Ich wollt ich wär ein Huhn

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Wenn ihr wüsstet, wie gut es mir gerade geht!  Ich melde mich diesmal aus der Kommandozentrale von Tahira Nahoe, die dieses Jahr um die Krone zur Inselkönigin  kämpft und mitten im Endspurt zum Tapati steckt.

Das Tapati wird seit einigen Jahren immer Anfang Februar gefeiert und ist mit das wichtigste Ereignis des Jahres. Zu dieser Gelegenheit steigen die Preise für Flüge,  Unterkünfte, Lebensmittel und allem anderen um ein Vielfaches und dennoch steigt die Zahl der Besucher jährlich. Viele lachende und weinende Augen blicken auf das Tapati.
Fer, von dem ich euch schon erzählt habe, ist Tahiras „Aito“ (‚A-Ito‘), also ihr Mitstreiter und so kam ich überhaupt zu meiner neuen Beschäftigung als Kronenbeauftragte.
Kurz nach Weihnachten, ich hatte mir vorgenommen zwischen den Jahren nicht zu arbeiten – eigentlich wollte ich sogar meine seit Jahren geplante Inselumwanderung machen, aus der leider wieder nix geworden ist – schrieb ich meinem Freund Hotu, ob ich ihm, seinem Bruder Fer und dem Rest der Familie noch bei irgendwas helfen könne, insbesondere bei den Arbeiten für die Trachten für Tapati. Das Tapati dauert zwei Wochen und in dieser Zeit treten mehrere Parteien gegeneinander um den Titel der Inselkönigin an. Aber vielmehr als ein Wettkampf zwischen zwei Individuen handelt es sich beim Tapati um den Wettkampf mehrerer ‚Clangemeinschaften‘ gegen einander. Das Ganze wurde vor einigen Jahrzehnten ins Leben gerufen, um die vom Aussterben bedrohte Kultur der Rapa Nui aufrecht zu erhalten, bzw überhaupt erst wieder ins Bewusstsein zu rufen und an die Nachkommen weiter zu geben. Es ist noch gar nicht allzu lange her, dass die Rapa Nui sich auf ihrer eigenen Insel nicht frei bewegen durften, bestraft wurden wenn sie Rapanui sprachen und ihren Kindern keine Rapanui Namen geben durften. Als der Knoten schließlich platzte, schuf man u. A das Tapati in Anlehnung an ähnliche Bräuche, die der mündlichen Überlieferung nach einst existiert haben sollen und die man sich bei den kulturellen Nachbarn aus Tahiti abguckte. Heutzutage hat das Tapati nur begrenzt was mit tatsächlichen historischen Aktivitäten zu tun, es ist eine Mischung aus alt und neu – auch wenn sie das ungern zugeben. Hauptsache das Feeling ist historisch, und ich sag euch eins, denen ist das bierernst, die kennen da keinen Spaß – das ist Krieg.
Die Parteien treten in allen erdenklichen Disziplinen gegeneinander an, in der Regel nach Geschlechtern und /oder Alter getrennt.  Sportliche Wettkämpfe, Kochen, Fischen, Singen, Tanzen, Schnitzen, Flechten, und Kunsthandwerk in allen erdenklichen Bereichen…die Liste ist lang.

Nihu-nihu, ein Geflecht aus Pandanusblättern
Nihu-nihu, ein Geflecht aus Pandanusblättern

