Madagaskar – Die Pirateninsel

Liebe Freunde, es ist eine unverzeihlich lange Zeit vergangen, seit ich über meine weitere Reise berichtet habe und wie die meisten von Euch wissen, bin ich auch schon lange wieder in Deutschland. Dennoch habe ich nicht vor die letzten zwei Etappen meiner Reise unter den Teppich zu kehren. Und auch wenn es nicht mehr aktuell ist, möchte ich sie nicht nur für Euch, sondern auch für mich selbst gerne in den nächsten Wochen nochmal in Worte und Bilder fassen.

Gehen wir zurück auf die Kama. November 2019.


Wir laaahaagen vor Madagaskaaaaar……und hatten die Peeheeest an Booooord! Im Kessel da faulte das Wasseeeeeer, und täglich ging einer über Booooooord!!!

Madagaskar…Ich kenne persönlich niemanden, der dort schon einmal war. Das Lied von eben, lerne ich auch jetzt erst kennen, da wir uns im Anmarsch befinden. Selbst den Kinderfilm mit den Ausbrechern aus dem Zoo habe ich noch nicht gesehen. Der Name klingt wohl in meinen Ohren, klingt nach positiven Abenteuern und guter Laune. Er klingt unberührt und wild. Ich freue mich mega auf dieses Land und das sind immer die besten Voraussetzungen, um auch positive Erfahrungen zu sammeln. Auch Andis freudige Aufregung steckt mich an. Er interessiert sich nicht nur für Wikinger, sondern auch für Piraten und obwohl ich ihn noch nie zuvor ein Buch habe lesen sehen, steckte er jetzt seit Tagen mit seiner großen Nase in einem Buch über die Geschichte der Piraten. Es gibt noch Zeichen und Wunder….

Wir steuern an einem Samstagmittag aus Ost-Südost auf Sainte Marie zu. Hier war im 17. und 18. Jahrhundert einer der wichtigsten Piratenstützpunkte des indischen Ozeans. Die Küste ist nun schon wenige Hundert Meter entfernt und wir sehen unsere ersten Madagassen – zwei Fischer in einem selbstgebauten Auslegerboot. Ich sage noch zu Andi, „wenn die hier fischen, dann haben wir bestimmt auch gleich einen Biss….“ und schon schnurrte unsere Leine. Juhuuuuu. Andi verdreht die Augen. So kurz vor der Ankunft will er sich nicht noch um einen Fisch kümmern. Also springe ich nach hinten und übernehme den Job. Es ist ein recht großer schlanker Fisch. Ich kenne ihn nicht, aber er wird schon schmecken und wir können davon was verschenken und uns damit gleich neue Freunde machen. Das ist immer ein guter Start.

Wie immer dauert es eh noch eine halbe Ewigkeit ehe wir tatsächlich ankommen. Die letzten Meilen, selbst wenn man schon an der Küste ist, sind zäh wie Kaugummi. Es dämmert sogar schon, als wir in unsere Zielbucht steuern und dort 4-5 andere Boote vorfinden, allerdings keinen Menschen sehen. Das Wasser ist flach und es dauert einige Runden ehe Andi mit unserem Anker zufrieden ist. Unser Nachbar ist gar nicht mal so weit weg und so richtig gut finde ich das nicht. Ich habe dann immer Sorge, dass sich die Schiffe in die Quere kommen.

Meine ersten Eindrücke von Sainte Marie

So, jetzt erstmal ein Ankerbier. Wir durchlaufen unsere rituelle Ankommensroutine: zu aller erst ein Drink. Dabei das Logbuch ausfüllen. Beim Trinken die Umgebung mit den Augen verschlingen. Die Stimmung aufsaugen und die Eindrucke verarbeiten. Ahs und Ohs. Nach dieser kurzen Pause wird noch schnell das Deck aufgeräumt, die Technik verstaut…Dann, je nach Tageszeit und Wochentag müssen wir uns um die Formalitäten kümmern. Heute ist es schon fast dunkel – und Samstag – somit heißt es zum Glück: auf die Couch, Chillen, Essen und früh ins nicht mehr schaukelnde Bett… Das ist mein Lieblingspart und wenn ich selbst Kapitän wäre, würde ich meine Ankunft grundsätzlich so planen, dass ich erst Samstag Abend ankomme und mich erst Montag früh um diesen ganzen Kladderadatsch kümmern muss.

Wir ziehen uns noch drei Folgen Wilsberg rein – meine Augen sind den Bildschirm nicht mehr gewohnt und sind schon nach der ersten Folge ausgetrocknet und rot. Müde.
Das Bett ist ein Traum und es dauert nur Sekunden und ich bin weg.

Gefühlt habe ich gerade erst die Augen zu gemacht, da werde ich von einem hässlichen Poltern wach und das Boot wird erschüttert. Scheiße, unser Anker hat nicht gehalten! Wir müssen den Nachbarn gerammt haben! Ich bin in Sekunden draußen und blicke Richtung Heck. Ob ich dabei irgendwas rufe, weiß ich gar nicht mehr. Es ist dunkel, aber die Stadtlichter erhellen die Nacht. Ich bin verwirrt. Der Nachbar ist immer noch einige Meter neben uns. Ich drehe mich um und schaue nach vorne. Es ist zwar still, aber da ist ein Segler, etwa die gleiche Größe wie wir, seine Schnauze steckt in unserer Schnauze und an Bord wir wild aber leise manövriert, als könnten sie sich lautlos davon machen und niemand würde etwas mitbekommen, wenn sie nur still genug seien. Ich renne an Deck und nach vorne, da hat er sich schon frei gemacht und gleitet leise tuckernd an uns vorbei und weiter. Als ich dem Mann am Steuer ins Gesicht schaue, er ist nur zwei bis drei Meter von mir weg, hebt er entschuldigend die Hand und stottert eine leise französische Entschuldigung, schräg hinter ihm ein weiteres Gesicht. Ich glaube zu erkennen, dass die Frontscheiben seines geschlossenen Cockpits mit Brettern vernagelt sind.

