Alaska – Geduld ist eine Tugend

Woche 8.

Die ersten Tage unserer Fahrt fühlen sich nach all den Bootsreparaturen an wie Urlaub. Wir sind inzwischen zu viert, Josh der Pilot ist nämlich auch dabei und während der Fahrt, die in der Regel den ganzen Tag dauert, sitzt Larry meist selbst am Steuer. Das einzige, was sich anders anfühlt ist, dass man ständig das Gefühl hat, man müsse trotzdem irgendwie beschäftigt sein oder zumindest wirken. Man setzt sich entweder zu Larry mit ins Cockpit und schaut aus dem Fenster, wirbelt in der Küche herum, oder schnappt sich den Staubsauger und putzt die Teppiche. Josh liegt seekrank in seiner Koje, sein grünes Gesicht sieht man nur selten.

Jordy klampft hin und wieder auf seiner neuen Gitarre herum, ich schreibe in mein Tagebuch oder lese. Hin und wieder ein Nickerchen kann auch nicht schaden…

Derweil ziehen rechts und links an uns bergige Inseln vorbei. Manche klein, manche so groß, dass man sie gar nicht für Inseln hält. Eines haben sie alle gemeinsam: der Wald geht bis zur Wasserkante. Es ist so, als müssten sich Meer und Bäume gegenseitig davon abhalten weiter vorzurücken.

Die meisten Berge in dieser Gegend sind mit wenigen Ausnahmen nicht höher als ein paar Hundert Meter. Das Wasser ist ruhig, manchmal spiegelglatt wie ein See, denn wir fahren durch die Passagen und nicht übers offene Meer. Fast überall hängen die Wolken so tief, dass sie als Schleier durch die Bergspitzen ziehen. Beinahe jede Stunde sieht man Wale. Buckelwale und Orcas. Im Radio hieß es vor ein paar Tagen, dass eine Fähre einen Wal überfahren hat. Eine traurige Geschichte. Wir halten also Ausschau nach Walen und auch nach Treibholz, das die Propeller beschädigen kann.

Fischen ist ein großes Ding in Alaska. Hier sind Fische noch unverpestet und die Fischerei stark reguliert um die Bestände zu schützen. Fischerboote sind oftfFamiliengeführt, die Kinder kommen in den Ferien zum Helfen und unter den Booten herrscht große Kameradschaft und Zusammenhalt.

Nachts ankern wir in geschützten Buchten. Sobald Larry eine gute Tiefe bestimmt hat, gibt er uns ein Zeichen zum Anker runterlassen. Nach dem Abendessen geht Larry schon ins Bett, immer so gegen 20:30 und schaltet dann den Generator aus. Dann haben auch wir keinen Strom mehr für geselliges Beisammensein mal ohne Larry.  Leidglich in unseren Kojen gibt es ein paar Lampen, die selbst ohne Generator laufen – aber gezwungenermaßen gehen wir auch kurze Zeit später ins Bett. Selbst Duschen und Pissen geht nicht mehr, weil die Pumpen aus sind. Ich denke mir böse: das macht er absichtlich. So hat er immer Kontrolle. Er hätte alle Möglichkeiten mit einfachen Veränderungen der Elektrik, diesen Umstand zu ändern und der Crew ein wenig mehr Unabhängigkeit zu gönnen. Aber das will er ja nicht. Er mag es, wenn alle nach seiner Nase tanzen.

Man hat gerade erst die Augen zu und träumt die tiefsten Träume, als mit einem Rumpeln und Donnern die Motoren wieder anspringen, alle Lampen angehen und das Bett in dem man gerade noch gemütlich gelegen hat, anfängt zu vibrieren. Es ist 3:57. Laut Larry Zeit aufzustehen und wieder auf den Weg zu gehen. Wenige Minuten später erwartet er uns am Anker, um diesen zu lichten. So beginnen unsere Tage während der Überfahrten.

