
Zurück in Bali hieß es mit Andi das Boot auf die Überquerung des Indischen Ozeans vorzubereiten. Der Indische Ozean ist bei Seglern ein heißes Thema. Naja, wenn ich ehrlich bin wird genauso diskutiert, wie vor jeder Passage. Die Segler mögen es einfach den anderen jeweils ihre beste Strategie ums Maul zu schmieren und jede Passage hat eine andere „ach so tückische“ Seite, dass darüber stundenlang bei literweise Bier und Rum geplant und überlegt werden muss. Wo stoppt man? Und wenn ja wie lange? Wie sieht die Wettervorhersage aus und wo ist der beste Kurs? Über Madagaskar drüber, gibts da Piraten? oder drunter, da gibts oft heftige Stürme? Durch das rote Meer? No way, das steht gar nicht zur Debatte…
Andi und ich sind wie immer mit die letzten, die abreisen und das hat aus unserer Sicht auch einen guten Grund. Viele können es kaum erwarten sofort loszustarten, sobald laut Segelkalender die Strecke „eröffnet“ ist. Nur hat Andi aus seiner Erfahrung gelernt, dass man warten sollte, bis sich die Winde etwas einpendeln, denn zu Beginn der jeweiligen Saison ist das Wetter oft noch wechselhaft, je länger man wartet, desto besser. Es dauert eben seine Zeit bis Wind und Welle sich eingeschaukelt haben und auch wenn ich mich manchmal dabei ertappe, mich zu wundern, dass außer uns niemand mehr da ist und die Strecke schon bald wieder „geschlossen“ ist, kann ich sagen, dass Andi mit seinem Timing bisher immer richtig lag. Freunde, die oft schon vorausgeeilt waren, haben uns beim Ankommen erzählt, was sie alles noch an Wetterspäßen erlebt haben. Zwar ist es dafür bei uns etwas weniger abwechslungsreich, dafür aber sicher. Kaffeefahrt halt 😉 Andi mag Kaffee ^^

Die Strecke über den indischen Ozean, um Masagaskar und ums Kap von Afrika gilt als eine der schwierigen Etappen der „Barfuß-Route“ um die Welt. Ein europäischer Weltumsegler segelt meist von Europa über den Mittelatlantik in die Karibik, durch den Panamakanal, dann durch Polynesien, dann nach Neuseeland oder Australien und von dort über Indonesien Richtung Südafrika, dann wieder in die Karibik und dann über den Nordatlantik zurück nach Europa. Diese Route hat neben den einkalkulierten typischen Herausforderungen ein noch relativ geringes Maß an Adrenalin und Schwierigkeit. Die schwierigen Abschnitte lassen sich wahrscheinlich an zwei Händen abzählen.
Anders ist das beim Segeln in den höheren Breiten, wie beispielsweise um Kap Hoorn, durch Patagonien, in der Antarktis und im hohen Norden: Alaska, die Nord-West-Passage, Grönland, Island, Skandinavien. Und wer glaubt’s, kundige Segler sagen, dass die Nordsee eines des schwierigsten Gewässer der Welt ist – wegen der Gezeiten. Das alles bleibt dem Turbo-Weltumsegler eben erspart und da gehört dann der indische Ozean als einer der wenigen Highlights übrig. Darum wird die Aufregung eben vorher mit viel Flüssignahrung begossen.
Es soll von allen Ozeanen die größten Wellen geben, man muss die großen Windsysteme genau beobachten, um eine unangenehme Überfahrt zu vermeiden. Im Norden sind die Strömungen zu beachten, zu weit südlich die Stürme…Wir entscheiden uns für AB DURCH DIE MITTE nach Mauritius.

