Superadobe

Olé, nach langer Pause!

Den nächsten Abschnitt meiner Reise verbringe ich bei Franco und Falka in Estancia Grande, einer erst 2008 gegründeten Kommune der Provinz San Luis. San Luis wird von vielen Argentiniern, allen voran denen aus San Luis naturlich ;-P, als völlig eigenständiges Land bezeichnet, das mit dem Rest Argentiniens wenig zu tun hat. Es ist wohlhabend, politisch stabil (bzw. seit 30 Jahren in den Händen der gleichen Familie, kann man also auch anders betiteln), eigenbrödlerisch. Ein bisschen wie Bayern haha.
Abgeholt werde ich in El Volcan. Von Franco und dem Renault 12. Der ist legendär. So laut wie eine getunedte (wie schreibt man das?) Harley, Startschwierigkeiten, keine Spritanzeige (man muss immer ein wenig Benzin dabei haben), der Kofferraum geht mit einer Schere auf und ein heißgeliebtes und sehr geschätztes Familienmitglied. Schon auf dem Weg nach Estancia verstehen Franco und ich uns prima. Er spricht mit mir auf Deutsch, auf Spanisch. Er ist Argentinier und Clown. Woohoo! Das wird super, denke ich mir glücklich. Als ich ihn hoffnungsvoll frage, ob sie keinen Fernseher haben (wegen meines noch ganz frischen Schocks aus San Rafael) und er bejaht es gebe gerade mal seit einer Woche Strom für die drei Glühbirnen und eine Steckdose, ist für mich klar, dass ich mich hier wohlfühlen könnte. Als wir auf das Grundstück fahren und ich Falka und die kleine Suyai (sie kommen gerade vom Fluss zurück) und dieses runde , bubbelige, knubbelige rote Lehmbaus zum ersten Mal sehe, bestätigt sich dieses gute Gefühl. Theo, der fünfjährige Sohn, ist noch etwas pikiert darüber, dass ich im Wohnzimmer auf seiner Hüpfmatratze schlafen werde und schon am ersten Abend fühle ich mich, als wäre ich Teil der Familie 😉

Ich habe den Ort über Workaway gefunden, eine Website auf der weltweit Unterkunft und Verpflegung im Tausch gegen Arbeitskraft angeboten werden. Wir haben im Vorfeld besprochen, dass ich gerne mindestens eine Woche bleiben möchte, am Ende versacke ich für drei 😉 Wir werden gute Freunde, führen geistreiche Gespräche über alles, was die Gesellschaft bewegt, uns bewegt und ich werde dank Theo und Suyai in meine eigene Kindheit zurückgeworfen und frage mich, ob ich auch so war. Suyais Windelwechsel-Lied wird zum Ohrwurm und mit Theo baue ich in meinem Bett ein Zelt mit meinem Schlafsack, so wie damals mit meinem Opa (Hallo Opa! Knuddel!).

Das Haus haben Franco und Falka vor zwei Jahren angefangen zu bauen. Das Grundstück liegt am Rand eines Gebirges. Sie haben einen Bach, der sie mit Trinkwasser versorgt. Die Erde ist schwarz und locker, perfekte Blumenerde. Und sagenhafte 0,0% Tonanteil. Haha. Den Lehm, Sand, und Kiesel haben sie sich deswegen anfahren lassen. Ein Bagger hat drei runde Kuhlen ausgehoben und den Abraum haben sie verwendet, um die Wände hochzuziehen. Mit der sogenannten Superadobe -Technik: Hartgeklopfte Erdwürmer in weißen Endlos-Plastikbeuteln (die üblicherweise für Gemüse verwendet werden und dann entsprechend abgeschnitten werden.) Drei Kreisrunde Zimmer (Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer) und ein im Nachhinein angebauter Vorbau mit Kuppelbadezimmer (Trockenklo – also ein Eimer und eine „Holzspan-Spülung“) und Abstellkammer. Da sie ihren Hauptwohnsitz aber in Hamburg haben, stand das Haus zwei Jahre lang unfertig und unbewohnt herum. Da Falka gerade Elternzeit genießt, sind sie im Dezember nach Argentinien gekommen, um weiter am Haus zu arbeiten. Ich komme gerade an, als Verputzen auf dem Plan steht. In den zwei Jahren Abwesenheit hatte die Sonne viele Beutel zerstört und der Regen die Erde weggewaschen. Vor allem am Anbau, wo noch kein Dach steht….Den Außenputz hatten sie schon zum größten Teil vor meiner Anreise aufgetragen und so beschlossen wir mit dem Innenputz der Küche zu beginnen, um im Inneren auch langsam ein Gefühl von Wohnlichkeit zu bekommen.

Das Wohnzimmer. Neben dem Vorhang steht mein Bett.

Die nächsten Tage verliefen also üblicherweise wie folgt:
Gegen 9 gemütliches Aufstehen und Frühstücken.
Gegen 10:30 Anfertigung des Lehmputzes mit einem Zementmischer. Je Ladung 6 Eimer Sand, 2 Eimer Lehm, Wasser und Stroh oder Gras nach Augenmaß.

Wir mischten in der Regel drei bis vier Schubkarrenladungen und ließen die Mischung ans Küchenfenster plumpsen. Das würde in etwa für einen Tag reichen bzw für drei bis vier Quadratmeter. Jetzt wurde gematscht und mit Erde geworfen. Dann mit einer Kelle glatt gezogen.
Meine im Oktober bei den Lehmbauern in Thüringen erworbenen Superfähigkeiten brachten mir hier wenig, denn das Auftragen war viel schwieriger auf den glatten Wänden. Man hätte vielleicht ein Geflecht als Träger auftackern können, aber „ham wa nicht“ 😉

In den nächsten Wochen höre ich oft den Satz „es lo que hay“ – das ist alles was da ist – nehme ihn in mein Standardvokabular auf und verbessere weiterhin meine Improvisationsfähigkeiten ^^ Besonders schön die argentinische Allrounderlösung für kleine wie große Handwerksaufgaben: der Draht. Egal wo in Argentinien man ist, man wird immer irgendwo einen Rest Draht finden, denn ohne diesen geht hier nix. Selbst in der tiefsten Natur, wo kein Mensch lebt, wird man über Draht stolpern. Falka erzählte mir, dass Franco in seinen ersten Monaten in Deutschland oft vergeblich Draht in seinem Umfeld, im Garten, an den Zäunen, am Straßenrand, gesucht hat, wenn er mal schnell was reparieren wollte. Vergeblich. Wir Deutschen scheinen Draht nicht ausreichend zu würdigen. Es gibt sogar ein spanisches Lied zu Ehren der Reparatur mit Draht.