Der Clou bei allen Wettkämpfen ist, dass sie, zumindest theoretisch, vor vielen Jahrhunderten hier stattgefunden haben sollen, also keine modernen Disziplinen darstellen. Aber auch das hat sich weiter entwickelt, sonst wäre wohl Fußball nicht dabei 😛
Auf jeden Fall erfordert das Ganze eine ungeheure Vorbereitungzeit und Aufwand und Hotu schickte mich zu Tahiras Familie, um dort auszuhelfen, weil ihre Familie den größten Part erledigen muss. Ich ging also eines Tages hin und bin seitdem jeden Tag als eine der beständigsten Helfer dabei.
Ich stelle fest, daß es wesentlich belohnender ist, den ganzen Prozess mitzubekommen, als am Ende als Zuschauer dabei zu sein. Ich habe viele neue Leute kennen gelernt und ich habe gelernt, dass das Tapati in Wirklichkeit ein ganzes Jahr dauert und nicht nur zwei Wochen, ich sehe den ungeheuren Aufwand, der betrieben wird, und ich sehe die Motivation, die die Teilnehmer antreibt. Es ist unglaublich bewegend und lehrreich und ich muss wieder einmal sagen, dass ich jedes Mal, wenn ich zur Insel komme, etwas Neues entdecke.
Ich versuche mal die Vorbereitungen zusammen zu fassen. Meistens steht kurz vor dem Tapati schon fest, wer das Jahr drauf als Kandidatin antritt. Früher haben sich dutzende Familien darauf beworben, weil der finanzielle und personelle Aufwand aber inzwischen noch größer ist, nehmen in der Regel nur noch zwei Parteien teil. Früher waren es nur Mädchen, volljährig, unverheiratet und kinderlos sollen sie sein, seit etwa zwei Jahren sind es immer ein Junge und Mädchen. Dies wurde eingeführt, um den Aufwand zu verteilen, damit er nicht nur auf der Familie des Mädchens lastet.
Stehen die Kandidaten fest, werden die Obmänner/Frauen durch die Familien bestimmt, die die Kandidatin in allen Angelegenheiten vertreten und die Koordination übernehmen. Manchmal ist es ein Elternteil, aber meistens eine andere Person, die schon reichlich Erfahrung mit den Vorbereitungen hat. In diesen Fall haben Tahiras Eltern nämlich noch nie wirklich am Tapati teilgenommen und eine Obfrau bestimmt, die seit vielen Jahren in erster oder zweiter Reihe das Tapati mitorganisiert. Ebenso die andere Kandidatin, die übrigens Tiare heißt. Die beiden Obfrauen verhandeln miteinander, mit der Stadtverwaltung und mit allen weiteren notwendigen Institutionen, verteilen Aufgaben, lösen Probleme, sammeln Teilnehmer und so weiter und so fort. Die Stadtverwaltung übernimmt die Kosten für den Bühnenaufbau, Lichttechnik und die Jury etc und stellt beiden Parteien ca 10.000€ zur Verfügung, alles Weitere tragen die Familien der Kandidaten. Mit 10.000€ kommen sie nämlich nicht weit…
Kaum ist das letzte Tapati vorbei, setzen sich also die Obfrauen zusammen und stellen ein Regelwerk auf, in dem alle Disziplinen, Wertungen, Wettkapfregeln, Mindestteilnehmerzahlen und einfach alles festgelegt wird, was während des Tapati stattfinden soll und wie. Schon hier beginnt in der Regel ‚der Krieg ‚, weil jede Partei natürlich solche Punkte durchsetzen will, in denen man besondere Stärken hat und die Gegnerpartei das versucht zu verhindern. Es kann Wochen, sogar Monate dauern, bis man sich einigt. Parallel dazu werden Materialien bestellt und besorgt für die Wettkämpfe, die Trachten und die Teilnehmer. Vor allem müssen die Familien Helfer finden, die Aufgaben übernehmen, Lebensmittel oder Essen sponsern und auch an den Wettkämpfen teilnehmen. Sie müssen entsprechend trainieren und sich vorbereiten.  Die Skulpturen müssen geschnitzt werden, aber nicht irgendwie, sie müssen eine Legende darstellen und deren Geschichte transportieren, am Besten mit Bezug zur Familiengeschichte der Kandidatin. Musik für die Tänze muss ausgewählt oder komponiert werden, jemand muß sich Choreographien ausdenken, Totora -Schilf muss geerntet und getrocknet werden für die Bötchen, und natürlich die Trachten, nicht nur für Tahira, sondern für alle Tänzer und Musiker.
Die Fertigung der Trachten wurde verteilt auf drei Leute: Fers Familie macht die Trachten der Kinder und Jugendlichen (ca 300), die Mutter der Obfrau macht die Trachten der erwachsenen Männer (ca 40.) und wir machen die Trachten der Erwachsenen Damen und der Musiker (ca 280).
Diese Trachten werden an zwei Abenden auf der großen Tapati Bühne getragen. Einerseits müssen Tahira und Fer alleine tanzen, andererseits mit den großen Gruppen. Alles wird bewertet und fließt in die Gesamtbewertung ein.
Die Trachten der Damen bestehen aus einem Rock, einem BH und einer Krone. Die Materialien variieren von Jahr zu Jahr, aber dennoch wiederholt es sich. Dieses Jahr hat Vero, die Obfrau, beschlossen, dass die Röcke aus Grünzeug, die BHs aus Grünzeug-schnipseln und die Kronen mit Federn geschmückt werden. Das klingt ja alles ganz wunderbar, aber das ist mehr Arbeit als man denkt! Es reicht nicht mit dem Rasenmäher übers Feld zu fahren, die Grasfransen aufzusammeln und um die Hüfte zu schnüren.