Ich bin noch ganz benommen und habe noch nicht ganz kapiert, was gerade los war oder ist und drehe mich mechanisch ihm nach, wie er in der Nacht verschwindet und sehe, wie Andi inzwischen auch an Deck ist. Zusammen checken wir das Wichtigste: Ist das Boot dicht? Einer von innen, einer von außen. Dann beide wieder oben, die Fragen gehen ganz durcheinander. Es ist inzwischen klar, dass WIR gerammt wurden und nicht umgekehrt, aber ein Leck erkennen wir nicht. Den Rest des Schadens müssen wir morgen bei Tag anschauen. An Schlafen ist jetzt aber erst mal nicht zu denken und wir sitzen noch eine Weile zusammen und sprechen über den Zusammenstoß und die Dummheit der anderen. Es fühlt sich falsch an, dass es für sie mit einer gehobenen Hand und einer mühevoll gestotterten Entschuldigung getan ist. Mal sehen, was der nächste Tag so bringt. Es würde sich eigentlich gehören, dass der andere Segler bei erster Gelegenheit sein Dinghi ins Wasser setzt und zu uns rüber kommt, um sich nach dem Schaden zu erkunden und sich vernünftig zu entschuldigen.

Am nächsten Morgen warten wir vergeblich. Die Yacht, die uns gerammt hat, liegt ohne Lebenszeichen am anderen Ende der Bucht hinter den anderen Yachten. Durch das Fernglas betrachtet sieht es aus wie ein ziemlich abgeranztes Alu-Boot. Die Kirchen läuten und wir sehen wie weiße Punkte am Ufer gemütlich zur Kirche schlendern und 1,5 Stunden später wie Perlen an einer Kette zurück in die ruhige Stadt. Es ist inzwischen fast schon Mittag, wir haben schon längst gefrühstückt und nach dem Rechten geschaut, aber bei den anderen Booten herrscht Totenstille. Unser fetter Bugspriet, eine dicker Edelstahlbügel vorn am Schiff, hat wohl das Schlimmste verhindert. Nur rechts vorne ist ein länglicher Kratzer im Lack, sonst nichts. Der Franzose muss beinahe frontal auf uns gefahren sein, unser Bugspriet hat ihn dann zur Seite gezwungen. Wenn er auch nur einen geringfügig anderen Winkel gehabt hätte, wäre er in unsere Bordwand gestoßen und das hätte mit Sicherheit ein Loch gegeben. Aber wie es dazu kommen konnte, macht uns fassungslos. Es war hell genug in der Nacht, sowohl durch den Mond, als auch durch die Stadtlichter, um die ankernden Schiffe in der Bucht zu erkennen. Na ja, außer man verbrettert sein Cockpit. Und wer so spät in der Nacht in eine Bucht einfährt, geht normalerweise auf Nummer sicher. Man hat ja auch keine Eile, das Wetter war gut. Sein Begleiter hätte vorne am Bug Ausschau halten können. Und selbst ankernde Schiffe sind auf dem Bildschirm zu erkennen. Fast jeder hat diese Technik heute. Das Geschehene zeugte eher von grober Lässigkeit oder Unachtsamkeit, in jedem Fall von schlechter Seemannschaft. Und von einem zugenagelten Cockpit.

Als die Sonne schon am Zenith stand, ein paar Lebenszeichen gab es inzwischen bei den anderen, aber keine Anzeichen von Aktionismus, waren wir es, die das Dinghi ins Wasser ließen und uns vom Boot begaben. Bei unserem direkten Nachbarn war niemand, dahinter das Schiff war das größte in der Bucht, und schräg dahinter unser Rambo. Als wir längsseits an ihn heranfuhren, wirkte der Skipper beinahe überrascht, dass wir ihn aufsuchten, aber er wusste ganz genau wer wir waren. Es war enttäuschend, dass er sich nicht mal die Mühe gab zerknirscht zu wirken. Andi sagte schließlich, „ein paar Flaschen französischer Rotwein wären doch schön…“ „Achso, ja, hhmm, stimmt, nur…davon haben wir keine an Bord.“

Genau. Ein Franzose ohne Rotwein an Bord.

Und bei Tag sah ich nun, dass in der Tat sein Cockpit so dermaßen verrammelt war, denn Scheiben hatte es keine mehr, dass er nur seitlich rausschauen konnte. Umso verantwortungsloser sein Verhalten. Dieses Dreiergespann (es gab noch einen Dritten an Bord) hatte allen Anschein nach mit dem Schiff schon so einiges erlebt. Es war ein richtiges Kraut und Rübenboot. Schade, unter anderen Umständen hätten die uns wahrscheinlich gut gefallen. Aber hier war nichts zu machen. Zum Glück war ja nichts passiert.

Rambo hat uns in der Nacht gerammt.

Wir fuhren an Land und schlenderten durch die leeren Gassen. Hier und da liefen ein paar Kinder herum. Man beachtete uns gar nicht. Wir suchten schon mal die ganzen Behörden auf, bei denen wir uns zu melden hatten, aber sie waren natürlich zu. Offiziell durften wir uns auch noch gar nicht weiter hier bewegen, schließlich waren wir ja noch gar nicht „da“. Wir machten also nur eine kleine Runde, es war eh sonntägliche Leere und so begaben wir uns am frühen Abend wieder auf die Kama.

Ein friedliches Fleckchen dieses Sainte Marie.

Am Montag ging es dann erst richtig los. Wir wurden beim Pässestempeln vom Polizeikommandanten zum Polizistenball eingeladen, erkundeten die kleine „Stadt“ (Ambodifototra), fanden eine Kneipe in der es ganz viel Rum gab, ein paar geeignete Supermärkte für unsere Proviantierung, eine gut besuchte Bäckerei, in der es sogar französische Baguettes und Croissants gab. Überhaupt wurde hier irgendwie unerwarteterweise Französisch, oder zumindest so eine Art, gesprochen. Und über allem thronte auf dem Berg das große Fort, das man schon von weitem sehen konnte. Dort hatten sich unter Anderem die Piraten damals einquartiert.

Auf Sainte Marie verbrachten wir eine Woche. Das war mehr, als an anderen Orten unserer Route und lag zum einen daran, dass wir uns wegen unseres Interesses an der Piratengeschichte so auf diese Insel gefreut hatten, aber zum anderen auch daran, dass die Erwartungen durchaus auch erfüllt wurden und es uns dort gefiel. Die Inselstimmung war gut, nette unaufdringliche Leute, neue Bekanntschaften, coole Ruinen und die Möglichkeit die Geschichte zu „sehen“ – einfach eine schöne Atmosphäre.

