einige Stunden später dann doch endlich erfolgreich abgemeldet zurück in der Marina mit brennenden Fußsohlen, schmerzenden Knien und Blasen, um dann noch den Scheißeinkauf und das Scheißdiesel zum Boot zu bringen, das freundlicherweise auch noch am letzten Stegplatz lag…Genug Sport für meinen lang ersehnten Ruhetag.

Nun hatten wir 38 Stunden Zeit, um von Durban nach East London zu segeln. Es war extrem knapp, aber wir schafften es. Zum Glück. Denn diejenigen, die aufs zweite Fenster warteten, kamen schließlich doch nicht weg und saßen noch Wochen später am selben Fleck. Andi hätte seinen Flug verpasst oder stattdessen sein Boot in einem unsicheren Hafen liegen lassen müssen.

Der Aufenthalt in East London war im Gegensatz zu Durban sehr nett. Wir lernten dort Susanne kennen, eine Einhandseglerin aus Deutschland, die in Seglerkreisen für ihre Extremleistungen berühmt ist. Sie winkte uns sogleich zu, als wir Montagabend auf den Yacht Club zutuckerten. Offensichtlich hatte sie schon Bekanntschaft mit Basti von der FRIDA gemacht, denn sie wusste sofort wer wir waren und gab uns über Funk Tipps zum Festmachen an den dämlichsten Moorings der Geschichte. Unsere Mooring sollte uns noch einige Nerven kosten, denn unsere Schraube verfing sich in einem Tau und Andi musste an unserer Abreise im kalten Wasser tauchen gehen, um sie zu befreien.

Susanne hatte von Anfang an mein Interesse geweckt. Ihr Alu-Boot, das nach ihren eigenen Anforderungen gebaut wurde, ist ein symbolischer Spiegel von ihr. Bis ins letzte Detail durchdacht, tough, extrem stabil, funktional, schmucklos und unverblümt, nicht gerade heimelig oder freundlich, dafür ein technisches Prachtwerk – ein Arbeitstier. Bevor ich Schiff und Mensch näher kennenlernen durfte, war ich allein schon deswegen angezogen und begeistert, weil es so wenige Ladies auf den Weltmeeren gibt, geschweige denn Alleinreisende – ein Phänomen, dass ich ja auch an Land beobachten konnte und das mich mit Traurigkeit erfüllt. Wie gern würde ich andere Frauen ermutigen die Welt allein zu entdecken! Sie ist ein viel besserer und schönerer Ort, als wir denken!

Am nächsten Tag fuhr ich daher zum Weiberklatsch rüber und hörte mir Susannes Geschichte an. Eine sehr beeindruckende Frau! Und um ein Haar hatte sie ein paar Monate zuvor ihr Schiff beinahe an einem Strand von La Réunion verloren. Beim Ankern hatte der Wind gedreht und sie in die Brandung und kurze Zeit später auf den Strand gedrückt. Insgesamt 150 Mal prallte der Rumpf mit der Backbordseite auf den Kieselstrand. Bei den ersten beiden Wellen war auch Wasser in die Mittelluke eingedrungen, inklusive bis zu 2kg schweren Steinen. Der Rumpf drückte sich bis zu 25cm ein, an anderer Stelle dehnten sich die Spanten und brachen. Aber der Rumpf blieb ganz. Kein Leck! Stahl wäre vermutlich zu starr gewesen und gebrochen, aber die Elastizität des Aluminiums war ihre Rettung. Mit dem größten mobilen Kran La Réunions wurde das Schiff vom Strand geborgen und behelfsmäßig verstärkt. Nach wie vor beeinträchtigt, aber immerhin seetüchtig, war sie nun auf dem Weg nach Holland, um den Rumpf und das Skelett zu ersetzen und zu reparieren. (Sie schaffte es ohne weitere Zwischenfälle nach Europa und ist inzwischen wieder zu neuen Abenteuern aufgebrochen.)

Von East London brachen wir zu meiner letzten Passage auf der Kama auf. Ein letztes Mal die Segel setzen, uns vom Strom mitreißen lassen…Ums Kap von Afrika. Das warme, blaue Wasser wurde kalt und grün. Wir verließen den Indischen Ozean und waren im Atlantik.