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Mein Rock und Vero

tmp_16094-DSC_1832725416282Varu-varu Kakaka

Monate lang wird bereits an den Röcken gearbeitet, seit April, um genau zu sein. Zunächst müssen junge Bananenbäume gefällt werden, die noch keine Früchte getragen haben, Jungfrauen sozusagen. Die Stämme haben Schichten, wie eine Lauchzwiebel. Diese Schichten werden einzeln abgelöst und auf einen Tisch gelegt. Mit einem Messer wird die Innenhaut eingeritzt und mit einem handelsüblichen Esslöffel das Fleisch abgeschabt. Mit dem Messer wird anschließend noch feiner abgeschabt und zuletzt vorsichtig die „Haare“, die Fasern der Rinde, abgehoben und abgezogen. Dies wird solange gemacht, bis die Haut nur noch ganz dünn und beinahe transparent ist. Dann wird der Streifen zusammengerollt, gebunden und zum Trocknen in die Sonne gelegt. Allein diese Arbeit ist sehr aufwendig und kraftintensiv. Ich habe es ca eine Stunde gemacht (nur zwei Streifen geschafft) und den Rest des Tages tat mein Arm weh 😛 und als ich dachte ich wäre schön längst fertig mit meinem Streifen, war das grade mal die Hälfte.tmp_16094-DSC_18401007609720
Von diesen Streifen werden mindestens 20 für einen kleinen bis normalen Rock benötigt. Das sind 2-3 Bananenstämme pro Person! Bei 200 Röcken lässt sich das einfach hochrechnen – es ist unglaublich!
Tagtäglich werden also Helfer aufgefordert bei diesem varu-varu kakaka (das Abkratzen der Stammblätter) zu helfen und das rhythmische Schaben der Löffel ist permanent zu hören.
Tahiras Familie hat extra für diese Arbeiten eine Überdachung gebaut, und hier ist das Herz aller Vorbereitungen. tmp_16094-DSC_1905-535200361In einem kleinen abgegrenzten Raum werden aus dem kakaka die Röcke konfektioniert und hier habe auch ich meinen festen Platz bekommen, wo ich an den Kronen arbeite.

Mein Werk, 211 Damenkronen
Mein Werk, 211 Damenkronen

Die Kronen werden aus Pappe, Stoff, Papier und Federn hergestellt und ich arbeite seit mehr als zwei Wochen an nichts anderem als diesen Kronen. Zunächst wird die Grundform aus der Pappe ausgeschnitten und einseitig mit Stoff beklebt. An die Seiten kommen zur Befestigung zwei elastische Riemen. Nun werden auf den Rand der Vorderseite die Federn jeweils einzeln aufgeklebt. An der höchsten Stelle sind die längsten Federn und zu den Seiten hin kürzer. Die Federn stammen von Hühnern und sind Braun, Schwarz und Weiß. Weil inzwischen jährlich Tausende von Federn erforderlich sind, werden sie inzwischen als Federbündel in Santiago gekauft und stammen wohl aus China. Zur Tapatizeit, so wurde mir erzählt, muss man auf seine schönsten Hühner gut aufpassen, weil tatsächlich Leute auf die Federn scharf sind.
70 Kronen von jeder Farbe wollte Vero haben und als die Federn fertig geklebt waren, kam abschließend das „Mahute -Fake“ zum Einsatz. Mahute ist ein Textil, dass aus einer Baumrinde hergestellt wird, da auch dies viel Zeit und Ressourcen in Anspruch nimmt, wird das Original nur für Tahiras Trachten verwendet, sie darf bei der Mehrheit der Wettkämpfe nur authentische Trachten tragen. tmp_16094-CollageMaker_20170118_204900-1124702879Für alle anderen kommt ein Papier zum Einsatz, dass eine ähnliche Anmutung hat.
Da die Herstellung der Kronen eine Geduldsprobe darstellt  und gründliches Arbeiten erfordert, hat Vero kaum Leute, die ihr dabei helfen können. Als ich ankam und sie sich von mir überzeugte, ernannte sie mich kurzerhand zur Kronenbeauftragten. Das war natürlich eine Riesenehre für mich, inzwischen wünschte ich allerdings, es gäbe noch 2-3 zuverlässige Helferlein 😛tmp_16094-DSC_1884-1000424224

