​Tag 6, 7, 9 und 10

Tahira und ihre Opponenten

Ich habe das Gefühl, die Zeit vergeht nicht immer gleich schnell. Inzwischen fällt es mir schwer, euch täglich auf dem Laufenden zu halten, denn die Tage vergehen immer schneller. Wie in einem Strudel, wo das Wasser am Rand noch langsam fließt, inzwischen bin ich in der Mitte und werde bald in die Tiefe gezogen. Diejenigen, die tiefer im Tapati stecken als ich, fühlen das ja noch mehr. Sie schlafen kaum noch, wissen nicht mehr wo ihr Zuhause ist, kämpfen von einem Tag zum nächsten. Am Donnerstag ist der große Umzug, die Farandula. Das ist der Tag an dem wir alle in den Strudel gezogen werden.

Tag 6+7

Diese Tage wollte ich euch ja nachreichen.

Mittwoch: Vormittags fanden drei Meereswettkämpfe statt. Das traditionelle Angeln, vom Ufer aus ohne Rute, nur mit Schnur und Köder, Harpune und Moränenfang für die Kinder.

Ich habe die Wettkämpfe nicht gesehen, bin stattdessen mit Felipe, Meras Mann und seiner Tauchtruppe mit dem Boot rausgefahren und bin ein wenig schwimmen gegangen. Das hat auch Spaß gemacht und ich habe ein wenig Farbe bekommen. In den letzten Wochen habe ich mich nur partiell gebräunt, was dazu führte dass ich eine ziemlich witzige Erscheinung war. Meine Beine sind bis zu der Mitte der Oberschenkel braun, aber nur vorne, und mein Oberkörper ist nur ab dem Dekolleté braun und man sieht auch die Ärmel 😛

Diese morgendlichen Disziplinen werden alle nach Gewicht entschieden und Tahiras Leute haben gewonnen.

Am Nachmittag fanden parallel zwei Aktivitäten statt, die von Juroren entschieden wurden. Die Konfektion von Trachten mit traditionellen Materialien: Federn, Mahute und Kakaka. Und parallel die Holzbildhauer, die entweder einen Mangai (Angelhaken)  oder einen Reimiro (das Wahrzeichen der Insel, ein Boot mit zwei Gesichtern an den Spitzen, die nennt man Bug und Heck, oder??). Man hatte 3 bzw. 2 Stunden Zeit, um sein Werk zu schaffen. Die Trachten durften Zuhause vorbereitet werden, müssen dann vor Ort aber fertig gestellt werden. Es durften Nähmaschinen, Scheren, Faden, Nadeln, Klebstoff und so weiter benutzt werden, aber man muss eigenständig arbeiten und keine Hilfe von anderen Leuten erhalten. Die Schnitzer bringen das Holz ihrer Wahl und ihr eigenes Werkzeug mit. Es werden keine elektrischen Maschinen erlaubt.

Als die Zeit um war, wurden die Werke auf Tischen ausgestellt und die Juroren traten an, um sich ein Bild zu machen. Jessica unsere Schneiderin belegte den dritten Platz mit ihrem Federwerk, und auch in Mahute und Kakaka erhielten wir Plätze, dennoch gewann insgesamt Weiß mit mehr Punkten. Auch bei den Holzarbeiten hat Weiß gewonnen.