Für mich war es eine besondere Nacht. Um 23 Uhr schrieb ich in mein Tagebuch:

Vollmond, stille See. Kaum noch Wolken. Mühelos hält der Pilot uns auf 160-170° zum Wind. Wir laufen mit knapp 6kn über Grund. Die Wellen sind so sanft und flach, dass man kaum merkt, dass wir uns bewegen. Wir könnten genauso gut vor Anker liegen. Es ist kalt und ich liege mit zwei Decken auf meinem Platz. Lange Leggins, Wollsocken, Schal, doppelte Oberteile. Es ist gemütlich. Eine schöne letzte Nacht. 😀 <3

Sollte das jetzt wirklich mein letzter Ritt auf KAMA gewesen sein? Ich war wehmütig.

So gerne hätte ich behauptet ums Kap der Guten Hoffnung gesegelt zu sein, aber daraus wurde nichts, denn erstens ist das Kap der Guten Hoffnung gar nicht der südlichste Punkt von Afrika, das ist nämlich Kap Algulhas, was ich dummerweise auch nicht vorher wusste und zweitens liegt Simon’s Town, wo Andi das Boot während seiner Abwesenheit liegen lassen wollte, an der Südseite des Tafelbergs und somit auf der „falschen“ Seite des Kaps der Guten Hoffnung. Wir würden es also gar nicht gemeinsam umrunden. Doppelt veräppelt. Und bei meinem Glück würden wir die „falsche Seite“ des Kaps auch noch bei Dunkelheit passieren, also noch nicht mal Gelegenheit für ein Schummelfoto…

Anfahrt auf Simons Town. Im Hintergrund das Kap der Guten Hoffnung

Hier zwischen den Käppern sollte also meine Wanderschaft bald zu Ende sein, denn ich hatte irgendwann, irgendwo zwischen Indonesien und Madagaskar entschieden, dass ich in Südafrika dem Meer und der Kama den Rücken kehren würde. Es war Zeit, mich wieder zu erden und zu erholen, ich war völlig durch. Ich traf eine schwere Entscheidung: Drei Jahre „und ein Tag“ waren für mich nun endgültig um. *

Simon’s Town bei Kapstadt

*Die Wanderschaft dauert nach der alten Tradition „Drei Jahre und ein Tag“. Der Tag ist nicht wörtlich zu verstehen, sondern symbolisch dafür, dass es in die Länge keine Grenze gibt. Drei Jahre war die Untergrenze, um sich nach der Rückkehr „Meister“ zu schimpfen, wer mochte blieb noch einen Tag länger unterwegs. Und noch einen. Und noch einen…

Der Mosambikkanal

Die Kama wäre während der Überfahrt des Mosambik Kanals ein guter Drehort gewesen für eine Show mit dem Titel „Das-passiert-wirklich-auf einem-Segelboot-wenn-gerade-keine-instagram-stories-gepostet-werden“. Für mich war diese Passage die abenteuerlichste und eindrücklichste meiner gesamten Zeit auf der Kama. Wem die Kurzversion genügt, dem hier in wenigen Worten die Zusammenfassung: erst tagelange Flaute, Hitzequalen und schlechte Laune – dann Raketenfahrt mit dem Strom und gute Laune – und zuletzt Angst um Leben und Tod vor Ankunft in Durban, Südafrika.

Weil es für mich wirklich eine wichtige Erfahrung war, konnte ich mich leider nicht kurz fassen, daher erwarten euch nun ganze 5 Seiten Text, aber wie gesagt, ihr könnt auch direkt hier aufhören 😛


Jede Woche fegt ein solcher Wirbel durch den Kanal und den gilt es zu vermeiden….also ab durch die Mitte!