An diesem Morgen müssen wir entscheiden, ob wir unsere Fahrt nach Sitka über das offene Meer fortsetzen, oder durch die geschützten Passagen, wo die Fahrt einen Tag länger dauern wird. An „Cape Decision“ verlassen wir die bisherige Passage und blicken aufs offene Meer. Nun haben wir einige Meilen Zeit, ehe wir in die nächste Passage abbiegen, oder den direkten Weg nach Sitka wählen. Das Meer aber baut sich auf, die Wellen kommen in kurzen Abständen mit etwa 1,2m Höhe. Das ist zwar nicht viel, aber doch genug, um die gemütlichere Variante zu wählen. Im letzten Moment beschließt Larry doch den ruhigen Umweg zu nehmen und Scorpius biegt in die „Chatham Strait“ ein. Auf einem Felsen liegen drei gewaltige Seelöwen und sonnen sich.

Gegen Mittag machen wir einen Exkurs in eine verlockend aussehende enge Bucht mit steilen Schluchten. Ganz an deren Ende ragt majestätisch ein schneebedeckter Gipfel empor. Mount Ada. Die Bucht ist etwa 5 Meilen lang und da die Schlucht senkrecht aus dem Wasser ragt, können wir mit Scorpius ganz nah an die Felsen heran. Es ist eine tolle Stimmung. Eine Mischung aus Nebel, Sonne, Gewitterwolken, Schneegipfeln und dunkelgrünen Wäldern. Auf dem Rückweg bitte ich Larry ein paar Gänge herunter zu schalten und lasse mein Lachsfang-Gespann herunter. Und als hätte ich es gewusst – kurz vor der Mündung habe ich tatsächlich einen Biss! Larry ist sogleich zur Stelle und bejubelt meinen „Kingsalmon“. 70cm lang, 26 Pfund – mal wieder ein stattliches Exemplar. Wer hätte gedacht, dass ich noch zur Fischersfrau werden würde!

Um 19 Uhr ankern wir in einer kleinen Bucht mit einer Ansammlung von etwa 20 Häusern. Der Ort heißt Cheena Hot Springs und nach einem saftigen Bissen Lachs vom Grill machen wir einen Ausflug an Land und erfahren, woher der Ort seinen Namen verdankt. 10 Minuten laufen wir durch diesen wunderbaren alaskischen Wald, den ich schon beim ersten Anblick in mein Herz geschlossen habe. Irgendwo hinter dem Dickicht hört man einen starken Bach rauschen. Die Gemeinde hat sich ins Zeug gelegt und den ganzen Pfad auf Stelzen gebaut. Schließlich sagt Larry, hier links rein! Es geht etwa 50 Meter über Stock und Stein und auf einmal sieht man eine kleine Lichtung zwischen den Bäumen. Der Fels ist blank geschruppt von hunderten von Füßen und Hintern, die schon vor uns hier waren. Es dampft und riecht nach faulen Eiern. Yummy!!!! Aber dieser Platz hat etwas Magisches, so schön sieht er aus zwischen den Bäumen, Sonnenstrahlen und dem weißen schäumenden Bach im Hintergrund. Allein die Farbe des Baches sagt mir, dass er eiskalt ist. Wir ziehen uns aus und sinken in die Becken. Ich halte den Atem an, so heiß ist das Wasser. Es dauert ein paar Minuten, bis sich meine Haut verbrennen lassen will. Wie kann es sein, dass heiß und kalt so dicht beieinander liegen können? Nach und nach testen wir die verschiedenen Becken ich gehe sogar in eine kleine Wanne mit Wasser aus dem Bach. Brrrr!!! Es war Liebe auf den ersten Blick…Die Becken, die Bäume, der Bach, die faulen Eier und ich….Ich hatte meinen Favoriten dieser Reise gefunden.

Am nächsten Morgen stand die sogenannte „Peril Strait“ auf dem Programm. Eine enge Passage ohne Ausweichmöglichkeiten bei Gegenverkehr und starken Strömungen. Etliche Boote waren hier zur falschen Stunde gewesen und verunglückt (wie auf beinahe jedem Quadratmeter der alaskischen Gewässer ehe die Gegend so professionell kartiert wurde). Wir sprachen so viel über diesen Abschnitt und planten so genau zu welcher Uhrzeit wir dort sein müssten, damit alles flutschte, dass es am Ende eine totale Enttäuschung war. Keine Gefahren, keine Abenteuer, keine Zwischenfälle, keine Grundberührung oder Kratzer.…Menno. Von wegen peril…ich hatte mir ein wenig mehr Spannung erhofft. Das war laaaaangweilig.

