
Hey Leute, ich hinke etwas hinterher und werde euch jetzt erstmal den Bericht von Donnerstag und Freitag geben, der von Mittwoch kommt hinterher geschoben. Es ist grade extrem spannend und es geht hoch her.
Freitag, Tag 8
Heute ist ein alles entscheidender Tag. Seit Mittwoch sind beide Teams dicht beieinander, das Gefühl immer hinten zu liegen hat anscheinend getrübt. Derzeit liegen wir mit ca 200 Punkten sogar vorne, doch das ist nichts verglichen mit den Punkten, die wir heute machen müssten, um die Pleiten der Tanzgruppen zu kompensieren, die vorhersehbar sind.
Folgendes Problem haben wir: in den meisten Disziplinen, die von Juroren entschieden werden, verlieren wir, was schon irgendwie nach Betrug stinkt. In den Wettkämpfen, in denen es nach Gewicht, Größe etc. geht, also nach messbaren Größen, gewinnen immer wir. Unser größtes Problem sind die drei Tanzgruppen. Ich hatte bereits berichtet, dass meine Gruppe und die der Kinder verloren hatten. Diese Tänze sind mit die wichtigsten Säulen der Bewertung und es ist schon auffällig, dass wir jedes Mal Punktabzug bekommen, die anderen jedoch stets die volle Punktzahl. Darum ruhten alle Hoffnungen auf dem gestrigen Abend, auf der dritten und letzten Tanzgruppe, den Jugendlichen.
Tag 7

Der Abend begann mit einer Modeschau, die Weiß gewann. Gefolgt von Kai–kai, den Rezitationen mit Fadenspiel, die glücklicherweise wir gewonnen haben. Als die Tänze losgingen war es bereits nach Mitternacht. Weiß war zuerst dran (was ich schonmal nachteilig finde, dass immer sie anfangen, es sollte sich abwechseln). Das Publikum war schon ganz aufgeregt. Als die Jungs und Mädels auf die Bühne kamen, tobten die Zuschauer und ihr Auftritt war wirklich gut. Die Bewertung erfolgte nicht direkt. Es waren zuerst wir dran (was wieder seltsam ist, bei allen anderen wird kein Raum für den Vergleich gegeben. Alles wird sofort bewertet.)

Unsere Truppe erschien (die Kostüme sahen nach der Panik der letzten Tage echt gut aus) und legte los. Der Anfang war etwas träge, aber es steigerte sich so hoch, das das ganze Publikum mitklatschte und tanzte und Party machte. Es sah klasse aus, als diese Riesenmasse einen Hoko aufführte und ihnen gelang der Ein- und Ausgang viel besser als uns Alten. Es war ein rundum gelungener Auftritt. Die Musik endete und die Tänzer leerten die Bühne. Stille trat ein, als die beiden Leiter nach vorne kamen, um die Bewertung abzuwarten. Zuerst Team Weiß. Es war muchsmäuschenstill und die Juroren vergaben sowohl für die Musik als auch die Tänze jeweils die Maximalpunktzahl.

Langsam bewegte ich mich durch das aufgebrachte Publikum Richtung Backstage. Die meisten Gesichter waren enttäuscht und leer. Jede der Tanzgruppen muss zwar ein zweites Mal tanzen, ehe die Punkte endgültig sind, aber es scheint aussichtslos die Jury noch zu überzeugen. Böse Zungen sagen sie seien gekauft.
Es war bereits 02:30 als ich Richtung Heimat fuhr. Aber ich war noch zu aufgewühlt, um mich direkt ins Bett zu legen. Ich legte mich unter die Palmen und starrte in den Sternenhimmel.
Heute Früh wachte ich auf, um festzustellen, dass direkt vor Meras Haustür ein Wettkampf zu Gange war. Ich zog mich schnell um und kam gerade rechtzeitig, um die Ankunft der Läufer mit zu bekommen, die einen Staffellauf mit Bananenstauden über ca 2 km gemacht hatten. Weiß belegte den 1. und 3. Platz, Rot den 2. und 4.


Vero winkte mich zu sich und fragte mich, ob ich ihr helfen wolle, die Punkte der letzten 24 Stunden zusammen zu rechnen. Wir setzten uns ins Auto und rechneten. Da war die Überraschung groß, als wir feststellten, dass wir um 200 Punkte vorne liegen. Sollten alle drei Tanzgruppen allerdings beim zweiten Versuch wieder verlieren, liegen wir 6000 Punkte zurück. Da es wie gesagt wahrscheinlich ist, dass wir sie verlieren, müssen wir heute die Regatta und den Hoko definitiv gewinnen, um die Differenz zu verringern. Darum sitzen wir grad auf heißen Kohlen. In 30 min beginnt die Regatta.
