Dies ist ein Test, wenn er funktioniert, dann könnt ihr unten den verpassten Beitrag „Auf den Spuren der Bounty 2“ lesen 🙂
Autor: mivo
Auf den Spuren der Bounty Teil 2
Ich befinde mich jetzt auf den Spuren der Bounty. Nein, nicht der Schokoriegel, sondern das Schiff. Nachdem Andy und ich uns in Vanuatu in René und Pauline verliebten, deren Schiff nach der berühmten Bounty benannt ist, beschloss ich das Buch zu lesen und stellte zu meiner Begeisterung fest, dass wir mit Kama derzeit tatsächlich auf derselben Route unterwegs waren, wie seinerzeit die historische Bounty.

Die „Meuterei auf der Bounty“ dürfte den meisten von euch ein Begriff sein. Ich unkte immer beim Abschied von „unserer“ Bounty und rief ihnen hinterher „und keine Meuterei!!“….Aber ich kannte die Geschichte im Grunde gar nicht und verschlang auf unserer nächsten Passage gierig den Roman und leider kann ich euch nun nicht vor einer Zusammenfassung verschonen:

1787. Der Kapitän der Bounty, Kapitän William Bligh, machte sich sogar schon vor der Abfahrt aus England unter seinen Matrosen unbeliebt. Fantastisch! Er war sehr streng und ein erbitterter Pfennigfuchser, gönnte seiner Mannschaft nichts – stets in der eigenen Überzeugung dies nur zu ihrem Besten zu tun. Er hielt sie ohnehin für dumm – so wie es früher in der europäischen Gesellschaftshierarchie der Fall war. Titel und Orden waren Ausdruck von Richtigkeit und Intelligenz. Ein kleiner Matrose war unterlegen und hatte nie Recht. Ein Offizier dagegen immer. Oh, irgendwie erinnert mich das an meine Kindheit, immer auf die Kleinen, hihi. Nach Abfahrt häuften sich die Unzufriedenheiten, denen Bligh mit Härte und Bestrafung statt mit natürlichem Ansehen begegnete. Es war, natürlich, ein Teufelskreis.
Der Auftrag war es für die Britische Krone in die Südsee zu reisen und dort Ableger des Brotfruchtbaums an Bord zu nehmen und in die karibischen Kolonien zu bringen, wo man sich erhoffte, mit dieser neuen Frucht, dort angebaut, den Nahrungsbedarf der Plantagensklaven zu decken. Etwa ein Jahr nach Abfahrt aus England erreichte die Mannschaft Tahiti und erlebte zum ersten Mal eine schöne Zeit. Der Auftrag verlangte es dort länger zu bleiben und so kam es, dass sich die Besatzung mit den freundlichen Tahitianern anfreundete. Die Matrosen wurden von den Einheimischen herzlich in Gastfamilien aufgenommen, lernten schnell die Sprache und suchten sich einheimische Frauen. Es ging allen gut und die Monate gingen schnell ins Land. Bei meinem Besuch habe ich die Tahitianer damals auch als sanftes, gastfreundliches Volk kennen gelernt.
Irgendwann musste das Schiff jedoch mit seinen über 1000 Brotfruchtpflänzchen weiter und es dauerte nicht lang, ehe der Unmut über die Bedingungen an Bord sich wieder zuspitzte und sich alle nach Tahiti sehnten. Bligh bestrafte seine Männer oft ohne stichhaltige Beweise, er ließ sowieso schon immer nur die geringsten Portionen verteilen, Landgang – wenn man mal an einer Insel lag – wurde nicht erlaubt, an Bord war es nun noch enger als vorher….Irgendwann verstanden selbst die Unteroffiziere ihren Käptn nicht mehr. Der Geduldigste unter ihnen, der sich auch den Respekt der Besatzung verdient hatte und das Verhalten des Kapitäns stets noch versucht hatte zu verteidigen, Fletscher Christian, hielt es eines Tages nicht mehr aus. Er fühlte sich zum wiederholten Mal falsch beschuldigt, gedemütigt und traf Vorkehrungen, um nur sich allein zu befreien und in sein neues Zuhause Tahiti zurück zu kehren. An Meuterei dachte er gar nicht. Doch sein Plan ging schief. Ein anderer Leutnant kriegte Wind von seinem Plan und sah die Chance für ALLE sich von ihrem tyrannischen Kapitän zu befreien und kurzerhand entwickelte sich ein Aufruhr mitten in der Nacht in der Nähe der Küste von Tonga. Auf einmal saß nicht Fletscher Christian in der kleinen Barkasse, um sich davon zu stehlen, sondern der Kapitän mit 18 Matrosen, die nicht an einer Meuterei mitschuldig sein wollten, auf die damals der sichere Tod stand.