Die Arbeit der Küche verlief langsam, selbst zu zweit schafften wir im Durchschnitt nur 4-5 Wandquadratmeter am Tag. Aber jeden Tag sah die Küche netter aus. Hand für Hand klatschten wir einen Matschball neben den anderen, drückten ihn in der gleichen Bewegung an die Wand und glichen alle paar Minuten die Flächen aneinander an. Einer arbeitete auf der Leiter, der andere unten, Falka bespaßte die Kids und fütterte uns. Mate trinken nicht vergessen.
Im Laufe der Tage bekamen wir heraus, welche Konsistenz für die Aufgabe am geeignetsten ist; welches Maß an Matschigkeit und wieviel Stroh, mal zuviel Sand, oder zu grob….Und vor allem hatten wir Spaß. In Deutschland kauft man sich meistens einen Kubikmeter fertiger Mischung, fertig. Und dann wird der angemischte Putz in Sekundenschnelle an die Wand gespritzt und eine oder mehrere Personen rennen hinterher und ziehen glatt. Da ist so ein Raum an einem Tag fertig 😛

Küche vorher, mittendrin und nachher.
Auch mit Zement wird geübt 😉

Im Laufe der Zeit kamen zwei weitere Aufgaben auf mich zu (naja, neben ab und an kochen, spielen, Wasser holen, Gras schneiden und trocknen, Loecher auffuellen, Feuer machen etc….): einen Kamin reparieren und einen Treppenabsatz aus recycelten Metallprofilen schweißen. Franco besorgte mir einen Schweißapparat (diesmal ne Nummer besser als bei Gerardo und somit der Beweis, dass es nicht an mir lag, dass ich soviele Schwierigkeiten damit gehabt hatte) und Metallprofile. Hier und da tauchten Dinge auf, die ich reparieren könnte und oft hieß es es seien gußeiserne Teile und ich sagte, die könne ich ihnen nicht schweißen. Ich schaute mir die Sachen an und war der festen Überzeugung, dass nicht alle davon gußeisern seien, aber da gingen die Annahmen auseinander. Wie auch immer, den Ofen reparierten wir á lo argentino in einem höchst merkwürdigen Flickenstil, mein Chef hätte mich damit auf den Mond geschossen und eine Abmahnung geschrieben, meinen Gesellenbrief hätte ich gleich mit abgeben können. Aber bitte, „es lo que hay“ und ich musste improvisieren. Unwohl fühlte ich mich als vier argentinische Männer um mich standen und mir Ratschläge erteilten. Zum Beispiel einfach mit Draht ein Rohr dran zu binden, hahaha. Am nächsten Tag setzte ich mich ganz alleine dran, unbeobachtet und ohne Zeitdruck. Das Ergebnis war „nicht schön, aber seltsam“ (Hola Schäfe, Gruß aus Argentinien! und ja, aus Scheiße kann man kein Gold machen :-P)

Nicht schön, aber seltsam. Besonders toll, der DRAHT! Den muss ich auch in mein Repertoire aufnehmen.

Und dann kamen die völlig verrosteten „gußeisernen Profile“ fürs Treppenpodest, ich schaute sie mir skeptisch an und sagte, dass es nicht aussehe wie Gußeisen und es eigentlich klappen müsste. Doch Franco meinte sein Freund hätte gesagt es sei gußeisern, aber das könne ich trotzdem schweißen, müsste nur den Apparat auf volle Pulle drehen und in Intervallen schweißen, damit die Maschine nicht in die Kniee geht. Ich war überhaupt nicht überzeugt und sagte ich würde es am nachsten Tag probieren, da würden wir ganz schnell feststellen, ob es Gußeisen ist oder nicht, aber wenn es doch welches sei, würde ich es nicht schweißen, weil ich dafür nicht die Verantwortung übernehmen möchte. Lange Rede, kurzer Sinn: es war stinknormaler Baustahl und ließ sich, bis auf die Tatsache, dass er sehr rostig war, einigermaßen vernünftig schweißen und fertig war das Treppenpodest. Lektion: nicht alles was schwer ist und eine rauhe Oberfläche hat, ist Gußeisen 🙂

Das Gußeisen, dass keines ist….und vorschriftskonforme Arbeitshaltung.

Zum Duschen gingen wir auf den benachbarten Campingplatz, oder fuhren gelegentlich, auch zur Abwechslung und Nutzung des Internets, nach San Luis zu Francos Eltern, wo Falka und die Kinder mehr Zeit verbrachten, als Franco und Ich. Zum einen, weil sie manchmal kränkelten und es auf unserer Baustelle von Tag zu Tag kälter wurde, und auch, weil die Aufgabe sich alleine um die Kinder zu kümmern zunehmend an Falkas Nerven zehrte und sie dort zumindest etwas mehr Gesellschaft hatte (und einen Fernseher und einen Computer, der die Kids anzog wie das Licht die Fliegen).

Eine burlesque Szene in San Luis.
Erster Schneefall vor der Haustüre.

Es kam schließlich der Tag, alles im Haus einzubauen und wir feierten diesen Umstand mit selbstgemachter Pizza, die wie wir feststellten auf dem neuen Kamin viel viel besser wurde, als in dem vorsintflutigen Gasofen. Die Küche erstrahlte im erdigen Glanz, der Ofen funktionierte wunderbar und exakt drei Wochen nach meiner Anreise setzten mich die Vier wieder an der Autobahn aus.