17:10 Uhr war ein historischer Moment. Ich war schon an einem Punkt angelangt, wo ich die Bären in Alaska für ein Ammenmärchen hielt, als ich durch mein Fernglas auf der Backbordseite eine Mutter mit drei Jungen den Strand herunterlaufen sah. Drei Jungen!!! Mir entkam sofort ein „ohhh wie süß!!!!“. Ja, sie sind schon sehr sehr putzig. Und so tapsig. Und sowieso….einfach zum knutschen. Zumindest aus der Ferne…

Woche 9.

In Sitka trudeln wir in den letzten hellen Stunden ein und ankern in der Nähe vom Flughafen. Am nächsten Morgen wird Josh uns wieder verlassen, er wird für einen anderen Job abgezogen und erst wieder kommen, wenn wir den Vertrag bekommen. Also wieder zu dritt. Na toll.

Sitka wird ein kurzes Vergnügen und für Jordy und mich nur eine Ankerplatz-Besichtigung. Wir kommen nicht einmal an Land. Vom Boot aus sieht der Ort ähnlich aus wie Ketchikan: nichtssagende flache Gebäude in die bergige Landschaft gesetzt. Auf manchen Gipfeln Schnee. Im Hafen einige Fischerboote und ein paar private Angelboote. Business as usual.

Gegen Mittag lässt Larry uns wieder Anker lichten. Adieu Sitka, auf geht’s nach Juneau. Also wieder durch den langweiligen Peril Strait und dann Richtung Norden. Gegen 19:00 tauchen am Bug zwei kleine „Doll Puspoises“ auf. Die sehen aus wie zu dicke Delfinbabys und haben eine Schwarz-weiße Musterung. Etwa 20 Minuten lang spielten die Süßen in den Wellen unseres Bugs und drehten sich auf die Seite, um zu uns hinaufzuschauen, wenn Jordy hohe Pfeiftöne produzierte. Herrlich.

Kurz vor Acht entscheidet Larry, dass wir heute eine Nachtschicht einlegen werden. Es ist absurd. Wir haben eigentlich keine Eile und durch die Nachtfahrt müssen wir sogar mehrere Stunden gegen die Strömung fahren. Der einzige Vorteil ist, dass wir dann pünktlich zum Independenz Day in der Hauptstadt sein werden und mit Sicherheit einen Teil der Festlichkeiten besuchen können. Aber Larry ist kein Patriot, also ist es mit Sicherheit nicht der Grund für die Eile. Ich verspüre schlechte Laune, die nicht gerade besser wird, als ich die letzte Schicht von 2-5 zugeteilt bekomme. Es ist ja schon klar wie Kloßbrühe, dass diese Schicht nicht um 5 endet, sondern einfach in die übliche Tagesroutine übergeht, zumal dann geankert werden muss und Larry in seinem gewohnten Aktionismus alles auf einmal erledigen will, sobald wir wieder Zugang zu Land haben.

Meine Wache vergeht ereignislos. Diese Morgenstunden sind zugegebenermaßen die schönsten…Wir sind hoch genug im Norden, dass die Sonne zwar untergeht, aber so schnell wieder aufgeht, dass es nie wirklich dunkel wird. In diesem schönen Schummerlicht können die Gedanken ganz in Ruhe schweifen.

Wie erwartet geht meine Schicht in die Ankunftshektik über und Larry und Jordy gehen direkt nach dem Frühstück an Land um einen Mietwagen zu holen und Erledigungen zu machen. In Juneau wollen wir bleiben, bis der Auftrag vergeben wird. Das kann also länger dauern…Als sie zurückkommen entfaltet sich ein ungeplantes Gespräch mit Larry über unsere Bezahlung und wir stellen ihm ein paar Fragen, die uns schon länger belasten. Wie immer wenn es um unsere Bezahlung geht, ist er wenig entgegenkommend und stellt uns stattdessen als undankbar hin. Happy Independence Day. Warum ist Larry wenn’s um faire Bezahlung geht so ein Arsch?! Weil Jordy und ich gerne in die Stadt wollen, um eine Parade zu sehen, schlägt Larry vor einen freien Tag zu nehmen. Und dieser wird „natürlich“ nicht bezahlt. Und warum bitte nicht? Weil laut Larry unsere Nachtschicht kaum als Arbeit zählen würde. Wie bitte?! Ich bin mitten in der Nacht aufgestanden, aus meiner 3 Stunden Schicht wurde eine 6,5 Stunden Schicht und nur weil wir mal für einen halben Nachmittag in die Stadt wollen, um ein wenig Kultur zu erleben, sollen wir nicht bezahlt werden?! Genau.