Bei den Schnitzern mussten auch die beiden Aitos mitmachen und einen Angelhaken schnitzen. Fer hat verloren und ich fand es ausnahmsweise gerechtfertigt. 😛
Abends war dann der von vielen Rapanui heiß ersehnte Koro Haka Opo dran. Das ist ein Liederabend bei dem jede Seite einen Chor zusammenstellt, abwechselnd muss jede Seite je zwei Lieder singen. Jede Seite hat ihre eigenen Musiker und wer tanzen will, darf tanzen, es wird geklatscht und improvisiert. Es wird so lange gesungen, bis eine Seite ein Lied singt, dass bereits gesungen wurde. Da dies manchmal die ganze Nacht dauert und sich bis in die frühen Morgenstunden zieht, halten sich die Teilnehmer mit Drinks bei Laune. Sie werden also immer geselliger und fröhlicher. Kein Wunder, dass sich alle auf den Koro Haka Opo freuen. 😉 Und es ist obligatorisch in festlicher Kleidung teilzunehmen. Dieses Jahr haben sie ein Maximum von 4 Stunden festgelegt und schließlich über die Juroren entschieden. Das Ende habe ich gar nicht mehr mitbekommen, weil ich um Mitternacht gegangen bin. Wenn man die Texte nicht versteht, klingt alles gleich. Am Ende gewannen Tahiras Leute.

Tag 7:

Donnerstag früh fanden alle möglichen Wettkämpfe parallel statt. Ich bin auch diesmal nicht hingegangen, obwohl es mich durchaus interessiert hätte, es zieht sich nur immer alles so in die Länge! Es waren wieder allerlei Handarbeitsaufgaben dran: Muschelketten, Blumenkronen, traditionelle Hüte (also aus Naturmaterialien, meist geflochten und gesteckt), sowie das Schnitzen von Rongo Rongo Tafeln. Von allen polynesischen Völkern sind die Rapanui die einzigen, von denen man annehmen kann, dass sie eine Schrift hatten. Man hat zwei (?) Holztafeln entdeckt mit Hieroglyphen, die bis heute nicht enträtselt sind. Das wäre was für Ephra, gell? Willst du dich mal dran probieren?? Auf jeden Fall war das Schnitzen einer solchen Tafel auch dabei. Ob es dabei egal ist, welche Zeichen die Bildhauer nehmen, weiß ich nicht, es würde ja bedeuten, dass da reiner Blödsinn steht. 😛 Vermutlich geht es nur um die kunsthandwerkliche Qualität des Exponats.

Abends mussten die vier Kandidaten auf den Catwalk und Kleidung aus Kakaka und Federn präsentieren, über diesen Wettkampf hatte ich schon berichtet.

Tag 9:

Tag 8 war ja die Famose Hokonacht, in der die Stimmung ihren Höhepunkt erreichte. Der Tag danach war wettkampffrei und Vero und einige anderen aus Tahiras Spitze nutzten den Tag, um eine offizielle Beschwerde bei der Wettkampfkommission einzureichen, während am Strand von Anakena ein Umu und ein Fest für „das Volk“ veranstaltet wurde. Da gab’s umsonst Essen, Trinken, Musik und Shows, aber auch das habe ich mir gespart. Anakena an einem solchen Tag zu besuchen ist nur für Leute, die Massenbaden genießen, man sieht den Sand vor lauter Haut nicht mehr.

Sonntag, Tag 10

Haka Pei

Dieser Wettkampf ist, wie der Vulkantriathlon, eine Legende. Er findet am Maunga Pui statt, einem der steilsten Hügel der Insel. Die Sportler müssen Bananenstämme den Hang hochschleppen, um sich aus jeweils zwei Stämmen einen Schlitten zu bauen. Auf diesem rutschen sie in einer selbstmörderischen Geschwindigkeit den Hang hinunter. Wer am weitesten rutscht, gewinnt. Der Wettkampf selbst besteht nur aus der Abfahrt, die Vorbereitung der Schlitten muss aber vor Ort erfolgen.

Letztes Jahr ist ein Teilnehmer schlimm verunglückt und hat bis heute mit den Folgen zu kämpfen, weshalb der Wettkampf nur noch der Tradition halber fortgesetzt wird, nicht aber in die Bewertung der Teams einfließt. Mit dem Fahrrad sind Hugo, der ebenfalls bei Tahira mit aushilft, und ich die Strecke zum Pui geradelt und dann den Hügel hochgestiegen, um den Schlittenbau zu betrachten.

