Carretera Austral, Chile

  • Entschuldigt den falschen Alarm gestern. Der Bericht hatte sich ohne Fotos allein hochgeladen. Jetzt aber:

Die Carretera Austral war eine Reiseabschnitt ohne Arbeit. Nur vorwärts kommen – immer dringlicher – denn das Wetter wurde leider immer unsympathischer. Ich nehme von der Carretera Austral die kurzen und reizenden Eindrücke eines Appetitmachers mit, denn nur knapp eine Woche dauerte unser Kennenlernen. Das war eindeutig nicht sättigend. Danach folgte ein rasante Trampererfolgsstory, samt spießigen Hippies, Sturm, Parkwächter im Morgenrock, spontanen Routenänderungen, Zivilisationsschock und neuen Erkenntnissen.

Mein neues Abenteuer beginnt hinter Gerardos Grundstück, denn dort ist schon der Übergang nach Chile und unmittelbar dahinter das Dorf Chile Chico, wo ich nach drei Wochen Aufenthalt endlich wieder per Anhalter fahren will. Singend und hüpfend laufe ich im Niemandsland zwischen Argentinien und Chile die Straße entlang und feiere die neue Freiheit. Es hält auch zunächst niemand an; warum wohl? 😛
Doch schließlich lande ich ruckzuck am Stadtrand von Chile Chico, habe Proviant aufgestockt und mir ein neues Schild geschrieben: Mallin Grande. Mit einem Stück Holzkohle aus einem abgefackelten Haus am Straßenrand.
Mallin Grande ist nur 90km entfernt, doch die Straße soll angeblich schlecht sein und lange dauern und da sich dort gerade Pablo aufhält, den ich bei Gerardo kennengelernt habe, hätte ich dort eine sichere Bleibe. Es ist kurz nach Mittag als ich starte, aber es ist kein Verkehr und die Wenigen, die kommen, fahren vorbei. Ich laufe irgendwann einfach los, ich bin schließlich immernoch voller Elan wieder on the road zu sein und genieße das Laufen nach der langen Pause. Komisch, dass sich kurz hinter Chile Chico die Landschaft so schnell verändert. Die Felsen sind grüner, ja sogar der Stein selber, und ich komme immer wieder in Windschneisen, wo ich kaum von der Stelle komme (die Windsurfer freut das) und danach wieder in windstille Täler. Es macht Spaß sich gegen den Wind zu stemmen, kleine Kieselkörner fliegen mir ins Gesicht. Es kommt mir alles wunderbar vor, oder ich bin einfach noch im Freiheitsrausch.

Endlich wieder on the road

Nach etwa 5 km werde ich mitgenommen, nicht weit, doch der Übergang am Zwischenziel findet in Sekunden statt, denn ein anderes Auto hält just in dem Moment und sieht offenbar mein Winken und Wedeln. Ein großer Mann steigt aus, mit europäischen Gesichtszügen (für diese Gegend nichts ungewöhnliches, denn hier sind viele Deutsche während und nach dem zweiten Weltkrieg hin ausgewandert. Von den „Guten“ und den „Bösen“). Ich bin noch immer mit dem Aufsetzen meines Rucksacks auf der anderen Kreuzungsseite beschäftigt, da räumt der große Mann schon seine mit Heuballen beladene Ladefläche um. Wir haben noch nicht mal mit einander geredet. Als ich ankomme und ihn mustere, denke ich als erstes, wenn der mich überwältigen will, hab ich keine Chance. Ich frage ihn fröhlich wohin er fährt und bis wohin er mich bringen kann und er antwortete etwas wortkarg, dass er bis Cochrane fahren würde, was über mein Ziel hinausgeht, oder vielleicht auch nicht? Wär das nicht was, da soll es doch so schön sein…Mein Monster wird auf der Ladefläche angebunden und die ersten Minuten im chaotischen Inneren des Autos sind merkwürdig: äh, da liegt ein langes Messer im Fußraum unter meinen Füßen…! loses Werkzeug, ein Mate, das Auto ist allgemein ziemlich schrottig, aber daran bin ich inzwischen gewöhnt. Und das Messer liegt ja unter meinen Füßen, ich will also nicht weiter darüber nachdenken…Ich versuche ein Gespräch anzuleiern, denn zu schweigen bereitet mir Unbehagen. Wenn wir reden, kann ich bestimmen in welche Richtung die Gedanken gehen. Mein Fahrer ist weiterhin etwas wortkarg und ich merke, dass er keinen typisch chilenischen Akzent hat, aber ich kann ihn nicht einordnen. Irgendwann platze ich mit meiner Frage heraus, wo er herkomme und erhalte die verblüffende Antwort „soy aleman“, ich bin deutscher. Hahaha, ich muss lachen und sage auf spanisch, dass ich auch aus Deutschland komme. Verlegenes Schweigen, dass so oft ausbricht, wenn man auf Reisen andere Deutsche trifft und eigentlich am liebsten einen weiten Bogen um sie machen will, um sich bloß nicht mit ihnen unterhalten zu müssen. Kennt ihr das? Es vergehen einige Sekunden, dann endlich spricht er auf Deutsch mit mir weiter und es entwickelt sich eine herrliche Autofahrt durch mit die schönste Landschaft die ich in den letzten Wochen gesehen habe. (Wie oft ich das wohl noch sagen werde? ;-P) In Argentinien ist es meist karg und flach, wir fahren jetzt durch die Anden und es wird immer grüner. Dazu die schneebedeckten Berge und das buntgefärbte Herbstlaub, die obligatorischen Seen….Es ist zum Heulen schön und ich bin ganz begeistert! Ich hätte auch in Chile Chico eine Fähre nehmen können und den See, der zu den größten in Argentinien und Chile zählt, einfach abkürzen können statt ihn zu umfahren, was ich wegen der fortgeschrittenen Zeit auch ganz kurz überlegt hatte, um möglichst schnell Strecke in den Norden zu machen, aber dann hätte ich all dies und die schönen Momente der folgenden Tage verpasst.