Wir verließen den Hafen von Hellville, Madagaskar, am 15. November 2019 als die Windprognosen auf Schwachwind deuteten. Es war der Übergang in die Monsunzeit und dies bedeutete, dass alle 7 bis 10 Tage auf dieser Höhe Starkwinde oder Stürme durchzogen. Daher war es wichtig den Hafen unmittelbar nach einem solchen zu verlassen um das größtmögliche Zeitfenster bis zum nächsten zu haben. Und dies bedeutete wiederum mit meist gar keinem Wind zu starten, bei noch abebbender Waschmaschinensee. Perfekte Seekrankheits- und Schlechte-Laune-Prämissen also. Die ersten Tage gurkte die Dicke lustlos mit unter 3 Knoten über den Ozean. Ein neuer Tiefstrekord. Mir war schlecht. So würde es noch eeeewig dauern, bevor wir die Strömung des Mosambik Stroms erreichen würden, der am afrikanischen Festland Richtung Kap der Guten Hoffnung strömt. Andi bekam schlechte Laune. Die Segel schlugen jede Sekunde – gar nicht gut für das Material, welches es lieber mag prall gefüllt zu sein und eine permanente Last zu übertragen. Noch dazu plagten uns wieder die unsäglich dämlichen und mit kurzer Verdauung gesegneten Boobies, die sich nach einem Tag der Jagd über den Wellen abends gern einen Schlafplatz auf dem Großmast sicherten, um gut ausgeruht und ausgeschissen am nächsten Morgen ihre meerischen Jagdgründe weiter zu erkunden. Diese Boobies waren echt abgebrühte Kerle, die nur durch rohe, körperliche Gewalt zu beeindrucken waren.

Die Boobies lachen uns vom Mast aus. Sie sind echte Plagegeister.

Am dritten Tag der Reise kam es auf der Kama zu einem Todesfall. Heulsuse wurde zum Killer. Sie erwischte einen Boobie beim wiederholten Versuch sich auf den bereits besetzten Mast zu setzen mit ihren Flügeln und brach ihm vermutlich das Genick. Er stürzte auf das Achterdeck, kullerte dann ins Wasser, wo er – leider noch nicht ganz tot – seinen Kopf nicht mehr aus dem Wasser heben konnte und langsam auf dem Wasser treibend in der Entfernung verschwand. Ein Gefühl der Beklemmung und Enge überfiel meine Brust und meine Kehle, obwohl die Boobies schon eine Weile nicht mehr unsere Freunde waren. Ich sehe das Bild noch heute vor meinem inneren Auge und fühle die Enge in meiner Kehle…

Zuvor hatten wir mit unterschiedlichen Abschreckungsmethoden experimentiert: Andi feuerte ein paar abgelaufene Notraketen auf die Mastspitze, wo sich gerade zwei Boobies zankten. Einer wäre ja noch gegangen, aber bei zwei Mitfahrern waren unsere Messinstrumente in Gefahr. Es war schade um die Notraketen, denn die gingen den Boobies im wahrsten Sinne am Arsch vorbei. Aus meiner eigenen Erfahrung mit einem anderen Boobie, der mal direkt auf dem Cockpit gesessen hatte, wusste ich, dass nur direkte, rohe, körperliche Gewalt einen Boobie von seinem Platz runter kriegte. Und selbst dann waren sie hartnäckig, drehten zwei, drei Runden und kamen einfach immer und immer wieder. Der nächste Versuch, der dann zugegebenermaßen sogar ein bisschen Spaß gemacht hat, war die Zwille – mit Pfefferkörnern als Munition. Wieder nix. Nächstes Kaliber: Erdnüsse. Nix. Zuletzt Kichererbsen. Damit zwar die besten Zielerfolge, aber immer noch nix.

Andi versucht die Boobies mit Kichererbsen zu verjagen.

Ich war ein wenig in Zwiespalt gefangen. Meine Tierliebe und Pazifismus einerseits und die Tatsache, dass der Kot dieser Vögel (Wahnsinn, wieviel aus so einem Vogel in nur einer Nacht alles rauskommt!) sich in die Materialien ätzt und nicht beseitigen lässt und sie mit ihrem Gewicht und ihrer Größe die Instrumente auf der Mastspitze beschädigen, was für uns dann ein akutes Problem werden könnte.

Kein Wunder, dass Heulsuse irgendwann der Geduldsfaden riss, aber da hat sie dann doch irgendwie übertrieben. Sie erledigte den Job ohne mit der Wimper zu zucken. Danach habe ich erst mal eine Weile nicht mit ihr geredet. Da ihr ja schon lange nichts mehr von mir gelesen habt, hier eine kurze Erinnerung: Heulsuse ist unser Windgenerator.

Ab und zu hatten wir aber auch liebsameren Besuch. Hier sitzt ein kleiner Vogel in meiner Koje.

