Hier regnet es 265 Tage im Jahr und die Wettervorhersage für den Ort lautet: shitty, partly shitty oder, rainy with a chance of shitty. Das ist Ketchikan, mein aktuelles Zuhause.

Nach Ankunft haben wir uns erstmal in den Second Hand Shops mit warmer Kleidung und Regenstiefeln eingedeckt. Juhu.
Seit vier Wochen stecken wir hier in Südostalaska fest. Das war nicht geplant. Aber es gibt Schlimmeres als auf der schönen SCORPIUS im Dauerregen zu wohnen. Ja, es gefällt mir sogar.

Ankommen.
Scorpius ist Larrys Dampfer, ein 27m langes Stahlboot ohne Segel. Auch genannt Motorboot hehe 😉 James Cooks Schiff war 10 Meter länger (und hatte keinen Motor haha) und mit ihm segelten 100 Mann. Wir teilen uns Scorpius gerade mal zu dritt. Wenn ich so drüber nachdenke, ein völlig unpassender Vergleich.

Es gibt drei „Etagen“, ganz unten im Bauch die Schlafkabinen, echte Zimmer mit eigenen Badezimmern und richtigen Betten, der Motorraum und mehrere Technikräume für Maschinen oder Bootszubehör. Im „Erdgeschoss“ ein Wohnzimmer mit Fernseher und die Wohnküche und auf derselben Ebene eine überdachte Werkstatt. Am Bug das erste Dinghy (ja, es gibt sogar mehrere) und der Anker, 6 Fässer mit Treibstoff sowie der neulich von mir angelegte Kräutergarten.
Im ersten OG ist das Steuercockpit. So viele Instrumente wie hier, hatte ich bisher auf keinem Boot! Manche Instrumente gibt es doppelt und dreifach – für den Fall 😉
Ebenfalls auf dieser Ebene, auf der Rückseite des Cockpits, befindet sich eine riesige Freifläche, wo ein zweites Dinghy ist und die Helikopterlandefläche. Richtig gelesen. Wir gönnen uns was.

Unsere Mission: Gaspullen aufs Boot, Helikopter aufs Boot, mit dem Boot 4000 Seemeilen durch die Fjorde im Südosten Alaskas segeln und an 18 Stellen stoppen. Gaspullen an den Helikopter hängen, mit dem Helikopter auf die höchsten Gipfel weit und breit fliegen und 18 Funkstationen für die Schifffahrt mit Gas beliefern, damit die Geräte für ein weiteres Jahr Energie haben um die Kommunikation für die Schiffe zu ermöglichen. Fertig.
Die Stationen liegen auf den exponiertesten und bewittertersten Bergen überhaupt. Im Sommer, wenn die Sonne nie untergeht, läuft hier alles solar. Aber im Winter kommt die Sonne hier gar nicht raus, dann laufen die Stationen unterm Nordlicht über Generatoren – und die brauchen Propan als Brennstoff.
Dieses liefert Larry der Küstenwache seit sieben Jahren und ausgerechnet dieses Jahr kommt es zu derartigen Verzögerungen, dass das ganze Projekt auf der Kippe steht. Ab August werden die Wetterbedingungen für den Job nämlich schlechter, dann können das Boot und der Helikopter nicht mehr sicher operieren.
So hängen wir nun seit Wochen in der Basis und tun alles, um das Boot auf die Abfahrt vorzubereiten. Die wichtigsten Reparaturen an Motor und Technik sind inzwischen erledigt, seitdem vergnügen wir uns mit Kosmetik, damit das Boot gleich noch in einem Schönheitswettbewerb teilnehmen kann. Schleifen, Schleifen, Schleifen, Streichen, Streichen, Streichen. Eine Drecksarbeit. Der Fluch des Presslufthammers aus Neuseeland setzt sich fort.
Unsere Tage sind lang, wir starten um 7 mit dem Zubereiten von Frühstück und sind meist erst um 19:30 nach dem Abendessen fertig. Wir sind bislang die einzigen an Bord und kümmern uns sowohl um das Handwerk, Technische und das Kochen. Da blieb bisher kaum Zeit, um mal die Umgebung zu erkunden, aber man sieht viele Adler, Berge, Wälder, Schnee auf den Gipfeln und im Meer um unser Boot sieht man ab und an einen Otter und jede Menge Quallen.
Die Wassertemperatur beträgt 5 grad. Da will man nicht so wirklich baden gehen, wenngleich ich inzwischen recht abgehärtet bin.

Der Meeresspiegel hebt und senkt sich zwischen den Gezeiten um bis zu 8m. Bei Tiefststand müssen wir regelrecht einen Berg erklimmen, um an Land zu kommen und an den Stützen, die die Küstenstraße und alle Häuser empor halten, kleben Seesterne und unappetitlich herabhängende rosa Anemonen, die unter Wasser zwar elegant vor sich hin wedeln, aber jetzt aussehen wie die glitschigen Weichteile eines Seemonsters.