Ich wäre ja gerne nach Sri Lanka gesegelt, aber dafür ist in Andis Plan keine Zeit, er möchte zum Geburtstag seiner Tochter wieder in Deutschland sein. Davon trennen ihn noch an die 10.000 Seemeilen. Es bedeutet ein ganzes Jahr auf dem Wasser, kaum Zeit an Land. Es ist Segeln des Ankommens willen, nicht des Länderentdeckens willen. Das ist eine Belastung fürs Boot und für die Crew. Unser Freund Basti, auf seiner FRIDA, hat dafür immer so ein gutes Wort: Durchballern.
Doch um Indonesien herum werden wir wohl zunächst mit zu wenig, statt mit zu viel Wind kämpfen und Andi zieht sein Ass aus dem Ärmel. Ein fast 40 Jahre altes Segel, so alt wie das Boot, das heute kaum noch jemand kennt. Es ist der BOOSTER 😀 Damit können wir sogar mit wenig Wind die Dicke bewegen und ziehen es noch vor der Abfahrt in die Rollanlage rein. Denn eines wissen wir inzwischen aus den indonesischen Flautemeeren: Andi bekommt schlechte Laune, wenn die Segel flattern und alles durchs Boot fliegt, und ich bekomme schlechte Laune, wenn wir dann motoren müssen. Einer hat also bei Flaute immer schlechte Laune. Am Ende bin das immer ich ^^ Ich bin zwar zahlenmäßig überlegen (Ich bin Erster Steuermann, Küchenjunge, Betriebsrat und Gleichstellungsbeauftrage in einem), aber Andi ist Kapitän und die Dicke hört auf ihn. Das erste was man auf einem Boot lernt, habe ich schon in der Ausbildung gelernt: 1. Der Kapitän hat immer Recht und 2. Hat er mal nicht Recht, tritt Paragraf 1 in Kraft ;-P Da hilft auch 4 zu 1 nichts.

Aber mit dem Booster brauche ich mir hoffentlich um schlechte Laune vorerst keine Sorgen zu machen. Es kann höchstens bedeuten, dass wir unterwegs das Segel wechseln müssen, was Andi immer zu verzögern versucht, schließlich müsste man sich dazu mal aus der Horizontalen erheben, was wir ja inzwischen tunlichst vermeiden. Das hieße ja Bewegung!
Unsere Überquerung wollen wir mit einem Stopp auf dem „letzten“ Atoll der Route unterbrechen. Cocos Keeling heißt das letzte „Südsee“-Paradies (es ist ja nicht mehr Südsee, sieht aber so aus). Freunde hatten uns gesagt, dass es sich lohne. Die Fotos sahen vielversprechend aus und ja, was soll ich sagen, es macht zwar keinen Sinn, aber es gehört zu Australien. Also nix wie hin, ein Visum hab ich ja jetzt, haha.



Die Lagune ist ein Taucher und Schnorchelparadies.
Für die Strecke brauchten wir dank des Boosters nur 9 Tage und trafen dort am 14. September ein. Bei Ankunft lagen noch vier Boote vor Anker und wir gesellten uns dazu. Eine ganze Insel, nur für die Cruising Community.
Wie gewohnt läuft am Tag der Ankunft meist nicht viel, man räumt ein wenig auf, begießt die Ankunft mit einem Bier oder zweien und freut sich über einen Schnack mit den Nachbarn. Dann aber zählt nur noch eins: eine ruhige Nacht in der Koje ohne Unterbrechungen. Am nächsten Tag folgt dann die Erkundung der Umgebung. Als erstes stelle ich aber fest, dass WIR Gegenstand der Erkundung sind. Die Kama ist umgeben von Schwarzflossenhaien, die Neugierig den Rumpf inspizieren. Das Wasser ist so unverschämt klar, der Sand so weiß….wirklich wie aus einem Bilderbuch.

Auf der kleinen Insel, Direction Island, steht für die Segler ein kleines „Club House“. Dort haben sich die Segler der letzten 30-40 Jahre mit kleinen selbstgemachten Schildern verewigt, das ganze verleiht dem kleinen Unterschlupf einen extrem gemütlichen Charme. Man kann dort Grillen, Baden, Schnorcheln – es gibt sogar WiFi! Was sonst wünscht man sich am Arsch der Welt?!