Hier beginnt das eigentliche Abenteuer. Mit an Bord der Barkasse war ein wenig Wasser, kleinere Mengen Lebensmittel, etwas Kleidung. Der Zimmermann durfte sein Werkzeug mitnehmen und der Schreiber, ein Getreuer des Kapitäns, sammelte noch ein paar Unterlagen, Kompass, Log und den Oktanten ein.
An Bord der Bounty verblieben indes neben den aktiven Meuterern und den Unentschlossenen auch jene, die aus Angst vor der Todesstrafe eigentlich nicht an einer Meuterei beteiligt sein wollten, aber keinen Platz mehr in der Barkasse fanden. Nicht gerade ein Dreamteam.
Zwei Schiffe zogen nun also auseinander. Die kleine Barkasse einerseits, völlig überfüllt und nicht für die Hochsee gebaut, mit so gut wie keinen Navigationsintrumenten und gerade genug Wasser und Essen, um eine kurze Strecke zu überwältigen und das Mutterschiff andererseits, mit einer Truppe von 25 Seeleuten, die sich mit größter Sicherheit irgendwann gegenseitig die Köpfe abreißen würden, weil sie unterschiedliche Dinge wollten. Die weitere Geschichte der Bounty ist auch super spannend und natürlich ziemlich berühmt, aber ich will hier nun die Geschichte des Kapitän Bligh erzählen, denn auf dessen Route befanden wir uns nun.

Zu diesem Zeitpunkt, am 28. April 1789, war man in den Gewässern Tongas. Es waren nur wenige Meilen bis Tofua und Bligh steuerte sie an, um zu schauen, ob er Nahrung, Wasser und Waffen finden konnte. Was hatte er denn verbrochen, um dies zu verdienen? Er konnte es immer noch nicht begreifen. Er war fest entschlossen nicht auf Tofua zu bleiben sondern sich und seine Leute bis zurück nach England zu bringen um von der Meuterei zu berichten, damit die Krone nach den Meuterern suche und sie ihre gerechte Strafe, den Tod, erhalten mögen.
Tofua war eine eher karge Insel und der Erfolg war nicht so üppig wie erhofft. Als nach wenigen Tagen die Eingeborenen immer feindseliger wurden und ein Angriff sich andeutete, beschloss er schnell weiterzufahren. Ein Mann starb unter dem Steinhagel von angreifenden „Wilden“, als die Barkasse sich vom Ufer löste. Es war allerhöchste Zeit…Es hätte noch weitere Inseln Tongas gegeben, die sie hätten ansteuern können, doch Bligh war sich sicher, erst in Timor, wo es einen Holländischen Stützpunkt gab, würde man ihm helfen. Seine Mannschaft flehte ihn an: „Bring uns nach Hause“ und alle wussten was es bedeutete: volle 3000 Seemeilen lagen vor ihnen – nur bis Timor. Sie würden täglich nur eine halbe Scheibe Brot (schimmeliges natürlich) und einen halben Liter Wasser trinken dürfen, sie würden Wind und Wetter in einem Boot ausgesetzt sein, in dem jeder nur genug Platz hatte mit angezogenen Knien zu sitzen. Sie waren dem sicheren Tod preisgegeben. Bligh ließ jeden einzelnen von ihnen schwören, dass sie mit diesen Bedingungen leben würden und seinen Anweisungen folgen würden, denn er wusste, dass sich unter solchen krassen Bedingungen die Stimmung im Laufe der Zeit nur verschlechtern würde, es würde kein Honigschlecken sein, aber Disziplin und Vertrauen in seine Führung waren das A und O um überhaupt eine Chance zu haben.
Ohne Seekarte, nur mit seinem Gedächtnis von den hunderten Stunden, die er bereits die Karten studiert hatte, navigierten sie nun auf die Torres Strait zwischen Papua Neuguinea und Australien zu. Sie passierten Fiji und Vanuatu ohne Stopp und wie gerne wären sie an Land gegangen! Aber der eiserne Wille von Bligh ließ es nicht zu.
Es gab zu viel Zeit zum Nachdenken, die Wache die zum Schöpfen eingeteilt war, war fast noch besser dran als die Wartenden. Sie waren der Verzweiflung am nächsten. Der Hunger plagte sie, jedes Gramm war auf einmal kostbar. Mancher stand am Rande des Wahnsinns.
Irgendwann würden sie die gefährlichen Riffe des Great Barrier erreichen. Ab hier war alles unkartiert und weitgehend unerforscht. Früher oder später hoffte Bligh auf eine Durchfahrt zu stoßen, um dann in ruhigem Gewässer zur Torres Strait zu gelangen, womöglich sogar an Land ein paar Lebensmittel zu finden.
Schließlich wurden die Stürme und Regengüsse weniger, Vögel tauchten auf und wenn es gelang, wurde einer gefangen und gierig verschlungen. Land war nah.
Sie hatten Glück und schafften es ohne Blessuren durch das Riff – als wir mit Kama eintrafen, wurde mir umso bewusster, welch glückliche Fügung das war. Das Riff erstreckt sich über 1400 Meilen und die Brandung hat schon so manche Seele verschluckt. Die kleine manövrierunfähige Barkasse war zum richtigen Zeitpunkt, bei der richtigen Strömung und beim richtigen Wind an einer Stelle, wo sie durch eine Öffnung im Riff hindurch konnten. Vier Wochen waren seit der Meuterei vergangen.
In den nächsten Tagen segelten sie in unkartiertem, von keinem Europäer besiedeltem Gebiet. Bligh ging davon aus, dass, wenn es Einwohner gab, sie Kannibalen seien (dass dachte „man“ früher eben) und war sehr vorsichtig mit der Wahl seiner Ankerplätze. Für uns heute ist es undenkbar uns in einer Umwelt zu bewegen, über die absolut NICHTS bekannt ist. Keine Karten, Satellitenbilder, keine Google-Einträge, keine Berichte von anderen…Man weiß nicht was man essen kann und was nicht, weiß nicht, ob dort andere Menschen leben und wie sie auf Besuch reagieren. Weiß nicht welche Gefahren oder Vorzüge auf einen warten und wo. Es gibt wohl heute keinen Fleck mehr auf der Erde, der nicht bekannt, benannt und schon mal betreten worden ist – oder zumindest auf einem Satellitenfoto sichtbar ist.
Jeden Tag fuhren sie etwas weiter und noch heute tragen viele der Inseln und Landstriche noch die Namen, die Bligh ihnen damals gab: Donnerstags Insel, Samstags Insel, Restaurations Insel…
Immer wieder bin ich erstaunt, wie schnell Bligh mit der Barkasse war. Sie hatte ein kleines Segel und ein kleines Ruder und im Grunde war er damit genau so schnell unterwegs, wie wir heute. Es ist irgendwie ein schönes Gefühl, dass sich 250 Jahre später wenig daran geändert hat, wo doch sonst alles in der Welt so viel schneller geworden ist und wir uns unnatürlich schnell bewegen. Man denke allein in der Segelwelt daran, wie jedes Jahr daran gearbeitet wird, die Schiffe schneller zu machen – ja schneller als der Wind. Wir, mit unserer Dicken, bewegen uns genau so schnell wie Bligh – und ich freue mich darüber.