Neben unserer Ankerbucht gab es eine künstlich durch einen Erdwall abgetrennte Lagune und dort hatten sich in der Vergangenheit die Piratenschiffe versteckt. Dort liegen bis heute in tauchbarer Tiefe mindestens zwei Wracks, aber wir hatten keine Gelegenheit sie zu besuchen. Stattdessen besuchten wir das Fort, das heute vom Militär genutzt wird, wie wir feststellten, als wir unbedarft die Straße hochliefen (der französische Rambo war nach einem Tag wieder verschwunden, hatte uns aber noch eine Weinflasche vorbei gebracht, allerdings keine Französische, haha. Das schlechte Gewissen hatte wohl doch noch gesiegt). Ein freundlicher Offizier gab uns jedoch dennoch eine Führung. Teile der Anlage lagen als Ruine völlig zerstört und eingefallen da, andere Räume dienten mit spärlicher Möblierung noch als Büro oder Aufenthaltsraum. Noch ganz gut erhalten war das ehemalige Gefängnis. Aber es wird nicht genutzt ^^

Schräg gegenüber des Forts, auf der anderen Seite der inneren Lagune, befindet sich ein Piratenfriedhof, dessen Gräber mit Totenkopf und gekreuzten Knochen markiert sind, so wie man das aus den Kinofilmen kennt. Wir sahen sogar das Grab von einer Piratin, einer Kapitänin. Bei den Piraten, so heißt es, wurden alle gleich behandelt und wichtige Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen und Regeln und Strafen festgelegt. Kapitän war, wer gewählt wurde und wie die Beute verteilt wurde, wurde im Vorfeld gemeinschaftlich festgelegt. Oft wurde die Beute auf folgende Weise verteilt: der Kapitän die Hälfte und die Mannschaft zu gleichen Anteilen die andere Hälfte unabhängig von Rang, Geschlecht und Herkunft. Es ist daher kein Wunder, dass zu der damaligen Zeit (17-18 Jhd.), dem sogenannten Goldenen Zeitalter der Piraterie, in der in Europa noch eine starke Klassengesellschaft herrschte und es für nicht adelige Menschen beinahe unmöglich war aufzusteigen, einige Kapitäne und Mannschaften ihren Auftraggebern den Rücken kehrten, um sich stattdessen als Piraten zu verdienen. Zunächst fand dieser Wandel mit Kaperbriefen, vor allem in der Karibik statt. Doch einmal auf den Geschmack gekommen, war es dann wohl doch reizvoller den Gewinn noch nicht mal an die eigene Krone abzugeben sondern selbst zu behalten und nicht zuletzt der Wunsch nach einer klassenlosen und egalitären Behandlung mit faireren Bedingungen.

Auf diese Art und Weise kamen einige Seeleute und Handelsleute mit guten Führungsqualitäten und strategischen Stärken zu viel Reichtum als Piraten und bauten sogar einen reges und lukratives Handelsnetzwerk aus. Andere hatten dafür ein recht kurzes Leben, denn gerade weil sie das gängige Herrschaftssystem in Frage stellten, wurden sie aufs Bitterste verfolgt und geächtet.

Mit unseren neuen Freunden Kantu, Manu und Basti.
Oft zu sehen entlang der Straßen, Schattenplätze zum Ausruhen

Auf den Spuren der Piraten lernten wir Manu kennen. Er ist Ende 20 und ist während seiner Reisen durch die Welt auf Madagaskar hängen geblieben. Er ist inzwischen mit eine Malagassi verheiratet und lebt auf Sainte Marie. Sie hatten gerade Besuch von einem deutschen Schulfreund und zu fünft unternahmen wir hier und da etwas Gemeinsames. Über die zwei erfahren wir natürlich auch etwas mehr über das heutige Leben auf Sainte Marie, das im Vergleich zu der Piratenzeit äußerst friedlich und langweilig wirkt, haha.

Leider ist es schon wieder an der Zeit Abschied zu nehmen und wir segeln in 3 oder 4 Tagestörns zunächst mit Leicht- später mit Starkwind (zum ersten Mal erlebe ich die Sturmfock!) ums Nordkap Madagaskars rüber nach Nosy Bé. Das ist wieder eine kleine vorgelagerte Insel, wo wir den letzten Stopp in „Hell Ville“ machen möchten, ehe wir nach Südafrika segeln. Na hoffentlich ist der Name nicht Programm :-S

Hell Ville, hoffentlich ist der Name nicht Programm…

Die Etappe nach Südafrika will gut geplant werden, denn es sind heikle Gewässer. Da wir aus zeitlichen Gründen keine weiteren Stopps in Sansibar oder Mosambik machen werden, stehen uns etwa 14 Tage auf See bevor, die entweder von Flauten oder von Starkwinden und Strömungen geprägt sein werden. Andi steckt stundenlang in seinen Büchern, Seekarten und Ratgebern, um die beste Entscheidung treffen zu können. Da unsere Abreise gut getaktet sein will, haben wir noch ein paar Tage in Hell Ville in denen wir abermals ein wenig unsere Landeskenntnisse erweitern dürfen. Unter anderem bestehe ich darauf die knutschigen, flauschigen Lemure zu besuchen und wenn möglich einen Baobab Baum (die allerdings auf dem Malagassischen Festland viel verbreiteter sind, als hier auf den Nebeninseln). Unser lokaler Guide, den wir am ersten Tag am Hafen kennenlernen, als wir uns bei den Behörden einfinden, bringt uns tagsüber zu den natürlichen Attraktionen und abends zu den urbanen ^^ Zu meinem großen Entzücken sehe ich nicht nur die Lemuren, ich werde sogar von einem beklettert, dem ich ein paar Nüsschen füttere. Miri in looove!!!!

Abends hänge ich dann sehr viel weniger in love meistens auf der Kama ab, froh darüber, dass die beiden Herren sich alleine durch die Kneipen räubern und ich mich in Ruhe auf der Kama ganz und gar in meine Trennungsmoods hineingrooven kann, ohne eine Spaßbremse zu sein. Meine Trennung, die ich auf Mauritius ausgesprochen habe, wurde entweder nicht als solche begriffen, oder noch nicht akzeptiert und wir sind mit dem Drama noch nicht ganz durch. Die Abendstunden am Ankerplatz sind daher mein Tempel.