Das Schnorcheln hier wird zu einem ganz besonderen Erlebnis. Läuft man am Strand entlang zum Ende der Insel, befindet sich im Riff ein Riss, „The Rip“. Durch diesen Riss strömt das Meer je nach Stand der Tide mit einer besonderen Intensität und man kann einfach auf den „Zug“ aufspringen und den Strom bis weit in die Lagune hinein reiten. Das macht ja sooooo Spaß! Die Unterwasserlandschaft ist so üppig und schön, voller Fische und Haie und sonstigem Getier….ich bin das erste Mal noch etwas vorsichtig…Haie sind nicht wirklich meine Freunde, bzw habe ich mich einfach noch nicht an sie gewöhnt, das ist bei den meisten Seglern, die lange im Pazifik waren, anders. Sie wissen, dass diese Sorte nicht knabbert. Beim ersten Mal gehe ich mit Claire, die ich in Bali kennengelernt habe. Sie kommt aus Australien, ist der reinste Sonnenschein und die erste Seglerin meines Alters. Wir verstehen uns auf Anhieb und sind einfach beide sehr froh endlich wieder weibliche Gesellschaft zu haben, die in der Seglerwelt rar ist. Ab jetzt verbringen wir so viel Zeit miteinander, wie wir nur können. So zum Beispiel auch in The Rip bei den schlafenden Haien.
Als wir die Rutsche das erste Mal reiten, bleiben wir an der Oberfläche und ich sehe unter den ausgespülten Tunnelrändern die schlafenden Haie. Ihre Leiber sind nebeneinander aufgereiht, wie die Perlen an einer Kette. Gerne würde ich auch mal abtauchen und eine andere Perspektive einnehmen, aber der Strom ist zu schnell und schon ist man 5m weiter. Eigentlich ist hier das Strömen die eigentliche Attraktion. Man lässt sich einfach mitreißen, kann ein wenig nach recht und links lenken und schon ist es vorbei. Dann läuft man wieder am Strand ans obere Ende und macht das ganze nochmal. Und nochmal. Und nochmal 😀 Es ist das einzige Mal, dass ich wirklich bedauere keine Unterwasserkamera zu haben. Es ist toll von so schönen Fischen umgeben zu sein. Manche riesengroß, etwa 1 m oder mehr, manche winzig klein und total bunt…
Schafft man es den Scheitelpunkt der Tiden zu erwischen, ist der Strom am langsamsten, nur dann hat man den Ansatz einer Chance hier auch mal etwas länger an einer Stelle zu bleiben, zu mäandern und auch mal abzutauchen. Bei meiner Begabung die Luft nur 10 Sekunden anzuhalten, ist das aber aus anderen Gründen das reinste Desaster. Für mich bleibt also diese paradiesische Unterwasserwelt ein Freude aus der „Vogelperspektive“. Rechts und links des Tunnels ist das Wasser aber wesentlich flacher und Claire und ich machen eine Challenge daraus, gegen den Strom durch das Labyrinth an Korallen und Blöcken zu schwimmen. Das ist extrem anstrengend und reicht dann auch erstmal als sportliche Betätigung für die nächsten Tage 😛
Aber wir sind ja nicht nur zum Spaß hier. Es gibt auch Arbeit. Unser Booster hat leider auf die letzten Tage noch einige Risse eingebußt und mit Claires Nähmaschine setze ich mich ans Flicken. Außerdem muss Wäsche gewaschen werden (auf dem Boot ist Wasser ein kostbares Gut, aber auch auf Cocos Keeling ist es das. Wir versuchen daher so wenig Wasser wie möglich zu nehmen, denn die Inseln versorgen sich fast ausschließlich über Regen), die Insel erkundet werden, ein paar Formalitäten erledigt werden und nicht zuletzt brauch auch die KAMA noch ein schönes Schild fürs Clubhouse…


Bei meinen Spaziergängen über das winzige Eiland sammele ich, wie viele der anderen Segler offenbar auch, Müll vom Strand ein. Durch seine Lage mitten im indischen Ozean, dient es leider als Müllfang. Die Meereesseite des Atolls ist voll davon und man kann hier interessante Studien anstellen. Am häufigsten finden wir Flip-Flops und andere Sandalen. Es leuchtet ein, denn das sind Produkte, die aufgrund des niedrigen Preises als Hauptschuhwerk weit verbreitet sind und auch als Wegwerfprodukt akzeptiert sind. Kommt mir mal einer abhanden, kaufe ich mir halt schnell ein neues Paar. Macht doch jeder. Und sie schwimmen halt und sinken nicht, dann sind sie eben Wochen später in Cocos Keeling. Flip Flops von Welt. Und da auch ich zu den Tollpatschen gehöre, die regelmäßig ihre Flip Flops ver- oder zerlegen, nutze ich dieses open-air Schuhgeschäft, um mich neu einzudecken. Da liegt doch ein netter, und da drüben noch einer, passt! Für Andi finde ich sogar ein Pärchen. Topp.