Der Abschied tat nicht weh, es war eher ein warmes, perliges Gefühl von Glück, dass ich mich bei ihnen so wohl gefühlt hatte und einfach weiß, dass ich sie wieder sehen werde.

Franco, Suyai, Falka, seine Majestät König Theo et moi.

 

 

Mendoza

Wenn ich wieder umgeben bin von guter Streetart, weiß ich, dass ich wieder in einer Großstadt bin.

Der alte Chiche, eigentlich Victor Hugo, 74, hat mich in San Luis aufgesammelt und weil er mich nicht bis Mendoza brachte, gab er mir das Geld für den Bus. Obwohl der nur 35 Pesos kostete, gab er mir 50 und wollte den Rest nicht wieder haben. Danach folgte eine Woche in Mendoza, wo ich gleich wieder bei einem Franco unterkam. Den Kontakt zu diesem Franco hatte mir ein Mädchen hergestellt, dass ich knapp 2000 km weiter südlich in einem Hostel kennengelernt hatte. So funktioniert Argentinien 😀

Meine Bleibe in Mendoza.

Das Haus und Lebensumfeld von Franco und seiner Mutter Patricia und den zwei Hunden, war nach den Wochen aufm Lehmbau ein krasser Schock: die Mutter immer perfekt gestylt und schick gekleidet, das Haus groß und mit glänzenden Oberflächen überall, an den Fenstern und Türen dicke Gitter gegen Einbrecher. Ein Gästezimmer mit zwei Betten, nur für mich. Ich kam mir zunächst ganz schäbig und unpassend vor und ging erstmal duschen und frische Sachen anziehen. Danach wurde ich bombardiert mit Fragen: „Willst du Tee oder Kaffee?“ Tee bitte. „Und dazu kannst du Sandwiches haben! Aber wir haben auch Süßes…Magst du nicht lieber was Süßes? Oder Kekse! Ach, du könntest auch Wein haben, ach trink doch einen Wein mit mir!“ Uff! Das war beinahe zu viel auf einmal. Ein Tee und ein Sandwich reichen mir auch. Und Ruhe. Kurze Zeit später gab’s dann eh Abendessen. Oh weia…..So ging das die ganz Woche.

Typisch argentinisch: „Dulce con queso“. Ein Block Fruchtgelee, hier Quitte, mit cremigen Weichkäse. Myam.

Franco ist so alt wie ich und ein ziemlich schräger Typ. Ganz lieb, aber auch ziemlich crazy und anstrengend. Laut, extrovertiert und ziemlich verwöhnt, provokant, behandelt die Mutter manchmal wie eine Bedienstete. Hab schon nach kurzer Zeit gemerkt, dass wir überhaupt nicht zueinander passen. Dennoch haben wir auch echt spannende Gespräche geführt.

An meinem ersten Tag wurde ich natürlich wieder mit Staunen und Entsetzen interviewt (von allen außer Franco, der war eher unterstützend), weshalb ich alleine reise und dann auch noch per Anhalter. Mendoza ist eine Großstadt und hier kann es teilweise ziemlich kriminell zugehen. Es wurden dieselben zwei bis drei Annekdoten ausgepackt, die sie alle auspacken („Als damals, wo nochmal?, diese zwei Mädchen, ich glaube es waren Franzosen/Engländer/Belgier/…, die Essen verkauften, um etwas Geld zu verdienen, im Hinterland, ich weiß gar nicht wo – irgendwo in Salta (das ist ganz woanders) umgebracht wurden?! Einfach so?!“) ; danach Geschichten von Überfällen aus Mendoza. Ich fragte welche Sehenswürdigkeiten sie mir empfehlen würden und zu allen gab’s dann aber zugleich eine vehemente Aufforderung dort entweder nicht alleine oder nur zu bestimmten Tageszeiten hin zu gehen. Selbst in den städtischen Parks solle ich auf gar keinen Fall von den Wegen ablaufen und solche Sachen, dort könnten Kriminelle mit Knarren aus den Armenvierteln lauern. Ich merkte wie mich diese aufgeregte Angst nervte und aufregte. Wenn es nach ihnen ginge dürfe man gar nicht mehr das Haus verlassen. Ja sogar im Haus, hinter den ganzen Gittern ist man nicht sicher.
Dennoch: In der Woche in der ich in Mendoza wohnte, wurde bei einem Bekannten Francos im Haus eingebrochen und die Mutter bedroht. Sie gab den Einbrechern erst 30.000 Pesos (ca 1800€) und später dann nochmal ca 100.000 Pesos (6200€). Keine schlechte Beute.
An einem anderen Tag war die taffe Haushaltshilfe völlig neben der Spur. Während sie den Vorgarten mit leicht geöffnetem Tor putzte, liefen zwei Mädchen keuchend vorbei und riefen ihr zu sie solle sich schnell einsperren, hinter ihnen kämen ein paar Kerle, die sie ausrauben wollen. Statt mit rein zu kommen, liefen sie weiter und Lorena sperrte zu und sah die Wilden Kerle hinter den Mädchen her rennen. Und solche Geschichten tragen dann dazu bei, dass alle meinen man befinde sich ständig in Lebensgefahr. Es wird gerne übertrieben. Drama, please! Da ist es schon irgendwie komisch, dass ich 15 Jahre Südamerika überlebt habe und immer nur meine einheimischen Freunde Opfer von Taschendieben und kleineren kriminellen Delikten wurden. Und Handtaschen werden bei uns doch auch geklaut, oder täusche ich mich da? Eingebrochen auch.

Am zweiten Tag lernte ich Freunde Francos kennen, die ebenfalls in Mendoza zu Besuch waren und wir unternahmen einen Tag lang was gemeinsam und lernten Mendoza kennen. Auch stellte ich fest, dass Akiko, ein japanisches Mädchen, das wie ich alleine die Welt bereist und mir auf der Carretera Austral über den Weg gelaufen war, gerade in Mendoza war, also machten wir auch zwei Tage was gemeinsam. Sie hat mir herrlich vor Augen geführt, wie anders Japaner sind.
Wir liefen mal zu viert, mal zu zweit, kreuz und quer durch die Stadt, alles zu Fuß, durch den „bösen Park“, auf den „bösen Berg“, durch die „böse Innenstadt“.
Es passierte natürlich nichts.