Die Steigung des Hangs war furchteinflößend und ich fragte mich, wie es überhaupt erlaubt sei, diesen Wettkampf zu veranstalten. Da es zu steil war, um von dort oben die ganze Strecke einzusehen, stiegen wir zur Hälfte wieder ab. Doch auch von dort aus sah man die Schlitten schlecht, da das Gras zu lang war. Als wir schließlich einen guten Platz hatten, endete die ganze Veranstaltung bereits, denn aufgrund der Tatsache, dass es eine Spaßveranstaltung war, hatten weniger Leute teilgenommen. Nichts desto trotz fand ich den Ausflug lohnend. Der Ausblick über die Insel hat gut getan und auch die sportliche Anstrengung 🙂

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Ich will noch eine Frage beantworten, die mir zugeschickt wurde. Ja, die Sieger bekommen eine Krone und sind für ein Jahr Königin und König. Die Krone der Königin sieht aus als wäre sie aus Lebkuchen 😛 Abgesehen von der Freude dieses Fest zu gewinnen, bekommen sie aber auch noch einige Preise, über die ich mich erst noch informieren muss, aber in der Vergangenheit war es ein Preisgeld, eine Reise oder ein Auto. Wie das jetzt ist, wo immer zwei Personen gemeinsam antreten, weiß ich nicht. Bei vielen Wettkämpfen erhalten die Teilnehmer unabhängig vom Ausgang der Tapati als ganzes für die ersten Plätze Preisgelder. Diese sind teilweise recht hoch, bis zu 1500€ ist was dabei.

Die Lebkuchenkrone der amtierenden Königin 😛

Tapati Tag 7+8

Tahira spielt Mundharmonika

Hey Leute, ich hinke etwas hinterher und werde euch jetzt erstmal den Bericht von Donnerstag und Freitag geben, der von Mittwoch kommt hinterher geschoben. Es ist grade extrem spannend und es geht hoch her.
Freitag, Tag 8

Heute ist ein alles entscheidender Tag. Seit Mittwoch sind beide Teams dicht beieinander, das Gefühl immer hinten zu liegen hat anscheinend getrübt. Derzeit liegen wir mit ca 200 Punkten sogar vorne, doch das ist nichts verglichen mit den Punkten, die wir heute machen müssten, um die Pleiten der Tanzgruppen zu kompensieren, die vorhersehbar sind.

Folgendes Problem haben wir: in den meisten Disziplinen, die von Juroren entschieden werden, verlieren wir, was schon irgendwie nach Betrug stinkt. In den Wettkämpfen, in denen es nach Gewicht, Größe etc. geht, also nach messbaren Größen, gewinnen immer wir. Unser größtes Problem sind die drei Tanzgruppen. Ich hatte bereits berichtet, dass meine Gruppe und die der Kinder verloren hatten. Diese Tänze sind mit die wichtigsten Säulen der Bewertung und es ist schon auffällig, dass wir jedes Mal Punktabzug bekommen, die anderen jedoch stets die volle Punktzahl. Darum ruhten alle Hoffnungen auf dem gestrigen Abend, auf der dritten und letzten Tanzgruppe, den Jugendlichen.

Tag 7

Tiare und Petero, die Weißen, haben die Modeschau gewonnen.

Der Abend begann mit einer Modeschau, die Weiß gewann. Gefolgt von Kaikai, den Rezitationen mit Fadenspiel, die glücklicherweise wir gewonnen haben. Als die Tänze losgingen war es bereits nach Mitternacht. Weiß war zuerst dran (was ich schonmal nachteilig finde, dass immer sie anfangen, es sollte sich abwechseln). Das Publikum war schon ganz aufgeregt. Als die Jungs und Mädels auf die Bühne kamen, tobten die Zuschauer und ihr Auftritt war wirklich gut. Die Bewertung erfolgte nicht direkt. Es waren zuerst wir dran (was wieder seltsam ist, bei allen anderen wird kein Raum für den Vergleich gegeben. Alles wird sofort bewertet.)