Für den einen oder anderen, dienen die Fundstücke des Strandes als Grundlage für die Boots-Schilder am Clubhouse, hier und da sind andere kleine Kunstwerke aus dem Müll entstanden und so machen auch Claire und ich uns ans Werk. Am Wegesrand richte ich eine kleine Schuhausstellung ein, für die zukünftigen Schuhkäufer und Claire macht einen Gebetskappenshop, der auch zeigt, weshalb die Insel ihren Namen trägt: nein, nicht Gebetskappeninseln, sondern Kokosinseln. Es gibt hier mehr als genug Kokosnüsse und das spielte auch für die Geschichte der Insel eine entscheidende Rolle.
Mal etwas Geschichte:
Im Grunde handelt es sich um die gleiche Geschichte wie immer. Die Gleiche Art Geschichte, die Filmen wie Django zugrunde liegt, vielleicht mit weniger Splatterästhetik – aber ihr wisst schon was ich meine. Diese Geschichte, die man einfach mit der Copy&Paste Funktion für viele Orte dieser Erde wiederverwenden kann:
Um 1800 kam durch die Niederländer ein gewisser Herr Hare, ein britischer Abenteurer, mit seinen malayischen „Bediensteten“ aus Borneo auf die Insel. Vorher war sie unbewohnt. Er betrieb einige Zeit den Export von Kokosöl bis sein schottischer Verwalter Clunies-Ross das Zepter übernahm und eine vorbildlich unglorreiche Herrschaft ganz im Stile der Großgrundbesitzer etablierte, die noch mehrere Generationen anhielt (Copy&Paste). Clunies-Ross (also genau genommen seine Malayischen Sklaven) produzierte weiterhin Kokosöl, das er erfolgreich in Niederländisch-Java verkaufte; einen Nebenverdienst machte er sich mit Walfängern, die die Inseln auf ihrem Weg zur Antarktis als Zwischenstation aufsuchten. Clunie-Ross errichtete auf den Inseln eine autoritäre Herrschaft mit eigenen Gesetzen und eigenem, nur auf seinen Inseln gültigem Geld, das erst 1978, einige Generationen später, abgeschafft wurde. Er und seine Familie lebten (Copy&Paste) in tollen Herrenhäusern, die aussahen wie in England mit einem feingemähten britischen Rasen drum herum, das man auch heute noch besichtigen kann.
Nach seinem Tod übernahm sein Sohn George (Copy&Paste), der weitere Arbeiter, meist Gefangene (Copy&Paste) aus Indonesien, herbeiholte und danach dessen Sohn Sydney. Schon unter George kam es zwischen den Arbeitern und den Clunies häufiger zu Aufständen und Plünderungen (Copy&Paste), desweiteren suchten mehrere Zyklone die Insel heim und zerstörten jedesmal großflächig die Plantagen und Häuser. Zwar wurde die Sklaverei unter George abgeschafft und die Malayen stiegen zu „Arbeitern“ empor (Copy&Paste), aber die Behandlung der Leute war dennoch kaum besser. Nach George und unter Sydney wurden beispielsweise zwei Malayen, die angeblich einen Landsmann ermordet haben sollten zum Tode verurteilt und mit Gewichten an den Füßen bei lebendigem Leib im Meer versenkt (Copy&Paste).