Mein Fahrer heißt Oskar, Mitte/Ende 40, und kommt aus Berlin. Seit über 25 Jahren lebt er hier im Süden Chiles. Als 18 Jähriger ist er nach Peru gereist und dann gen Süden aufgebrochen, bis ihm irgendwann das Geld ausging und er anfing hier und dort zu arbeiten. Nach Deutschland ging er dann für viele Jahre nicht mehr. Irgendwann konnte er sich ein Stück Land bei Cochrane kaufen und arbeitet seitdem mit Rindern und seit einigen Jahren mit einem weiteren Grundstück hier in Chile Chico mit Obst- und Gemüseanbau. Die beiden Orte liegen 8 Stunden Autofahrt auseinander, aber dass das den Menschen hier nix ausmacht, habe ich inzwischen ja schon kapiert. Es ist unglaublich, was er mir alles erzählen kann. Wir sprechen über die Veränderungen der Gegend, die Grundstückspreise, gesellschaftliche Entwicklungen. An mir ziehen die schönsten Landschaften vorbei und ich spüre ein Sehnen in meinem Inneren hier auch ein Stück Berg zu besitzen. Cochrane, das liegt weiter südlich und konnte damals nur per Boot erreicht werden. Dementsprechend unberührt und menschenleer war es dort und ist es auch bis heute noch. Oskar lädt mich ein ihn zu begleiten und morgen dann nach Mallin zu fahren, auf seinem Rückweg. Ein verlockendes Angebot. Auch lädt er mich nach Chile Chico ein, wo er mit seiner deutschen Frau und den drei Kindern lebt, und als Schlosser ein paar Tage zu arbeiten. Ich habe ihm von meiner Wanderschaft erzählt und er kennt das Konzept. Aber dafür habe ich nun keine Zeit mehr. Und momentan habe ich ja auch Geld. Ich will voran kommen!