Ein Heiligtum der Insel Nosy Bé

Irgendwann ist es soweit und wir reisen auch aus Madagaskar wieder ab. Ich muss sagen, dass die Unruhe in meiner Gefühlswelt und die recht kurze Zeit auf den Inseln dazu geführt hat, dass ich dieses Land nochmal sehen will, ich habe das Gefühl es nicht ausreichend erforscht zu haben bzw. nicht ganz da gewesen zu sein. Mir bleiben die freundlichen, weichen und unaufgeregten Malagassen in schöner Erinnerung. Mit Sicherheit wird Madagaskar, oder Teile davon, in den kommenden Jahrzehnten vom „Geheimtipp“ zum Magneten avancieren und ich fände es schön, es nochmal zu bereisen, bevor es seinen ganz eigenen Charakter zugunsten einer abgewaschenen Touristenmaske verliert.

No Images found.

Mauritius

Ha, mit mir hat wohl niemand mehr gerechnet. Wo steckt die denn bloß, haben sich manche von euch wohl schon gefragt??

Es gibt mich noch! Es geht mir gut, ich bin gesund! 😀 Die Abstände zwischen meinen Einträgen werden immer länger und meine Entschuldigungen immer peinlicher. Aber ich habe nicht aufgegeben, das ist gewiss! Ich bin immernoch fest entschlossen diese Reise zu Ende zu erzählen.

Mein letzter Eintrag war vor bald einem Jahr. Selbst diesen Artikel habe ich schon vor einigen Monaten begonnen…Das klingt so surreal. Wie kann die Zeit so schnell vorbei gehen? Vor einem Jahr sah noch alles so anders aus….

Damals war ich auf der Kama, mitten im indischen Ozean und auf dem Weg nach Rodrigues, die östlichste Insel der Mauritius-Gruppe.

Unsere Reise nach Mauritius führt über Rodrigues, wo der pinke Pin über dem „R“ von Mauritius sitzt. Von dort sind es nochmal einige Tage auf See bis zur Hauptinsel.
Meinen 31 Geburtstag feiere ich zum ersten Mal auf See.

Nach 14 Tagen auf See, ohne Fisch, ohne Vögel, nur 2-3 Tanker, tauchte in den frühen Morgenstunden ein blasser Lichtschimmer am Horizont auf. Erst dachte ich es seien Frachter, aber mit der Zeit und einem Blick durchs Fernglas erkannte ich die bergige Silhuette einer Insel mit kleinen Ortschaften.

Meinen Geburtstag hatte ich vor zwei Tagen mit selbstgemachten Rumkugeln gefeiert, mein erster Geburtstag auf See!, und ich glaube der Rum hatte seine Wirkung schon aufgegeben. Es war also eine Insel.

Wie immer zogen sich die letzten Meilen, wenn dann das Land in Sicht gekommen ist, wie Kaugummi in die Länge. Soooo zäääääähhhhh…..Aber die Sinne waren geschärft, die Augen und Nase nahmen das Land auf eine Weise wahr, wie man es nur nach langer Zeit auf See erlebt. Beide waren wir still und schauten stundenlang auf diesen grünbraunen Fleck während jeder seinen Gedanken hinterher ging. Ein paar Meilen vor uns schaukelte die FRIDA genauso windlos wie wir auf die gleiche Bucht zu.

Am frühen Nachmittag kamen wir in die Bucht und wurden über Funk auch schon von weiteren bekannten Stimmen aufgeregt willkommen gehießen. Joe und Claire von STORM PETREL lagen schon mit den Franzosen, den Spaniern, Leo und den Esten an der Hafenmauer und freuten sich auf unser Ankommen. Der Wochenmarkt sei der Oberhammer, sagte Joe, und die Baguette endlich mal vernünftig. Auch eine Kneipe sei nicht weit entfernt. Na, dem Himmel sei Dank.

Ankommen auf Rodrigues, zeitgleich mit der FRIDA. Jetzt erstmal ausruhen. Einklariert wird morgen.

Bevor wir zu den anderen stoßen durften, mussten wir in der Bucht ankern und auf das Ok der Behörden warten, was wir auf den nächsten Morgen hinauszögerten, um erstmal in Ruhe auszuschlafen.

Die Ankunft in der Bucht und die Ruhe feierten wir mit drei Episoden Wilsberg, Quiche und Schokolade. Von so viel Glotze wurden meine Augen trocken und fielen schnell zu. Endlich wieder in meiner geliebten Koje!

Die Hauptstadt von Rodrigues, Port Mathurin, ist beschaulich und ruhig.

Am nächsten Morgen, den 7. Oktober stand das Einklarieren und das Wiedersehen mit unseren Segelfreunden an. Die Beamten sprachen zu meiner großen Überraschung Französisch und noch irgendwas, was, wie ich erfuhr Créole heißt. Den Begriff kannte ich aus Peru auch schon, wo es im Grunde auch ein Mix aus einer einheimischen Sprache mit der Sprache der Kolonialisten war.

Anstellen zum Einklarieren

Wie sich das alles hier in Mauritius zusammenstellte, musste ich erst noch in Erfahrung bringen, denn meines Erachtens war Mauritius von den Briten besetzt worden. Woher also jetzt Französisch?

Auf Rodrigues, dieser überschaubaren, sanft hügeligen, trockenen Insel mit Lebensfreude ausstrahlenden, schönen, überwiegend schwarzen Menschen, verbrachte unsere Räuberbande nur ein paar Tage. Die Ankunft und der überwiegend fröhliche Aufenthalt wurde allerdings von zwei Geschichten überschattet. Einerseits meiner damals sehr unrund laufenden Fernbeziehung und zweitens von der Abreise Lauras vom spanischen Segelboot.