Wir dümpelten immer noch im Schneckentempo über den Kanal. Sobald wir über die Mitte seien, hofften wir vom Strom erfasst zu werden und auf mehr Wind, denn dann dürften wir aus der Landabdeckung raus sein. Zum Glück hatten wir inzwischen kaum noch Welle und die Segel standen, trotz nur 7 Knoten Wind. Die Dicke braucht mit ihren 13,5 Tonnen eigentlich so um die 20 Knoten Wind, um in die Pötte zu kommen, wir konnten uns also glücklich schätzen, dass wir uns überhaupt bewegten. Dennoch hofften wir auf mehr Wind, denn noch brauchten wir den Motor zur Unterstützung.

Seit wir die Seekoje in der Achterkajüte frei geräumt hatten, schlief ich auch besser. Nur die Hitze war krass. Wir hatten tagsüber um die 40 Grad. Und ohne Wind war es eine schwüle Tortur. Drei bis viermal am Tag sprangen wir am ersten Tag noch abwechselnd, später dann mutig beide zugleich in das Bugwasser und ließen uns an einem Tau von der Dicken durch den Ozean ziehen. Hauptsache die Haie denken nicht, dass wir leckere Angelköder sind und beißen uns den Popo ab. Da checkt man lieber doppelt, ob man seine Tage hat oder eine Wunde, hahaha.

Meine eigene Laune hatte ihren Tiefpunkt in der vierten Nacht. Seit zwei Tagen lief der Motor schon ohne Pause mit. Ich ertrug weder den Lärm, der gefühlt direkt in meinem Kopf drin saß, noch die Vorstellung „unnötig“ Diesel zu verbrennen, wenn man doch ein SEGELboot hat und die Abluftdämpfe, die sich bei mangelndem Wind im Cockpit sammelten und mir zu Kopf stiegen. Andis Laune wiederum erreichte eine Nacht später ihren Tiefstpunkt. Da hatten wir nach bald 50 Motorstunden den Motor ausgeschaltet, doch der erhoffte Wind war ausgeblieben. Doch das Risiko eines leeren Tanks war auch keine Option – die tückischsten Gewässer unserer Reise standen nämlich noch bevor…da würden wir den Motor noch brauchen. Möglicherweise war für Andi in dieser Phase der Zeitdruck besonders deutlich spürbar. Er hatte einen Flug gebucht von Kapstadt nach Deutschland und das Segelrevier, das uns an der Südafrikanischen Küste erwartete, nahm keine Rücksicht auf Termine. Kein Wunder, dass er gerne besser vorangekommen wäre, um sich weniger ausgeliefert zu fühlen. Wir hatten weniger als 4 Wochen Zeit.

Fahrtgeschwindigkeit rechts ist höher als Windgeschwindigkeit links…dank Strom!

Hallelujah, am fünften Tag stieg der Wind von 7 auf 7.4 Knoten. Schon solche kleinen Dinge zählen auf einmal als Erfolg. Ein Glück, denn die Stimmung hatte ernsthaft gelitten. Jetzt liefen wir mit 5.5 Knoten, uns hatte wohl langsam der Strom erfasst! Und es waren nur noch 8 Meilen bis zu dem Längengrad, wo laut neuester Grippies (das sind die Windpfeile aus den Prognosen) mehr Wind sein müsste, dicht an der Küste von Mosambik. Von wegen schon ab der Mitte! Das Land ist ja schon bald in Sichtweite!

Am sechsten Tag waren wir dann endgültig auf der „richtigen Stelle“. Auf der 200m Linie (Wassertiefe) soll der Strom am stärksten sein. Bis zu 4 Knoten Mitstrom, je nach Tide, drückten uns jetzt in Richtung Südafrika, und obwohl wir teilweise keinen Wind hatten, liefen wir jetzt ganz geschmeidig mit bis zu 8 Knoten, mehr als Rumpfgeschwindigkeit!

Alle 6 Stunden, bei jedem Tidenwechsel, herrschte für 1,5 – 2 Stunden Schleudergang; alles was nicht festgeschnallt war, flog durchs Boot; wer jetzt gerade seine Ruhepause hatte, kam meist um den Schlaf. In meiner Schicht von 2 Uhr morgens bis 7.30 nahmen dann sowohl der Strom, als auch der Wind ab, bis wir nur noch 2.5 – 3 Knoten liefen. Ich rollte die Segel sogar komplett weg bis wir nur noch strömten! Ohne Motor, ohne Segel….Treibgut. Jetzt hatten wir wieder bessere Laune und aßen Bananenkuchen.