Unglaublich wie der ganze Ort auf diese Stützen gebaut ist. Abertausende Bäume mussten dafür gefällt werden. Aber Bäume gibt’s hier genug. Jeder Pfahl steckt mindestens 10 m im Grund, dann nochmal bis zu 15m Wassertiefe…Ein großes technisches Unterfangen. Heute ist Ketchikan ein Fischerort und als „erste Stadt Alaskas“ täglich Anlaufstelle von 4-6 Kreuzfahrtschiffen. Ja, diese schrecklichen Auswüchse menschlichen Daseins…Konsumtempel ad absurdum. Dann vergrößert sich die Bevölkerung von gut 8000 Einwohnern auf manchmal mehr als das Doppelte.
Woche 1.
Was ist hier los? Vom Regen in Neuseeland zum Dauerregen in Alaska. Die ersten zwei Tage waren kalt, nass und ungemütlich und wir haben uns in den Second Hand Shops erstmal mit zusätzlichen Klamotten ausgestattet. Jeder hier trägt eine besondere Art Regenstiefel, liebevoll auch der “ Alaskan Slipper “ getauft und der wird sogar zu schicker Kleidung getragen.

Larry, unser 72-jähriger charismatischer Skipper, erläuterte uns unsere Aufgaben und in den nächsten Tagen lernten wir allmählich das Boot und die Ordnung der Dinge kennen. Die Amis spinnen. Ich dachte immer in Australien und Neuseeland ist alles „down-under“ und anders. Aber nein. Die Amis übertreffen dies bei Weitem. Statt Metern sind es Yards, Feet und Inches. Der Dollar wird nicht einfach nur in 100 Cent geteilt, nein auch in Dimes, Pennys, Quarters und weiß der Geier was, Gewicht wird in Pounds, Volumen in Ounces und Gallons, Strecke in Meilen gemessen. Aber das genügt noch nicht. Es gibt die „Statute Miles“ für an Land und die Seemeilen für auf dem Wasser. Sie sind unterschiedlich lang. Dann gibt es Fathoms für die Tiefe, das sind „Fäden“, Fahrenheit statt Celsius und so ziemlich JEDE physikalische Einheit hat in Amerika eine andere Entsprechung. Zum Mäusemelken ist es dann wenn die Werkzeuge mit 7/16, oder 3/8 oder 5/32 markiert sind. Da muss man erstmal seine Bruchstunden aus der 5. Klasse aus dem Datenspeicher holen. Und wieso teilen die ihre Inches in Zwölftel statt in Zehntel? Aber so richtig mögen sie die Zwölftel wohl auch nicht, denn manchmal sieht man auch die Dezimalunterteilung. Mal so, mal so…Ich werd wahnsinnig. Kleine Rechenaufgabe: was ist die Hälfte von 4 Fuß und 5 3/8 Inches? Also 4 Fuß durch zwei ist einfach. Aber 5 3/8 Inches ist Folter.
Ebenfalls mussten wir ernüchtert feststellen, dass Larrys Arbeitsenergie unendlich ist und er naiv dasselbe bei uns voraussetzt.
Zu meinen ersten Aufgaben zählt die Wartung der auslaufenden Batterien. Dazu muss ich in den Maschinenraum. Der ist kein Vergleich zu der engen, dunklen Höhle der Manihiki, in deren Inneren ich so manche Stunde verbracht habe als wir zwischen Riffen und Leitbojen drifteten. Hier gibt es zwei Motoren, drei Generatoren und jede Menge andere Leitungen, die für mich einfach aussehen wie buntes Chaos. Aber alles hat Struktur und Ordnung, ist penibel beschriftet und durchdacht.
Wir verteilen die Aufgaben und jeder macht sein Ding, zu den Mahlzeiten kommen wir zusammen. Larry liebt es Geschichten zu erzählen und Weisheiten von sich zu geben und ich höre ihm gerne zu. Er hat schon so viel erlebt und gemacht, noch dazu kann er es unterhaltsam erzählen. Er ist bis heute der einzige, der mit einem Ultraleichtflugzeug von den USA nach Neuseeland geflogen ist.