Geburtstagstüte von den Franzosen

Wir stritten uns fast nur noch am Telefon. Wenn ich mich nach langen Überfahrten endlich wieder telefonisch melden konnte, arteten unsere Gespräche nur noch in Vorwürfen seinerseits, Rechtfertigungen meinerseits und stundenlangen Therapieversuchen aus. Es war für alle beide unerträglich und schmerzhaft. Kein „Happy Birthday, schön, dass du wieder da bist!“ Nein, nur Vorwürfe darüber, dass ich an meinem Geburtstag mit einem anderen Mann auf See war, nicht mit ihm kommunizieren könne, meine Reise mir wichtiger sei, als er und so weiter und so fort. Ich verpasste sogar den Anfang meiner nachträglichen Geburtstagsfeier mit den anderen Seglern auf die ich mich schon so gefreut hatte. Es war ein Drama in 5 Akten und ich schwor mir, wie schon einmal, mich nie wieder auf so eine Nummer einzulassen. Mein Handyspeicherplatz war nun erheblich verringert durch Videos wie „How to stop caring what people think“ und „how to deal with difficult people“. Schluss damit. Komisch, dass man dann doch immer wieder die gleichen Erfahrungen sammelt – ehe man es wirklich kappiert ^^ Immer diese Lernaufgaben….

Männerrunde im Ecklokal: wo ist das „Wetterfenster?“
…anschließende Stehparty am Hafen

Auch die Geschichte von Laura brachte Claire und mich in eine moralische Zwickmühle, die Handlung erforderte. Das spanische Boot GOTA machte, wie jedes Jahr, eine Weltumsegelung für bezahlende Crew. Sprich, man konnte sich für ca. 20 Tausend Euro plus Bordkasse eine Koje an Bord des Dampfers mieten, um den Traum von einer Weltumsegelung zu erfüllen. Für mich gab es nichts unbegreiflicheres, aber diese Form des Segeltourismuses ist keine Seltenheit und für so manchen Skipper ist die Mitnahme von Leuten, die von A nach B wollen einfach mal um zu segeln oder per Segelboot ein bestimmtes Reiseziel zu bereisen eine Form des Geldverdienens, so wie Urlaub auf dem Bauernhof. Du zahlst für einen Tapetenwechsel und machst bei allem mit, was gemacht werden muss. Du übernimmst Nachtwachen, hilfst bei den Segelmanövern, es wird abwechselnd gekocht und so weiter. Es ist kein Relaxurlaub, sondern ein Aktivurlaub.

Laura war neben dem Skipper und einem weiteren Mann eine der wenigen, die wirklich die komplette Umsegelung gebucht hatte und nicht nur eine Teilstrecke. In nur einem Jahr die Welt zu umsegeln ist ohnehin schon keine Kaffeefahrt. Es bedeutet mehr Zeit auf dem Wasser, als an den Zielen, ein Aspekt, der ja schon meine Reise auf der Kama betraf, die „nur“ die halbe Welt in einem Jahr umsegeln wollte. So eine Reise zehrt auf mehreren Ebenen und kann nicht wirklich als Erholung bezeichnet werden.

Als Claire und ich Laura auf Cocos Keeling kennenlernten, war die Stimmung zwischen den drei Männern und Laura, der einzigen Frau an Bord, schon auf einem kritischen Tiefpunkt. Wir kannten nur Lauras Version und sie beklagte sich über das machohafte Benehmen ihrer Mannschaft und das man ihr verwehrte bestimmte Tätigkeiten zu unternehmen, wie beispielsweise das Dinghi alleine zu fahren, was ihr mehr Unabhängigkeit vom Rest der Crew ermöglicht hätte. Auch sagte sie, dass es ein paar Annäherungsversuche gegeben hatte, die sie aber nicht erwidern wollte und das sie seitdem schlecht behandelt würde. Auf Cocos Keeling hatten Claire und ich ihr daher geholfen ein paar Steckbriefe auf Englisch zu formulieren, um auf Mauritius ein anderes Boot zu finden und zu wechseln, denn sie hatte sich entschieden trotz des heraus geschmissenen Geldes das Schiff zu verlassen.

Als wir auf Rodrigues ankamen, war Laura jedoch nicht mehr da. Die Spanier sagten dazu aber erstmal wenig. In unseren Emailfächern hatten Claire und ich eine Nachricht von Laura, in der sie uns vor den Spaniern warnte und schrieb, was ihr passiert war. Sie sagte, dass es auf etwa halber Strecke zwischen Cocos Keeling und Rodrigues, also nach etwa einer Woche, zu einer Handgreiflichkeit zwischen ihr und dem einen Mitsegler gekommen war, der ein Auge auf sie geworfen hatte und sich nicht damit zufrieden gab, das daraus nichts wurde.

Weder der Skipper noch der dritte Mann hatten wohl großartig in das Handgemenge eingegriffen. Mit einem blauen Auge und ein paar Prellungen an den Armen hat sie sich den Rest der Reise in ihrer Koje verschanzt. Bei Ankunft in Rodrigues hat sie sich sofort den Beamten anvertraut und das Schiff verlassen. Die lokale Polizei versuchte den Fall zu verstehen und half Laura ein Hotel zu finden. Sprachlich gesehen, war es ihr aber unmöglich ihre Geschichte zufriedenstellend darzulegen und der einzige, der ihr ein wenig half die Strafanzeige auszufüllen, war einer der Männer der Crew, also nicht unbedingt eine unabhängige Person.

Claire und mich brachte das nun in eine Zwickmühle, in der wir nicht so recht wussten, wie wir uns gegenüber den verbleibenden Spaniern positionieren sollten. Zu uns waren die Spanier immer freundlich gewesen und wir wussten nicht, ob oder wie wir ihre Auseinandersetzung mit Laura zur Sprache bringen sollten. Schließlich kannten wir nur Lauras Version. Es nicht anzusprechen fühlte sich aber so an, als ob es uns egal sei oder wir das Geschehene sogar billigten. Es anzusprechen, obwohl wir selbst nie durch Anzeichen von Machogehabe betroffen waren und keinerlei Anzeichen für eine frauenfeindliche Behandlung erfuhren, schien wie eine unberechtigte Einmischung….es war nicht so einfach.

Irgendwan fragten die Herren uns, ob wir von Laura gehört hatten (mit welcher Motivation fragten sie?). Sie sagten, dass Laura hin und wieder Anfälle gehabt hätte, wenn ihr irgendwas nicht passte, sie verrückt sei und das sie zuerst angefangen habe, um sich zu schlagen und sich der Mann letztlich nur gewehrt hätte.