Eine Woche später (die ausgeruhten und halbwegs satten Matrosen hatten – nun ihrer Not auf See beraubt – wieder genug Kraft für Querelen, die Bligh durch entschlossenes Durchgreifen erstickte) hatte er die Torres Strait erreicht und bog nun Richtung Nordwesten ab, nach Timor. Wieder waren sie auf offener See. Zwar war der Lebensmut durch den kurzen Aufenthalt zurückgekehrt, aber an dem Kräfteverfall der Leute hatte sich wenig geändert, ebenfalls an den mickrigen Rationen. Hunger und Nässe, die Enge und die Kälte drohten den schwachen Lebensfunken zu ersticken.

Die Arafura See, so heißt die See hier, ist mir vor allem wegen der vielen Flauten bekannt, die an den Nerven eines Seefahrers mehr zehren, als ein heftiger Sturm. Andy und ich blieben von den Flauten verschont und schafften die Passage in etwa einer Woche. Ein Blick auf die Karte verrät etwas sehr Ungewöhnliches: trotz der großen Distanz zwischen Indonesien und Australien (750 sm – etwa 1500 km!) beträgt die Wassertiefe hier auf den ersten 500 Seemeilen weniger als 50 Meter! Man könnte quasi überall ankern oder mit entsprechendem Equipment sogar Tauchen! Mitten im Ozean!!!
Plötzlich fällt die australische Kontinentalplatte dann radikal ab, auf gut 2000 Meter Tiefe, um knapp vor der Küste der indonesischen Inseln (und mit knapp meine ich knapp im nautischen Sinne: etwa 10 Meilen) als gewaltige Vulkane wieder anzusteigen.
Bligh und seine Mannen hatten weniger Glück mit dem Wetter als wir. Sie hatten sogar Stürme, die ihr Glück noch mehr auf die Folter spannten. Doch am 40 Tag nach der Meuterei in der Südsee kam endlich das ersehnte Ende aller Leiden in Sicht, die Insel Timor. Die erbitterte Entschlossenheit dieses einen Mannes hatte nicht nur zu seinem Untergang geführt, sondern auch sein Leben und das der anderen gerettet. Sie war Fluch und Segen zugleich. Sie hatten fast 3600 Seemeilen zurück gelegt und boten einen jämmerlichen Anblick, als sie in Kupang empfangen wurden. Auf dieser Reise waren sie alle „gleich“ gewesen. Die Strapazen machten keinen Halt vor Rang und Titeln. Der Kapitän sah genauso gespenstisch aus wie die Matrosen, die teilweise gestützt oder getragen werden mussten. Aber er, Bligh, lief mit hocherhobenen Haupte allen voraus: 3600 Meilen in einem offenen Boot durch kaum erforschtes Seegebiet – er hatte es geschafft.
Im März 1790, nicht einmal 11 Monate nach der Meuterei, erreichte Bligh England. Nicht alle haben es geschafft. Zwar hatten sie die Reise bis Kupang überlebt, aber einige starben anschließend an den Folgen ihrer geschwächten Körper. Der Botaniker war noch in Kupang gestorben, wo Bligh einen kleinen Schoner erwarb und damit nach Batavia, dem heutigen Jakarta, segelte. Drei weitere starben in Batavia, wo sie „das Fieber“ bekamen und ihm zum Opfer fielen. In Batavia verkaufte Bligh den Schoner und die Barkasse und verteilte seine Leute auf verschiedene Schiffe, die auf dem Weg nach England waren. Ein fünfter verstarb auf der Überfahrt und der stellvertretende Wundarzt blieb mit dem holländischen Schiff auf dem er mitreiste verschollen. Von den 19 Seeleuten, die vor Tofua in der Barkasse ausgesetzt wurde, erreichten nur 12 ihre Heimat. Dort verbreitete sich ihre Story in Windeseile und Bligh wurde zum Held. In der Verhandlung vor dem Kriegsgericht wurde Bligh ehrenvoll freigesprochen, im Anschluss sogar vom König zum Commander, und wenig später zum Kapitän zur See befördert.
Im Anschluss verfasste Bligh ein Buch, das zum Riesenerfolg in der breiten Bevölkerung wurde. Er versäumte nichts, um auf seine Verdienste aufmerksam zu machen. Er musste eine gewisse Vorahnung gehabt haben, als er diese Schritte unternahm um sich beliebt zu machen, denn er würde die gute PR später nochmal gebrauchen.