Danger of ABNORMALLY HIGH WAVES, especially during south-westerly gale conditions!

In den folgenden Tagen erleben wir ein eigenartiges Naturphänomen. Am Himmel tausend Sterne, keine Wolken und dennoch blitzte es. Einmal landseitig, einmal seeseitig. Es war wunderschön. Je näher wir nach Südafrika kamen, desto aufmerksamer mussten wir das Wetter beobachten. Andi erklärte mir die Situation: Es kann hier lebensgefährlich werden, wenn auf den Mosambik Strom aus Nordost Winde über 30 Knoten aus Südwest auftreten. Sie drücken dann gegeneinander, was dazu führt, dass sich die Wassermasse zu sehr hohen Wellen, sogar „Monsterwellen“ aufbäumen kann. Wellen von 18m seien dann keine Seltenheit. Diese Richtungswechsel vom Ostwind auf Südwestwinde können innerhalb von 30 – 60 Minuten ablaufen und dann hat man nicht mehr viel Zeit zu handeln. Immerhin kündigen sich diese Winddrehungen im Vorfeld schon auf dem Barometer an, weshalb wir jetzt den Trommelbarographen aktivierten und ihn stündlich im Auge behielten. Vor allem auf der Höhe der Küste Südafrikas, wo die Abstände zwischen den Hafenstädten recht groß sind und die Wetterbedingungen sich schnell ändern und dadurch ungenauer in der Vorhersage sind, mussten wir sehr aufmerksam sein. Wir hofften auch, dass bis dahin unsere Sailmail wieder zuverlässig Wetter abrufen konnte. In den letzten Tagen, hatte es oft technisch nicht geklappt, die Wetterstationen zu erreichen und so lag eine gewisse Hut und Anspannung in der Luft.

Ich merkte, dass ich unausgeglichen war. Ich fühlte mich gereizt, schnell angegriffen oder genervt. War gehässig und streitlustig. Andi war angespannt wegen der äußeren Verantwortungen und ich, weil ich gerne mehr Selbstbestimmung gehabt hätte. Es ging dabei weniger um unsere Rollen- und Aufgabenverteilung, ich hatte eher das Gefühl in einen Druck und Zwang hineingezogen worden zu sein, der gar nicht meiner war. Ich hatte nämlich keine Termine und ich hätte viele Entscheidungen daher wohl anders getroffen. Es schien also mehr ein Fall von „wir sitzen uns jetzt zu lang und zu dicht auf der Pelle und ich brauche einen Rückzug“ zu sein. In vier Wochen würde Andi abreisen, dann musste ich wieder alleine klarkommen und das war auch gut so. Ich freute mich darauf, ja sehnte mich danach. Außerdem hatte ich noch ein paar „unfertige“ emotionale Baustellen, an denen ich während der Segelei mit Andi irgendwie nicht weiterkam.

Trotz dieser Stimmungslage, waren Andi und ich stets ein gutes Team. Und es gab immer wieder Ereignisse, die Abwechslung brachten. Was gemacht werden MUSSTE, haben wir immer rational und in gemeinsamer Anstrengung und gegenseitigem Vertrauen umgesetzt – egal wie die Laune war. Ich vertraute ihm in seiner Seemannschaft, auch wenn meine Entscheidungen manchmal anders gewesen wären. Ich habe seine Autorität in Handlungsmomenten, die schnelle Aktion verlangten, nie in Frage gestellt und mich nie quer gestellt, denn es war nicht der Moment dafür – Kritik und Alternativen konnte man später diskutieren.