Team Weiß, die Jugend führt einen schönen Tanz auf.

Unsere Truppe erschien (die Kostüme sahen nach der Panik der letzten Tage echt gut aus) und legte los. Der Anfang war etwas träge, aber es steigerte sich so hoch, das das ganze Publikum mitklatschte und tanzte und Party machte. Es sah klasse aus, als diese Riesenmasse einen Hoko aufführte und ihnen gelang der Ein- und Ausgang viel besser als uns Alten. Es war ein rundum gelungener Auftritt. Die Musik endete und die Tänzer leerten die Bühne. Stille trat ein, als die beiden Leiter nach vorne kamen, um die Bewertung abzuwarten. Zuerst Team Weiß. Es war muchsmäuschenstill und die Juroren vergaben sowohl für die Musik als auch die Tänze jeweils die Maximalpunktzahl.

Die „roten“ Jugendlichen rocken die Bühne.

Langsam bewegte ich mich durch das aufgebrachte Publikum Richtung Backstage. Die meisten Gesichter waren enttäuscht und leer. Jede der Tanzgruppen muss zwar ein zweites Mal tanzen, ehe die Punkte endgültig sind, aber es scheint aussichtslos die Jury noch zu überzeugen. Böse Zungen sagen sie seien gekauft.

Es war bereits 02:30 als ich Richtung Heimat fuhr. Aber ich war noch zu aufgewühlt, um mich direkt ins Bett zu legen. Ich legte mich unter die Palmen und starrte in den Sternenhimmel.

Heute Früh wachte ich auf, um festzustellen, dass direkt vor Meras Haustür ein Wettkampf zu Gange war. Ich zog mich schnell um und kam gerade rechtzeitig, um die Ankunft der Läufer mit zu bekommen, die einen Staffellauf mit Bananenstauden über ca 2 km gemacht hatten. Weiß belegte den 1. und 3. Platz, Rot den 2. und 4.

Die ersten Läufer der „Bananenstaffel“ ^^ treffen ein.
Tahira fiebert mit.

Vero winkte mich zu sich und fragte mich, ob ich ihr helfen wolle, die Punkte der letzten 24 Stunden zusammen zu rechnen. Wir setzten uns ins Auto und rechneten. Da war die Überraschung groß, als wir feststellten, dass wir um 200 Punkte vorne liegen. Sollten alle drei Tanzgruppen allerdings beim zweiten Versuch wieder verlieren, liegen wir 6000 Punkte zurück. Da es wie gesagt wahrscheinlich ist, dass wir sie verlieren, müssen wir heute die Regatta und den Hoko definitiv gewinnen, um die Differenz zu verringern. Darum sitzen wir grad auf heißen Kohlen. In 30 min beginnt die Regatta.

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Ich habe mich gut platziert und sitze auf einer kleinen Landzunge, dort wo die Bucht zum Hafen am engsten ist und wo die Ziellinie ist. Entgegen meiner Erwartung gibt es noch nicht einmal eine Zielschnur. Sollten zwei Boote um die letzten Zentimeter kämpfen, gibt es keine harten Fakten.

Diesmal handelt es sich aber nicht um das Hoe, sondern um Rudern, wie wir es schon eher kennen. Die Ruderboote wurden extra in den letzten Wochen in Handarbeit angefertigt, denn sie müssen aus Holz sein und nach alten „Fischeregeln“ gebaut.
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Die Regatta war teilweise recht spannend. Manche Teams wurden in allerletzter Minute zusammengestellt, und obwohl ich noch in der Früh Vero gefragt hatte, ob ich mitrudern dürfe, ist daraus nix geworden. Als ich das Last-minute -Team dann auf dem Wasser gesehen habe, dachte ich, dass ich da auch locker mitrudern hätte können, die waren so schlecht! Beinahe hätten sie sogar das Boot gehimmelt! Am Ende haben wir aber insgesamt gewonnen und waren überglücklich. Das war bitter nötig, um einerseits die Moral zu heben und andererseits die anderen Pleiten aufzuholen.

