
Es ist schon so lange her, für viele von euch schon in Vergessenheit geraten, aber ich halte daran fest, dass ich „zu Ende“ schreibe. Dieser Blog ist nicht nur für Euch. Er ist auch für mich. Es tut mir gut über meine Reise zu reflektieren und was sie damals (und heute) für mich in Bewegung gesetzt hat.
Inzwischen sehne ich mich manchmal zurück. Es war so eine lebendige, bereichernde Zeit. Meine Tagebücher aus der Zeit helfen mir das alles zu schreiben, denn ich merke, wie die Erinnerungen an manche Sachen verblassen.
Was jetzt noch fehlt, ist nicht mehr viel. Südafrika war der letzte Stopp bevor ich im Februar 2020 nach Deutschland zurück kam. Diesen Abschnitt bekommt ihr jetzt. Ich würde dann gerne noch ein abschließendes Kapitel, ein Fazit, ein Resumé über meine Wanderschaft und wie es nach der Reise für mich weiter ging mit euch teilen.
Von Südafrika habe ich, ich sage es gleich, nicht viel gesehen. Meine Reiseprinzipien (ohne Geld für Transport und Unterkunft, sowie das Erarbeiten meines Lebensunterhalts) machten es mir in diesem Land schwer herum zu reisen. Es ist für Touristen nicht gängig in Südafrika zu hitchhiken, in einigen Gebieten wohl auch einfach zu gefährlich so zu reisen, wie ich es tue. Ich hätte wohl kaum mitten im Nirgendwo sicher zelten können und ganz abgesehen davon, war es eine zeitliche Entscheidung. Wenn ich schon meine Regel brach und mit dem Flugzeug nach Deutschland flog, wollte ich mir das Geld dafür wenigstens erarbeiten und dazu musste ich an einem Ort bleiben. Mir standen insgesamt 90 Tage in dem Land zur Verfügung und in dieser Zeit musste ich mir meinen Flug verdienen. Bei den dort üblichen Löhnen nicht ganz so einfach.
Ich kann also nicht behaupten, dass ich das Land wirklich kennen gelernt habe. Ich war noch dazu in einem sehr aufgewühlten emotionalen Durcheinander und viel mit mir selbst beschäftigt. Um meine dortige Umwelt mit Präsenz und wirklicher Anteilnahme wahrzunehmen und zu entdecken, fehlten mir einfach die Kapazitäten. Vielleicht nahm ich durch meine innere Anspannung auch die politischen und gesellschaftlichen Anspannungen besonders feinfühlig war. Ich fühlte mich dadurch in meiner Autonomie sehr limitiert und eingeschränkt, das hat meinen Aufenthalt ganz schön überschattet.
Ich hoffe ihr könnt den Bericht genießen auch wenn er sehr von meiner „Emo Zeit“ geprägt ist.
Here we go….