Solo, in einer kleinen 4-Sitzer Propellermaschine, ohne GPS, also mit Sternnavigation. In den Vietnamkrieg musste er auch, damals mit 19 als der jüngste Helikopteroffizier der Amerikanischen Armee. Er ist ein wandelndes Lexikon, hat ein faszinierendes Allgemeinwissen (ich möchte beinahe lästern und sagen sehr untypisch für einen Amerikaner ;-P) und ein noch beeindruckenderes Fachwissen. Er ist ein guter Handwerker und manchmal nervig penibel. Und so eine Aussage von mir….das will was heißen.
Woche 2
Von 100 Sonnentagen im Jahr, hatten wir nun immerhin schon 5 oder 6. Und sobald die Sonne scheint, ist es hier grandios. Die Landschaft Alaskas ist zu majestätisch um wahr zu sein.

Wir haben uns nach einigen Tagen der harten Überstunden in den Bilgen des Bootes (den tiefsten Stellen des Rumpfes, kurz vorm Kiel) einen Flug im Helikopter verdient. Während wir heiter am Boot rum schrauben, läuft nebenan das Touri -Geschäft. Hier können die Touristen von den Kreuzfahrtschiffen einen Sightseeing-Flug buchen. Billig ist das nicht. Knapp 250$ für 20 Minuten. Naja, wer auf so einem Kreuzfahrtschiff abhängt, hat vermutlich das nötige Kleingeld? Oder vllt doch nicht? Das Geschäft läuft eher schlecht als Recht und an diesem Tag kommt eine Engländerin. Doch erst ab 2 Personen startet der Helikopter und so werden wir eingesetzt. Mein erster Helikopterflug! Ich fass es nicht! Was ich alles erlebe! Die nächsten 20 Minuten waren der absolute Rausch. Kein Wunder, dass man davon süchtig werden kann. Dieses Gefühl, so nah und schwerelos an Bäumen und Berggipfeln vorbeizugleiten ist absolut begeisternd. Durch die großen Scheiben und die Enge des Cockpits hat man das Gefühl es gäbe keine Hülle um einen herum, es ist so, als fliege man selber. Ich werde es nie vergessen, wie David uns langsam einen Berggipfel hinaufzog, die weißen Kurven blickfüllend, um dann über die Spitze hinüber zu gleiten und bestimmt 100 km über diese grandiose Berglandschaft bis nach Kanada zu schauen. Auf dem Rückweg applaudierten wir einer mutigen Bergziege, die an einem unwirtlichen Hang flanierte und über die in Reih und Glied geparkten Kreuzfahrtschiffe ging es zurück zur Basis.




Woche 3
Inzwischen haben wir den Rumpf mit einem Floß geschruppt, eine Angellizens gekauft, die Bilgealarme geprüft, Auspuffrohre poliert, die Ankerkette vermessen, Helikoptergas verladen, neue Knoten gelernt, sind mit dem Presslufthammer in die Bilge unter unserem Zimmer gekrochen (mein Job, weil ich die dünnste bin)

um den Scheißrost abzuhauen und neu zu streichen und dabei High geworden, diese verdammten Farben! Am Ende meiner Karriere habe ich sicher einen Gehirnschaden. Und Tanken! Wieviel Diesel passt in diesen Kahn? 3200 Gallons (12.120 Liter) à 10 Tausend Dollar. Meine Güte. So langsam frage ich mich, ob ich dieses Projekt mit meinem Dasein unterstützen will oder nicht. Sooo viele schädliche Ressourcen in einem einzigen Kutter!


Ich beginne mit der Fertigung eines Edelstahl Dinghiständers. Von Jordy lerne ich die Zeitformel: wenn du denkst es dauert SO lang, dann nimm das mal vier, dann hast du die Realität. Wie wahr. Das Edelstahlprojekt dauert am Ende 6 Tage. Viel länger, als ich dachte. Ein unbekanntes Gerät, dann geht hier mal ne Flex kaputt, die erst repariert werden muss, dann geht das Gas aus, dann verzieht sich alles, dann muss poliert werden, dann quatscht dir der eine dazwischen, dann der andere, dann lässt die Konzentration nach, dann muss der Fehler korrigiert werden…Mann Mann Mann. Dann lässt mich Larry nicht mit Toleranzen arbeiten (was man eigentlich in diesem Bereich immer tut) und am Ende haben wir den Salat. Es passt nicht, das Loch muss doch vergrößert werden, hier nochmal was aufgeschnitten und gebogen. Und und und….Aber man lernt nie aus und wenn man nur lernt, dass man es doch eigentlich von vornherein besser gewusst hat und besser nicht auf die anderen hören sollte. Ha!