Parallel veranlasste die Admiralität die Suche und Festnahme der Meuterer. Ein Schiff mit dem Namen „Pandora“ lief mit dem alleinigen Auftrag aus Fletscher Christian und seine „Spießgesellen“ in Tahiti aufzufinden. Vierzehn Männer fand die Pandora auf Tahiti, von den anderen – und vor allem von Fletcher Christian und von dem Schiff – fehlte jede Spur. Die Vierzehn wurden festgenommen, sie ließen ihre einheimischen Brüder, Frauen und Kinder zurück. Drei Monate jagte die Pandora durch die Südsee und suchte vergeblich nach dem vermeintlichen Rädelsführer. Schließlich ordnete der Kapitän die Rückreise an und nahm Kurs auf die Torres Strait. In einer tragischen Schreckensnacht zerbrach das Schiff auf dem Great Barrier Riff und trotz unablässigen Versuchen das Schiff zu retten, ging es mitsamt 39 Mann unter. Ob es mit einem anderen Schiffsnamen anders gekommen wäre? Von den Gefangenen, die unter miserablen Bedingungen inhaftiert waren, wurden 10 gerettet. Die insgesamt 99 Überlebenden fanden mit spärlicher Verpflegung Zuflucht auf einer Sandbank. Drei Sack Brot, ein Fäßchen Wein und einige Kannen Wasser. Es lagen 1100 Seemeilen zwischen ihnen und der nächsten europäischen Siedlung – wieder einmal Kupang auf der Insel Timor. Wieder einmal begann eine Hungerfahrt in den kleinen Beibooten. Auch diesmal gelang sie und bei Ankunft wurden die Gefangenen sofort in der Festung streng inhaftiert und anschließend über Kapstadt nach England gebracht. 1792 erreichten sie als Gefangene ihre alte Heimat und mussten drei Monate später vor das Kriegsgericht treten. Der Prozess erregte große Aufmerksamkeit. Zeugen wurden vernommen, Beweise gesucht, betrachtet – nur einer war nicht da: Kapitän William Bligh. Vier Beschuldigte wurden freigesprochen, die übrigen sechs zum Tode durch den Strick verurteilt. Doch die Wochen vergingen ehe das Urteil vollstreckt wurde und stellte die Beschuldigten qualvoll zusätzlich unter Folter. Schließlich wurden drei von den sechs vom König begnadigt (sie hatten adelige Familien, was sonst) und die übrigen drei aufs Podest geführt. Die letzten Worte, die einer der Matrosen noch vor seiner Hinrichtung ausrief, waren: „Bruder Seemann, Verlass nie deine Offiziere und sollten sie noch so sehr im Unrecht sein. Es geht nicht um sie – es geht um dein Land, dem du dienst.“ Er hatte verstanden, dass es gar nicht um seine persönliche Schuld ging, sondern um das Prinzip, um das Gesetz, um die Glaubwürdigkeit der Obrigkeit. Er sagte „Die (die Machthaber) können nicht sein ohne das Gesetz. Und das Gesetz muss erfüllt sein.“
Kapitän Bligh durchlief noch eine steile Karriere. Er wurde mehrfach befördert und endete als Gouverneur von New South Wales, der neuen britischen Kolonie in Australien. Wenngleich im Laufe der Jahre sein Ansehen in der breiten Bevölkerung geringer wurde und auch Fletcher Christian zeitweilig von manchen als Held gefeiert wurde, schätzte die Admiralität Bligh wegen ebenderselben Eigenschaften, die man ihm in der Öffentlichkeit vorwarf. Doch seine aufbrausende, häufig unbeherrschte Art brachte ihn noch einige Male in Schwierigkeiten und es gab noch zwei weitere Meutereien gegen ihn und wenngleich er jedes Mal freigesprochen wurde, so erhielt er doch schließlich eine ernste Mahnung von der Admiralität. Er starb schließlich im Alter von 64 Jahren in Australien an, vermutlich, Krebs.
Wer gerne mehr über den Verbleib der Bounty und von Fletcher Christian in diesem Abenteuer erfahren will, dem empfehle ich das Buch „Die Meuterei auf der Bounty“ von Günter Sachse. Es lässt sich sehr gut lesen, ist spannend und gut geschrieben. Ich habe es in wenigen Tagen verschlungen.