Alle Teilnehmer helfen ohne Bezahlung und es ist rührend, dass es Leute gibt, die jedes Jahr mit nicht gerade geringem Aufwand aufs Neue dabei sind. Vor allem die direkte Verwandtschaft der Kandidatin kann in den letzten Wochen gar nicht mehr ihrem Beruf nachgehen, aber es gibt auch andere die, um zu helfen, Tage oder gar Wochenweise fehlen. Manche bringen Essen vorbei, andere stellen Lebensmittel zur Verfügung, manche kochen und andere helfen direkt bei den Aufgaben.
Vero erzählt mir gerne Anekdoten aus Vorjahren und sie sagt, dass das Tapati jedes Mal eine Zerreißprobe darstellen kann. Es wird geweint, gelacht, und nicht selten gestritten, vor allem wenn sich Familien aufteilen, um unterschiedliche Kandidatinnen zu unterstützen. Sie sagt, dass man sich teilweise bitterböse verstreitet und es Fälle gibt, wo nach dem Tapati mit einem Mal wieder Friede Freude Eierkuchen ist, aber andere, die sich auf Jahre nichts mehr zu sagen haben.
Man kann sagen, dass es bestimmte Familien gibt, die noch aus früheren Zeiten per se miteinander alliiert sind. Aber weil sich logischerweise manche Familien irgendwann doch gemischt haben, gibt es da nicht immer Klarheit. Mal ganz abgesehen davon, daß es auch die Familie der Kandidaten selbst an nervliche Grenzen treibt.
In diesem Jahr hat sich beispielsweise die Familie von Tiare mit der ersten Obfrau verstritten und eine neue ernannt. Die neue wollte dann das bereits ausgehandelte Regelwerk nicht anerkennen und ein neues aushandeln, was Vero wiederum nicht einsah. Sie hat wenige Änderungen erlaubt und als der Tag kam, wo beide Parteien im Rathaus das Regelwerk unterschreiben sollten (das war vor 14 Tagen, also ohnehin schon recht spät), weigerte sich die andere Obfrau zu unterschreiben und drohte mit dem Austritt Tiares aus dem Tapati. Hierfür würde eine Strafe von ca 11.500€ anfallen, plus die Rückzahlung der 10.000€ von der Stadt. Also unterschrieb nur Vero und wartete ab, was passieren würde. Sie war sich sicher, dass die anderen noch unterschreiben würden, aber es ging natürlich hoch her. Sie wurde von der Familie der Gegnerin richtig in die Mangel genommen.
Eine Woche passierte nichts, wir gingen weiter unseren Vorbereitungen nach, als dann doch die zweite Unterschrift erfolgte, weil das Nichtunterschreiben einem Rücktritt gleich kommt und somit trotzdem die Strafe fällig wird.

Seit zwei Wochen nun werden auch die Tänze geprobt. Jedes Team hat drei Kategorien, die Kinder, die Jugendlichen und die Erwachsenen. An den Proben darf jeder Teilnehmen, also auch Nicht-Rapa Nui, und es wird richtig voll. Zeitgleich, an einer anderen Location proben die Truppen von Tiare ihre Tänze. Vero, Jessica (die extra angereiste Schneiderin) und ich kriegen jedes Mal die Krise, wenn neue Damen auftauchen, weil es für uns bedeutet, daß wir noch mehr Trachten machen müssen.tmp_16094-DSC_18551985223200An den Proben nehme auch ich teil und habe am ersten Tag gedacht, dass ich es lieber lassen sollte ^^ wie soll ich mir das jemals einprägen? Poschwung nach rechts, linker Arm so? Gesicht nach oben? Manchmal stand ich einfach nur regungslos in der Mitte mit einem Fragezeichen im Gesicht. Die Zuschauer hatten sicher ihren Spaß… Inzwischen komme ich ganz gut zurecht und zusätzlich zu den Schritten, wurden jetzt die Formationswechsel hinzugefügt, das sieht am Ende sicher toll aus. Die Frauen machen immer sehr weiche, fließende Bewegungen, die Männer haben kraftvolle, sportliche Schritte und müssen zwischendurch Brüllen. Ihr kennt doch sicher den Haka der Maori aus Neu Seeland, hier auf Rapa Nui gibt’s den auch, er heißt Hoko und ist auch ein Einschüchterungstanz. Es ist wirklich mit das  Beeindruckenste, was es gibt, wenn eine Horde Männer mal so richtig die Sau rauslässt ^^ dieses Jahr wird der Hoko sogar eine der Wettkampfdisziplinen sein, darauf freu ich mich schon. Und vor unserem großen Tanzauftritt am 29.1 werden einige Damen erstmals einen Hoko als Eröffnung aufführen. Schade, dass ich dann gerade hinter der Bühne stehe und mich umziehe. Neka, eine Frau die man schon im normalen Leben nicht wütend machen will, wird teilnehmen und ich muss sagen, dass ich ihr das jetzt schon abnehme. Sie kann einen echt das Fürchten lehren.