Als krönende Beilage läuft eines Tages eine Bilge mit dem Scheißwasser voll.
Ja ja. Auf einem Boot ist immer was los 😀
Woche 4
Josh, einer der Piloten, wird in die Kunst des Schlingens eingewiesen. Er wird unser Propangas auf die Stationen bringen und soll das Transportieren der Flaschen an einer langen Schlinge vom und zum Boot üben. Dazu machen wir eine Testfahrt mit Scorpius in eine Nachbarbucht und Josh fliegt mit einem großen Stein auf das geankerte Boot zu. Jordy steht derweil auf dem Cargo-Deck und gibt ihm Handsignale. Der Pilot muss nur anhand dieser und mit gelegentlichem Blick aus der geöffneten (!) Helikoptertür die Last auf die Plattform legen, ohne eine Delle ins Boot zu rammen. Klingt leichter, als es ist, aber der gerade mal 23-jährige ist ein Naturtalent und lernt schnell. Auch das Landen auf dem Schaukelboot auf einer Fläche kaum breiter als das Fluggerät klappt auf Anhieb, gelingt ihm sogar besser als Larry, der es demonstrieren will. Ohne Dellen und neue Streichjobs kehren wir zurück.



Obwohl wir schon seit bald vier Wochen hier sind, kennen wir außer dem Boot und den Supermärkten nicht viel von unserem Umfeld. Dabei gibt es hier schöne Wanderwege und Strände. Ein Jammer. Die WorkLife-Balancerechnung geht irgendwie nicht so richtig auf und Jordy unternimmt einen Versuch dies bei Larry anzusprechen. Dieser lacht nur müde und sagt, das sei noch nichts gegen das was komme, wenn wir erstmal unterwegs sind und findet, dass wir an manchen Tagen wenig arbeiten, an anderen mehr und somit am Ende alles im Lot sei. Schaun mer mal denken wir uns da. Nach vier Wochen kann man nämlich schon sagen, dass Larry bei aller Nettigkeit ein gewiefter Businessman ist und keine Gelegenheit ausnutzt Schnäppchen zu machen. So auch mit unserem Arbeitsaufwand.


Woche 5
Immernoch kein Anzeichen des Auftrags. Ich zähle inzwischen schon die Haare auf Larrys Nase. Acht.
In den Supermärkten sehen die Mitarbeiter alle aus wie kranke Vampire. Die Haut so durchsichtig, dass man die Adern durchschimmern sieht und die meisten sind übergewichtig. Wegen des desaströsen Gesundheitssystems werden viele Menschen nicht behandelt, weshalb man lauter hässliche Zustände sieht: Hautkrankheiten, Gehbehinderungen, Geschwüre… Es ist erschreckend – und traurig. In den Regalen sind alle Verpackung übergroß. Überhaupt scheint hier alles größer zu sein. Die Autos, die Portionen, die Einkäufe, die Kleidung und die Menschen. Eines Nachmittags kriegen wir raren „Auslauf“ und laufen zum Anleger der Kreuzfahrtschiffe. Die Sonne scheint und wir wollen uns ein Eis holen, uns auf die Bank setzen und das Spektakel beobachten, wie hunderte von Freigängern zurück auf ihren Dampfer wollen und wie ein so großes Schiff die Leinen los macht. Jede Leine ist schließlich so dick wie ein Arm und ziemlich schwer…Aber ich schweife ab. Wir stehen an der Eistheke und lesen das Schild. Einfach. Zweifach. Dreifach. Einfach kostet 4.75$, ganz schön happig. Obwohl ich es liebe zwei Geschmäcker zu nehmen und die Kontraste auf der Zunge schmelzen zu lassen, nehme ich nur einfach. Auch Jordy. Die Bedienung fängt an zu schaben und schaufeln und hört gar nicht mehr auf. Der Becher, im Durchmesser wie ein Bierdeckel, ist bald großzügig überladen. Sie sieht unsere riesigen Augen und sagt lachend: gewöhnt euch dran, hier in Alaska ist alles groß. Seitdem nehmen wir selbst zu zweit nur eine Kugel.

Seit Tagen arbeiten wir an einer der ätzendsten Aufgaben überhaupt: den Neuanstrich der Decke am Gang. Das ist stundenlanges Überkopf-schleifen und Presslufthammern, Unmengen an Feinstaub, Dreck in jeder Körperritze und stundenlanges Putzen und Aufräumen am Ende vom Tag. Wir arbeiten uns Abschnitt für Abschnitt vor. Erst komplett Schleifen, dann insgesamt 5 Anstriche, zwischen jedem die Trockenzeiten… Insgesamt brauchen wir für den Job fast einen Monat.

Mitte der Woche kriegt auch Larry einen Lagerkoller, die Anspannung des Wartens auf den Vertrag macht ihn unruhig. Also beschließt er eine „Angelfahrt“ zu unternehmen, inklusive Übernachtung vor Anker in unserer ersten fremden Bucht. Juhu!
Wir starten Richtung Südosten und Larry und ich bauen am Bug das Angelequipment für das Lachsefangen auf. Angelhalter, Gewicht, Knipser…Jordy mag keinen Fisch und hält sich bescheiden im Hintergrund, Larry steuert das Boot und ich bin als Einzige am Start.