Jetzt sitze ich also wieder im Hier und Jetzt auf der Kama. Seit dem 14. Juli sind wir auf hoher See. Wir befinden uns zwischen Vanuatu und der Torres Strait. Nachts teilen wir uns in zwei Schichten auf. Ich habe gerade Nachtschicht und sitze im Cockpit und meditiere nichtsahnend mit geschlossenen Augen. Auf einmal höre ich einen Knall und kurz darauf landet etwas Schweres auf meinem Kopf und rutscht an meiner Seite herunter. Ich schreie schrill auf und mache einen Satz in entgegengesetzte Richtung. Mein Schrei hat Andi geweckt, der auf der Salonbank auf Abruf schläft. Ich fummele nach der Kopflampe, alles geht so schnell, ich weiß noch gar nicht, was das eigentlich war. Als das rote Licht meinen Sitzplatz beleuchtet sitzt dort ein großer, benommener Seevogel mit irgendwie verdrehtem Hals und halb ausgebreiteten Flügeln. Auf einmal überkommt mich eine Welle des Mitgefühls. Dieser Hals sieht nicht besonders wohlplatziert aus, der Vogel rührt sich nicht. Ich weiß nicht, ob er tot ist, oder kurz davor? Andi schaut benommen und besorgt aus dem Niedergang heraus und erstickt einen Lacher. Au weia…mir ist ein Vogel auf den Kopf gefallen. Ich beuge mich vorsichtig über meinen Angreifer und stelle fest, dass er mit vorübergebeugten Kopf aus völlig benommenen Augen durch mich hindurchsieht. Er steht ganz schön unter Schock, so wie ich, aber ich habe mich schneller wieder gefasst als er und hebe ihn vorsichtig mit einigen Kissen auf das Deck in eine halbwegs sichere Ecke in der Hoffnung, dass er sich bald erholt. Er ist in den Windgenerator hineingeflogen bei seinem Versuch auf dem Schiff zu landen. Er bleibt einige Stunden auf seinem Platz; nach und nach hebt er den Kopf etwas mehr an und irgendwann – mir entgeht der Zeitpunkt – war er weg. Der hat wohl nochmal Glück gehabt. Mit der Zeit vergeht mir jedoch die Empathie mit dem Kerl. Wir nennen den Vogel bald „Herrn von und zu Kack“, denn er besucht die Kama nun regelmäßig.

Hin und wieder besuchen uns auch Delfine oder „Falsche Orcas“, sie spielen dann eine Weile in unserem Bugwasser und wecken meine Lebensgeister. Unsere Angelversuche waren bislang nicht von Erfolg gekrönt, wir haben in 4 Tagen schon vier Köder verloren, selbst jene mit Stahlvorfach. Ich will euch sagen was das vermutlich bedeutet: was dort an- und abbeißt hat große, scharfe Zähne und ein kräftiges Gebiss – höchst wahrscheinlich Haie. Uiuiui…Da will ich gar nicht näher drüber nachdenken.


Doch irgendwann haben wir Erfolg und ziehen meinen ersten Mahi Mahi an Deck – Andis Lieblingsfisch. Er sieht wunderschön aus: golden-grün mit blauen Tupfern.
Andi bekommt wenige Tage nach dem Auslaufen eine böse Rückenverspannung, die ihn noch lange plagt. Fast zwei Wochen lang schluckt er mehrfach täglich 800er Ibuprofen und ich verabreiche ihm zwei bis dreimal täglich eine Massage. Er kann sich kaum bewegen und die Schiffsbewegungen tun ihr übriges. Meine Seekrankheit ist Gott sei Dank irgendwann vorüber und dank Andis Behinderung lerne ich vieles zu übernehmen. Sailmail klappt jetzt schon ganz gut und auch das Reffen kapiere ich jetzt, nur die Muskelkraft fehlt mir gelegentlich. Der Autopilot ist kaputt und wir steuern mit Lisbeth, unserer Windsteueranlage. Die ist ein Engel – ohne die wären wir am Arsch. So was gabs zu Blighs Zeiten noch nicht. Das ist eine raffinierte Ruderanlage, die über eine Fahne Bewegungen auf ein Ruder überträgt und das Boot steuert. Dreht der Wind, dreht das Boot. Es ist ein Autopilot, der ohne Strom läuft.
Irgendein Herr von und zu Kack kommt nun täglich. Er verbringt die Nächte auf dem Mast um sich auszuruhen und scheißt alles voll. Mit einer nach Fisch stinkenden Paste, die einem dem Atem raubt und vor allem große Mühe bereitet zu putzen, sich sogar in den Stoff und die Oberflächen hineinätzt. Außerdem stelle ich bei meinen ornithologischen Observationen fest, dass Herr von und zu Kack extrem dämlich ist. Selbst bei Tage scheitern seine Landungsversuche, er hat sich schon zum zweiten Mal selbst K.O geschlagen, fliegt mit vollem Karacho gegen den Großbaum oder die Kuchenbude (diesen schönen Namen trägt das „Zelt“ auf dem Cockpit). So langsam vergeht mein Mitgefühl für ihn – er scheint schwer von Begriff zu sein. Über Sailmail erfahren wir von René und Paulien auf der Bounty, dass auch sie regelmäßig Besuch von den Von und Zu Kacks erhalten und zwei in ihren Windgenerator geflogen sind und starben. Die ganze Art scheint nicht die hellste zu sein.