Fernando , Juan de Dios und Akiko. Bei unserem Ausflug durch die böse Welt.
Der Blick vom „bösen Berg“ in das Umland Mendozas.

Einen Tag später lieh mir ein Schlosserfreund Francos ein altes Fahrrad und ich traf mich mit Akiko zur Fahrradtour in den Weinanbaugebieten unmittelbar außerhalb der Stadt, in einem Siedlungsgebiet, das Maipú heißt. Schon beim Aufsitzen merkte ich ‚oh, dass kann ja heiter werden.‘ Das Rad viel zu klein und deshalb eine unbequeme und ineffiziente Körperhaltung. Und damit wollte ich den ganzen Tag herum fahren….Da waren Schmerzen vorprogrammiert ^^

Unser Fahrradausflug. Akiko aus Japan.

Wie auch ich, versucht Akiko wo sie kann Geld zu sparen. Sie hatte im Internet die Winzereien recherchiert, weil sie eine Führung machen wollte, umsonst oder so günstig wie möglich. Wir fuhren zunächst entlang der Hauptstraße, die wenig pittoresk war und bogen dann immer wieder in die Seitenstraßen ab, die dann auch nicht mehr asphaltiert waren und teilweise als Muellhalden benutzt werden. So fuhren wir aber auch an Olivenhainen vorbei (davon haben wir mehr gesehen, als Wein) und alles strahlte so schön in den Herbstfarben und der Sonne.

Die Seitenstraßen.

Schließlich kamen wir zu einer Winzerei, die Akiko notiert hatte, doch die war ihr zu teuer und so picknickten wir mein eingepacktes Lunchpaket in der Sonne und fuhren dann weiter, um zu einer Winzerei zu fahren, die Führungen mit Probe umsonst machen. Schon vor unserem Picknick taten mir der Hintern und der Nacken weh. Doch wir ließen uns nicht beirren und fuhren immer weiter, immer weiter weg von der hässlichen Hauptstraße und Richtung Umsonst-Winzerei. Etwa 3km vor der Winzerei kamen wir wieder in die Nähe von Siedlungsgebiet und an einer Baustelle vorbei, wo die Handwerker gerade Pause machten und uns anstierten wie zwei Außerirdische und ziemlich betrunken meinten, wir hätten uns ja ganz schön verirrt. Ich habe das ignoriert, betrunkene Männer auf der ganzen Welt sind in der Lage einer Frau irgendeinen Kommentar hinterher zu rufen. An der nächsten Straßenkreuzung hielt ich an, um nochmal nach dem Weg zu schauen. Um uns herum trockene, staubige Stadtrandsiedlung, eindeutig der ärmeren Leute. Vielerorts sind aber die Viertel, die für europäische Augen aussehen wie die schlimmsten Slums, ganz gewöhnliche Viertel, weshalb der Anblick mich nicht weiter beschäftigte. Doch dann hielt ein kleines weißes Auto mit einem jungen Fahrer neben uns, er kurbelte das Fenster herunter und fragte uns sehr höflich wohin wir unterwegs seien und meinte wir sollten nicht weiter fahren, weil wir dort in eine „Villa“ geraten würden, das ist nicht etwa ein Anwesen wohlhabender Leute, sondern die argentinische Bezeichnung für Armenviertel – das komplette Gegenteil. Als dann noch eine Frau auf der anderen Straßenseite wild mit den Armen gestikulierte und ebenfalls meinte, wir seien hier nicht sicher, beschloss ich, mit einem gewissen inneren Widerstand, den drei Hinweisen zu folgen und den Weg doch wieder Richtung Hauptstraße einzuschlagen. Akiko würde auf ihre kostenlose Führung verzichten müssen. Wir verabschiedeten uns am Fahrradverleih voneinander und sie machte sich auf zur ersten Bodega an der wir gewesen waren und holte ihre Führung mit Weinprobe nach, während ich den Heimweg mit meinem viel zu kleinen Fahrrad antrat.
Am Ende des Tages kehrte ich völlig fertig und mit schmerzenden Gliedern zu Franco zurück. Die gleiche Strecke mit einem besseren Fahrrad wäre ein Kinderspiel gewesen. Akiko schrieb mir später, dass sie noch eine super Privatführung bekommen hatte und sich der Preis dann doch noch ausgezahlt hatte.

Der nächste Tag war toll. Ich traf mich abermals mit Nico, Francos Schlosserfreund, denn wir hatten beschlossen unser gemeinsames Handwerk zu zelebrieren und ein Gemeinschaftswerk zu schaffen. Einfach so, zum Spaß und zum Austausch unserer Ideen und Fertigkeiten. Das erste Mal seit meiner Abreise aus Deutschland betrat ich eine richtige Werkstatt. Gut ausgestattet, echtes und recht vollständiges Werkzeug, gute Geräte. Ach war das schee.

Nicos Werkstatt.

Zusammen mit zwei anderen „Firmen“ mietet Nico die Räume gemeinsam. Die eine Gruppe stellt Kinderspielzeug aus Holz her und seit neuestem auch Kitesurf -Bretter, die andere Gruppe macht Möbel und hübscht alte Sachen vom Schrott wieder auf. Jeder hat seine eigenen Maschinen, aber sie werden auch geteilt. Das ist ein schönes Konzept und ich wünschte, sowas hätte es in Weimar auch für mich gegeben.
Wir fuhren zu einer Chacarita, was für Leute wie mich ein Schlaraffenland ist: Ein gut sortierter Schrottplatz, wo man stöbern kann und kaufen kann, was man findet. Es gibt vollständige Dinge wie Fahrräder und Kleiderständer, aber auch tausend Einzelteile. Es gibt Schräubchen, Muttern, Bewehrungsstahl, alle Arten von Metall, Holz, Papier, Glas und Kunststoff. Ein Paradies! Seufz.

Der Spielplatz für Schlosser, die Chacarita.