Während Sydneys Zeit kam eine Neuentwicklung in die Geschichte des Atolls, die den Übergang zu einem weiteren interessanten Kapitel bereitet, das auch uns Deutsche betraf: Um 1910 wurde auf Direction Island (dort wo heute die Segler ihr Clubhouse haben) eine Funkstation gebaut, denn inzwischen tobte der erste Weltkrieg und Kommunikation erreichte eine neue Bedeutung. Die Kokosinseln gehörten inzwischen offiziell den Briten (unter dem Zepter der Clunies) und wurden mit Unterwasserkabeln in das Kommunikationsnetz der Briten eingebunden. Dafür war auch ihre Lage sehr geeignet. Alle Kommunikation aus Australien und Südostasien lief nun via den Kokosinseln und Ceylon an die Hauptquartiere in der Mutternation England. An und für sich war nicht besonders viel militärisch los auf Kokos Keeling. Es gab halt eine Funkstation und eine Handvoll Männer, die sie besetzen und Nachrichten weitergaben. Mehr nicht. Sie lebten von den Plantagenbewohnern strikt getrennt (das war ja auch ne andere Insel, auf der anderen Seite von „The Rip“ 😉 und kamen den Clunies daher nicht in die Quere. Die Eintönigkeit ihres Lebens ist ein Kapitel für sich. Bis 1914.
Indes hatte das Deutsche Kaiserreich einen kleinen Kreuzer auf geheime Mission geschickt. Das Schiff hieß Emden und könnte dem einen oder anderen ein vager Begriff sein. Sie war eines der erfolgreichsten Schiffe seiner Zeit und fand hier auf den Kokos Inseln ihr Ende. Ihr Auftrag: um von einem anderen Kommando der Deutschen Flotte abzulenken, sollte die Emden als modernster und schnellster der Kleinen Kreuzer des Ostasiensgeschwaders in den Indischen Ozean auf Kaperfahrt gehen, um die Aufmerksamkeit der Royal Navy auf sich ziehen, indem sie vorwiegend britische Frachter aufbrachte und angriff.
Unter dem Kommando von Kapitän von Müller verkleidete man die Emden mit einem vierten Schornstein, damit sie aussah wie ein britischer Kreuzer der Town Klasse und los ging die Kaperfahrt. In nur zwei Monaten griff sie Öllager an, versenkte 16 Handelschiffe, einen russischen Kreuzer, einen französischen Zertrörer, brachte weitere 7 auf, insgesamt 23. Wie ein Geist wütete sie im Indischen Ozean und viele fürchteten sie. Niemand wusste, wo sie steckte. Es war eine glänzende Karriere.

Was mir bei den Infotafeln auf Kokos Keeling auffiel war vor allem eines: obwohl die Emden ein feindliches Schiff war, denn die Australier kämpften auf Seiten der Briten, wurde mehrfach betont, wie „korrekt“ von Müller mit all seinen Gegnern umging, ein Verhalten, dass ihm offensichtlich hoch angerechnet wurde und ihm und seiner Mannschaft später auch zu Gute kam. Wurde ein Schiff angegriffen, wurde die Besatzung so gut es ging gerettet und abgesetzt, die Gefangenen berichteten von den Leuten der Emden stets vernünftig behandelt worden zu sein. Von Müller nutze die Handelsschiffe, um sich selbst neu zu versorgen, die Gegner zu schwächen, aber versuchte wo es ging Leben zu verschonen. Es ging hauptsächlich um die Unterbrechung der Kriegsversorgung und um das Ablenkungsmanöver. Von Müller war wegen seiner Ritterlichkeit und Kühnheit auch und gerade von den Gegnern hoch geachtet, er wurde als „Last Gentleman of War“ betitelt.

Schließlich setzte die Emden an das Kommunikationsnetzwerk der Briten zu schwächen und machte sich nach Cocos Keeling auf, um dort die Funkstation niederzureißen.
Am 9. November 1914 führte ein Teil der Besatzung der Emden ein Landungsunternehmen gegen die Kabelstation auf Direction Island durch, die zerstört werden sollte. Das Kommando von knapp 50 Mann erreichte die Station, deren Besatzung sich kampflos ergab. Doch gelang es ihr rechtzeitig einen Notruf abzusetzen. Dieser Notruf wurde auf dem australischen Kreuzer Sydney empfangen, der rein zufällig an diesem Tag in etwa 50 Seemeilen Entfernung als Begleitschutz eines australischen Truppenkonvois die Kokosinseln passierte. Es kam, wie es kommen musste: die Emden hielt die herannahende Sydney für das Versorgungsschiff, mit dem sie verabredet war und stellte zu spät fest, dass es ein feindliches Kriegsschiff war. Die Zeit reichte nicht mehr, um das Landungskommando zurück zu holen und die Emden versuchte der Sydney im Gefecht entgegen zu treten. Sie schaffte es nicht, war dem Kriegsschiff deutlich unterlegen und wurde schwer beschädigt. Die personellen Schäden waren auch schnell so hoch, dass von Müller entschied das Schiff auf das Riff von North Keeling laufen zu lassen, um es vor dem Sinken zu bewahren und die Überlebenschancen seiner Leute zu vergrößern.
Die Sydney erkannte, dass die Emden erledigt war und verfolgte nun das mittlerweile ebenfalls herangekommene Versorgungsschiff, holte es nach einiger Zeit ein und nahm die Besatzung gefangen. Am nächsten Tag wurden die Überlebenden der deutschen Besatzung durch die Australier vom Wrack bzw. von North Keeling gerettet. Danach lief die Sydney nach Direction Island. Doch die 50 Männer vom Landungszug, unter dem Kommando von Kapitänleutnant von Mücke, waren am Abend zuvor mit einem alten ausgedienten, eigentlich seeuntauglichen Schoner der Kokosinseln, Ayesha, entkommen. Die Ayesha hatte ursprünglich der Versorgung der britischen Besatzung der Kokosinseln und dem Transport von Kopra nach Batavia (heute Jakarta) gedient. Nach Einrichtung einer Dampferverbindung wurde das Schiff aber auf Kokos nicht mehr genutzt und lag abgetakelt im Hafen von Direction Island, wo heute, über hundert Jahre später, wir vor Anker lagen. Die englische Besatzung der Funkstation half den Deutschen zwar noch beim Beladen des Schiffs mit Lebensmitteln, konnte aber unbemerkt die Dichtungen der Seeventile des Seglers entfernen, so dass das Schiff ständig Wasser machte und die Lenzpumpen nicht einwandfrei funktionierten, hehe. Nach einer abenteuerlichen Odyssee über Arabien und Konstantinopel kehrte der Trupp im Juni 1915 nach Deutschland zurück. Auch das ist eine tolle Geschichte für sich.





