Immer wieder Down Under

Vorabkommentar der Redaktion:

In letzter Zeit habe ich mich häufiger mit dem Thema „Correctness“ befasst. Sei es political correctness, oder andere, die Privatsphäre des Individuums betreffende correctness. Ich weiß nicht so recht, wie ich mich verhalten will.

Es fällt mir ein bisschen schwer meine Berichte zu verfassen, seitdem ich bei mehreren Gelegenheiten den Hinweis erhielt, dass ich nicht gerade zimperlich die Menschen beschreibe, die auf meiner Reise eine Rolle spielen. Den einen oder anderen hat das verletzt. Wie finde ich einen Weg meine Reise und meine ganz persönlichen emotionalen Erfahrungen authentisch zu beschreiben, ohne dabei den entsprechenden Leuten zu nahe zu treten? Ich will offen sein, aus meiner Perspektive ehrlich, ich will meine Eindrücke ungeschminkt rüberbringen, denn gerade das macht sie zu meiner Reise und irgendwie interessant. Und das tue ich eben mit all (meinen!) situationsbedingten, individuellen, kulturellen und menschlichen Augenklappen. Nobody is perfect. Ich weiß, dass ich manchmal starke Kritik äußere, aber ich versuche auch immer das Positive darzustellen und außerdem: selbst wenn mich das ein oder andere tierisch ankotzt (tut jetzt bloß nicht so, als ob euch das nicht auch manchmal so geht), heißt das erstens nicht, dass ich nichts Positives aus der Sache gewinnen kann und außerdem sagt das auch viel über mich, warum sonst reagiere ich so? Ich weiß jede Begegnung zu schätzen, auch wenn sie manchmal unerfreulich oder vielleicht sogar negativ ist. Vielleicht kommt das manchmal nicht so rüber.
Ich hoffe den Lesern (meist lesen die Betroffenen diesen Blog gar nicht….das ist es ja) ist stets klar, dass das alles immer eben nur MEIN Eindruck ist, dass meine Sicht eben nur Eine von vielen ist und die Menschen oder Situationen, die in meinen Berichten manchmal nicht so gut davon kommen, weit mehr sind, als das, was ich in Worte fassen kann und was mich zur gegebenen Zeit eben beschäftigte. Und wer austeilt, muss auch einstecken können. Daran arbeite ich natürlich genauso.

Möglicherweise werde ich in Zukunft manche Namen verändern, oder abkürzen. Nur was die Fotos betrifft, habe ich noch keine Lösung gefunden. Ich finde schwarze Balken in Fotos dämlich. Nur Landschaftsfotos zu zeigen ist langweilig. Und jeden Porträtierten um Erlaubnis zu bitten ist lästig. Wenn man päbstlicher sein will als der Papst, kommt man zu nix mehr. Darf ich daher an euch als mündige und intelligente Leser appelieren, meine Berichte stets unter dem Motto zu lesen: macht euch selbst ein Bild, wenn es euch näher interessiert. Und wenn diese Option nicht verfügbar ist, so macht euch einfach bewusst: Meine Realität ist nicht eure Realität, und schon gar nicht die einzige. Es ist meines Erachtens eben auch erlaubt sarkastisch, ironisch oder zynisch zu sein oder ein anderes der vielen rhetorischen Mittel zu nutzen, die wir in der Schule bis zum Erbrechen auswendig lernen mussten und ich traue euch zu, dass ihr meine Intention zwischen den Nuancen erkennt. Und, last but not least:

Am Arsch vorbei geht auch ein Weg. Glaubt nicht alles, was man euch sagt 😉

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In Denpasar am Flughafen erlebte ich ein blaues Wunder. Es sollte eine Erinnerung sein, dass selbst erfahrene Weltenbummler nicht vor Fehlern gefeit sind. Ich stand abflugbereit am Schalter, als das Drama seinen Lauf nahm. Haben Sie das Visum für Australien?
Ja,
sagte ich, ich habe es vorgestern online beantragt.
Die Dame mit dem aberwitzigen Hut auf den Haaren sah mich entgeistert an und tippte auf ihre Tastatur.
Da ist nix, sagt sie. Ohne Visum dürfen Sie nicht den Flug antreten.
Mein Herz sackte in die Hose. Es kann sich nur um ein paar Stunden handeln, sage ich, kann ich nicht fliegen und dann vor Ort warten, dass es ins System eingeloggt wird?
Sie telefoniert herum, ruft einen australischen Vertreter der Immigration an, der kurze Zeit darauf mit durchdringendem, harten Blick an den Schalter tritt. Er ist Australier, groß gewachsen, schon leicht angegraut. Er verkörpert die Kälte und Härte gut, die ich so oft bei Polizisten, Militärs und anderen Authoritäten sehe. Unmenschlich irgendwie. Sehr unaustralisch.
Mit fester Stimme fordert er meinen Pass. Mit dem Herz in der Hose gebe ich ihn ihm. Nicht weil ich vor ihm Angst habe, sondern weil ich ahne, dass ich heute keinen Flug mehr bekomme. Er schaut das Foto an, dann mich. Nur Härte in seiner Mine. Er sagt, dass ich wenig Ähnlichkeit mit dem Foto hätte, ich müsse ihm einen anderen Ausweis zeigen, um zu beweisen, dass ich das bin.
Meine brave Ehrfurcht beginnt in ungläubige, ungeduldige Wut umzuschwingen. Das ist jetzt nicht der Ernst, die wollen mir tatsächlich Angst einjagen, in dem sie an meiner Identität zweifeln?!
Ich erkläre, dass ich nur für einen Kurztripp nach Australien fahre und daher nicht mit allen meinen Dokumenten reise. Es liegt alles auf dem Boot. Ich habe nix in der Hand. Und selbst wenn, alle meine Ausweise haben das gleiche Bild. Ich hatte lange Haare. Jetzt sind sie ab. Aber das ist doch nix Ungewöhnliches. Ich hatte noch nie Probleme mit meinem Pass.
Es entwickelt sich so eine Art Verhör. Es ist unangenehm, weil diese Menschen immer die Taktik fahren, dich durch Verunsicherung zu einem Fehler zu zwingen. Es ist demütigend. Ich versuche mich am Riemen zu reißen und meiner Verzweifelung nicht mit Tränen Ausdruck zu verleihen. Ey, wie blöd ist das denn? Ich könnte mir in den Hintern beißen. Ich hätte nur ein paar Tage eher das Visum beantragen müssen, dann stünde ich jetzt nicht hier.
Er fragt nach einer Kreditkarte, ob ich mich damit ausweisen könne.
Ich sage ich besitze keine Kreditkarte und keine sonstigen Bankkarten.
Er fragt mich lauernd, wie ich mich dann finanziere und an Geld komme, sobald ich in Australien bin.
Ich sehe zwar nicht, was das mit meinem Visum zu tun hat, sehe nur, dass er hier wittert, dass ich krumme Geschäfte vorhabe, mit einem falschen Pass, oder illegaler Einwanderer sein werde. Das würde ihm nur so gefallen. Vielleicht erhofft er sich eine Schlagzeile in den Nachrichten und eine Beförderung zurück nach Australien. Ist bestimmt öde hier in Denpasar am Flughafen. „Australier enttarnt deutsche Hochstaplerin in Denpasar“. Es wäre der Höhepunkt seiner Karriere. Aber ich beantworte seine Fragen alle ehrlich, auch wenn mir bewusst ist, dass die Antworten ungewöhnlich sind und mich nicht gerade weniger verdächtig machen. Wie oft kommt es vor, dass jemand so reist wie ich und stets auf die Mithilfe anderer Leute angewiesen ist. Dass ich die Kreditkarte eines anderen dabei habe, für den Notfall, sage ich lieber nicht.
Du reist mit einem Pass, dessen Foto du nicht ähnlich siehst, du hast keine Kreditkarte und auch sonst keine Ausweise? fragt er mit einem drohenden Tonfall.
Ja, sage ich kleinlaut und ärgere mich, dass ich nicht, wie sonst IMMER, mit ALL meinen Habseligkeiten reise. Mein Gott, es wäre kein Umstand für mich gewesen. Aber auch das ist doch irgendwie Gesetz. Wenn es scheiße läuft, dann so richtig. Halbscheiße gibts nicht. Und wenn ich ehrlich bin, so würde das auch nichts daran ändern, dass der Fehler bei mir lag, nämlich dass ich zu spät ein Visum beantragt habe. Daran hätte auch ein anderes Foto auf einem anderen Ausweis nix geändert. Das weiß auch er, er genießt es nur mich zu foltern.