Vielleicht noch ein paar Worte zu Tahira. Sie ist 21 und unglaublich sympathisch. Sie hat was freches und was keckes, ist wunderschön und hat vor allem Kampfgeist. Sie muss jeden Tag trainieren: schwimmen, surfen, laufen, paddeln, rudern, Hoko, Tanzen, Singen, Lieder auswendig lernen, Choreographien lernen und Vieles mehr. Ich hebe meinen Hut vor ihrer Leistung und der ihrer Eltern, die trotz aller Arbeit immer lieb und herzlich sind und als letzte ins Bett gehen und als erste aufstehen.

tmp_16094-CollageMaker_20170118_205115-567475662Jeden Tag werden 200 „Sopaipillas“ für die Teilnehmer der Tanzproben gemacht, das sind frittierte Teigteller. Wasser, Saft und Obst wird den über 400 Teilnehmern tagtäglich zur Verfügung gestellt, plus das Essen in der „Zentrale“ für alle Weiteren. Wenn die Männer des Nachts oder des Tages in den Vulkan hinabsteigen, um Schilf zu besorgen, dann müssen die ebenfalls eingedeckt werden, dann alle möglichen Transporte, Besorgungen, Helfer hin und her fahren.
Ich frage die Eltern manchmal, wie sie das schaffen und sie sagen jedes Mal „con mucho amor“ – mit viel Liebe.
Wenn alles vorbei ist, packen sie ihre Sachen und gehen ein paar Tage Zelten.
Ich bin gerade mal seit Ende Dezember dabei und träume jetzt schon von meinen Federn. Ich wollt ich wär ein Huhn…Wenn all die Kronen, die ich im Schlaf weiter geklebt habe, echt wären, wäre ich schon längst fertig.tmp_16094-DSC_19141418001298

So, jetzt habe ich schon einiges geschrieben und freue mich über Feedback und Fragen. Sobald das Tapati beginnt, werde ich versuchen euch täglich auf dem Laufenden zu halten, mal sehen, ob das technisch möglich sein wird.

Ich hoffe euch geht’s allen gut und ihr seid gut ins neue Jahr gerutscht. Iorana mauruuru.


Ein kleiner Exkurs zum TOKI, das ich vor zwei Jahren in der Bauphase besucht habe. Es ist schon in Benutzung, aber immernoch nicht fertig.tmp_16094-CollageMaker_20170118_205446-1419013838

Tante Berta gegen den Rest der Welt

Es sind grade mal zwei Wochen vergangen seit der letzten Meldung, aber ich muss sagen, dass schon so einiges passiert ist.

Treffen mit einigen alten Bekannten, von einer Grillfeier zur nächsten, Kakerlaken- und Mückenalarm, schlaflose Nächte, neue Freunde, Rudern als Boulderersatz, drei Jobs in zwei Wochen und mehrere Jobaussichten, politisches Engagement, und der Beweis, dass es auch hier Skorpione gibt….

dsc_1568Woche 1
Fangen wir mal damit an, dass Mera am 10.12 gegen 17:30 ihren Sohn Noa zur Welt gebracht hat. Inzwischen muss er nicht mehr im „Brutkasten“ liegen, sondern ist mit Mera heim gefahren und nun heißt es für die vier noch mindestens drei Wochen verharren, bis alle Nachkontrollen erledigt sind. Ob sie dann, so kurz vorm Tapati, einen Flug bekommen, ist dann die nächste Frage.

Ich habe in der Zwischenzeit mit einigen Leuten gequatscht, die angedeutet hatten, dass ich für sie arbeiten könnte, aber es stellte sich heraus, dass sie jetzt so kurz vor Jahresende/Weihnachten und Neujahr auch erstmal auf neue Anweisungen warten und mir so lange auch nix anbieten können. Düdümm!  Etwas besorgt stellte ich fest, dass ich bei den hiesigen Preisen für Lebensmittel nicht weit mit meinem Startguthaben von knapp 100€ kommen würde. Die Einkäufe hier kosten das 3-4fache wie in Deutschland! Eine zufällige Begegnung mit Neka, einer Mitarbeiterin der Grabung meines Vaters, brachte dann spontane Hilfe. Ihre Mutter, die Tía Berta, betreibt einen Empanada Kiosk und sie bot mir an dort zu kellnern. Ich klapperte erst alle anderen Optionen ab und sagte ihr dann zu. Letzten Mittwoch war dann mein erster Arbeitstag. Erstmal durfte ich über ne Std auf die anderen Warten, weil diese sich, wie an den folgenden Tagen auch, verspäteten. 😛 danach wurde erstmal geputzt und alles aufgebaut, frischer Guavensaft gemacht und eingedeckt. Verrückt, dass schon um 11 die ersten Leute mit hoffnungsvollen Augen eine frittierte Thunfisch-Teigtasche essen wollen….tsss.