Der Wind und die Wellen nehmen zu und wir wechseln vom Vorwindkurs auf halben Wind. Die Dicke stampft glücklich mit 6-7 Knoten Geschwindigkeit durch die Wellen. Da machen wir gute Strecke. Ich merke, dass es mir an Bewegung fehlt. Mein Rücken tut weh vom vielen Sitzen und Liegen und mein rechtes Schulterblatt ist total verspannt. Ich werde schnell müde. Die Unterbrechungen des Nachtschlafs durch die Wachen führen dazu, dass man nie richtig tief schläft. Und fett und schwabbelig fühle ich mich auch! Ab jetzt gilt FDH (Friss die Hälfte)!
Die Weite des Ozeans tut gut. Die Geräusche im Boot sind so, wie ich mir den Mutterbauch vorstelle. Das Schaukeln des Bootes macht die Augen schwer. Ich denke an viele Menschen, die ich kennengelernt habe. Kurze Bilder der Erinnerung. Der Blick auf die Wellen – wie der Blick in ein Lagerfeuer – sieht sich niemals satt daran. In sanften Pustern die Brise, die zwischen den Wellen das Boot vorwärts schiebt. Schuuuuh. Schuuuuh. Hin und wieder ein helles Klatschen, wie die Triangel in einer Symphonie.
Am achten Tag fliegt ein Flugzeug ganz tief über uns und verschwindet. Erst denken wir es sei eine ungewöhnlich tief fliegende Passagiermaschine. Doch wenige Minuten später kam sie nochmal und schien zu sagen: „Leute, wacht auf!“. Wir schalteten unser UKW-Radio auf Kanal 16 ein, der internationale Sender für die Kommunikation auf Schiffen und erhielten sofort Verbindung mit einem netten Australier an Bord des Donnervogels. 500 Kilometer vor der australischen Küste wurden wir nun nach unseren Namen, Heimathafen, letzten und nächsten Ports etc. gefragt. Wurde aber auch Zeit! In Neuseeland belatscherten sie uns schon 800 km vor der Küste!
Seit einem Tag haben wir Windstärke 6-7. Die Wellen werden auch langsam größer, Sonne hatten wir seit zwei Tagen nicht mehr, dafür häufig Regen. Aber es ist warm und wir sitzen nur im Schlüpper und T-Shirt da. Wir müssen auch nicht Schöpfen, wie Bligh und seine Gefährten…
Ich freue mich auf Australien wie auf einen liebgewonnenen Freund. Aufgeregtes, neugieriges Wohlwollen breitet sich in mir aus. Wie mag die Küste hier oben aussehen? Das Great Barrier Reef? Sind viele Boote unterwegs? Wie dicht ist die Küste besiedelt? Gibt es Krokodile?
Australien
Das Great Barrier ist hier oben, so weit im Norden, eigentlich nur auf der Seekarte spannend, wie ich schnell feststelle. Wir sind ganz aufmerksam und wachsam, als wir durch die Passage unserer Wahl segeln. Auf der Karte sieht es halsbrecherisch und eng aus. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Man sieht kein Riff – oder nur hin und wieder – dort wo Wellen in der Distanz brechen. Genau darin liegt wahrscheinlich die Tücke. Aber anders als Bligh haben wir ja Karten und die sind verlässlich. Wir könnten quasi nur nach dem Monitor durch fahren, ohne auch nur einen Blick hinaus zu werfen. Was ist nur aus uns Piraten geworden. Verweichlichte Bildschirmgucker aus Zucker.
Das Riff sieht man eigentlich gar nicht, so breit ist die Passage und dahinter erwartet uns nicht die ruhige Lagune aus den Reisemagazinen mit bunten Fischchen und Korallen. Der Wind hat über die letzten Tage stetig zugenommen, selbst hinterm Riff, von wo aus es immer noch an die 70 km bis zum Festland sind, bauen sich die Wellen auf und das Wasser ist trüb, wie in einer Waschmaschine. Wir haben Windstärke 6-7, also um die 70km/h und freuen uns nach 10 Tagen auf See und 1495 Seemeilen erstmals wieder auf eine Nacht ohne Schaukelei.
Die Margaret Bay, in der wir Ankern, ist riesig. Wir sind auch nicht die einzigen. Obwohl wir hier nicht die volle Windkraft abbekommen, ist es immer noch windig und ungemütlich. Die Dicke liegt stramm an ihrer Ankerkette. Jetzt erstmal ein Feierabendbier. Wir haben den ersten Abschnitt geschafft!
An Land dürfen wir in Australien nicht. Wir haben lediglich Transiterlaubnis und verbringen die ersten drei Tage in der Margareth Bay und ruhen uns aus. Der Wind ist eh zu kräftig, um weiter zu segeln. Die Dicke wird ein wenig verwöhnt, wir checken nochmal alles durch: GPS, Radar, Lisbeth, Angeln, Salon putzen und Wäsche…und Grillhuhn und ein frisches Brot.
Am dritten Morgen machen wir uns wieder vom Acker. Keine 20 Minuten nach Abfahrt stellte ich bestürzt fest, dass Lisbeths Ruder sich gelöst hat. Herrje! Immerhin hat es eine Befestigungsleine und ist uns nicht verloren gegangen. Es treibt hinter dem Heck. Was für ein Schreck! Aber nun heißt es handsteuern, denn der Autopilot ist ja auch kaputt. So war das also früher!!! Kein Wunder, dass es an Bord immer mehrere Steuermänner gab, das ist nämlich nach kürzester Zeit schon sehr anstrengend! Andi und ich wechseln uns alle 20 Minuten ab.
Im Kalender steht:
12:51 Ankern vor Bush Island. Es windet sehr – da kann man das Brathuhn gar nicht vernünftig essen. Heute gibt es selbstgemachtes Sauerkraut. Die gesamte Besatzung leidet an VERSTOPFUNG.
Die Fahrt ums Nordkap Australiens ist bis auf die Schwierigkeiten der Nahrungsaufnahme relativ langweilig. Man ist zu weit weg, um Land zu sehen und es gibt keine weiteren Ankerplätze, um anzuhalten. Erst ganz oben in der Meerenge gibt es wieder viele kleine Inseln. Das sind Blighs Wochentagsinseln. Tuesday Island, Thursday Island etc. Das Kap selbst ist größtenteils unbewohntes Naturschutzgebiet und wir sehen keine Menschen. Erst am letzten Tag vor der Abfahrt in die Torres Strait und Richtung Indonesien sehen wir welche. Die üblichen australischen SUVs, diese fetten Raumschiffe mit Dachzelt und Grill ausgestattet, die über Stock und Stein bis an den Strand fahren. Ein paar Wanderer gehen triumphierend und feierlich die letzten Meter bis an die Spitze. Wir sind an Cape York, dem nördlichsten Punkt Australiens. Hier verbringen wie unsere letzte Nacht in einer pittoresken Bucht mit Schluchten, die an Skulpturen erinnern. In dieser Nacht haben wir über meine australische Simkarte Internet. Das erste Mal seit drei Wochen können wir ein paar Textnachrichten verschicken. Ein Luxus.
1.Juli 2019
Wir befinden uns auf der Arafura See. Ich schreibe in mein Tagebuch:
Für 530 Meilen ist das Wasser nur 10-50 Meter tief. Wir segeln über den versunkenen Kontinent Pangaea, oder wie der hieß. Das wird ja ein Vergnügen. Wir haben nämlich Starkwindwarnung und segeln gerefft. (Bei starkem Wind und niedriger Wassertiefe bauen sich die Wellen stärker auf).
Seit etwa 7-10 Tagen habe ich Verstopfung. Erst fiel es mir gar nicht auf. Heute habe ich erstmals ein Zäpfchen genommen, aber selbst das half bislang nicht.
Vor zwei Tagen, beim Durchfahren der Torres Strait, fingen wir unseren bisher größten Fisch. Beinahe zog er die komplette Schnur von der Rolle. Wir wissen nicht, was für einer er war. Ich sah ihn nur zwischen dem Chaos. Ich musste steuern, waren wir doch gerade dabei vor Starkwind in den schmalen Yule Kanal zu segeln. Es war der denkbar schlechteste Moment um einen Fisch zu fangen. Aber das neue Stahlvorfach und Andis Kurbelkraft haben gesiegt. Nach etwa einer Stunde hatten wir Fisch für eine ganze Fußballmannschaft.
Gestern gabs Milchreis =) Sooo lecker. Muss ich echt häufiger machen. Nur hilft das nicht gegen Verstopfung ^^