Ums Kap von Afrika
Hinter mir lag die schlimmste Nacht meiner Reise. Ich hatte das erste Mal richtig Angst auf dem Meer gehabt. Zum Glück hatte sich diese Angst mehr in meinem Kopf abgespielt, als in der Realität und wir waren unbeschadet am Ziel angekommen. Ich hatte das Schlafen so bitter nötig. Wir wollten „nur kurz“ ins Marina Office in Durban, unserem ersten Hafen in Südafrika, und sagen, dass wir da sind. Daraus wurde zu meinem Unglück eine Anmelde-Odyssee, die den Rest des Tages beanspruchte. In Südafrika herrschte ganz eindeutig ein anderer Tonfall als in Madagaskar. Das merkten wir schon nach wenigen Sätzen mit den Empfangsdamen der Marina. „Wie, ihr habt euch nicht per Funk angekündigt? Dann müsst ihr Euch sofort bei den Behörden melden! Sonst könnte euer Schiff beschlagnahmt werden…“ Hoffentlich wird das jetzt nicht wieder so ne komplizierte Nummer wie in Indonesien, bitte bitte nicht, ich will doch nur schlafen…!
Für das südafrikanische Anmeldungsritual mussten wir, zersauselt wie wir noch waren, die Marina verlassen und in der weiteren, aber noch fußläufigen Umgebung die einzelnen Stationen abarbeiten. Beim Verlassen der Marina merkte ich, dass wir gerade ein Hochsicherheitsgelände verließen, das mit seinen schweren und hohen Gittern, Zäunen und Kameras einem Gefängnis glich und kaum auf den öffentlichen Wegen, standen an vielen Ecken Schilder, die das Tragen von Waffen verboten.
Welcome to South Africa.
Die Wege durch das Viertel lösten in mir ein Gefühl von Misstrauen und Beklemmung aus. Ich fühlte mich auf unangenehme Weise beobachtet und nicht gerade entspannt, was die Sicherheit betraf. Dieses Gefühl immer irgendwie auf der Hut sein zu müssen und den Menschen mit Vorsicht begegnen zu müssen, zog sich wie ein roter Faden durch meine Zeit in Südafrika und ist vermutlich einer, der sich bedauerlicherweise durch die ganze Gesellschaft zieht und sich so fest ins Kollektivgedächtnis eingebrannt hat, dass er schwer zu durchtrennen ist. Ich versuchte mich so oft es geht nicht von diesen Angstgedanken leiten zu lassen, stattdessen meiner Intuition zu vertrauen und den Menschen mit Offenheit statt mit Mitrauen zu begegnen und erlebte dann auch wirklich tolle Begegnungen, die für mich als Beweis reichen, dass sich Angstkultur selbst füttert und dadurch immer größer macht, was gar nicht immer da ist.
In Durban blieben wir nur so lang wie nötig. Andi beobachtete das Wetter, um unsere Route entlang des Kaps gut zu planen. Es gibt nicht so viele sichere Buchten entlang der Küste und die Schlechtwetterfronten waren noch immer zahlreich, dazwischen oft nur 35-40 Stunden Zeit um recht große Entfernungen zurück zu legen. Einige der anderen Segler der Marina saßen bereits seit Wochen fest, weil die Wetterfenster oft zu kurz waren, um in die nächste sichere Bucht zu kommen. Mit Andis Zeitdruck im Nacken um seinen Flug zu erreichen, mussten nun auch wir abwägen wie viel Wagnis wir eingehen sollten und wie immer traf Andi die richtige Entscheidung. Die Prognosen kündigten uns zwei kurze Wetterfenster an. Beide waren sehr knapp in Anbetracht der Strecke, die uns bis zum nächsten sicheren Hafen, East London, bevorstand. Wir waren jetzt mehr Mathematiker und Taktiker, als Segler und obwohl ich es mir eigentlich anders gewünscht hatte, fasste Andi den Entschluss am nächsten Morgen mit dem ersten Wetterfenster abzureisen. Grrr….Mir gefiel das nicht. Nicht weil Durban so schön war, sondern weil ich dringend eine Auszeit von mir selbst, Andi und dem Boot brauchte und mich gern mit Claire und Joe, die in einer anderen Stadt lagen, zu einem Trip in den Bergen verabredet hätte.
Mit dem Entschluss schon am nächsten Morgen im Morgengrauen die Leinen zu schmeißen, begann das Gewusel um die Abfahrt. Ein halbes Drama entfaltete sich: Ich kam gerade noch rechtzeitig ins Marina Office, um gerade rechtzeitig, 10 Minuten vor Schließung noch zu bezahlen. Am Wochenende ist die nämlich nicht besetzt. Und die Sekretärin wies mich mahnend darauf hin, dass wir nicht einfach abreisen könnten, ohne uns bei der Port Authority abzumelden, die ebenfalls am Wochenende zu hat. Ich dachte mir: Wie konnte ich bloß darauf kommen, dass wir einfach so abreisen können? Menno.
Zwei Bleichgesichter irrten nun in Flop Flops stundenlang im größten Containerhafen Afrikas von einer geschlossenen Hafenbehörde zu anderen nur um das OK zu bekommen von einem Hafen in einen anderen zu fahren. Manchmal könnte ich sie alle umbringen! Einige Stunden später dann doch endlich erfolgreich abgemeldet zurück in der Marina mit brennenden Fußsohlen, schmerzenden Knien und Blasen, um dann noch den Scheißeinkauf und das Scheißdiesel zum Boot zu bringen, das freundlicherweise auch noch am letzten Stegplatz lag…Genug Sport für meinen lang ersehnten Ruhetag.
Nun hatten wir 38 Stunden Zeit, um von Durban nach East London zu segeln. Es war extrem knapp, aber wir schafften es. Zum Glück. Denn diejenigen, die aufs zweite Fenster warteten, kamen schließlich doch nicht weg und saßen noch Wochen später am selben Fleck. Andi hätte seinen Flug verpasst oder stattdessen sein Boot in einem unsicheren Hafen liegen lassen müssen.
Der Aufenthalt in East London war im Gegensatz zu Durban sehr nett. Wir lernten dort Susanne kennen, eine Einhandseglerin aus Deutschland, die in Seglerkreisen für ihre Extremleistungen berühmt ist. Sie winkte uns sogleich zu, als wir Montagabend auf den Yacht Club zutuckerten. Offensichtlich hatte sie schon Bekanntschaft mit Basti von der FRIDA gemacht, denn sie wusste sofort wer wir waren und gab uns über Funk Tipps zum Festmachen an den dämlichsten Moorings der Geschichte. Unsere Mooring sollte uns noch einige Nerven kosten, denn unsere Schraube verfing sich in einem Tau und Andi musste an unserer Abreise im kalten Wasser tauchen gehen, um sie zu befreien.