Eine dieser Abwechslungen kam am Nachmittag des 23.11, wir waren seit einer Woche unterwegs und ich saß im Cockpit während Andi sich unten in den Salon zum Ruhen zurückgezogen hatte. Für eine Millisekunde schnurrte die Angel. Ein kurzer Zug, dann war der Druck wieder weg. Weder Andi noch ich hatten gerade Lust auf die Arbeit und Andi rief mir von unten zu, dass ich die Angel reinholen solle. Ich hätte sie einfach schnell reinspulen können, doch der Jagdtrieb in mir (ist wohl doch nicht zu leugnen…) gewann Oberhand und kurbelte laaaangsam, falls der Fisch doch nochmal angreifen sollte. Auf einmal lief die Leine wie verrückt runter von der Kurbel, Scheiße! dachte ich, schnell bremsen! Gerade als ich mit einer Hand an die Kurbel langte und mein Blick aufs Meer hinter uns ging, sprang ein RIESENungetüm etwa 60 Meter hinter uns aus dem Wasser. Ein Schwertfisch! Ein Riesentier! Mindestens 3 Meter lang, der wuchtige Kopf und dann nochmal die unverkennbare Lanze von etwa 80cm. Der Leib war zum Sprung gebogen, alle Muskeln angespannt, das Tier so kräftig – mindestens 50 cm dick hinterm Kopf. Wow! Was für ein königlicher Anblick. Alles passierte in Sekundenschnelle, für mich passierte es in Slowmotion. Es ist bis heute immer wieder abspielbar. Mit einem Knall riss mir die Angel aus der Hand, knallte auf das Solarpanel, die Spule gab Ruhe aber mein Gehirn begriff nicht sofort. Ich dachte erst „Scheiße, halte die Angel fest! Aber es passierte weiter nichts, der Schwertfisch hatte sich befreit.

Gut so. Das wäre vermutlich eh nicht gut ausgegangen. Entweder wir hätten die Angelrute verloren, oder den Köder, oder den Fisch nicht schmerzfrei erlegen können, uns selbst noch verletzt, aber vor Allem: Wohin mit soviel Fisch, wenn wir ihn doch geschnappt hätten? Klar, es wäre eine Sensation, eine gute Geschichte für spätere Rumrunden gewesen. Zum Prahlen und Angeben. Aber ist es das wert? Das Leben einer Kreatur? Wir hätten womöglich einen Großteil verschwendet oder an die Hitze verloren.

Jetzt konnten wir in Ruhe betrachten was passiert war. Andi kam an Deck. Die Halterung der Angel war gebrochen, die Angel hing nur noch an unserer dünnen Sicherungsleine. Zum Glück hatten wir die! Das Panel war auch noch unbeschädigt, auch die Rute und selbst der Köder! Ein Wunder…Und in meinem Gedächtnis für immer das eingebrannte Bild dieses vor Kraft und Muskeln strotzenden Tieres, das über einen Meter aus dem Wasser springt, um sich zu befreien. Wir segelten derzeit mit exakt 7 Knoten. Genau die Geschwindigkeit von den großen Jägern Marlin und Co. Aber für uns eine Nummer zu groß.

Ich sah jetzt auch vermehrt Libellen und fragte mich, ob sie wahrhaftig so weit fliegen können oder an Bord eines Schiffes Mitreisende waren. Es waren 300km bis zum Land!

So weit weg vom Land! Wie schaffen die das nur?

Am 10. Tag sichteten wir zum ersten Mal Land. Der Strom war uns abhanden gegangen und wir liefen leider schon wieder unter Motor. Wir hatten noch Diesel für ca. 50 weitere Stunden – all solche Dinge konnten jetzt den Unterschied machen. Für die nächsten drei Tage war kein Wind vorhergesagt, danach sollte gleich Starkwind einsetzen, aber bislang zumindest aus einer „guten“ Richtung. Falls dies zutraf, wollten wir ihn nutzen, um bis nach Durban durchzukommen und dort zu rasten. Davor gab es für uns allerdings nur einen einzigen Notstopp, nämlich Richards Bay, es wäre also schlecht gewesen, wenn die Vorhersage nicht stimmte :-S

Es kam natürlich anders als gedacht. Wir hatten doch etwas Wind und kamen sogar wieder etwas in den Strom und machten zunächst mehr Strecke als erwartet. Die neuesten Wetterprognosen sagten den Starkwind nun aber doch für SW voraus, also genau jene Konstellation, die für uns gefährlich werden konnte. Jetzt hieß es also Gas geben und zusehen, dass wir bis zum 30.11 nach Durban kommen. Es würde eine wirklich knappe Kiste werden.