Was nun? Es ist recht einfach für eine Frau zu sagen, sie sei Opfer sexueller Diskriminierung und vermutlich gibt es auch manche, die das fälschlicherweise behaupten, um irgendwas zu erreichen; und es ist so einfach für einen Mann, das alles runter zuspielen und zu sagen, der Frau sei einfach nur eine Sicherung durchgebrannt, sie könne sich dadurch was auf sich einbilden, sich attraktiver und begehrt fühlen und das stimme alles gar nicht. Wir waren nicht dabei und konnten nicht beurteilen, wer wen zuerst vermöbelt hat. Aber wir hatten die Fotos von ihrem geschwollenen Gesicht gesehen und erkannten keinen Vorteil darin für sie eine Lüge zu erzählen – unsere Loyalität lag natürlich auf ihrer Seite. Aber wie berechtigt waren wir, über die drei Männer zu richten und nun selbst unsere Freundschaft mit ihnen zu kündigen?

(Jetzt, so viele Monate später, habe ich immernoch Kontakt zu Laura. Ihre Erfahrung hat ihr den Antrieb gegeben Veränderungen vorzunehmen, die vorher nicht „dringend“ genug waren. Sie lebt jetzt in Irland, um Englisch zu lernen, um sich besser verständlich zu machen und selbstbewusster reisen zu können. Toll!)

Rodrigues ist schön bunt

Auf Rodrigues verbrachte ich daher viel Zeit mit Claire. Die Seglerwelt ist so männlich, dass wir jede Gelegenheit nutzen, um unser Bedürfnis nach Landausflügen, Wanderungen, Erdverbundenheit, Auszeit von den Herren und einfach nur Entdeckerspaziergängen miteinander oder zumindest allein zu stillen. Es mag für Außenstehende seltsam klingen, dass man sich nach der Einsamkeit des Meeres nach Zeit allein sehnt – aber genau so ist es für mich. Auf See bin ich ja auch immer in Begleitung eines anderes Menschen – auf engem Raum und mit klar definierten Abläufen, die auf ihre Art ermüden. Dann ist man froh, wenn man am Ziel auch mal alleine durch die Straßen streunern kann, andere Menschen kennenlernen, ohne immer als Doppelpack anzukommen. Die Reize ganz alleine aufzusaugen und die Zeit und die Ruhe zu haben sich irgendwo auf ein schönes Plätzchen zu setzen und in sein Inneres zu spüren und zu fragen – was macht das gerade mit dir?…

Mit Claire teilte ich diese Bedürfnisse und überhaupt fühlte ich mich in ihrer Gesellschaft immer wohlig und warm. Es war so, als seien wir aus einem Holz geschnitzt und spürten sehr gut, ob der andere gerade die Stille oder das Gespräch suchte.

Mit Claire auf Entdeckertour
Bei einem Ausflug entdecken wir diesen schönen Strand
Die Männer bevorzugen die motorisierte Fortbewegung.

Aber wir machten auch einen Gruppenausflug mit den Männern. Wir wollen ja mal nicht so sein…Zack waren zwei Roller gemietet und wir brezelten an einem Tag über die Insel und schauten uns die vier Himmelsrichtungen an. Stark bewohnt würde man die Insel nicht bezeichnen. Unsere Schiffe lagen im Hauptort und auf der Insel verteilt gab es noch zahlreiche kleinere Siedlungen, aber sie war nicht überfüllt. Wir wurden nie belagert oder länger beobachtet, man fühlte sich willkommen aber auch nicht auf nervige Art überbeachtet. Die Menschen waren farbenfroh gekleidet, hatten eine bewundernswert ansteckende Ausstrahlung, ausdrucksstarke Gesichter und auf den Straßen nahe der Innenstadt war immer Trubel und Musik. Die Frauen wirkten besonders durch ihre Mode sehr selbstbewusst und kraftvoll, wahre Naturgewalten. Es war beinahe so, als ob wir schon in Afrika seien.

Ein Streetfood-Platz lockt uns mit leckeren Düften
Selbst das Gefängnis ist bunt
Eine Hängebrücke soll Touristen anlocken, aber wir fahren nur dran vorbei.
Ein Blick auf das vorgelagerte Riff
Endlich wieder klettern! Der prefekte Kletterbaum.
Ein freundliches Gesicht auf einer meiner Entdeckungstouren.

Nach ein paar Tagen proviantierten wir uns wieder auf dem Markt, den ich ja immer liebe, und stachen wieder in See mit Ziel Port Luis auf Mauritius. Uns standen etwa 600 Meilen bevor, bei normalem Wind nur etwa 4 Tage; aber unser Plan ging in die Hose. Wir hatten die ganze Fahrt Schwachwind und das hasst ein Segler mehr, als zu viel Wind. Die Wellen schaukelten die Dicke von einem Bug zum anderen und ich verschüttete an einem Tag in der ganzen Kombüse Honig. Er lief an den Schränken runter und unter die Bodenbretter, an meinen Armen, Beinen und auf die Yogamatte, die jetzt Müll war. Scheißwelle! Einen Tag später tränkte Andi das frisch gebackene Brot mit Spüli – auch nicht mehr zu retten. Wir verbuchten die niedrigsten Etmale (Tagesstrecken) seit langem und der einzige Trost war in der letzten Nacht der Fang einer riesigen Goldmakrele im Sonnenuntergang, die den Kühlschrank wieder füllte.

Anfahrt auf die Hauptstadt von Mauritius. Ich kriege kaum noch Luft
Fliegenplage. Millionen von Plagegeistern.