Ich schaue in die Angelkiste und kann mit dem meisten Krempel nichts anfangen. Ich kenne angeln nur mit Schnur und Haken. Was ich hier sehe sieht aus wie ein knallbunter Spielzeugladen. Ich suche mir für vier Angeln unterschiedliche Köder und beginne mit dem Experiment. Als Jordy und ich gerade draußen mittagessen fährt ein Motorboot zügig an uns vorbei, nur um in einer filmreifen 180 Grad Wende auf uns zurück zu kommen. Zwei Männer sitzen darin und fotografieren uns, ich winke noch strahlend, weil ich mir denke, dass sie sicherlich von meinem imposanten Angelgespann und dem Helikopter eine Etage über mir begeistert sind. Doch dann kommt einer der Männer an die Reling, er trägt Uniform und einen Stern an der Brust. Der Wassersheriff! Oopsi! Offensichtlich stimmt was nicht mit meinem Angelquartett. Menno. Larry verlangsamt und wir erfahren (nett), dass in diesem Gebiet Angelverbot herrscht. Wir sollen die Köder einholen und sollten wir etwas gefangen haben, würde es konfisziert. Wir spulen und spulen und haben selbstverständlich nichts gefangen, alles ist ok. Als der Sheriff meine Köder erblickt, unterdrückt er ein Lachen. Er bleibt professionell, sagt uns wo wir angeln dürfen und wo nicht und verabschiedet sich mit dem Rat, dass wir mit Bodenködern ziehen würden und so sowieso nichts fangen würden. Hehe….Wieder was gelernt. Am Abend, als wir vor Anker sind, versuche ich mit den Bodenködern meine Glück auf die korrekte Weise. Ohne Erfolg. Larry fährt mit dem Dinghy hinaus und verteilt „crab- und shrimppots“. Das sind Käfige, um Krebse und Krabben zu fangen.

Am nächsten Tag, Larry hatte in den Käfigen etwa 12 Krabben und einen Krebs und ich habe schon einige Stunden des erfolglosen Jiggings (Angeln am Grund) hinter mir und gebe bald auf, als ich ein Nickerchen mache und erleuchtet aufstehe. Ich muss etwas an der Technik ändern und habe eine Idee. Ich lasse meine Angel runter, ruckel ein paar Mal sanft auf und ab und wenige Sekunden später ein kurzes Knibbeln und auf einmal bekomm ich die Angel nicht mehr hoch gezogen. Kein Zappeln und Ziehen, einfach nur fest. Ich dachte mir, das kann doch jetzt nicht sein, dass ich an etwas festgehakt bin, der Boden war doch die ganze Zeit sandig! So ein Mist. Mit aller Kraft und gleichzeitig Sorge die Schnur zu zerreißen und den guten Köder zu verlieren, kurbel ich, was gelegentlich auch Fortschritt macht. Also doch nicht festgehakt?! Hat doch was angebissen? Aber es kämpft ja gar nichts…. Ich muss Jordy herbeirufen, alleine bekomme ich was auch immer an meinem Haken hängt nicht hochgezogen. Zu Zweit mühen wir uns ab. Hier ist es etwa 40 m tief, da ist man eine Weile am kurbeln. Zu guter Letzt taucht ein blasser Umriss auf und kommt langsam näher an die Oberfläche. Ich traue meinen Augen nicht, so riesig ist das Tier, das dort hängt. Es ist flach und breit, sieht zunächst aus wie ein Rochen. Eine Seite dunkel, die andere Weiß, etwa 1,5m lang und 60cm breit. So sieht kein Rochen aus, aber auch kein Lachs, soviel weiß ich. Es ist ein Heilbutt, ich weiß es auf einmal ganz sicher. Wahnsinn ist der groß, wie sollen wir den nur an Bord kriegen? Ich renne ins Cockpit und alarmiere den telefonierenden Larry, der wenige Minuten später zu Hilfe kommt. Was folgte hat mich noch Tage später verfolgt und wird mir wohl immer in Erinnerung bleiben. Zu dritt gelingt es uns den erst jetzt an der Wasseroberfläche kämpfenden Fisch kompliziert aufs Boot zu ziehen. Normalerweise wird ein Heilbutt dieser Größe erschossen, aber wir haben nichts zum schießen. Ich muss Larry einen Schlagstock geben und er drischt mehrfach mit aller Kraft auf den zuckenden Kopf. Es ist furchtbar. Jetzt erst können wir das Tier eine Etage höher ziehen, wo es uns nicht mehr entwischen kann. Es ist immernoch nicht tot und Larry prügelt noch bestimmt 30 Mal auf den Kopf. Ich kann das Grauen nicht fassen, aber auch nicht wegsehen. Ich finde es unwürdig diesem Wesen, dessen Leben wir nehmen, nicht den nötigen Dank und Respekt entgegen zu bringen. Dazu gehört irgendwie neben dem Danken für sein Leben und Fleisch und dem Versprechen nichts zu vergeuden und verschwenden, wie ich es von den Rapa Nui lernte, auch, dass ich nicht wegschaue, sondern Anteil nehme und mir der Tat bewusst bin.