Am 27.11 kamen wir in südafrikanisches Gewässer. Es waren noch 150 Meilen bis Durban, bei normalem Segelwind wären das 36 Stunden. Aber der Wind ging langsam weg, um uns laut Grippies am nächsten Tag ganz zu verlassen und am Tag darauf auf die gefährliche Seite zu drehen. Wir saßen gemeinsam im Cockpit und hielten nach Sternschnuppen Ausschau, um uns guten Wind für morgen Nacht zu wünschen. Plötzlich sah ich einen grünlichen Schweif mit orangen Sprühfunken durch de Himmel ziehen. Nicht groß, nicht lang und viel zu tief um eine Sternschnuppe zu sein. Auch viel zu nah. Der Ausruf „ein Feuerwerk“ bleibt mir im Halse stecken, mein irritiertes Gehirn brachte nur noch unter Stottern hervor: „Wasn das? Ein Leuchtfeuer? Eine Notrakete?!“ Aber danach nichts als Sterne, man sah nichts weiter…Andi schaltete den Funk und den Plotter ein, reichte mir die „Mutter der Taschenlampen“…Es bleibt aber nur ein weiterer Fall von mysteriösen Ereignissen auf See.


28.11.19 Angst.

Zum ersten Mal auf meiner Reise habe ich Angst. Angst um mein Leben. Aber die Gefahr ist nicht real, sie spielt sich zu 99 % in meinem Kopf ab. Krass wie wirklich sie ist.

In meiner Schicht von 20.00 – 0.00 passierte es. Eigentlich genau wie von den Grippies angekündigt: der Wind drehte von Ost über Nord auf NW, um erheblich abzunehmen und dann um 23.30 auf West zu drehen. Und zwar mit Kraft. Als er dann auch noch auf SW drehte, war in meinem Kopf nur noch Platz für die ganzen Horrorstories. Bilder von 20-30 m hohen Wellen, Kenterung, Orientierungslosigkeit, sprühende Gischt, die Welt dreht sich, alles fliegt herum, wir sterben. Seit Wochen hieß es, wenn der Wind auf SW dreht, seht zu, dass ihr weg kommt!

Wir hatten bereits am Nachmittag vorausschauend einige Segel gewechselt und das Schiff vorbereitet. Wir waren für Leichtwind und für Starkwind ausgestattet. Meine Schicht war etwas unruhig, ich musste mehrfach Andi wecken, um mit den Schwierigkeiten an Bord klar zu kommen und da der Wind sich im Laufe der Schicht ja quasi einmal komplett um uns drehte, hatte ich gut zu tun. Irgendwas war immer. Teile, die bei den Manövern im Weg waren, Segel, die nicht mehr gut zum Kurs passten…

Der Wind wehte jetzt mit 20 – 25 Knoten. Das war eigentlich ideal für die Dicke. Wir wussten nicht, wie sich das Wetter entwickeln würde, es hatte nicht mehr geklappt Wetterdaten reinzuholen und selbst unser Telefonjoker Henning aus Deutschland, den wir über Satellitentelefon zu erreichen versuchten, ging nicht dran. Ausgerechnet jetzt.

Der Himmel hatte sich zugezogen, es nieselte, der Wind pfiff, die See war grau und gischtig. Es wurde immer böiger. Andi übernahm die Schicht, aber ich konnte in meiner Seekoje keine Ruhe finden, um mich herum waren nur unangenehme Geräusche, die meine Fantasie fütterten, also ging ich wieder hoch zu Andi. Wir zogen unsere Westen an, pickten uns ein und liefen nach vorn, um die Sturmfock doch wieder zu setzen, falls es schlimmer wurde. Das machte bei dem zunehmenden Wellengang auch schon deutlich mehr Arbeit. Die Genua hatte sich beim Reffen mit der Sturmfock vertüddelt, hier und dort kurzzeitiges Chaos, wir mussten uns über den Lärm hinweg zubrüllen, was in meinem Kopf auch gleich „Brüllen = Gefahr“ bedeutete. Und während all dem war mir eines bewusst: DAS hier ist noch GAR nix. 30 Knoten Wind sind keine Seltenheit, das sind wir sogar gewohnt, auch Wellen von 2 – 2,5 m sind völlig normal. Man stelle sich einen Sturm vor…Arbeiten an Deck?…Exponentiell schwieriger!