Eine gefühlte Ewigkeit später hat der Schalter geschlossen und ich stehe mit meinem Gepäck in dem leerer werdenden Flughafen. Es ist immerhin schon fast Mitternacht. Der Flieger ist weg und ich kann nichts weiter tun, als auf mein Visum zu warten und einen neuen Flug zu kaufen. Jetzt lasse ich meinen Tränen freien Lauf. Sitze an einer Wand und telefoniere mit einem fetten Kloß im Hals herum. Ich weine nicht des Fluges wegen, oder des Geldes. Das ist alles nur ärgerlich. Ich weine, weil ich es hätte wissen müssen und die Zeit gehabt hätte, mich rechtzeitig darum zu kümmern. Ich weine, weil ich weiß, dass in Australien jemand auf mich wartet und sehr enttäuscht sein wird.

Er ist nicht nur enttäuscht. Er ist auch sauer. Aus genau dem Grund, weshalb auch ich auf mich selbst sauer bin. Doch das alles bringt mir auch nichts, im Gegenteil es macht mich noch elender, ich frage mich sogar, warum ich überhaupt noch hin soll, wenn das die Reaktion ist, die ich bekomme. Ich laufe nun mit meinem Gepäck raus aus dem Flughafen und in die Stadt. Es gibt viele kleine Hostels und ich finde eine Bleibe für die Nacht. Erstmal schlafen.
Am nächsten Morgen fühle ich mich schon etwas besser. Wieder telefoniere ich hin und her, suche im Internet nach Flügen, schaue stündlich, ob mein Visum endlich eingeloggt wurde. Nix.

Zweiter Tag. Immernoch nix.
Ich gehe wieder an den Strand und beobachte die Drachen. Jeden Tag laufe ich mehrfach zum Flughafen, die Leute scheinen mich schon langsam wieder zu erkennen.

Dritter Tag.
Gegen Mittag ist das Visum da, ich buche sofort einen Flug und vertrödel den Rest des Tages wieder am Strand bei den Drachen. Schlecht habe ich es mir nicht gehen lassen die letzten drei Tage. Am Abend stehe ich am selben Schalter, wo das Drama begann. Völlig ohne Probleme wird mein Check-in abgewickelt und ich kann zum Flug fortfahren. Keine Fragen wegen meines Passfotos, kein gar nichts. Welch seltsame Sache. Es wirkt alles wie ein schlechter Traum.
Am nächsten Morgen stehe ich in Brisbane und kann so gar nicht fassen, dass ich innerhalb weniger Stunden die Strecke zurückgelegt habe, für die ich mit dem Boot mehrere Monate brauchte. Während des Flugs habe ich mich die ganze Zeit unwohl und irgendwie entwurzelt gefühlt.