Als Tio Lynn, unser Tanzgruppenleiter, uns nachmittags alle zu einer Krisensitzung einberief, teilte er uns mit, dass es aussichtslos sei die Disziplinen zu gewinnen, die von Juroren bewertet werden und forderte uns auf alle Freunde, Verwandten und Familien zu mobilisieren, damit sie Ende nächster Woche beim Umzug auf unserer Seite mitlaufen. Beim Umzug bekommt jeder Mitläufer Punkte, je mehr man hat, desto mehr Punkte also. Es wird unsere letzte Gelegenheit sein das Tapati zu gewinnen, wenn es dabei bleibt, dass wir nur die Wettkämpfe ohne Jury gewinnen.

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Es ist Abend und der Hoko steht an. Beide Gruppen (min. 20 Personen) werden sich gegenüber stehen. Der Hoko ist eine der ältesten Überbleibsel der Rapanui-Kultur und eine meiner Lieblingsdisziplinen. Er wird ausnahmsweise nicht auf der Hauptbühne aufgeführt, sondern direkt vor Meras Haustüre vor einem Ahu mit Moai, ein imponierender Standort.

Kurz vor Beginn treffen sich alle Wettkämpfer, um sich in Kisis Hof zu bemalen. Beim Hoko sind die Krieger (Männer, Frauen und Kinder) in der Regel ganzkörperbemalt und mit wenig oder gar keiner Kleidung. Sie tragen Waffen, also Stöcke und machen hauptsächlich Lärm und alle die gleichen Bewegungen und rufen dabei ein Kampflied. Die Farben (Ki’ea) sind Erdfarben, schwarz wird aus zermahlener Kohle gewonnen. Mit etwas Wasser und Zucker angerührt, damit es besser hält, bekommt man eine flüssige Farbe, die mit den Händen oder Pinseln aufgetragen wird.

Zunächst trat eine Truppe von den Marquesas auf, sie nehmen nicht am Wettkampf teil. Dann waren wir dran. Tio Lynn betrat als Anführer die Fläche, sein Gefolge formierte sich zu einem Block. Er eröffnete den Hoko mit einem kurzen Monolog, dann übernahm Hotu als „Oberkrieger“ die Leitung. Es war zum furchteinflößen und die Truppe hatte sich gut vorbereitet. Die Choreographie war sehr bildlich und lesbar: „wenn du auch nur wagst mein Territorium zu betreten, dann jage ich dich mit meiner Lanze, verprügel dich, und reiße dir die Augen aus dem Schädel! Das hier ist mein Grund und Boden! Wuuuaaaaaaaa!“ Die Augen weit aufgerissen und die Zungen rausgestreckt, alle im Chor die Sätze rufend. Dann kam die zweite Gruppe, ebenfalls von einem „Häuptling“ und einem „Oberkrieger“ angeführt. Ihre Körperbemalung war weiß (unsere Rot ;-)) und sie führten ebenfalls einen Hoko auf. Einen, den ich zumindest vom Text her schon oft gehört habe. Ihre Truppe bestand aus reinen Männern, sie waren mehr als wir, aber unkoordiniert und durcheinander. Dann waren wieder wir dran und dann nochmal sie. Dem Publikum gefiel offensichtlich der Hoko der roten Krieger, denn er hatte Höhepunkte und starke Gebärden. Die Weißen hatten immer das Gleiche und hatten sich nicht viel Mühe gegeben eine Choreographie zu entwickeln und das Publikum klatschte nur verhalten. Ich erfuhr später, dass sie ihren Hoko erst am gleichen Tag einstudiert hatten, ob das stimmt weiß ich nicht. Ich dachte es würde noch weiter gehen, als bereits die beiden Moderatoren wieder auftraten und die Juroren aufforderten ihre Punkte hochzuhalten.