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die Tia Berta

Das Arbeiten dort hat mich finanziell abgesichert, aber nicht wirklich befriedigt. Die Tia Berta ist bekannt für ihre frittierten Empanadas und die Mittagsschicht empfinde ich als undankbar, weil die meisten Leute es eilig haben und ich dann teilweise ganz schön rennen muss. Verschnaufpausen gibt’s da kaum und die Klamotten stinken! Es gibt Leute die wollen ne Stunde vor ihrem Flug noch schnell ne Empanada bestellen!?
Die Tia Berta (Tante Berta) ist eine alte Frau, die ich vllt am besten als „gütigen Drachen“ bezeichnen würde. Sie schimpft viel und mit Inbrunst, vor allem auf ihren alten Mann, der ebenfalls mit hilft und sich gelegentlich davonschleicht, um eine zu Rauchen. Adán mag ich vllt deswegen so gern, weil er trotz der ganzen Schimpfe immer lieb und entspannt ist, den möchte man am liebsten abknutschen. Ich find das ist ein richtig goldiger Opi. Wenn ich bei einem Lied das mir gefällt ein wenig durch die Küche tanze,  dann stapft er auch Hüftewackelnd auf der Stelle und lacht ganz leise. Tia Bertas Tochter Neka, und deren zwei ältesten Töchter, Nico und Kava, helfen ebenfalls mit und übernehmen wechselnde Schichten und zeigen mir alles. Am Ende der Schicht bekomme ich sofort mein Geld und das aufgeteilte Trinkgeld.

Am Montag bevor ich bei Tia Berta angefangen habe, wurde ich spontan Teilnehmerin einer interessanten politischen Aktion. Der erst kürzlich wiedergewählte Bürgermeister veranstaltet alle vier Jahre, also immer kurz nach der Wahl, den sogenannten „Cabildo“, wo jeder teilnehmen darf, der seinen Beitrag zur Lokalpolitik leisten möchte. Sieben Themenzelte wurden aufgestellt und dort fanden Diskussionen zu den Wirkungsfeldern der Lokalpolitik statt: Bildung, Gesundheit, Infrastruktur und Urbanistik, Umwelt, Kultur, und Fischerei/Tourismus/Landwirtschaft/Handwerk. Die Zelte entsprechen grob den Abteilungen des Rathauses. In drei Durchgängen konnte man an den Diskussionen teilnehmen und am Ende jeder Runde Vorschläge, Kritik, Anregungen und Wünsche auf Post-its an die Themenwand kleben.
Zum Schluss wurden die Erkenntnisse grob zusammengefasst und allen Teilnehmern des Cabildo präsentiert. Diese Punkte sollen nun in das Arbeitsprogramm der Legislaturperiode einfließen und, wenn möglich, umgesetzt werden.
Da hab ich doch gleich eine Chance gesehen die Welt oder zumindest die Insel zu retten :-)) und prompt habe ich meinen Senf zu Umwelt, Infrastruktur und Urbanistik, sowie einem gesünderen Leben gegeben.
Erstens, niemand sollte mehr frittierte Empanadas essen! Äh Moment – dann bin ich ja arbeitslos! Zweitens: trinkt weniger Softdrinks und Alkohol! (Der Alkoholkonsum hier ist dramatisch) Und drittens: hört auf jeden Tag solche unchristlichen Mengen an Fleisch zu essen. Und ja, Huhn ist auch Fleisch! 😉 und noch vieles mehr…
Das Ganze hab ich natürlich viel seriöser und reflektierter formuliert 😉 Aber wenn ich das hier so seriös schreibe wie dort, schlaft ihr mir ja ein!
Zur Feier des Tages gab’s dann einen Umu, das sind Speisen aus einem polynesischen Erdofen. Und ratet mal was es dort gab, und zwar in solchen Mengen, dass ich das noch nie zuvor gesehen habe?! FLEISCH!
😮 Naja, es war ja auch ein feierliches Essen…es wird ja sonst nie gefeiert…3 Bleche der Größe einer Tür mit Rindfleisch und die gleiche Anzahl

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Suesskartoffel aus dem Umu

mit Süßkartoffeln. Mmmhh, die waren göttlich! Ca. 150 Leute haben an den Tischen gegessen und Riesenblätter dienten als Teller. Die Speisen selbst werden in Bananenblätter gewickelt, oder in diesem Fall abgedeckt, und in einem Erdloch durch heiße Steine gegart. Damit die Wärme nicht so schnell entweicht, wird alles mit Erde abgedeckt und so gart das Essen sehr langsam und schonend über mehrere Stunden, was dazu führt dass alles ganz saftig und zart ist. Wenns nach mir ginge, hätten die Süßkartoffeln gereicht, die waren ein Traum.