Mauritius raubte mir erstmal den Atem. Mit Abgasen. Irgendwie hatte ich mir ein ganz anderes Bild davon gemacht. In meiner Vorstellung war die Insel mit Urwald überwachsen, im Landesinneren hohe spitze Berge mit Wasserfällen, die die Wolken kratzten und an der spärlich besiedelten sandigen Küste mit Palmen, die lächelnden Inder in bunten Saris, die dich mit einem hoffnungsvollen Lächeln in ihre Geschäfte winkten. Das mit den hohen Bergen stimmte, und dass ein großer Anteil der Bevölkerung indischer Herkunft ist, auch. Aber in Port Luis waberten schon Meilen vor der Einfahrt die Industriedämpfe über dem Meer und die Kama musste sich ihren Weg durch rostige Megafrachter bahnen, die vor Reede lagen. Wir kamen in der Dunkelheit an und mussten erstmal ebenfalls vor Anker. Um uns herum das monotone Summen einer industriellen Großstadt, die auch Nachts nicht zur Ruhe kommt. Am nächsten Morgen waren im Schiff und um uns herum Abermillionen von Fliegen. Waren wir tot? So was hatte ich noch nie gesehen, aber es ähnelte der einen Nacht mit meinen Eltern im Wohnmobil auf Neuseeland, in der uns die Mücken überfielen. Das waren auch Tausende und wenn man einmal an die Wand klatschte, fielen gleich 10 auf einmal zu Boden.

Wir machten schnell, dass wir weg kamen und steuerten auf den Binnenhafen zu. Die Anweisungen der mit indischem Akzent Englisch sprechenden Beamten über Funk waren kaum zu verstehen. Aber wir entdeckten die Boote unserer Freunde in der Marina und erfuhren über Funk von ihnen, wo wir zuerst hin sollten. Das Einklarieren dauerte natürlich wieder seine Zeit. In jedem Land sind es unterschiedlich viele Behörden, die ihre Stempel abklopfen wollen. Aber an Indonesien kam nie wieder jemand ran. Am Nachmittag konnten wir die Dicke dann in der Marina wieder mit den Franzosen, Spaniern, und Deutschen vereinen. Die Truppe war wieder komplett.

Die Promenade von Port Louis – ein ganz anderes Bild als Rodrigues.

Im Gegensatz zu Rodrigues war Mauritius kosmopolitisch. Die Insel hätte genauso gut vor New York oder London liegen können. Die moderne Großstadt konnte mit allen Kontrasten aufbieten, die jede andere Großstadt auch aufbieten kann: Edelboutiquen und Ramschläden, China Town und französische Fassaden, arme Leute, reiche Leute, Einkaufszentren, Busbahnhöfe, Markthallen, Schnellimbisse, Streetfood…

Während auf Rodrigues mehr Französisch und Creole gesprochen wurde und die Leute überwiegend afrikanisch aussahen, war Port Luis englischsprachig und mehrheitlich in indischer und weißer Hand, was sich auch in der Architektur, dem Kleidungsstil und dem Lebensmittelangebot widerspiegelte. Es gab köstliche Baquettes und Croissants, indische Curries und indische Stoffmärkte. Die Stadtbusse waren bunt und alle paar hundert Meter stand ein indischer Tempel in kitschigen Farben. Das Marinagelände war europäischund modern monumental. An der Waterfront saßen die Gäste in den durchgestylten Restaurants und bestellten Austern, Langusten und Weißwein.

Ein letztes Mal feiern vor der Abreise. Bernards 65. Geburtstag

Sowohl für mich, als auch für Claire und unsere Skipper stand schnell fest, hier, in der Zuvielisation, können wir nicht lange bleiben und nach nur 2 Nächten segelten wir wieder in den Norden der Insel und machten uns dort in einer etwas weniger städtischen Bucht breit. Aber auch hierin unterschied sich Mauritius von Rodrigues; bis auf die ganz hohen Berge, war hier jeder Quadratmeter Land besiedelt.

Hier nun ein Abschnitt zur Geschichte der Insel und weshalb auf Mauritius Englisch, Französisch und Creole gesprochen wird:


Die Inseln Mauritius, Rodrigues und Réunion (die „Maskarenen“) entstanden vor ca 8 Mio. Jahren durch vulkanische Aktivitäten. Erzählungen zufolge, sollen die Malaien während ihrer Migration von Madagaskar Richtung Indonesien die Maskarenen als Zwischenstopp genutzt haben. Beweise gibt es allerdings nicht. Auf einigen arabischen Seekarten sind sie ab dem 10. Jahrhundert verzeichnet, doch für die Araber hieß Mauritius Dina Harobi, was so viel heißt wie „verlassene Insel“ und sie nutzten sie vermutlich nur zur Erholung auf ihren Handelsreisen.

Erst um 1500 fanden die ersten Europäer ihren Weg hierhin, es waren die Portugiesen, die ebenfalls nicht viel mit den Insel anzufangen wussten, da sie fernab ihrer Hauptroute von Mozambik nach Indien lag. Sie landeten dort also nur gelegentlich, führten allerdings erstmals Schweine, Rinder und Affen ein.

Erst mit den Niederländern, deren Flotte auf dem Weg nach Indien durch einen Sturm getrennt wurde, wurde die Insel zu einem dauerhaften Stützpunkt im indischen Ozean. Die Niederländer tauften ihre Schutzinsel nach einem Prinzen aus der Heimat, Prins Moritz, der bis heute für den Namen der Insel verantwortlich ist.

Den Niederländern folgten sporadisch die Engländer und Dänen und man begann mit dem Abholzen der Ebenholzbäume, die es damals noch im Übermaß gab, und nahmen die wertvolle Rinde mit. Durch die Niederländer und ihre Verbindung nach Indoniesien gelang auch das Zuckerrohr nach Mauritius, welches bis heute einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor darstellt. Wie immer, wo Fremde ein fernes Land betraten, brachten sie auch Schädlinge und Tiere mit, die den einheimischen Biotopen zusetzten. So kamen auch die „Dodos“ und Riesenschildkröten zu ihrem Ende.

Um 1700 zogen sich die Niederländer lagsam wieder Richtung Südafrika zurück und Piraten nahmen ihre alten Stellungen ein. Für die Seeräuber war die Lage perfekt. Abgeschieden genug von den Hauptrouten, um sich ungestört einzurichten und aufzubauen, und doch nah genug, um die fetten, beladenen Handelsschiffe abzufangen und auszurauben. Auch Sainte Marie, unser nächster Stopp spielte dabei eine zentrale Rolle.