Ja, danke Larry.

Der Hafen vor Juneau. Wir ankern hinter den Stegen in der Bucht.
Parade

Juneau ist Alaskas Hauptstadt – nicht Anchorage, wie ich immer dachte. Bemerkenswert ist, dass man nur mit dem Boot oder dem Flugzeug hierher kommt. Hier in dieser nicht weiter bemerkenswerten Stadt kommen wir in den Genuss einer Independence Day Parade. Ich wollte unbedingt hin um zu sehen, ob die in Europa vorherrschenden Vorurteile über den Patriotismus der Amis zu diesem Anlass tatsächlich stimmten. Die Parade war klein und „brav“. Es war überwiegend ein Familienevent mit Bratwurstbuden der Freiwilligen Feuerwehr am Straßenrand, Verkleidungen für die Kinder und vllt. 50 Schmuckwagen, die Bonbons warfen, wovon etwa die Hälfte von Politikern stammte, die für ihre Lokal-Kandidatur warben. Nichts von all der pompösen Vaterlandsliebe, die ich erwartet hatte.

An diesem Nachmittag erhält Jordy Nachricht von der Immigration Neuseeland, dass sein Antrag auf Verlängerung des Visums stattgegeben wird und sein Boot länger bleiben darf. Obwohl dies für Jordy eine gute Nachricht ist, halten wir Larry gegenüber vorerst den Mund. Wir sind uns nicht mehr sicher, ob wir hier verlängern wollen…Nicht wenn Larry sich immer wieder als großzügigen Gönner darstellt, der armen, nichtskönnenden Straßenkötern die Chance des Lebens bietet und den Traum von Alaska erfüllt.

Hatte in den Anfängen eigentlich nur Jordy Eckpunkte mit Larry, kam nun auch ich immer häufiger an meine Schmerzgrenze. Meine Laune wurde von Tag zu Tag schlechter und Larry reizte mich immer mehr. Es nervte mich, dass er unfähig war meinen Namen ordentlich auszusprechen; „Mährijam“, wie ein Schaf. Und was man auch tat, stand er daneben und hatte an allem was auszusetzen. Die ersten Monate war meine Strategie gewesen ihn mich einfach belehren zu lassen und ihn auch zu allem zu fragen, um alles so zu machen, wie er es gerne hat. Es war so deutlich, dass er die Rolle des Lehrers liebte und es mochte, wenn man ihn bat, die Dinge zu erklären. Aber jetzt ging es mir zu weit: du hältst die Flex falsch, ein Seil legt man SO zusammen, du hebt die Klarsichtfolien in der Küche auf, schmeißt aber Handschuhe weg, als gäbe es unendlich viel Geld und Ressourcen…Dinge die am Vortag noch auf eine Weise gemacht werden sollten, mussten ab heute auf einmal anders gemacht werden, weil es das einzig Richtige sei, wir würden sonst seinen Krempel kaputt machen…und so weiter.