Wir beschlossen einen Vogel für meinen Gastgeber Franco zu basteln, für seinen Garten. Nico fand dünnen Bewehrungsstahl, ich fand eine Art Radlager für den Kopf, der mich an ein Auge und Schnabel erinnerte und Nico fand noch ein paar Einzelteile für seine Aufträge. Wir mussten einen Teil nach Gewicht bezahlen und einen anderen Teil nach Einzelpreis. Insgesamt war es aber sehr günstig. Dann fuhren wir zur Werkstatt und legten los. Es war eine Freude mit Nico zu arbeiten und wir hatten viel Spaß. Stunde für Stunde nahm unser Piepmatz Formen an und am Nachmittag waren wir schließlich der Meinung ihn gebührend gestaltet zu haben.

Am Abend fuhren wir zu Franco und überreichten ihm unser Geschenk. Er fand’s super und hat’s in den nächsten Tagen allen gezeigt, die vorbei kamen. Nico blieb noch zum Abendessen und wir wurden Zeugen eines heftigen Streits zwischen Franco und seiner Mama. Wir saßen eine ganze Weile nervös zwischen den Fronten und hörten uns Francos Anschuldigungen und Drohungen an, dann verpfatzen wir uns vorsichtig ins Nachbarzimmer, wo man zwar immernoch alles mithörte, aber nicht so teilnahm. Der Streit hat mich noch eine ganze Weile beschäftigt, schließlich konnte ich beide Seiten zumindest teilweise nachvollziehen, aber das Temperament mit dem sie sich zofften war der Waage in mir zu aufwühlend. Nico versicherte mir, dass er schon mehrfach solche Streite zwischen den beiden erlebt hatte und, dass es nicht weiter schlimm sei.
Ayayay, diese Latinos. Da hat mein Freund RoBo schon Recht: laute, verkappte Italiener.

Eindrücke aus Mendoza.

Ich blieb noch übers Wochenende und an meinem letzten Tag machten wir einen Ausflug in die Berge. Als es hieß wir würden in die Berge fahren, stellte ich mir mit viel Vorfreude vor wir würden wandern gehen und picknicken. Sah schon die grünen Felsen in der Sonne strahlen, Schnee auf den Gipfeln, in der Ferne die Weinfelder Mendozas und eine lustige Wandersgruppe, die laut plappernd ihrer Wege zieht. Ha! Ich stellte frühstens beim Rieseneinkauf fest, dass der Tag anders laufen würde. Spätestens als Franco die Strandsessel ins Auto lud, wusste ich, dass wir uns vermutlich gar nicht bewegen würden. Wir holten den ältesten Bruder und dessen Frau ab, einen Grillrost, Feuerholz und Essen und fuhren etwa 60 min bis zu einem See. Dort wehte heftiger Wind, der Himmel war bedeckt, ja beinahe schwarz, das Auto wurde abgestellt, die Stühle aufgebaut und dann fanden die Vorbereitungen für das große Grillen statt. Wenngleich wir bis auf das Bergpanorama wenig von den Bergen erlebten, so lernte ich doch an diesem Tag eine ganz andere Lektion: die argentinische Grillkunst (wenn man das so schnell lernen kann. Naja, zumindest theoretisch.)

Bei uns in Deutschland ist Grillen eine relativ kurze Angelegenheit. Ist das Feuer mit Grillanzünder, Föhn und Pappfächer einmal im Gange, kommen die Steaks und Würstchen auf den Rost, kurz die eine Seite, dann die andere, fertig ist das Essen. In Argentinien, das für sein wirklich göttliches Fleisch bekannt ist, dauert die Grillzeremonie an die zwei Stunden. Der Schlüssel zum so zarten Grillfleisch scheint das langsame Brutzeln über den schwach glühenden Kohlen zu sein.

Zuerst wird ein stinknormales Lagerfeuer gemacht. Sobald die Holzscheite aufhören zu brennen und zu Gluthäufchen zusammensinken, wird eine zweite Feuerstelle angelegt, wo die Glut aus Feuer 1 mit einer Schaufel verteilt wird und darüber ein Grillrost positioniert wird. Da der Grillrost die Hitze leitet, wird die Glut ringförmig an den Rändern verteilt. Dann kommen die immensen Fleischgürtel (Kuhteile, die es in Deutschland gar nicht gibt!) auf den Rost, mit der fettigen Seite nach unten. Das Fett schützt das Fleisch vor zu großer Hitze und sorgt für eine langsame Garung. Ab diesem Zeitpunkt grillt es also ungefähr eine Stunde, bis es, von beiden Seiten gegrillt, schließlich serviert wird.
Myam. Ein schöner letzter Tag.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Bus für 18€ nach Santiago. Ich hatte mich von dem ganzen Geschwätz über die großen Gefahren und bösen Menschen dieser Welt und dem Hinweis, dass der Pass aufgrund von Schnee demnächst schließen würde, beeinflussen lassen und, mit dem schlechten Gefühl meine Regeln zu brechen, das Ticket gekauft. Als ich den Bus bestieg, fühlte ich mich noch schlechter, so richtig fehl am Platz. Es fühlte sich komisch und falsch an.

Die Fernreisebusse in Chile und Argentinien sind wie die erste Klasse im Flugzeug. Als ob ich wüsste, wie die erste Klasse im Flugzeug aussieht, aber so stelle ich sie mir vor. Breite, gemütliche Sessel, großer Abstand zum Vordermann, Rückenlehne so weit klappbar, dass man beinahe liegt, ein Steward, der einem zwei Mahlzeiten bringt und Getränke. Für 18€ Euro ist das geschenkt, aber ich fühle mich wie ein Verräter und trau mich gar nicht, mich in den Sessel zu pfletzen. Ich sollte am Stadtrand an der Straße stehen und den Daumen ausstrecken. Da fühl ich mich inzwischen richtig wohl.
Die Fahrt beginnt und ich sehe, dass all die gutgemeinten Ratschläge über meine Sicherheit völlig daneben lagen. Die Route hätte ich ohne Bedenken per Anhalter versuchen können und wieder einmal stelle ich fest, dass es zwar wichtig ist, sich das Insiderwissen der Locals aufmerksam anzuhören, aber genauso wichtig ist, dieses differenziert zu betrachten. Die meisten sind noch nie per Anhalter gefahren und bewegen sich in Schichten, die totale Paranoia vor Überfällen, Raub und Einbrüchen haben. Sie lassen sich von den Medien berieseln und denken alle Menschen jenseits ihrer Haustür seien böse. Und wenn man sie fragt, ob sie nicht auch schon mal einen Anhalter mitgenommen haben, dann sagt die Mehrheit ja. Und wenn ich dann frage, ob sie damals auch nur daran gedacht haben den Mitfahrer auszurauben, zu töten oder mißhandeln, schauen sie mich empört an und sagen „nein, natürlich nicht!“.
Was bleibt mir da noch zu sagen übrig….