Vor vielen Jahren noch hatten die Menschen viel Land und verkauften es für wenig Geld, um sich davon Autos oder Fernseher zu kaufen. Inzwischen ist Patagonien beliebt geworden, auch für Unternehmer, und das Land ist teurer geworden. Dennoch schaffen es chilenische Großunternehmen den Landmenschen ihr Land für wenig Geld abzukaufen, indem sie ihnen einreden in solch abgeschiedenen Gegenden wolle doch niemand leben und dann machen sie daraus selber viel Geld. Ein Hektar Land kostete vor 25 Jahren ca. 1000 Euro. In Chile Chico kaufte Oskar vor 10Jahren ein Grundstück mit ca 10 Hektar für 25 000 Euro. Heute, sagt er, sei es etwa das Zehnfache wert.
Sobald wir in Mallin ankommen, schaue ich ob Pablo da ist. Falls er da ist, bleibe ich dort, sonst begleite ich Oskar nach Cochrane und komme morgen wieder. Pablo kommt gerade in diesen Minuten mit einer Gruppe Reiter aus den Bergen wieder von der Kuhtrieb. Somit verabschiede ich mich von Oskar und frage mich, ob ich jetzt etwas ganz Wundervolles verpasse. Der große Mann, der mir vor wenigen Stunden noch wortkarg das Auto aufräumte, schließt mich mit einem Lachen in seine großen Arme und lädt mich ein jederzeit bei ihm und seiner Familie vorbei zu kommen und schenkt mir noch zwei Äpfel von seinem Anbau. Herrlich. Ich nehme mir vor ein andern Mal wieder zu kommen und dann auch die Gegend von Cochrane und den südlichen Teil der Carretera Austral zu besuchen, den ich jetzt verpassen werde.
In Mallin muhen sich gerade etwa 300 Kühe ihren Weg träge über die schmale Straße auf ein Gehege neben dem Haus, in dem ich auf Pablo warte. Eine Frau hatte mir die Tür geöffnet und mich herein gelassen, als ich nach Pablo fragte. Der kommt gerade, sagte sie. Die Kompanie reitet gemütlich ein, es dauert alles seine Zeit. Manche Reiter haben seltsame Hosenschoner aus Kuhfell und sehen aus wie Neandertaler, andere sitzen steif in ihren Satteln und können kaum gehen, als sie absteigen. Zwei blonde Frauen sind dabei und ich frage mich, ob die Kuhtrieb auch Touristen angeboten wird. Pablo kommt als letzter und freut sich riesig, als er mein Gesicht hinter der Glasscheibe entdeckt, er hatte nicht damit gerechnet, dass ich ihn besuche.

Pablo, Christina und Ich, Mallin Grande

Beim Essen erfahre ich mehr: das Land und die Kühe gehören Pablos Cousins. Die Leute sind alle Verwandte und Familie der Cousins. Die eine Blondine ist eine Freiwillige und kommt aus Finnland, die andere Blondine, Christina, ist Deutsche und die Freundin des einen Sohnes des Cousins. In Vorbereitung auf den Winter werden die Kühe von den Bergen ins Tal gebracht, wo sie überwintern und im Frühjahr kommen wieder alle zusammen und bringen die Tiere wieder hoch. Die Kuhtrieb dauert 3 Tage. Ein Tag hoch reiten, einen Tag Kühe einsammeln, einen Tag Abtrieb.
Ich darf die Nacht hier verbringen und hoffe insgeheim, dass es ein Plätzchen für mich gibt, das wärmer ist, als das Esszimmer. Es ist irgendwie ziemlich kalt und ich friere.
So ist es. Pablo sagt nach dem Abendessen ich solle ihm folgen und wir fahren mit seinem Auto ein Haus weiter. Es ist eine winzige Hütte, die im Inneren urgemütlich ist und üblicherweise von dem Cousin Pascal benutzt wird, wenn dieser ein paar Tage hier aufs Land kommt. Wir machen Feuer, trinken Tee und Anisschnaps und quatschen bis spät in die Nacht. Pablo ist Kayaklehrer und hat eigentlich auch eine Stelle als solcher, doch die Stadt in Argentinien, bei der er für Kinder und Jugendliche Kayakworkshops anbieten soll, hat ihm für die letzten vier Monate kein Gehalt bezahlt. Also hat er beschlossen so lange nicht zu arbeiten, bis die Stadt ihm das Geld zahlt. Falls sie ihn nicht zahlen, überlegt er, ob er anfangen soll zu reisen und ich tue mein Bestes, um ihn mit dem Reisevirus zu infizieren 😉 ich habe insgeheim das Gefühl, dass er darauf hofft kein Geld zu bekommen, damit er endlich seinen Grund hat zu reisen.

Der Ausblick an unserer Huette. Bayrisch?