Es ist traurig, dass wir so brutal vorgehen müssen und die Bilder bleiben mir für Tage im Kopf. Aber es geschieht noch etwas: man baut eine emotionale Bindung mit dem Wesen auf, was für mich die Wertschätzung des Fleisches erhöht und die Achtsamkeit über dessen Konsum. Man is(s)t bewusster und dankbarer.
Der Fisch wiegt 32kg, die sich unter Wasser anfühlten, wie eine mit Blei gefüllte Truhe, und ist fast so groß wie ich. Noch nie in meinem Leben habe ich so etwas erlebt und wir werden bestimmt zwei Monate von diesem Tier essen können. Es dauerte beinahe drei Stunden alles zu filetieren und schneiden.
Woche 6
Larry will uns als Spione einsetzen. Er will, dass wir einen Flug bei seiner Konkurrenz buchen und ihm dann sagen, wie lang die Tour war, was sie pro tatsächlicher Flugzeit kostet und wo sie ihren Ausflugslandeplatz haben.

Still frage ich mich, warum er nicht einfach anruft und fragt, statt direkt davon auszugehen, dass sein einziger Helikopterkonkurrent ihm es nicht sagen wird. Sie könnten schließlich auch einfach eine Abmachung treffen, dass sie nicht am gleichen Platz landen. Aber das ist Larry, jeder ist ein Konkurrent. Er kann es nicht erdulden andere auf der gleichen Linie zu haben, er will der einzige sein und schreckt nicht davor zurück Maßnahmen zu treffen die anderen aus der Bahn zu werfen, sobald er denkt es sei Konkurrenz. Es gibt in Ketchikan nur einen anderen Helikopterflug Anbieter und im Grunde ist er noch nicht mal eine starke Bedrohung. Larry verliert viel mehr Kunden an die Wasserflugzeuge. Sie fassen bis zu 6 Personen, die Touren sind günstiger und sie fliegen und landen bei den berühmten Misty Fjords, die alle Kreuzfahrttouris besuchen möchten, wo die Helikopter aber keine Landeerlaubnis haben. Unterm Strich, ich finde die Aktion ziemlich mies, weil ich Larry zutraue, dass er Ryan verpfeifen würde, um dessen Business zu ruinieren, falls er glaubt, dass dessen Landeplatz eigentlich einer Sondergenehmigung bedarf. Auch unsere neuen Freunde, die für Larry im Büro arbeiten und die zwei Piloten, bitten uns die Mission nicht auszuführen.
Am Tag der Tage, als wir die Aktion durchziehen sollen, fahren wir an die Verkaufsstelle und gehen zum Schalter. Kaum betritt man das Gebäude, belagern einen an die 40 aufdringlichen Dealer, die ihre Touren anbieten wollen, es herrscht ein lautes Geschnattere wie auf einem türkischen Basaar und ich habe jetzt schon keinen Bock mehr länger in diesem Raum zu bleiben. Es dauert eine Weile bis wir den richtigen Schalter finden. Ryans Frau erzählt uns sehr freundlich alles über die Touren und Routen und Preise und je länger ich dieser sympathischen und ehrlich wirkenden Frau zuhöre, desto weniger will ich hier den Spion spielen. Sie führen die Firma zu dritt. Das Ehepaar und ein Pilot. Ryan selbst fliegt sowohl die Wasserflugzeuge und als einziger den Helikopter. Sie haben so schon genug Schwierigkeiten ihren Unterhalt zu verdienen, wie alle hier, und ich will nichts damit zu tun haben, wenn Larry meint diesen Menschen das Leben schwer machen zu müssen. Wir stellen alle unsere Fragen und hoffen, dass die Antworten Larry schon ausreichen, dann sagen wir, dass wir drüber nachdenken müssen und fahren zurück zu Larry. Diesem erzählen wir, dass Ryan wegen der zu tief hängenden Wolken heute eher keine oder nur kurzfristig Flüge anbieten wird und der Flug auch teurer geworden wäre, als was er uns an Geld mitgeben hatte. Zumindest das war wahr. Irgendwo fragte ich mich, warum wir zu feige waren ihm nicht einfach zu sagen, dass wir die Aktion nicht unterstützen wollen. Ich finde nämlich, dass ich inzwischen zu alt bin, um feige zu sein und groß genug um für meine Werte einzustehen. Aber in der Realität ist man dann eben doch manchmal ein Weichei.
Kaum eine Woche später erfahren wir, dass Ryans Pilot einen Unfall mit dem Wasserflugzeug hatte. Motorschaden. Alle Insassen überleben, kommen aber mit Verletzungen ins Krankenhaus. Mein erster Gedanke, gut dass wir denen nicht noch mehr Kummer zugefügt haben, denn jetzt haben sie von ganz alleine genug Probleme sich auf dem Markt zu behaupten. Es ist nämlich schon der zweite Unfall der Firma in weniger als sechs Monaten: Letzten Herbst verursachte sein damaliger Pilot einen Fehlstart im Fjord und alle Insassen mussten an Land schwimmen. Der Skandal damals war, dass der Pilot den Flieger als erstes verließ und die Passagiere sich selbst überließ. Auch hier überlebten alle, aber Ryan verlor sein Flugzeug. Totalschaden.
Wenige Tage nach unserem Besuch am Schalter hatte die kleine Firma keinen Stand mehr in der Verkaufsstelle.