Ich habe ja beim letzten Mal geschrieben, dass in Argentinien derzeit eine politische Kampagne zum Schutz der Frau läuft. Sie machen Werbung im Radio, TV, auf Werbeplakaten und mit Demos. Ich nehme an, dass unter anderem deswegen so viele Leute mit mir das Thema Sicherheit einer alleinreisenden Dame bereden. In jedem Auto, das ich während meiner Anhalterreise bestieg, war dies eines des großen Themen. Dass Chile und Argentinien zu den sichersten und einfachsten Ländern für Anhalter weltweit zählen und geradezu empfohlen werden, können die meisten gar nicht glauben. Aus Neugierde und auch ein wenig aus Ärgerlichkeit, recherchierte ich über die Anzahl der Femizide in Argentinien und Deutschland. In Argentinien wurden 2014 277 Frauen getötet. In Deutschland waren es im selben Jahr 331 („durch Partnerschaftsgewalt“)!
Gut, jetzt mag man argumentieren, in Deutschland leben viermal so viele Menschen, aber ich finde, dass eigentlich die absoluten Zahlen hier zählen. Schließlich ist jede Tote, eine zuviel. Das Verhaltnis der Bevölkerungsmenge zur Anzahl getöteter Frauen gibt meiner Meinung nach nur Aufschluss über den Prozentsatz sexistischer Männer innerhalb der Bevölkerung. Das wurde heissen, dass die Gesellschaft Argentiniens sexistischer ist, als die Deutsche. Man könnnte auch einfach sagen, dass die Anzahl der Femizide mit Anhaltern und Reisenden nix zu tun hat, da es sich meistens um Familiendramen handelt.

Ein Grafiti in Mendoza: „Weder unterwürfig, noch devot…frei, schön und verrückt.“

Ich kann nur wiederholen, dass ich noch nie so tolle Gastgeber kennengelernt habe, wie auf dieser Reise. Ich bin stets aufmerksam und achte auf mein Bauchgefühl. Ich merke, dass es eine Kopfangst und eine Bauchangst gibt. Die Kopfangst ist die manipulierte, die, durch die ich wenn ich immer auf sie hören würde, nicht das Haus verlassen könnte. Auf mein Bauchgefühl zu hören, hat mich sicher bis hierher gebracht. Ob die Situationen in denen ich ein mulmiges Gefühl hatte, tatsächlich gefährlich waren, werde ich nie erfahren, aber so habe ich mir zumindest mehrere Stunden des Zittern und Bangens erspart und das ist vielleicht das Wichtigste: ich fahre nur dann per Anhalter, wenn ich mich gut, stark und ausgewogen fühle. Wenn ich Zweifel in mir spüre, bleibe ich lieber einen Tag länger. Ein Häufchen Elend war schon immer ein leichteres Opfer.

Zurück zur Fahrt nach Santiago. Die Landschaften zogen an mir vorbei und nach etwa 45 min wurden die Bildschirme herunter geklappt und ein Film eingeschoben. Der Ton donnerte laut scheppernd durch den ganzen Bus. Ernsthaft?, dachte ich, in der ersten Klasse ist das aber nicht so! Da hat jeder einen Kopfhörer und kann selbst bestimmen, ob er gequält werden will oder nicht.

Von drei ein halb Filmen wurde ich von dem anderen großen Kino an meinem Fenster abgelenkt. Die Filme waren alle gewalttätig und laut, aber man konnte einfach nicht abschalten! Der Soundtrack passte so gar nicht zu meinem eigenen Film: die Weinfelder wichen den sandig-roten Voranden, wo kein Strauch, kein Gras wuchs, dann immer näher rückend die Schneegipfel und kurz vor dem Pass und der Landesgrenze der majestätische Aconcagua. Mit 6962 m der höchste Berg Südamerikas. Die Sonne ließ alles leuchten und durch die getönte Scheibe des Buses, sah alles so gephotoshopped und perfekt aus.

Der Aconcagua im Hintergrund.

Der Grenzübergang dauerte ewig, das wäre mir per Anhalter ebenfalls erspart worden, denn Pkws kommen schneller durch. Als sich alle Businsassen in einem eingeengten, schlecht beleuchteten Raum in zwei Reihen aufstellen mussten, dicht an dicht, während der Zoll unsere Taschen durchleuchtete, fühlte ich mich an Exekutions-Szenen aus Kriegsfilmen erinnert. Auch das wäre mir erspart geblieben.

Danach in Serpentinen wieder runter, auch auf chilenischer Seite riesige Weinfelder, abgelöst von Obstplantagen und schließlich den inoffiziellen Müllhalden am Rand der Großstadt Santiago. Herzlich Willkommen in der Zuvielisation. Wenn man so lange durch die beinahe unberührte Natur gereist ist, kann man den Anblick von Städten und ihren Konsequenzen kaum noch ertragen.