Ich schmollte vor mich hin und musste mich echt immer wieder zurückhalten ihn nicht giftig anzuschnauzen. Zwei Tage nach dem Streit mit der Parade bat ich ihn zum ersten Mal überhaupt, um Zugang zu seinem Internethotspot (Flatrate wohlgemerkt) um eine wichtige Nachricht zu verschicken. Er sagte freundlich und charmant, dass das absolut kein Problem sei und ich möge doch mit meinem Handy kommen. Er wollte das Passwort selber eingeben (damit ich es nicht kenne). Bis hierhin schien alles ok zu sein. Doch als ich mich umdrehte, um zu gehen, bat er mich es nur einmalig zu benutzen und ihn bei jedem weiteren Zugang stets um Erlaubnis zu bitten und ihn zu informieren. Alles klar Larry, wenn du das willst, dann mache ich das natürlich. Aber ich merkte schon, dass nicht „alles klar“ war. Keine 5 Minuten später kam er abermals und setzte sich mit ernster Miene vor uns beide und hielt uns eine Standpauke. Er käme sich ausgenutzt vor schließlich würden wir gutes Geld verdienen und könnten uns selber Internet leisten. Und wenn wir keinen Handyvertrag wollten, dann könnten wir schließlich auch in unserer Freizeit machen, was wir wollen und einen Bus in die Stadt nehmen, um in der Stadt in ein Internetcafé zu gehen. Er fände es extrem frech von uns, dass wir ihn nach all den Annehmlichkeiten, die er uns entgegenbringe auch noch bäten sein Internet zur Verfügung zu stellen. DA war ich genervt! Larry, sagte ich, ich bitte dich zum allerersten Mal überhaupt um einen Gefallen. Und ich habe keine definierte Freizeit, denn wir können nicht trennen zwischen Arbeitszeit und Privatzeit. Rund um die Uhr bin ich auf deinem Boot und zu jeder Zeit kannst du kommen und mir eine neue Aufgabe erteilen. Selbst mitten in der Nacht. Und ich kann nicht „einfach“ in die Stadt fahren. Denn dazu muss ich das Dinghy nehmen und erst um DEINE Erlaubnis bitten und bin an DEINE Pläne und DEINEN Segen gebunden. Nach diesem Tag gab er keinen Cent mehr für uns aus, der über unsere Bezahlung hinaus ging.

Immerhin gab es eine erfreuliche Neuerung. Larrys Partnerin Anne war inzwischen zu uns gestoßen. Sie ist eine „Bilderbuch-Neuseeländerin“ und bringt Schwung in die Bude. Dazu ist sie stets gut gelaunt, ein echtes „Mädchen“ und liebt es Larry zu ärgern. Es wundert mich nicht, dass sie deswegen ihre Probleme haben, aber für mich ist es toll, dass sie da ist. Sie wird zu einer Art Blitzableiter.

Die Woche ging mit weiteren Zwischenfällen weiter, die mein Gemüt nicht gerade beruhigten. Natürlich waren inzwischen sowieso auf allen Seiten die Härchen schon aufgestellt und die Reizbarkeit größer, aber es verging inzwischen kein Tag mehr, an dem ich nicht mindestens einmal das Bedürfnis hatte Larry mal so richtig vor den Kopf zu stoßen (wofür man mich auch nicht wirklich kennt und was vermutlich ein sehr lustiger, erbärmlicher Versuch geworden wäre „mal so richtig“ eine auszuteilen). Jordy hielt mich zurück und brachte vor, dass es auch nichts bringe Larry zu sagen, wie wir uns fühlten. Stattdessen wollte er uns mit sachlichen Argumenten aus der Affäre ziehen. Ich sagte: aber es wird MIR gut tun Larry zu sagen, wie ich mich fühle. Und mit etwas Glück lernt er was aus der Sache. Jordy sagte: Du wirst Larry nicht ändern, er macht das doch mit allen und lernt kein einziges Mal was daraus. Es wird ihm nur weh tun, dass wir gehen, weil es uns nicht gefällt und er wird es nicht verstehen.

Eines Mittags ging ich nach einigen Stunden des Arbeitens in die Küche und trank ein Glas Wasser. Anne war in der Küche und deckte den Tisch fürs Mittagessen. Larry kam mit öligen Fingern angeschlurft und stellte sich drohend vor mir auf. Er fragte mich, ob ich nichts zu tun hätte. Ich sagte zögerlich ja, weil ich nicht vorhatte direkt weiter zu machen, da ja jetzt Mittagszeit war. Er sah mich streitlustig an und meinte, wenn das so sei, müsse ich mir eine neue Aufgabe suchen. Ich schaute ihn ganz ruhig an obwohl ich ihm innerlich schon wieder eine Faust auf seiner haarige Nase schmetterte und sagte ihm, dass ich gerade mal 2 Minuten fertig sei mit meiner letzten Aufgabe und gerade auf der Liste nach einer neuen suchte. Aber in seinem Gesichtsausdruck und seiner Körpersprache war doch sehr deutlich, dass er den Eindruck hatte ich würde mich vor der Arbeit drücken und ihn nur unnötig Geld kosten. Es ging jetzt immer wieder um unsere Arbeit und um das Geld. Er machte jeden Tag Anspielungen über unsere Bezahlung und „wie wenig wir dafür tun müssten“. Ich drehte durch! Ich fühlte mich gefangen auf dem Boot, obwohl das Ufer nur 200m von uns entfernt war. Ich fühlte mich wie ein Kind, das jedes Mal um Erlaubnis bitten muss, wenn es das Haus verlassen will. Ich musste mich immer Larrys bohrenden Blicken stellen, wenn ich mal nicht arbeitete und das Dümmste war, dass ich das alles hab mit mir machen lassen.