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Ich habe mich gut platziert und sitze auf einer kleinen Landzunge, dort wo die Bucht zum Hafen am engsten ist und wo die Ziellinie ist. Entgegen meiner Erwartung gibt es noch nicht einmal eine Zielschnur. Sollten zwei Boote um die letzten Zentimeter kämpfen, gibt es keine harten Fakten.
Diesmal handelt es sich aber nicht um das Hoe, sondern um Rudern, wie wir es schon eher kennen. Die Ruderboote wurden extra in den letzten Wochen in Handarbeit angefertigt, denn sie müssen aus Holz sein und nach alten „Fischeregeln“ gebaut.
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Die Regatta war teilweise recht spannend. Manche Teams wurden in allerletzter Minute zusammengestellt, und obwohl ich noch in der Früh Vero gefragt hatte, ob ich mitrudern dürfe, ist daraus nix geworden. Als ich das Last-minute -Team dann auf dem Wasser gesehen habe, dachte ich, dass ich da auch locker mitrudern hätte können, die waren so schlecht! Beinahe hätten sie sogar das Boot gehimmelt! Am Ende haben wir aber insgesamt gewonnen und waren überglücklich. Das war bitter nötig, um einerseits die Moral zu heben und andererseits die anderen Pleiten aufzuholen.
Als Tio Lynn, unser Tanzgruppenleiter, uns nachmittags alle zu einer Krisensitzung einberief, teilte er uns mit, dass es aussichtslos sei die Disziplinen zu gewinnen, die von Juroren bewertet werden und forderte uns auf alle Freunde, Verwandten und Familien zu mobilisieren, damit sie Ende nächster Woche beim Umzug auf unserer Seite mitlaufen. Beim Umzug bekommt jeder Mitläufer Punkte, je mehr man hat, desto mehr Punkte also. Es wird unsere letzte Gelegenheit sein das Tapati zu gewinnen, wenn es dabei bleibt, dass wir nur die Wettkämpfe ohne Jury gewinnen.
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Es ist Abend und der Hoko steht an. Beide Gruppen (min. 20 Personen) werden sich gegenüber stehen. Der Hoko ist eine der ältesten Überbleibsel der Rapanui-Kultur und eine meiner Lieblingsdisziplinen. Er wird ausnahmsweise nicht auf der Hauptbühne aufgeführt, sondern direkt vor Meras Haustüre vor einem Ahu mit Moai, ein imponierender Standort.
Kurz vor Beginn treffen sich alle Wettkämpfer, um sich in Kisis Hof zu bemalen. Beim Hoko sind die Krieger (Männer, Frauen und Kinder) in der Regel ganzkörperbemalt und mit wenig oder gar keiner Kleidung. Sie tragen Waffen, also Stöcke und machen hauptsächlich Lärm und alle die gleichen Bewegungen und rufen dabei ein Kampflied. Die Farben (Ki’ea) sind Erdfarben, schwarz wird aus zermahlener Kohle gewonnen. Mit etwas Wasser und Zucker angerührt, damit es besser hält, bekommt man eine flüssige Farbe, die mit den Händen oder Pinseln aufgetragen wird.
Zunächst trat eine Truppe von den Marquesas auf, sie nehmen nicht am Wettkampf teil. Dann waren wir dran. Tio Lynn betrat als Anführer die Fläche, sein Gefolge formierte sich zu einem Block. Er eröffnete den Hoko mit einem kurzen Monolog, dann übernahm Hotu als „Oberkrieger“ die Leitung. Es war zum furchteinflößen und die Truppe hatte sich gut vorbereitet. Die Choreographie war sehr bildlich und lesbar: „wenn du auch nur wagst mein Territorium zu betreten, dann jage ich dich mit meiner Lanze, verprügel dich, und reiße dir die Augen aus dem Schädel! Das hier ist mein Grund und Boden! Wuuuaaaaaaaa!“ Die Augen weit aufgerissen und die Zungen rausgestreckt, alle im Chor die Sätze rufend. Dann kam die zweite Gruppe, ebenfalls von einem „Häuptling“ und einem „Oberkrieger“ angeführt. Ihre Körperbemalung war weiß (unsere Rot ;-)) und sie führten ebenfalls einen Hoko auf. Einen, den ich zumindest vom Text her schon oft gehört habe. Ihre Truppe bestand aus reinen Männern, sie waren mehr als wir, aber unkoordiniert und durcheinander. Dann waren wieder wir dran und dann nochmal sie. Dem Publikum gefiel offensichtlich der Hoko der roten Krieger, denn er hatte Höhepunkte und starke Gebärden. Die Weißen hatten immer das Gleiche und hatten sich nicht viel Mühe gegeben eine Choreographie zu entwickeln und das Publikum klatschte nur verhalten. Ich erfuhr später, dass sie ihren Hoko erst am gleichen Tag einstudiert hatten, ob das stimmt weiß ich nicht. Ich dachte es würde noch weiter gehen, als bereits die beiden Moderatoren wieder auftraten und die Juroren aufforderten ihre Punkte hochzuhalten.