Da wir nicht auf der Hauptbühne waren, gab es keine Videoübertragung und ich streckte mich und suchte die Juroren, doch fand sie nicht, weshalb ich von meiner Position aus nicht erkannte was die Weißen, die zuerst bewertet wurden, erhielten. Die Moderatoren wiederholten auch nicht das Ergebnis und es wurde mit rot fortgefahren. Plötzlich jubelten alle Weißen und fielen sich in die Arme, während die roten still und regungslos blieben. Das reichte aus um alles zu verstehen. So wir mir ging es wohl einem Großteil des Publikums, das völlig empört und aufgebracht anfing Radau zu machen, zu pfeifen, buhen und „jurados comprados!“ (gekaufte Juroren!) zu brüllen, als uns allen aufging, dass wieder einmal Weiß gewonnen hatte. Aber im Gegensatz zu dem Abend nach dem Tanz der Jugendgruppe, ging es heute richtig ab. Einige Zuschauer stürmten zu den Juroren, andere zu den Kriegern, andere, wie ich, zu ihren Freunden, um mit ihnen aufgeregt zu diskutieren, was grade passiert war, doch ich kam gar nicht so weit, denn im Publikum bildete sich eine Masse, die rhythmisch klatschend „Injusticia!“ riefen und ihrem Ärger Luft machte. Als ich schließlich die anderen fand, bewegten sich Hotus und Fers Mutter und Tahiras Tante gerade zu den Juroren, um mit ihnen zu streiten und die Gründe für die Punktabzüge zu erfahren. Unter Tränen machte Nini, Tahiras Tante, ihrem Ärger vor den Juroren Luft und fragte sie, ob sie sich nicht langsam schämten Abend für Abend so parteiisch zu sein.

Ich schnappte wenig auf, nur der Begriff „Koordination“ fiel immer wieder und Hotus Mutter, die wütend sagte, dass die Weißen unkoordiniert gewesen seien und nicht wir.

Ich erfuhr, dass Weiß wieder einmal volle Punktzahl erhalten hatte und wir 3Punkte Abzug.

Das ist eine Frechheit, denn es gab einige Punkte, die für uns sprachen. Abgesehen von der besseren Choreo, sollte es zumindest einen Bonus dafür geben, dass Tahira und Fer am Hoko teilgenommen haben. Sie nehmen stets an allem teil, egal wie gut sie darin sind, oder wie müde. Bei den Weißen hat weder der Aito noch Tiare teilgenommen, die auch die Regatta nicht mitgemacht hat. Desweiteren bestand unsere Gruppe aus Frauen, Kindern und Männern, es haben alle den Text gesprochen und nicht nur ein paar wenige und von der Koordination ganz zu schweigen.

Ich blieb noch eine Weile, ging dann aber zu Kisi, wo sich die Krieger grade duschten. Die Hilflosigkeit stand den Leuten ins Gesicht geschrieben. Fers Vater, der sich die ganzen letzten Niederlagen zusammengerissen hatte, konnte die Ungerechtigkeit nicht mehr fassen und weinte. Er fragte mich, wie es sein könnte, dass man so sehr dafür bestraft werde, sauber mitzuspielen und fragte mich, ob ich als „Touri“ mitbekommen hätte, wie die Reaktion anderer Touristen, also Außenstehender gewesen sei. Er wollte wissen, ob es auch allen anderen auffalle, dass die Jury gekaufte Stimmen abgibt, oder ob er sich das alles einbilde. Ich bin natürlich selbst nicht ganz unparteiisch, aber so langsam finde auch ich es faul. Die Aufführung der Roten war definitiv besser. Bei den Tänzen könnte man noch sagen, dass es Geschmackssache war, aber das war einfach eine Nummer zu viel…Ich bin gespannt, was morgen bei unserer Probe gesagt wird. Morgen, Samstag, finden keine Wettkämpfe statt, dafür haben wir Tanzprobe, um unseren zweiten Auftritt zu verbessern.