Anne scheuchte ihn polternd aus der Küche und sagte er solle sich aufs Mittagessen vorbereiten und als er verschwand sah sie mich entschuldigend an und sagte, das liege alles nur an der Anspannung mit dem Vertrag und Larry sei es nicht gewohnt zu warten und nichts tun zu können, ich solle es nicht persönlich nehmen. Ich war dankbar für ihr Eingreifen, sagte aber auch, dass es manchmal eben schwer falle, es nicht persönlich zu nehmen.

Ende der 10. Woche fassten Jordy und ich uns ein Herz und sagten Larry, dass wir unseren Aufenthalt nicht verlängern könnten. Weil Jordy fand, dass die Wahrheit Larry nur unnötig verletzen würde,  brachte er seinen Joker hervor und behauptete die Behörden in Neuseeland hätten seinen Antrag abgelehnt. Um die Lüge und Maskerade noch zu übertreffen boten wir ihm an, unseren Flug um 10 Tage zu verschieben, „um ihm so lange wie möglich zur Verfügung zu stehen“. Jetzt denkt sich der Leser natürlich, „Was?! Was für ein Bullshit ist das denn?! Ja, der Leser hat Recht…Wir hatten lediglich die Hoffnung doch zumindest einen Teil des Auftrags noch mit zu erleben und zumindest einen Teil des großartigen Landes zu sehen.

An manchen Tagen kommt Larry in Ausgehstimmung und fährt mit uns durch die Gegend. Die Ausflüge sind schön, aber wir fragen uns jedes Mal, ob der Tag am Ende des Monats als Arbeitstag zählt, oder nicht.

Larry nahm die Nachricht mit Fassung und freute sich über unser Angebot so lange wie möglich zu bleiben. Er wollte noch ein paar Tage abwarten, bis er Nachricht von dem Vertrag habe.

Gegen August ist es Abends noch warm genug, um draußen in der Sonne zu grillen.

Die Tage vergingen und schließlich kam ein kurzer Kommentar der Auftraggeber. Sie fragten Larry, ob er nach wie vor Interesse an einer Mitarbeit hätte, wenn sie die Stationen gruppenweise an unterschiedliche Bieter vergäben. Das war der Augenblick in dem wir alle hätten die Mission abbrechen sollen. Larry war wütend und enttäuscht über diese Entwicklung, willigte aber ein und stand nun abermals vor einer Wartezeit. Genau wie wir, mit ihm.

Wieder vergingen qualvolle Tage in denen er wenig bis gar keine Andeutung bekam, ob und wann und wohin er geschickt werden würde. Seine Anspannung ließ er nach wie vor an uns und Anne aus. Da beschloss er eine kleine Reise zu machen, damit ihm nicht die Decke auf den Kopf falle und wir fuhren Richtung Norden nach Skagway. Das ist eine kleine Goldgräberstadt in der Nähe der Kanadischen Grenze. Dort wollte Larry eine Fahrt mit einer alten Goldminen-Bahn unternehmen. Wir schlossen uns der Fahrt an, die extrem touristisch war (für die Kreuzfahrttouris), aber ich genoss es trotzdem. Außerdem war ich auf diesem Weg für 15 min in Kanada. Check! Wir blieben zwei Nächte in Skagway und fuhren dann über Haines und Petersburg zurück nach Juneau. Petersburg entpuppte sich als hübsches Örtchen. Von Norwegischen Einwanderen erbaut, wurde es schnell zur Fischerzentrale der Region. Es war kein Anlaufpunkt für die Kreuzfahrtschiffe und somit beruhigend bodenständig.