Woche 7
Endlich kommt die Ausschreibung! Alle freuen sich, obwohl es noch lange nicht heißt, dass wir den Auftrag kriegen und obwohl so einiges in der Ausschreibung steht, was uns zum Nachdenken gibt. Auch schlummert im Untergrund schon eine gewisse Müdigkeit und Rastlosigkeit. Aber immerhin tut sich jetzt was. Larry muss jetzt ein Angebot einreichen und wir uns überlegen, wie wir mit unserem Zeitplan umgehen und was wir wollen. Der Auftrag wird frühestens Ende Juli beginnen, also in weiteren vier Wochen und unser Flug geht am 1. August. Wenn wir die Abreise nicht verschieben, werden wir das Boot verlassen bevor wir überhaupt das erleben, weshalb wir gekommen sind. Das Versprechen in den abgelegensten Winkeln des Landes zu arbeiten, Gletscher, Wale und Bären zu sehen und dorthin zu kommen, wo man sonst nicht hinkommt, hatte uns angelockt. Stattdessen machten wir für Larry die anstrengensten „Drecksarbeiten“ zu denen er sonst nicht kam, machten Überstunden ohne Ende und bekamen nichts vom Land zu sehen, als die Großbaustelle gegenüber von der Basis. Ich war alles andere als enthusiastisch.
Auch fürchteten wir, dass Larry sich lieber Leute suchen würde, die das ganze Projekt mit ihm durchziehen würden und uns sogar frühzeitig rausschmeißen würde, ehe er weiter Geld für uns ausgibt. Außerdem hatten wir inzwischen Seiten an Larry kennengelernt, die uns belasteten und alle waren irgendwie angespannt.
Es war eine sentimentale Woche. Jordy wollte wider Erwarten verlängern und keine halben Jobs machen, ich wollte nicht verlängern und dafür das Risiko eingehen, dass wir sogar früher entlassen würden. Die Situation mit Larry hatte sich verändert, wir hatten einige Dinge erlebt, die uns mißfielen und wachsam werden ließen und von den Büroleuten hatten wir weitere Geschichten über Larrys Charakter und Personalführung gehört. Angeblich versuchten alle in der Firma den „Propanjob auf dem Boot“ tunlichst zu vermeiden. Ich hatte also die Faxen dicke, sowohl mit Larry, als auch mit Jordy und mit allem überhaupt haha. Mein Bauchgefühl sagte, lass es sein und fahr ab wie gehabt, dann haben wir unseren Teil der Abmachung eingehalten. Und dann wird alles besser. Bisher hat es sich immer gelohnt aufs Bauchgefühl zu hören.
Am Ende gab ich aber nach und ließ mich auf den Kompromiss ein, den Jordy vorschlug: er wollte versuchen sein Visum für Neuseeland zu ändern, damit wir Larry anbieten konnten länger zu bleiben und zumindest einen Teil des Auftrags zu erledigen. Jordys Boot muss nämlich bald Neuseeland verlassen und vorher muss noch einiges gemacht werden.

Wir teilten Larry unsere Idee mit und er nahm dankend an. Der Alltag ging weiter und wir gingen unseren Aufgaben nach. Decken schleifen, Streichen, Helikopterplattform bauen, silbernes Teeservice polieren, Bohrer schleifen, Schweißen… Es gab eine Liste mit Dingen, die zu erledigen sind und wir arbeiteten einen Punkt nach dem anderen ab. Inzwischen hatten wir drei Blöcke abgearbeitet, die bis 2016 zurück gingen. Und trotzdem mussten wir uns am Ende jeden Monats anhören, dass wir Larry mehr Aufwand bedeutenden, als wir ihm abnahmen und, dass er nicht zu seinen eigenen Tätigkeiten käme, weil er uns bei allem überwachen müsse. Ich spürte ein immer stärkeres Brodeln in mir. Und diese übelschmeckende Bitterkeit.