Susanne hatte von Anfang an mein Interesse geweckt. Ihr Alu-Boot, das nach ihren eigenen Anforderungen gebaut wurde, ist ein symbolischer Spiegel von ihr. Bis ins letzte Detail durchdacht, tough, extrem stabil, funktional, schmucklos und unverblümt, nicht gerade heimelig oder freundlich, dafür ein technisches Prachtwerk – ein Arbeitstier. Bevor ich Schiff und Mensch näher kennenlernen durfte, war ich allein schon deswegen angezogen und begeistert, weil es so wenige Ladies auf den Weltmeeren gibt, geschweige denn Alleinreisende – ein Phänomen, dass ich ja auch an Land beobachten konnte und das mich mit Traurigkeit erfüllt. Wie gern würde ich andere Frauen ermutigen die Welt allein zu entdecken! Sie ist ein viel besserer und schönerer Ort, als wir denken!
Am nächsten Tag fuhr ich daher zum Weiberklatsch rüber und hörte mir Susannes Geschichte an. Eine sehr beeindruckende Frau! Und um ein Haar hatte sie ein paar Monate zuvor ihr Schiff beinahe an einem Strand von La Réunion verloren. Beim Ankern hatte der Wind gedreht und sie in die Brandung und kurze Zeit später auf den Strand gedrückt. Insgesamt 150 Mal prallte der Rumpf mit der Backbordseite auf den Kieselstrand. Bei den ersten beiden Wellen war auch Wasser in die Mittelluke eingedrungen, inklusive bis zu 2kg schweren Steinen. Der Rumpf drückte sich bis zu 25cm ein, an anderer Stelle dehnten sich die Spanten und brachen. Aber der Rumpf blieb ganz. Kein Leck! Stahl wäre vermutlich zu starr gewesen und gebrochen, aber die Elastizität des Aluminiums war ihre Rettung. Mit dem größten mobilen Kran La Réunions wurde das Schiff vom Strand geborgen und behelfsmäßig verstärkt. Nach wie vor beeinträchtigt, aber immerhin seetüchtig, war sie nun auf dem Weg nach Holland, um den Rumpf und das Skelett zu ersetzen und zu reparieren. (Sie schaffte es ohne weitere Zwischenfälle nach Europa und ist inzwischen wieder zu neuen Abenteuern aufgebrochen.)

Von East London brachen wir zu meiner letzten Passage auf der Kama auf. Ein letztes Mal die Segel setzen, uns vom Strom mitreißen lassen…Ums Kap von Afrika. Das warme, blaue Wasser wurde kalt und grün. Wir verließen den Indischen Ozean und waren im Atlantik.
Für mich war es eine besondere Nacht. Um 23 Uhr schrieb ich in mein Tagebuch:

Vollmond, stille See. Kaum noch Wolken. Mühelos hält der Pilot uns auf 160-170° zum Wind. Wir laufen mit knapp 6kn über Grund. Die Wellen sind so sanft und flach, dass man kaum merkt, dass wir uns bewegen. Wir könnten genauso gut vor Anker liegen. Es ist kalt und ich liege mit zwei Decken auf meinem Platz. Lange Leggins, Wollsocken, Schal, doppelte Oberteile. Es ist gemütlich. Eine schöne letzte Nacht. 😀 <3
Sollte das jetzt wirklich mein letzter Ritt auf KAMA gewesen sein? Ich war wehmütig.
So gerne hätte ich behauptet ums Kap der Guten Hoffnung gesegelt zu sein, aber daraus wurde nichts, denn erstens ist das Kap der Guten Hoffnung gar nicht der südlichste Punkt von Afrika, das ist nämlich Kap Algulhas, was ich dummerweise auch nicht vorher wusste und zweitens liegt Simon’s Town, wo Andi das Boot während seiner Abwesenheit liegen lassen wollte, an der Südseite des Tafelbergs und somit auf der „falschen“ Seite des Kaps der Guten Hoffnung. Wir würden es also gar nicht gemeinsam umrunden. Doppelt veräppelt. Und bei meinem Glück würden wir die „falsche Seite“ des Kaps auch noch bei Dunkelheit passieren, also noch nicht mal Gelegenheit für ein Schummelfoto…

Hier zwischen den Käppern sollte also meine Wanderschaft bald zu Ende sein, denn ich hatte irgendwann, irgendwo zwischen Indonesien und Madagaskar entschieden, dass ich in Südafrika dem Meer und der Kama den Rücken kehren würde. Es war Zeit, mich wieder zu erden und zu erholen, ich war völlig durch. Ich traf eine schwere Entscheidung: Drei Jahre „und ein Tag“ waren für mich nun endgültig um. *


*Die Wanderschaft dauert nach der alten Tradition „Drei Jahre und ein Tag“. Der Tag ist nicht wörtlich zu verstehen, sondern symbolisch dafür, dass es in die Länge keine Grenze gibt. Drei Jahre war die Untergrenze, um sich nach der Rückkehr „Meister“ zu schimpfen, wer mochte blieb noch einen Tag länger unterwegs. Und noch einen. Und noch einen…
Hallo Miri, schön von Dir zu hören. Ich lese gerne Deine Berichte. Vielleicht bist Du irgendwann mal in Weimar. Ich würde mich freuen Dich zu sehen. Liebe Grüße Sabine