Schließlich kehrten wir nach Juneau zurück und harrten wieder der Dinge. Unser ursprünglicher Abreisetag rückte immer näher und ich sehnte ihn auch immer sehnlicher herbei. Einen Tag vor unserem Flug kam Larry an und sagte zu Jordy, dass er nun unsere Flüge umbuchen wolle. Ich merkte, dass ich nicht wirklich glücklich darüber war. Ich wollte endlich weg. Aber beide sind wir Menschen, die zu unserem Wort stehen. Wir hatten Larry das Angebot gemacht, nun gab es keinen Weg zurück. Larry buchte die Flüge um und einen Tag später kam die verheerende Nachricht: Larry bekam den Auftrag nicht, von 18 Stationen wurde ihm nur eine zugeteilt. Noch dazu handelte es sich bei dieser Station, um die am weitesten entfernte, zu der er selbst mit dem Boot nicht fahren konnte, sondern alles reine Helikopterarbeit war. Drei Monate warten und dann das….

Der Auftrag ist geplatzt, wir packen wieder.

Larry war sehr enttäuscht und auch ein wenig wütend. Dieser Auftrag hatte die letzten Jahre seine Firma getragen und er hatte auch dieses Jahr schon viel Geld in das Projekt gesteckt. Nun kam es nicht zustande und vor allem die lange Wartezeit hatte Dinge verschlimmert. Doch zugleich war er nun erleichtert. Er hatte eine klare Aussage bekommen und konnte nun umdisponieren. Er fing sogleich an sich wieder in die anderen Projekte seiner Firma einzumischen und seine Mitarbeiter zu nerven, die nun lange eigenverantwortlich und entspannter hatten arbeiten können. Jetzt wollte Larry wieder mitreden und ließ sie nicht mehr in Ruhe. Auch beschloss er, dass wir nun zurück nach Ketchikan fahren würden und wir dann pünktlich von dort aus unseren umgebuchten Rückflug antreten würden. Ich war dankbar darüber, dass er diese Entscheidung traf, denn die Fahrtage waren immer die schöneren.

Einen Tag vor unserer Abfahrt Richtung Basis – es war Monatsende und Larry hatte noch nichts über unseren Lohn erwähnt – fragten wir nach unserer Bezahlung, die er sonst immer sehr pünktlich vorgenommen hatte und entfachten damit einen epischen Streit, in dessen Verlauf Larry uns sogar vom Boot schmiss und sagte, er wolle uns nie wieder sehen. Uff, so einen Streit habe ich noch nie führen müssen…Boa war ich froh, dass wir zu zweit waren!!! Und boa war ich froh, dass Larrys Tochter Emily und Anne im Nachbarzimmer saßen und alles mitbekamen (auch wenn es mir Leid tat, dass sie ungewollt mit einbezogen wurden).

Seltsamerweise hatten wir schon damit gerechnet, dass irgendwas im Busche war und hatten es zwar einerseits hinausgezögert das Thema anzusprechen, andererseits aber unter uns abgemacht was wir von Larry forderten. Als Larry uns weniger zahlen wollte, als er uns versprochen hatte und wir darauf bestanden, dass er sein Wort halte, ist er ausgerastet und hat uns wieder als undankbares, nichtskönnendes Gesindel dargestellt, das ihm mehr Zeit und Aufwand koste, als er zurück bekäme. Und er wolle nun alles ganz genau abrechnen, denn dann würden wir aber staunen; über all die Kosten, die wir ihm verursacht hätten inklusive der Mahlzeiten, die wir außerhalb gegessen hatten, der verlorenen Fischköder und meiner Zeit, die ich nicht gearbeitet, sondern nur geangelt hätte und so weiter und so fort. Ich war traurig, dass es so weit gekommen war, dass nun alles in diesem Streit zu enden schien, wo wir doch nur deshalb so lange geblieben waren, um „im Guten“ auseinander zu gehen.

Anne mischte sich immer wieder aus dem „off“ ein und rief aus der Küche über ihr Kochbuch hinweg zu Larry rüber was für ein beschämender Mensch er sei und er solle sich gefälligst zusammen reißen und zu seinem Wort stehen. Ob es ihn nur wütender machte, oder nicht, weiß ich nicht, auf jeden Fall wurde es immer hitziger bis Jordy aufsprang, seine Schuhe anzog und sagte „Larry, so geht das nicht, ich möchte, dass du dich jetzt erstmal beruhigst, und wir reden heute Nachmittag wieder drüber.“ Larry sagte abermals wir bräuchten gar nicht mehr wieder zu kommen und es gäbe nichts weiter zu besprechen und setzte sich beleidigt an seinen Schreibtisch und starrte aus dem Fenster. Als ich mich Jordy anschloss, quetschte sich Anne an mir vorbei und drückte mir ermutigend den Arm. Noch während ich irgendwie betäubt davon lief, hörte ich sie mit Larry schimpfen, dass er das immer und immer wieder mache und das er sich ganz fürchterlich benehme und wie sehr sie sich für ihn schäme. Er wollte allein sein und kein Wort von ihr hören.