SantiagoDrei Blocks vor dem Busterminal gerieten wir in einen Feierabendstau erster Klasse und brauchten für die letzten 600 m etwa 90min.
Diejenigen, die kein Gepäck im Kofferraum hatten, sind irgendwann ausgestiegen. Die Argentinier im Bus nutzten die Gelegenheit, um über die Chilenen zu schimpfen (so was gäbs bei uns nicht! Und schau mal, es gibt noch nicht mal Straßenbeleuchtung, kein Wunder, dass alle paar Sekunden jemand überfallen wird!). Dass ich nicht lache.
Als ich schließlich meinen Rucksack hatte, rief ich Conni an, die ich im Dezember auf der Osterinsel kennen und lieben gelernt hatte – wir hatten damals unter anderem Eis gemacht und verkauft – und sie sagte ich solle auf sie warten bis sie mich abholte. Kaum steckte ich mein Handy ein, sprach mich eine nahestehende Frau an, wo ich hinmüsse und ich solle besser woanders warten, hier am Bussteig sei es nicht sicher. SCHON WIEDER?! Mannomann. Nerv.
Aber diese Frau war zuckersüß, sie begleitete mich zur Fressmeile des Terminals und setzte sich zu mir, bis Conni kam. Ich lud sie auf einen Cappuccino ein (naja, so was ähnliches) und wir unterhielten uns. Sie heißt Solange (nicht: so lange, sondern zo-lonsch :-P) und ist Notarzt. Sie kommt aus dem südlichen Zentralchile und ist mit ihrer kleinen Tochter auch manchmal per Anhalter gefahren.
Als Conni ankam, fielen wir uns um den Hals und machten uns zu dritt auf Richtung U-Bahn. Dort verabschiedete ich mich von Solange und folgte Conni in die Tiefen des U-Bahn- Netzes. Sie wohnt mit ihrer Mutter in Maipú, das genau genommen eine eigene Stadt ist, aber mit Santiago verwachsen ist. Laut Conni werde ich bei ihr sehen wie ca Dreiviertel der chilenischen Menschen lebt.
Dort, wo ich bei meinen letzten Malen in Santiago untergekommen bin, leben die Menschen mit etwas mehr Kohle, aber noch nicht die ganz Reichen.

Die ganze Woche verbringe ich bei Conni und lerne ihre Familie und ihren Alltag kennen. Conni ist so alt wie ich, studiert Meeresbiologie und macht gerade ihren Magister. Parallel arbeitet sie am Lehrstuhl für ein Projekt in der Atacama -Wüste, dass Niederschläge misst und untersucht, wie man mit „Nebelvorhängen“ Wasser sammeln kann. Ihr Studium konnte sie nur dank eines Stipendiums finanzieren, denn Studieren kostet in Chile ein Vermögen.

Der Unicampus.
Connis Büro an der Uni

Ihre Mama ist Friseurin und hat einen kleinen Salon, der gerade geschlossen ist, weil sie in einen neuen umziehen wird. Der Papa lebt woanders (aber die Eltern sind nicht getrennt) und arbeitet bei irgendwelchen Monteuren. Connis Schwester ist Informatikerin und lebt mit ihrem Freund und deren gemeinsamen Sohn etwa 10 min entfernt in einer Neubausiedlung.

Conni hat Recht, wenn sie sagt sie wohne wie die meisten Chilenen. Aber ihre Familie finde ich dennoch außergewöhnlich. Ein typisches chilenisches Wohnviertel sieht wie folgt aus: schachbrettartiges Straßenmuster, Einbahnstraßen, 1-2 Stöckige Wohnhäuser, dazwischen immer wieder kleine Kioske und Läden oder Werkstätten. Die Straßen leicht begrünt, alle paar Blocks eine kleine Plaza mit Spielplatz oder Bäumen und Bänken. Die Häuser erwecken alle einen ranzigen Eindruck, schlecht gebaut, bzw dünn und „irgendwie“ zusammengeschustert. Hier kommen viele Bausysteme aus den USA an. Wenn man darauf anspricht, wie hier gebaut wird, bekommt man immer zur Antwort, dass dies an den Erdbeben liege und solide gebaut werden müsse. Ich habe da immer meine Zweifel; die Häuser fallen ja schon beim Anschauen auseinander. Beziehungsweise sind die Materialien so dünn und pappig, dass sie vielleicht keinen Schaden anrichten, wenn sie herunterstürzen, aber dafür alle immer frieren; Heizung gibt es hier auch nicht. Jedenfalls nicht in den „typischen“ Häusern.


Die meisten Häuser haben zur Straße hin einen eingegitterten Vorgarten bzw Parkplatz und nach hinten einen winzigen Garten oder Hof. Im Inneren ist es genauso wie draußen: Alte, zusammengewürfelte Möbel, alles schon irgendwie etwas heruntergekommen, etwas schmuddelig.

Alltag: beim Busfahren zerbricht die Türscheibe und keiner zuckt auch nur mit der Augenbraue, oder gibt dem Fahrer Bescheid.

Hier und da ein Familienfoto, offener Wohn/Ess/Kochbereich. Der Fernseher ist neu und modern, so ausgerichtet, dass man ihn vom Esstisch aus auch sehen kann. Es gibt zwei Hunde und zwei Katzen. Die Hunde verbringen die meiste Zeit im kleinen Hof, der schon voller Hundehaufen liegt und alle paar Tage mit dem Besen saubergefegt wird. Die Katzen leben nur in Connis Zimmer, können übers Fenster und das Carportdach auf die Dächerwelt des Viertels vagabundieren.
Obwohl das Viertel aus deutschen Augen also ganz schön chaotisch und „ärmlich“ wirkt, leben hier die ganz normalen Leute und es ist weitgehend sicher. In manchen Straßenzügen sind dann Ghettos und zwei Straßen weiter wieder keine…Aber insgesamt muss ich sagen, dass das Erscheinungsbild der ach so sicheren chilenischen Städte wesentlich zwielichtiger und unheilverheißender ist, als im „kriminellen“ Argentinien. Sogar tagsüber.