Woche 8.
In seltenen Momenten der Auszeit, nehme ich meine neuen 2-dollar Laufschuhe ausm Secondhand Shop und gehe joggen im Wald. In der Hand fest umklammert eine Dose Bärenspray, die ich außerdem benutze um zu Singen und zu Klappern, um Krach zu machen, während ich in den Abendstunden durch den Märchenwald laufe. Oder ich setze mich im Sonnenuntergang auf den Pier und spiele Gitarre, oder schreibe in mein Tagebuch:
Adlerkacke in Meer sieht gar nicht mal so hässlich aus. Als hätte ein Künstler ein surreales zweifarbiges Spiegelei kunstvoll im Wasser verquirlt. Die Aussicht vom Rücksitz des Bootes ist heute Abend fantastisch, mehrere Buckelwale schnaubten an uns vorbei. Man hört sie schon, bevor man sie sieht. Das tiefe Donnern ihrer Wasserwolke. Es klingt ein wenig wie das Scheppern eines Stahlblechs. Sie mögen klassische Musik und indische Mantras. Bald-eagles hingegen klingen wie quietschende Reifen eines Bollerwagens. Ihr Zwitschern passt so gar nicht zum ihrem imposanten Aussehen.
Es ist zunehmender Mond. Eine kaum erkennbare Sichel am sanft bewölkten Abendhimmel. Die Wale schnauben ein Schlaflied während sie nach Osten ziehen.

Und Kaleb, der extra eingeflogene Chef-Mechaniker der Firma hat erfolgreich den Motor „unseres“ mysteriös erkrankten Helikopters „Six-Four-Quebek“ ausgewechselt. Es hat Larry über 10 Tage gebraucht zu dieser sinnvollen Entscheidung zu kommen.
Vor etwa 10 Tagen ereignete sich etwas Merkwürdiges. Bei der Routinekontrolle des Helikopters war im Ölfilter eine außergewöhnliche Menge feinen Granulats. Alle waren überfragt woher ein solcher Befund kommen könnte und es war schwer zu sagen, was für Partikel es waren. Es sah aus wie feiner brauner Staub, knirschte aber nicht zwischen den Zähnen und schmierte leicht beim Wischen mit dem Finger. War es Sand, Metall oder was Organisches? Die nächsten Tage zerbrachen die Piloten, Larry und wir uns den Kopf darüber. Wir wurden zu Chemikern und machten Tests, ein echtes Labor ließ Tage mit einem nichtssagenden Ergebnis warten. Larry hatte in der Zwischenzeit keine Bedenken den Helikopter weiter einzusetzen, doch zunehmend hatten die Piloten Angst, dass ihre Sicherheit gefährdet sei. Schließlich konnte noch nicht ausgeschlossen werden, dass die Partikel aus dem Motor selbst stammten und auf einen defekten Motor hindeuteten. Und niemand wollte mit einem defekten Motor fliegen. Ein Motorschaden während eines Flugs ist bei Helikoptern keine Lachnummer. Doch Larry setzte die Piloten unter Druck und so wurde der Helikopter weiter benutzt. Auch der erneute Check brachte wieder Staub hervor und Larry kam zu dem Ergebnis, dass jemand Sabotage begangen hatte. Ja, is klar. Die Welt steckt ja nur voller Konkurrenten, die Larry vom Thron stoßen wollen und seine Touristen und Piloten in den Tod. Jedenfalls brauchte es ganze 10 Tage bis er widerwillig beschloss den Motor auszuwechseln und diesen zur Inspektion zu schicken. Wenns nach ihm gegangen wäre, hätte er es lieber gelassen.
Jetzt wo alles ausgewechselt war, traf Larry die Entscheidung mit Scorpius und uns Richtung Norden aufzubrechen, um bei Beginn des Auftrags schon an Ort und Stelle zu sein. Der Wahnsinn! Nach acht Wochen ging es endlich los! Ich war gespannt.





hey sweetheart…so schön endlich wieder von dir zu hören: dein bericht ,deine bilder… alles rückt
so nahe ,so als wäre ich mittendrin …
wunderschöne eindrücke und deine handwerkliche vielseitgkeit,begabung also …repsekt,respekt,respekt …
der regendress steht dir …und die stimmung der bilder ….einzigartig…wie dein unterwegs-sein …
viel freude ,beste winde,hey und nicht nur arbeit sondern muse zum relaxen und….
mit herzlichen grüssen lolith