Als wir nach einer Woche segeln ohne weitere Schwierigkeiten in den frühen Morgenstunden auf Saumlaki zusteuern, scheint zunächst einmal alles wie am Schnürchen zu laufen. Wir haben gute Sicht; das war uns wichtig, schließlich warnen alle vor den FADs, die schon so manchen Segler in die ewigen Fischgründe beförderten. Das sind kleine Fischfanginseln, Marke Eigenbau, nachts unsichtbar. Das ist das Problem. Wir passierten sie daher bei Tag und näherten uns dem Hafen. Weit und breit erkannten wir nicht die Anlagen, nach denen wir Ausschau halten sollten, um einzuklarieren. Keine Quarantäne Boje, auf meine Radiorufe reagierte keiner, überhaupt hörte man keinen anderen Schiffsverkehr. Die Leute auf den Fähren und den Mauern stierten uns an, aber keiner lächelte oder schien irgendwie zu begreifen, dass wir Suchende waren. Ich winkte – aber kaum einer winkte zurück – was für ein Dämpfer! Nach drei Wochen auf See denkt man, die Leute freuen sich genau so sehr darüber besucht zu werden (und dann auch noch von einem feschen Segelboot), wie wir uns freuen, endlich anzukommen. Vor allem nach Vanuatu, wo wir überall und immer das Gefühl hatten Willkommen zu sein, war das eine Ernüchterung. Hier wehte ein anderer Wind.
Andi bog ins Hafenbecken ein, auf einmal machte es einen Ruck und wir hatten Grundberührung! Haha, zum Glück nur im Schlick. Die Leute nahmen endlich Notiz, aber nicht gerade freundlich. Sie gestikulierten wild nach draußen und diagonal über die Bucht. Niemand konnte Englisch.
Für mich ist das eine Umstellung. Es ist das erste Mal (!!) seit meiner Abfahrt, dass ich in einer Gegend unterwegs bin, in der ich nicht halbwegs die Sprache verstehe. Wahnsinn!
Wir irrten noch eine Stunde durch die Gegend, aber wir hatten ein seltsames Bauchgefühl. Irgendwie fühlten wir uns hier nicht willkommen. Andi beschloss die Reise fortzusetzen und weiter zu segeln. Nur wohin?! Wo einklarieren?
Ich setzte mich an den Kartentisch und durchstöberte alle Informationen, die wir hatten. Schrieb an die Bounty, schrieb an Yasha und meine Mutter mit der Bitte für uns zu recherchieren, las mich durch meine Aufzeichnungen und Andis Bordbücher. Ein, zwei Stunden später stand unser neuerKurs fest: neues Ziel Timor. KUPANG! Wenn das nicht ein Zufall ist. Wie vor 230 Jahren die Barkasse von Käptn. Bligh. Noch 500 Seemeilen. Inzwischen klingt das nach wenig.