Da auf Kokos Keeling nicht viele Segler sind und dort diese Aura der Gemeinschaft besonders stark ist, kommen wir uns in den nächsten Tage immer näher. Die vier Boote werden fortan mehrfach aufeinander treffen, Freundschaften wachsen, es wird viel gebechert, gelacht, gespielt, Dramen entfalten sich. Es sind aber glückliche Tage und bleibende Begegnungen. Eine bunte Mischung mit Booten unter spanischer, französischer, und deutscher Flagge.



Eine meiner allerschönsten Erinnerungen ans Leben überhaupt ist hier verankert. Hier an diesem Strand. Eines Abends nach dem Grillen, wir blieben das erste Mal bis in die Dunkelheit, wir beladen gerade die Schlauchboote, um zu unseren Schiffen zurückzufahren…Meine Füße berühren die Brandung, dort wo das Meer sanft den Sand küsst. Um meine Zehen sprühen grüne Sterne. Mit jedem Tritt, so stelle ich fest, leuchten viele kleine grüne Punkte auf – verblassen erst einige Atemzüge später. Auf einmal fühle ich mich wie in einem Feenland, mich überkommt eine kindliche Freude. Ich stampfe auf der Stelle, staune, lache, renne über den nassen Strand, jeder Fußabdruck verwandelt sich ein ein grünes Funkenbad, das noch eine Weile sichtbar bleibt. Es ist wie Magie. Wir steigen in die Dingies, etwas Traurigkeit überkommt mich, gerne hätte ich länger mit diesen Funken getanzt, doch als die Motoren anspringen und ihr lautes Dröhnen meine Stimmung zu kippen droht, siegt doch wieder das glückselige Lachen, wir ziehen ein grünes Band hinter uns her. Wie eine Sternschnuppe. Über uns der Sternenhimmel. Man kann es nicht in Worte fassen, man kann es nicht in Bilder rahmen…


Eine ganze Woche verbingen wir in diesem Idyll. Es fällt uns schwer uns zu trennen, aber ein gutes Wetterfenster gebietet den Aufbruch zur nächsten Passage. Unser Vierergespann an Booten trennt sich – wird sich aber hoffentlich schon bald wieder sehen. Zwei Sachen stehen aber noch an: Fotos machen zum Neidischwerden und ein Schild für die Kama machen. Es soll das coolste und schönste und kunstvollste von allen werden, ha! Ich habe da schon eine Idee…










Liebe Miri, Deine Berichte sind wie immer, eindrucksvoll beschrieben und sehr interessant. Auf den Cocos-Inseln muss es ja besonders schön gewesen sein. Man kann es auch hier am PC ein wenig nachempfinden. Jetzt sind wir gespannt auf die Fortsetzung.
Weiterhin für Dich alles Liebe und Gute, Reni und Dein Opa