Um die Übergriffe der Piraten zu stoppen, trat die Handelsmacht Frankreich auf die Bühne und taufte Mauritius Ile de France. Ab 1715 beherrschten sie Mauritius, aber die Besiedlung war zunächst minimal. In den nächsten 100 Jahren wurde aber der Zuckerrohranbau vorangetrieben und die Franzosen brachten Sklaven aus Afrika und Madagaskar her, um die Felder zu bearbeiten und die neuangelegten Zuckerraffinerien. Aus dieser Zeit stammt also der Französische Einfluss in der Sprache und Kultur der Menschen.

Als nach der Französischen Revolution die Sklaverei abgeschafft wurde, beschlossen die Kolonisten auf der Insel, sich von Frankreich abzunabeln, denn die Abschaffung der Sklaverei war nicht in ihrem Sinne und sie strebten nach Unabhängigkeit. Sie nahmen nun Handelsbeziehungen zu den neutralen Staaten Amerika und Dänemark auf, die sehr erfolgreich wurden. Jetzt war Mauritius auf einmal interessant und die Briten warfen ein Auge auf sie. 1810 wurde Mauritius nach listigem Angriff einer kampfstarken Flotte britisch – und blieb es bis 1968. Da Mauritius klein und wirtschaftlich unbedeutend war und allein die strategische Lage interessant war, sicherten die Briten zu, dass die Sprache, die Bräuche, die Gesetze und die Traditionen der Einwohner respektiert werden würden, daher sind bis heute sowohl die Sprache, als auch viele Institutionen aus der franzöischen Zeit erhalten. Der indische Einfluss setzt um 1840 ein, als auch Großbrittanien die Sklaverei abschaffte. Die nun ehemaligen Sklaven verweigerten die Arbeit auf den Feldern, die Farmer wurden entschädigt und mit dem Geld warben sie Vertragsarbeiter aus Indien, wodurch eine Masseineinwanderung einsetzte, die ebenfalls bis heute sichtbar ist.

In Rodrigues erklärte mir einer der Beamten die Lage so: die „hohen“ Ämter, sowie die Plantagen waren stets von den Franko-Mauritiern besetzt. Sie bildeten die Oberschicht, weshalb auch heute noch in den Behörden Französisch gesprochen wird – und von den Afro-Mauritiern eben das französisch beeinflusste Créole, denn auch die ehemaligen Sklaven, nun freie Menschen, waren ja französisch gesprägt und den neuen Zuwanderern „überlegen“. Nachkommen der Indo-Mauritier wiederum sprechen Englisch, also jene, die damals nach der Zuwanderung als Unterschicht galten.


Am Rande der Stadt wird auf den Feldern geschuftet.

Weil uns auch auf Mauritius nicht viel Zeit zur Verfügung stand, machten Claire und ich uns an die Planung einer Weiberwanderung. Wir wollten am liebsten Zelten und gleich zwei Tage weg sein, aber am Ende war dafür keine Zeit.

In einer Spontanaktion fragte ich meine neue Seelenfreundin, ob sie mich begleiten würde ein Piercing Studio zu finden und während die Herren am Strand ein Lagerfeuer vorbereiteten um abends zu grillen, liefen Claire und ich durch die Gassen und klapperten eine zwielichtige Spelunke nach der anderen ab, bis ich fündig wurde. Stolz wie Oskar kehrte ich mit einem Lippenring zum Lagerfeuer zurück. Und hoffentlich war er diesmal auch exakt mittig. 8 Wochen zuvor war ich in Australien in einem Studio gewesen und die Piercerin hatte den Stich so schief gemacht, dass ich den Ring gleich am nächsten Tag wieder herausnehmen musste, weil’s einfach zu bescheuert aussah.

Architektur der Vögel. Schöne Nester, mit Spucke gebaut 😀

Am nächsten Morgen stiegen wir gut gelaunt und ich mit pochender Unterlippe in einen bunten Bus und fuhren in die Berge. Es macht immer Spaß mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen, denn so ist man mittendrin im Alltag der Einheimischen. Schließlich spuckte uns das fahrende Blech im Inselinneren aus und wir stiefelten durch die Nebenstraßen eines Dorfes am Bergfuß. Wie das so ist, passieren einem die wunderbarsten Dinge, wenn man nicht zielstrebig auf einen Punkt X (in unserem Fall der Beginn der Wanderroute zum Berggipfel) zusteuert ohne nach links und rechts zu schauen. Wir schlenderten langsam und mit offenen Augen und Herzen durch die Gassen und landeten in einem Nachbarschaftskiosk, wo es ein paar indische Köstlichkeiten gab. Wir baten den Wirt uns von allem ein Wenig zu geben, um alles zu kosten und er überhäufte uns mit Leckereien, nach deren Vertilgung ein Besteigen des Gipfels unmöglich erschien.

Grandiose Busse.

Wir machten uns beinahe rollend wieder auf den Weg und sobald wir den Pfad erreichten, waren wir auch nicht mehr allein. Wie eine Ameisenstraße pilgerten die Wanderer den Berg hoch. Lokale Schülergruppen, schreiende Teenies, für alpine Bergbesteigungen ausgestattete Touristen aus Mitteleuropa. Immer wieder blieben wir stehen oder überholten, um möglichst unter uns zu sein. Am Gipfel, mit spektakulärer Aussicht über die in der Tat sehr grüne und atemberaubende Landschaft, packten alle ihre Lunchpakete aus und machten Selfies. Highlight waren die Paviane, die ebenfalls am Gipfel waren, vermutlich um diese seltsame Gattung Mensch zu besichtigen und ihre Pausenbrote zu verschmausen. Die Schüler quiekten, wenn ein frecher Affe einen Keks aus der Hand schnappte. Claire und ich schauten über die anderen Gipfel und fantasierten über weitere mögliche Wanderungen in den nicht besiedelten Waldgebieten für die uns leider die Zeit fehlte, weil wir am nächsten Tag wieder aufbrechen würden. Joe und Claire wollten noch nach Réunion, Andi und ich wollten den direkten Weg zur Pirateninsel Sainte Marie auf Madagaskar nehmen. Wir kehrten zurück zu unseren Schiffen und am nächsten Tag gings weiter. Man verabschiedete sich von einander. Vielleicht würde man sich in Madagaskar sehen, vielleicht auch erst in Südafrika…

Man wusste es nie mit Sicherheit.

Mit Claire unterwegs zu sein, war immer großartig. Alles Negative schien langsam von mir abzuschuppen.