Ende der Woche, inzwischen regnete es seit zwei Tagen nonstop, trafen dann Freddy und Daniel auf der Insel ein, die im Flugzeug von Fra nach Rom neben mir saßen und insgesamt vier Wochen Chile bereisen. Wir hatten im Flieger Nummern ausgetauscht und uns verabredet. Wir unternahmen nach meiner Schicht was zusammen und am Samstagabend wollten wir Feiern gehen, was über Umwege auch tatsächlich geklappt hat. Nur der Weg dahin war lang, weil wir von Neka und Singa erstmal zu irgendwelchen anderen Locations abgeschleppt wurden. Die erste war ziemlich öde, die zweite war dann schon besser (eine Kneipe), wo sich Rodrigo und Diego uns anschlossen und wir schließlich gegen 02:00 in der Disko ankamen (vorher sollte man nicht gehen). Die Stimmung dort war super, die beats weitgehend monoton, aber zumindest meinen Geschmack entsprechend, und das Highlight ist eigentlich immer die Livemusik mit kurzer Tanzaufführung eines hiesigen Tanzensembles. Gegen 6 wurden wir alle langsam müde und saßen schon draußen und plötzlich waren Freddy und Daniel weg. Später erfuhr ich von den beiden, dass irgendein Typ Daniel auf der Herrentoilette vermöbeln wollte (er kam mit einem Tritt in die Rippen davon, was schon schlimm genug war) und sie deshalb so plötzlich geflüchtet waren. Gott sei Dank gings Daniel schon bald besser.

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Woche 2
Diese Woche habe ich auf einer Baustelle gearbeitet, das war cool! Zwar nichts weltbewegendes, aber immerhin Baustelle! Ich musste Malern und Zäune, Holzfäller, Wellblech und Regenrinnen streichen.
Parallel dazu hat sich ein Kontakt aufgetan, der hoffentlich demnächst meine Hilfe als Schlosser gebrauchen kann. Er hat den Auftrag am Museum einige Elemente zu erneuern, unter anderem eine neue Stahltreppe und ein Geländer. Das wäre genial, wenn das klappen würde!

In Vai Tea, der Baustelle dieser Woche,  habe ich mit Mahina gearbeitet. Sie ist so alt wie ich, hat Architektur studiert und sich dieses Jahr selbstständig gemacht. Wir haben uns auf Anhieb super verstanden und nach dieser Woche bin ich mir fast sicher, dass wir Zwillinge sind. Oder zumindest sein werden. Oder so.
Kennt ihr das wenn man jemanden kennenlernt und denkt, Boa geil, der denkt und fühlt genau wie ich!
Zum Handwerk hier auf der Insel kann ich nur sagen, dass nicht institutionalisiert ist, wie bei uns und hier jeder ein selbsternannter Handwerker ist. Manche Dinge machen sie ganz raffiniert, aber die Qualität der Arbeit ist viel geringer als bei uns. Und mindestens genau so teuer! Mit Mahina im Baumarkt sind mir beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen! Für vier Eimer Farbe (jeweils 1 Gallone), eine Farbrolle, ein Tesakrepp, 100 Schrauben, 1L Verdünnung und drei Holzbohlen (ca 4x12cm und ca 4m Länge) hat sie 500€ bezahlt! 😎
Und ein Monatslohn liegt hier bei 350-400.000 Pesos, das sind 520-600€.
Ich verdiene hier 20.000 Pesos am Tag, das ist hier etwas mehr als Standard – das sind ca 29Euro, und zwar bei einer 6-Tage-Woche. Es ist verrückt wie niedrig die Löhne sind, wenn man bedenkt wie teuer die Preise sind, da ist doch klar, dass hier alles den Bach runter geht, politisch, sozial und moralisch…Ich könnt gleich wieder zum Cabildo und 100 neue Post-its füllen.tmp_4493-img-20161219-wa0007-1552328169