Einen Tag helfe ich Connis Mutter und Vater beim Abbau des Friseursalons. Unter anderem muss das angeschweißte Ladenschild am Tor abgeflext werden. In einer nach deutschem Arbeitsrecht von der Berufsgenossenschaft mit „völlig inakzeptabel“ bewerteten Aktion (halsbrecherische Leiter, Flex ohne Schutzschild und Handgriff), gelingt es uns das Schild abzumontieren.
Als der kleine Enkel mich mit Akkuschrauber die Lampenfassungen abmontieren sieht, fragt er seine Oma wieso ich das Werkzeug benutze. Er sagt dann, dass Mädchen sowas nicht dürften. Er ist gerade mal drei Jahre alt und seine Familie hat ihm sowas noch nie beigebracht, im Gegenteil, Connis Schwester ist eine emanzipierte Frau. Ob das wohl aus dem Kindergarten oder den vielen Fernsehstunden kommt?

Mit Conni, die eine kritische und reflektierte Person ist, rede ich viel über die südamerikanische Politik und Gesellschaft. Es ist total spannend, denn sie erzählt mir ein wenig von der Militärdiktatur Chiles und der Verfolgung von Kommunisten. Wir schauen uns jeden Abend vorm Schlafengehen einen Dokumentarfilm an, unter anderem über die Aonikenk und Selknam, indianische Bevölkerung Patagoniens, die systematisch ausradiert wurden (ist gar nicht so lang her, vllt 50 Jahre?), zusammen mit Kommunisten. Die standen auf eine Ebene der unliebsamen Personen und wurden mit einer Spritze getötet, an Gleisteile gebunden und mit Hubschraubern über dem Meer abgeworfen.

Liebenswerte Menschen. Conni und ihre Eltern.

Einen Tag verbringe ich bei einer Freundin von der Osterinsel und am Wochenende gehe ich mit Conni bouldern. Am Abend wird extra für mich ein Grillfest veranstaltet und ich leiste meinen kulturellen Beitrag mit einem Schwäbischen Kartoffelsalat, der seeehr skeptisch unter die Lupe genommen wird, aber dann auf Begeisterung stöst. Auch Apfel-streuselkuchen habe ich diese Woche 4 mal backen müssen. In Chile ist das deutsche Wort „Kuchen“ fest im Sprachgebrauch verankert, da viele Deutsche in Chile leben und unter anderem die Bier- und Backkultur mit eingebürgert haben. Doch alle hier wollen einen echten Kuchen einer echten Deutschen probieren und mit den hiesigen vergleichen. Offenbar hat meiner im Test gesiegt.

Connis erstes Mal Bouldern.

Als Gegenleistung lerne ich, wie man chilenische Sopaipillas (Sopeipiyas) macht. Das sind fritierte Teigscheiben aus Mehl und Kürbis.

Sopaipillas.

Am Montag startete ich nach einer Woche Santiago Richtung Valparaiso, etwa 1,5 Stunden von Santiago entfernt am Meer, wo eine Mammutaufgabe auf mich wartet: Die Suche nach einem Segelboot oder einem Frachter nach Tahiti.
Jap, ich will per Anhalter gut 8000km über den Ozean schippern.

Kurz bevor ich das Haus verlasse, hab ich nach 6 Monaten Wanderschaft Gelegenheit meinen Rucksack zu wiegen, der jetzt neue Dinge enthält. Er wiegt 18,2 Kg. Bestimmt zwei Kilo davon sind die Süßigkeiten, die mir Patricia aus Mendoza zum Abschied geschenkt hat 🙂

Es erwartet mich Valparaiso. Unesco Weltkulturerbe.

7 Gedanken zu „Superadobe“

  1. Miri, euer zusammengeschweißter Vogel ist ja total der Hammer! 🙂 Franks kleine Boulderhalle hier macht bald zu, hab ich gehört… ach Menno! Die große Konkurrenz scheint sich also auszuwirken. Und ich war schon ewig nicht mehr bouldern, leider. Sag mal, wolltest Du nicht in irgendeinem größeren Lehmbauprojekt anheuern? Oder war das schon der Aufenthalt mit dem Wändeverputzen?
    Ich drück dich ganz herzlich, viel Erfolg beim Finden einer Überfahrts-Gelegenheit 🙂

    1. Oh, das mit Franks Halle ist ja voll doof! Die war soooo schön.
      Das größere Lehmbauprojekt war genau dieses. Oder sagen wir mal so, von denen wo es konkret um Arbeit mit Lehm ging das Einzige, das mir geantwortet hat 😉

  2. Liebe Miri, das war ja wieder eine sehr ausführliche und interessante Schilderung Deiner Erlebnisse in Argentinien und Chile. Auch Deine Reisefreunde sind in Deinen Berichten sehr anschaulich, ebenso Deine vielen durchweg gelungenen Fotos. Wir freuen uns immer wieder auf die Fortsetzung. Vor allem aber wünschen wir Dir weiterhin viel Erfolg und Freude sowie viele schöne Eindrücke und Erfahrungen.
    Komm‘ jetzt gut nach Tahiti mit einem nicht so kleinen Schiff! Vielleicht kannst Du dort auch deutsche Kuchen backen? Alles Liebe und herzliche Grüße, Dein Opa und Reni

    1. Hallo ihr Zwei, schön, dass euch mein Blog gefällt. Deutsche Kuchen kann man eigentlich überall backen! Nur der Ofen ist manchmal etwas launisch…

  3. Miri!
    Notiere dir bitte die ganzen leckeren Rezepte die du lernst und mache ein miri-on-the-road-Kochbuch draus. Oder noch besser: poste sie hier und wir kochen nach ;P
    Das hört sich legga an! Komme gut nach Tahiti!!

    1. Hi Steffi! Ja ich arbeite dran, nur dass ich irgendwie nicht hinterher komm 😛 Bislang ist daher nur ein Rezept auf der Rezepte Seite, oben rechts im Menü. Aber da kommen auf JEDEN noch weitere 😉

  4. Liebe Miri, wieder mal hat uns Dein Bericht aus der prallen Welt sehr beeindruckt. Deine Texte sind so anschaulich, dass man sich Deine Erlebnisse gut vorstellen kann. Deine Bilder gefallen uns besonders gut, teilweise mit künstlerischem Eindruck. Wir wünschen Dir weiterhin eine gute Reise und freuen uns auf Deine weiteren Schilderungen. – Herzlichst Opa und Reni

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