Jordy und ich liefen ins nächste Café und versuchten uns von dem Schrecken zu erholen. Wir sagten schließlich, „nun ja, wenn wir wirklich vom Boot runter sollen, dann ist es auch irgendwie ok. Dann soll Larry ein Hotel und die Weiterreise für die nächste Woche bezahlen und gut is.“ Mir war klar, dass das nur wieder ein harter Kampf werden würde, Larry würde keinen Cent mehr für uns ausgeben wollen, aber deswegen glaubte ich auch, dass er uns lieber an Bord behielt. Ohne uns hatte er keine Köche, Anne würde das Boot ebenfalls verlassen und er würde neue Leute besorgen müssen, die mit ihm das Boot zurück zur Basis bringen würden. Und da waren wir immer noch die billigsten und die fähigsten.

Etwa anderthalb Stunden später fand uns Anne und entschuldigte sich tausendfach für Larrys Verhalten. Ich war gerührt von ihr, sie hatte sich echt stark für uns gemacht und ich wusste, wie sehr sie unsere Arbeit schätzte, sie hatte das oft genug zur Sprache gebracht. Etwas später kehrten wir zum Boot zurück und fanden es leer vor. Auf dem Tisch lag eine Abrechnung mit den Zahlen, die wir gefordert hatten. Als Larry wieder kam, fragte er, ob es in Ordnung sei und ich sagte ja, bedankte mich und nahm ihn in den Arm.

Am nächsten Morgen schien alles vergessen. Trotz Larrys eigenartigen Verhalten ist er eines nicht: nachtragend. Wir bereiteten gut gelaunt das Boot für die Rückfahrt vor und legten ab Richtung Ketchikan. Es waren eigentlich noch ganz nette Tage.

Wiedersehen mit unseren neuenn Freunden.

Als wir ankamen empfingen uns unsere Freunde aus Larrys Büro, das war ein schönes Wiedersehen und wir hatten viel zu erzählen und zu jammern. Tyler erzählte uns, dass er nun, wo Larry zurück sei, kündigen werde und auch David der spanische Pilot, wollte so schnell es ging abhauen. Neu dabei war Zach, ebenfalls Pilot, der den Geschichten zur Zusammenarbeit mit Larry noch einiges hinzufügen konnte. Ich war froh, dass noch zwei Tage blieben, dann würden auch wir endlich abreisen.

Die letzte bittere Enttäuschung blieb nicht aus. Ich gab Larry mein Wanderbuch, damit er darin ein Arbeitszeugnis schreiben möge, wie es jeder meiner Arbeitgeber tun soll. Dieses Buch ist mir sehr wichtig und ich lege Wert darauf, dass die Leute es nicht behandeln wie ein Poesiealbum. Darin soll stehen wie lange ich bei ihnen war, welche Tätigkeiten ich ausgeführt habe und wie meine Leistung bewertet wird. Larry, der nun mein längster Chef war und bei dem ich die meisten Schlosserarbeiten und noch dazu so viele andere Bereiche abgedeckt hatte, schrieb in einem Satz rein, dass er mein heiteres Gemüt auf der Fahrt geschätzt habe und mir alles Gute für die Zukunft wünsche. DAS hat für mich alles kaputt gemacht. Die drei Monate fühlten sich zum ersten Mal wie verschwendete Zeit an und ich hatte nichts mehr für Larry übrig.

An unserem Abreisetag gingen wir in einen Coffeeshop und beendeten die Ära Larry jeder mit einem Keks, der uns hoffentlich alles vergessen ließ. 93 Tage mit Larry, waren in etwa 45 Tage zu viel.

Adieu Alaska, ich komme wieder und lerne dich dann richtig kennen. Meine Sehnsucht wurde noch nicht gestillt. Bis zum nächsten Mal.

Ein Gedanke zu „Alaska – Geduld ist eine Tugend“

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