Die nächsten vier Wochen verbringe ich in der Nähe von Brisbane mit Y. Wir kennen uns vom Klettern und versuchen eine Fernbeziehung zu führen. Es geht ständig auf und ab, oft ab. Darum bin ich hier.
(Jetzt guckt euch mal diese geile Gallerie an! Wieder was gelernt! ;-P Mit der Maus anklicken und vergrößern)

Wir verbringen die nächsten Wochen überwiegend in der Natur, denn wie ich, hat sich Y. für ein Leben on the road entschieden. Gleich am ersten Morgen sehen wir beim Erwachen, dass nur wenige Meter von uns diese wunderschöne Python ihr Nachtlager aufgeschlagen hat. Einen Australier vermag sie nicht mehr zu beeindrucken, aber ich bewundere ihr wunderschönes Muster mit sicherem Abstand durch meine Kamera.

Nicht selten könnten wir uns gegenseitig zum Mond schießen; wir taten uns mit der Ferne schwer, vor allem er, doch auch zusammen ist es nicht leicht, vor allem für mich. Aber ich bin dankbar für die Welt, in die Y. mich mitnimmt; sie begeistert mich und ich fühle mich darin wohl. Es ist eine Welt der Zirkusleute, schräger Vögel, der Nomaden, der bunten Ökos, Künstler und Artisten. Es weckt auch bei mir wieder den Spieltrieb, das innere Kind und beweist einmal mehr, wie wohl ich mich mit meinem Leben „on the road“ und unter solchen Aussteigern fühle. Ich bewundere Y. für seine großartigen Talente und Stärken, bewundere seine Stringenz Dinge mit seinem ganzen Wesen durchzuziehen. Es ist auch genau der Wesenszug, mit dem ich häufig anecke. Was er durchziehen will ist eben nicht immer das, was ich durchziehen will. Auch ich habe meine Prinzipien und lasse mich nicht gerne von meinem Weg abbringen. Manche nennen es stur 😉 manchmal ist es Selbstliebe. Da stoßen zwei Esel aufeinander. Ich bin glücklich in seiner Welt, aber ich bin nicht glücklich mit der Beziehung. Noch eine Ganze Weile sehe ich selbst darüber hinweg, zu schnell will ich eben auch nicht aufgeben, mir nicht schon wieder vorwerfen lassen, dass ich gleich das Handtuch werfe, wenn es brenzelig wird. Wir lernen viel miteinander.

Die Nomaden treffen sich am Strandparkplatz.
Schräge Vögel. Ich finde ich passe da ganz gut rein ;-P

In den vier Wochen unternehmen wir viel. Werden kreativ, gehen klettern, wandern, schwimmen. Ich übe mit meinem Poi, übe auch auf Y’s Slackline. Natürlich kommt keiner ran an das was er macht. Darin ist er wirklich ein Ausnahmetalent und ich hoffe sehr, dass er seinen Wunsch erfüllen kann, mit seiner Kunst irgendwann seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Auch besuchen wir die Holzwerkstatt seines Vaters, das reinste Schlaraffenland für mich. Gemeinsam arbeiten wir an ein paar Projekten in der Werkstatt, was uns beiden enorm viel Spaß macht. Ich baue mir einen „Massagestock“, um während meiner Segelwachen meinen immer verspannten Rücken zu kneten und wir bauen einen Kleiderschrank hinter den Beifahrersitz vom Auto, das zugleich auch Zuhause ist. In der Werkstatt sind wir ein gutes Team. Der Schreiner und der Schlosser.

Miri ist happy. Endlich wieder werkeln.
Wie aus der Muppetshow. Die erste Spinne, die ich niedlich finde. Sie ist kleiner als ein Marienkäfer.

Die Zeit geht schnell vorbei. Australien gefällt mir bislang jedes Mal. Ich mag die Menschen und Natur gibt es mehr als genug. Ich denke, hier könnte ich leben ^^
Am Ende des Besuchs steht neben einigen Besorgungen fürs Boot aber noch das Allerwichtigste an: ein Einkauf bei ALDI, hehe. Ich muss meinen Vorrat an Zartbitterschokolade und Erdnussbutter für eine gesunde Überquerung des indischen Ozeans aufstocken, ehe ich nach Bali zurückfliege zur Kama 😉

Sehr gemütliches Leben on the road <3

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