Die Seemeilen zogen sich dann doch in die Länge. Nach Abfahrt aus Saumlaki nahm nämlich mit jeder Stunde der Wind ab. Erst 10-12 Knoten, dann nur noch 8-9 und schließlich nur noch 3-6 Knoten. Andi bekam schlechte Laune. So kenne ich ihn nicht. In Zukunft würde ich das häufiger erleben. Bei Flaute bekommt Andi ganz ganz ganz miese Laune. Allerdings plagte ihn auch akute Faulheit. Ich drängelte und wollte Segel wechseln. Es ist ja nicht so, dass wir keines hätten für Leichtwind. Aber Andi tat sich schwer mit der Entscheidung und wir dümpelten noch mindestens einen Tag so vor uns her. Ich machte nun bei kaum noch Seegang gelegentlich ein wenig Gymnastik auf dem Achterdeck. Denn laut meinem Offline-Wikipedia kommt Verstopfung u.A von zu wenig Bewegung. Das trifft ja mal 100 prozentig zu. Auch traue ich mich bei der flachen See erstmals wieder zu Kaffee. Der hilft auch. Und rote Beete.
In der Nacht haben wir beinahe einen Fischer erwischt. Sein kleines, offenes Boot war nicht, oder nur schwach beleuchtet. Ich vermute fast, dass er nur eine kleine Handlampe hat, die er nur anmacht, wenn er ein anderes Boot sieht. Dann muss man natürlich auch genau zu richtigen Zeit hinschauen. Ich sah ein Licht, es war direkt vor uns, aber die Nacht so dunkel, dass es noch sehr fern wirkte. Ich löste das Steuer und bog nach Backbord ab, nicht eine Sekunde zu spät, denn kurz darauf sah ich auf Steuerbord nicht nur das Licht, sondern auch das Bötchen und den Fischer – so nah war es schon! Nur etwa 50-70 Meter rechts von uns. Puh, da war ich für einen Moment ganz schön froh.

8. Juli 2019
Wir sind kurz vor Kupang. Würden wir „Durchballern“, wie unser Freund Basti auf der FRIDA zu sagen pflegt, kämen wir im Dunkeln an. Darum steuern wir auf die Ostküste der vorgelagerten Insel Roti an. Sieht auf Navionics aus wie eine schmucke Räuberbucht. Wollen dort ankern. Seit Australien das erste Mal. Wie lange ist das jetzt her? Man verliert das Zeitgefühl. Man erinnert sich an die Tage auf andere Weise; vor zwei Tagen, als wir Flaute hatten und schwimmen waren; damals als Lisbeths Ruder zum zweiten Mal abging; als wir beinahe das Fischerboot umnieteten…

Gestern war auch so ein einprägsamer Tag. Da habe ich den selbstgemachten Frischkäse im ganzen Boot verschüttet. DAS sah aus! Musste sogar unter den Bodenbrettern putzen.
Andis Rücken ist besser, meine Verdauung ebenso. Die Flaute ermöglicht mir das regelmäßige Gymnastikmachen und vorgestern habe ich sogar auf dem Vordeck mit meinen Pois getanzt.

Am 9. Juli erreichen wir nach 27 Tagen auf See Kupang. Ein paar andere Yachten liegen auch schon in der Bucht und winken freundlich rüber. Das fühlt sich viel besser an als bloody Saumlaki und ich stelle mir vor meinem inneren Auge vor, wie Kapitän Bligh mit seinen ausgemagerten Gespenstern hier in die Bucht gekommen ist. Manche empfanden Mitleid, andere Abscheu und Ekel vor diesen erbärmlich aussehenden Gestalten. Nur die Uniform des Kapitäns verriet die Herkunft und Stellung des Frontmanns. Auch wir dürfen nicht sofort an Land – wir müssen uns an die Gepflogenheiten der Seefahrer halten und hissen unsere gelbe Flagge. Am nächsten Morgen gehen wir zu den Behörden.
Im Logbuch steht: 2834,5 Seemeilen. Meine längste Strecke in einem Stück ohne Landfall. Hurra!