Ich kann nur noch hieran denken…

Die äußeren Umstände waren noch nicht allzu kritisch. Nichts, was wir nicht schon erlebt hätten. Aber ich war extrem angespannt, grimmig, besorgt und verängstigt. Panik machte sich in mir breit und drohte mich zu lähmen. Es waren die Gedanken….Die Geschichten….Bei 40 Knoten Wind könnten sich Wellen von 20-30 m aufbauen, Wellen von 18m seien keine Seltenheit. Es war das große Unbekannte und unzulängliche Kenntnis, die mich verrückt machten. Laut der letzten Grippies, die wir hatten, erwarteten uns 12 – 16 Stunden Wind von der „bösen“ Seite. Seine Stärke übertraf bereits jetzt die Vorhersage und die war alt…Ich fragte mich wie schnell sich die Wellen aufbauen konnten. Wie stark und wir lang der Wind so sein müsste, dass es gefährlich werden könnte. Laut Seekarten und Hinweisen ist der Strom auf der 200 m Linie am stärksten. Diese verläuft nur 5 Seemeilen von der Küste entfernt. Der Rat war: dreht der Wind auf S/SW solle man sich ZUR Küste verpieseln, dort sei der Strom schwächer und es gebe keine Wellen. Das widerspricht dem natürlichen Instinkt eines Seglers und jeder inneren Überzeugung. Der würde sich mit dem Zeigefinger an die Stirn klopfen…Es bedeutet eingekesselt zu sein zwischen „Monsterwellen“ und Küste auf einem sehr schmalen Band von nur 2 Meilen. Normalerweise versucht man bei Schlechtwetter entweder rechtzeitig IM Hafen zu sein, oder rechtzeitig RAUS aufs offene Meer zu kommen, weg von der Küste und flachen Gewässern. Schließlich ist Land für ein Boot gefährlicher als Wasser. Aber hier in Südafrika würde dies nur noch mehr Lebensgefahr bedeuten. Unseren zwischenzeitlichen Entschluss bis Durban zu fahren, revidierten wir in dieser ungewissen Lage. Richards Bay, unser einziger Notstopp, lag 25 Meilen vor uns, wir würden es vielleicht in 8-10 Stunden dorthin schaffen….Meine Nerven lagen etwas blank.

In dieser Nacht kreuzen wir auf dem schmalen Streifen zwischen Küste und Strom, bis kurz vor Richardsbay. Danach beruhigt sich die Lage wieder vorübergehend und ich habe wieder was gelernt.

Wir trimmten die Segel auf Westkurs, ran an die Küste. Ich hatte ein mulmiges Gefühl dabei. Andi schickte mich wieder ins Bett. Wahrscheinlich war ich in meinem Zustand nur eine Gefahr für sein noch rational funktionierendes Gehirn. Ich lag in meiner Koje und kämpfte mit meiner inneren Stimme und ihrer Panik. Ich schickte Abschiedsgebete an meine Eltern. Ich hab euch lieb. War den Tränen nahe… (wenn ihr das jetzt lest….Loveshower to you….es war alles gar nicht so schlimm, wie es sich für mich anfühlte…) und doch schaffte es zum Glück ein Teil von mir, sich zusammen zu halten – mich zu überzeugen, dass der größte Spuk doch nur in meinem Kopf war. Ich traute dem Boot, nur nicht den Wellen. Ich hatte Angst vor etwas, dass noch gar nicht DA war und schließlich schlummerte ich erschöpft von meiner inneren Unruhe ein. Drei Stunden später wurde es langsam hell, es hatte sich ein wenig beruhigt und sogar die Sonne drückte sich hier und da durch die Wolken. Die Wellen an der Küste waren in der Tat fast weg, dazu musste man wirklich bis auf die 50, 40, 20m Linie (!! so nah an die Küste!). Dort sah die Welt schon viel besser aus. 10 Stunden lang kreuzten wir zwischen der 40m und 200m Linie im Zickzack. Wer noch keine Manöver konnte, der durfte jetzt üben. Bei Sonnenaufgang gelang es uns endlich eine Wettervorhersage rein zu holen. Für 36 Stunden würden wir den mittelguten Ost/Nordost Wind haben, doch danach drohte ein zweites SW-Tief und DAS galt es definitiv zu vermeiden, also beschlossen wir doch wieder bis Durban durchzufahren.

Im Ankerfeld vor Richards Bay die ersten Anzeichen menschlichen Lebens seit Tagen: Riesige Frachtschiffe warten hier. Wir schlängeln uns durch.

Meine Angstnacht war vorbei und am 29.11 legten wir um die Mittagszeit in der Durban Marina an. Ich war völlig erschöpft von meiner gefühlten Nahtoderfahrung und wollte nur noch schlafen.

Durban. Sieht nicht sehr verlockend aus…