Da wir nicht auf der Hauptbühne waren, gab es keine Videoübertragung und ich streckte mich und suchte die Juroren, doch fand sie nicht, weshalb ich von meiner Position aus nicht erkannte was die Weißen, die zuerst bewertet wurden, erhielten. Die Moderatoren wiederholten auch nicht das Ergebnis und es wurde mit rot fortgefahren. Plötzlich jubelten alle Weißen und fielen sich in die Arme, während die roten still und regungslos blieben. Das reichte aus um alles zu verstehen. So wir mir ging es wohl einem Großteil des Publikums, das völlig empört und aufgebracht anfing Radau zu machen, zu pfeifen, buhen und „jurados comprados!“ (gekaufte Juroren!) zu brüllen, als uns allen aufging, dass wieder einmal Weiß gewonnen hatte. Aber im Gegensatz zu dem Abend nach dem Tanz der Jugendgruppe, ging es heute richtig ab. Einige Zuschauer stürmten zu den Juroren, andere zu den Kriegern, andere, wie ich, zu ihren Freunden, um mit ihnen aufgeregt zu diskutieren, was grade passiert war, doch ich kam gar nicht so weit, denn im Publikum bildete sich eine Masse, die rhythmisch klatschend „Injusticia!“ riefen und ihrem Ärger Luft machte. Als ich schließlich die anderen fand, bewegten sich Hotus und Fers Mutter und Tahiras Tante gerade zu den Juroren, um mit ihnen zu streiten und die Gründe für die Punktabzüge zu erfahren. Unter Tränen machte Nini, Tahiras Tante, ihrem Ärger vor den Juroren Luft und fragte sie, ob sie sich nicht langsam schämten Abend für Abend so parteiisch zu sein.
Ich schnappte wenig auf, nur der Begriff „Koordination“ fiel immer wieder und Hotus Mutter, die wütend sagte, dass die Weißen unkoordiniert gewesen seien und nicht wir.
Ich erfuhr, dass Weiß wieder einmal volle Punktzahl erhalten hatte und wir 3Punkte Abzug.
Das ist eine Frechheit, denn es gab einige Punkte, die für uns sprachen. Abgesehen von der besseren Choreo, sollte es zumindest einen Bonus dafür geben, dass Tahira und Fer am Hoko teilgenommen haben. Sie nehmen stets an allem teil, egal wie gut sie darin sind, oder wie müde. Bei den Weißen hat weder der Aito noch Tiare teilgenommen, die auch die Regatta nicht mitgemacht hat. Desweiteren bestand unsere Gruppe aus Frauen, Kindern und Männern, es haben alle den Text gesprochen und nicht nur ein paar wenige und von der Koordination ganz zu schweigen.
Ich blieb noch eine Weile, ging dann aber zu Kisi, wo sich die Krieger grade duschten. Die Hilflosigkeit stand den Leuten ins Gesicht geschrieben. Fers Vater, der sich die ganzen letzten Niederlagen zusammengerissen hatte, konnte die Ungerechtigkeit nicht mehr fassen und weinte. Er fragte mich, wie es sein könnte, dass man so sehr dafür bestraft werde, sauber mitzuspielen und fragte mich, ob ich als „Touri“ mitbekommen hätte, wie die Reaktion anderer Touristen, also Außenstehender gewesen sei. Er wollte wissen, ob es auch allen anderen auffalle, dass die Jury gekaufte Stimmen abgibt, oder ob er sich das alles einbilde. Ich bin natürlich selbst nicht ganz unparteiisch, aber so langsam finde auch ich es faul. Die Aufführung der Roten war definitiv besser. Bei den Tänzen könnte man noch sagen, dass es Geschmackssache war, aber das war einfach eine Nummer zu viel…Ich bin gespannt, was morgen bei unserer Probe gesagt wird. Morgen, Samstag, finden keine Wettkämpfe statt, dafür haben wir Tanzprobe, um unseren zweiten Auftritt zu verbessern.

