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Weihnachten war herrlich entspannt und stressfrei. Für die meisten hier ist Weihnachten kein wichtiges Fest, oder zumindest weniger wichtig, als bei uns. Die Kinder bekommen Geschenke (vom Weihnachtsmann, nicht vom Christkind) und die Familien veranstalten ein gemeinsames Abendessen. Laut Paulina, Meras Mama, liegt das daran, dass Weihnachten ein christliches Fest ist und somit erst vor einigen Jahrzehnten hier eingeführt wurde. Das kann stimmen,  aber es wundert mich dennoch,  schließlich werden andere christlichen Feiern ja auch pompös gefeiert und sowieso wird hier jeder Anlass, ob religiös oder politisch – ob chilenisch oder polynesisch-, oder einfach nur konsumtechnisch, genutzt, um daraus einen Feiertag und einen „Feier-Tag“ zu machen (und dann wird immer gegrillt ;-)) . Naja, ich will mich nicht beschweren, es war super, es war trotzdem ein Familienevent und es war gute Stimmung ganz ohne Druck und Stress. So sollte es ja auch eigentlich immer sein.dsc_1722
Abends wurde der Grill angeschmissen (zur Abwechslung ;-)) und jeder hat was mitgebracht. Ich war für den Nachtisch zuständig. (die Zutaten für einen stinknormalen Käsekuchen mit Obst haben 30Euro gekostet! :-O)  gegen 21:30 trudelten die vielen Onkels, Tanten, Cousinen und Enkel etc. ein. Nach dem gemeinsam Essen kamen manche Nachbarn vorbei, um zu Weihnachten „zu gratulieren“  und gingen wieder. Niemand musste niemandem was schenken und gegen Mitternacht war ich schon im Bett, zum ersten Mal unter einem Moskitonetz, juhuuu!!


Dies und das
Als ich ankam, wurde ich erstmal Opfer der Mücken. Die Kakerlaken haben mich dann psychisch auf die Probe gestellt. Meine Beine waren am stärksten zerstochen und die Stiche so richtige Quaddeln, die zwei Tage später aussahen wie blaue Flecken. Sobald es etwas heißer wurde, haben sie wie verrückt gejuckt. Nachts trieben mich die Kakerlaken in den Wahnsinn. Es gibt hier sowohl die kleinen, die mich nicht weiter stören, als auch die großen braunen mit Flügeln, die mich total hysterisch machen. Abends haben sich alle gefühlt nur in meinem Zimmer getroffen. Ihr Flügelschlag hat mich wach gehalten und vor allem die Vorstellung sie
könnten auf mich drauf fliegen und durchs Bett krabbeln.
Ich kaufte mir ein Gift und sprühte damit Abends die Bude voll, mit dem Ergebnis, dass nicht nur die Kakerlaken, sondern auch ich davon in Mitleidenschaft gezogen wurde. Zweimal ist es mir passiert, dass ich wegen des Gifts die ganze Nacht da lag und mein Hirn sich komisch anfühlte und ich seltsame Dinge im dsc_1706Dämmerschlaf träumte. Das Gift wird also seitdem nicht mehr benutzt.
Etwa eine Woche lang habe ich nachts vorm Schlafen gehen das Licht brennen lassen, damit die Kakerlaken das Weite suchen, das hat gut geklappt, so konnte ich wenigstens einschlafen.
Inzwischen habe ich ein Moskitonetz und damit sind all meine Probleme behoben, yeah! Ich hatte ernsthaft schon überlegt im Zelt zu schlafen, statt im Haus.

Das Gift hatte einen überraschenden Nebeneffekt. Eines Tages lag ein sterbender Skorpion neben meinem Bett.  Waaaa! Alle hatten mir immer wieder gesagt, das es hier weder Skorpione, Schlangen, noch Haie gibt. Haie gibt’s, Skorpione auch, bestimmt gibt’s die Schlangen auch irgendwo!

Zu guter Letzt noch ein Wort zum „Hoe“, dem polynesischen Rudern. Das mache ich jetzt, wenn es mein Arbeitstag ermöglicht, 2-3 Mal die Woche. Zu sechst sitzt man in einem schmalen langen Boot (eine Kayaklimosine sozusagen),  das ein Seitenausleger, ähnlich einem Beiboot, hat. Die Ruder sehen aus wie Pizzaschieber und werden auf einer Seite des Bootes ins Wasser getaucht, die sechs Leute haben die Ruder jeweils abwechselnd auf der linken oder rechten Seite und alle paar Schläge ertönt ein lautes „Heeeeep“, dann tauscht man die Seite. Man kann auf diese Art und Weise extrem schnell werden und es macht riesigen Spaß damit aufs Meer zu rudern. Wenn wir zu viele sind, dann muss eine Gruppe schwimmen, während die andere rudert. Das tut mir auch ganz gut mal ein wenig über meinen „Nichtschwimmer-Schatten“ zu springen.

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Mein neues Hobby: Hoe

 

So, das war nun eine Zusammenfassung der letzten drei Wochen und die Fotos erzählen den Rest 😉 Guten Rutsch ins neue Jahr!!dsc_1746

Kurioses:

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Toaster
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Dieser Einkauf ist ca. 15 Euro Wert
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Milch als Pulver

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Meras Haus:dsc_1662dsc_1686 dsc_1684dsc_1687 dsc_1676
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