Am nächsten Tag darf ich eine Runde reiten. Christina aus Deutschland hat sich auf ihrer Südamerikareise verliebt und lebt nun hier. Sie arbeitet mit auf der Farm und reitet die Pferde zu. Sie erklärt mir den Weg zu einem See und sagt ich könne überall hin und bietet mir sogar ein Pferd an. Und ich denk sogar noch, wow, ich darf ganz allein durch die Gegend reiten? Sie macht noch ein paar Übungen mit dem Pferd und überreicht mir die Zügel mit den Worten, du kannst ja noch ein paar Übungsrunden mit Gitana drehen, ehe es losgeht. Ich drehe einmal links herum, einmal rechts herum und beschließe, dass ich auch auf dem Weg feststellen werde, wie es so läuft und reite gemütlich Richtung See. Ich habe schon drei Tore passiert und befinde mich an einer Weggabelung, wo ich lieber nochmal den Sattel stramm ziehe, weil er verrutscht ist, als ich Galopp höre und aufgeregtes Schreien „Miriam?! Miriam?!“ Ich antworte und höre dann „bist du denn des Wahnsinns?!?“, da kommt Christina um die Kurve galoppiert, ganz besorgt und aufgeregt, weil sie dachte das Pferd sei mit mir durchgebrannt und hätte mich irgendwo abgeworfen, denn es war nie ihre Absicht gewesen mich alleine losreiten zu lassen und als sie mit ihrem Pferd wieder kam, wo sie mich zurück gelassen hatte, war ich weg. Sie hat dann in der Ferne nur das Pferd traben sehen, aber nicht mich erkannt und so hatte sie alle in Angst und Schrecken versetzt, denn alle meinten ich sei vom Pferd gefallen. Ohne Telefon und ohne Internet hatte diese Nachricht schon alle erreicht, die auf dem Grundstück verteilt hier und dort ihren Aufgaben nachgingen. Als sie sich wieder beruhigt hatte, kamen zwei Autos um nach mir zu suchen. Erst der Freund mit seinem Vater und wenige Minuten später Pablo.
Als sie sahen, dass alles Ok war, ritten Christina und ich zusammen weiter und sie zeigte mir das Grundstück, dass mehrere Quadratkilometer groß ist und bis runter zum großen See geht, in dem ich Windsurfen lernte, der absurderweise in Chile einen anderen Namen hat, als in Argentinien. Immer diese Rivalität zwischen den beiden…


Nach dem Mittagessen, es gab selbstgemachte Gnocchi, machte ich mich mit Pablo auf den Weg. Ich hatte ihn überzeugen können mich nach Puerto Bertrand, 60 km weiter südwestlich, zu bringen, wo ich einen weiteren gemeinsamen Freund von Gerardo besuchen wollte. Wir machten einen Zwischenstopp in Puerto Guadal, wo Pablo kurz bei seinem Cousin Hallo sagen wollte, und während wir dort Mate tranken, kam ausgerechnet jener Freund an, zu dem wir gerade fahren wollten. Wie ist das möglich?! Das sind doch nochmal 25km, das ist jetzt nicht gerade um die Ecke! Für die Leute hier schon…Pato war gerade auf dem Weg nach Chile Chico und hatte Pablos Auto erkannt und darum angehalten. Er würde also die nächsten Tage gar nicht Zuhause sein und somit änderten sich auch für mich plötzlich die Pläne. Da es schon Nachmittag war, war ich froh, dass ich dort, wo wir uns alle zufällig getroffen hatten, im Wohnzimmer auf meiner Isomatte schlafen durfte und nicht mehr auf die Suche nach einer Bleibe gehen musste.

Die Huehner machen das Dorf unsicher. Puerto Guadal.

Am nächsten Tag erreichte ich die Carretera Austral, die in Nord-Süd Richtung auf der chilenischen Seite verläuft und in den letzten Jahren Kultcharakter bei Backpackern erhalten hat. Wörtlich übersetzt heißt sie „abgeschiedene südliche Straße“. Sie ist knapp 1350km lang und wurde als größtes chilenisches Bauprojekt in den 70ern gestartet, um das südlichste chilenische Festland bei Puerto Monnt mit dem weiter südlichen Patagonien und Feuerland zu verbinden. Der Bau ist bis heute nicht vollendet; erst seit neuestem wird sie asphaltiert (aber gerade deshalb ist es eine so wunderschöne Strecke, und bei Backpackern so beliebt. Es ist alles noch so verwunschen). Lange war das südliche Chile mit seinen Unmengen an Fjorden, Gletschern, Gebirgen und dichten Urwäldern nur per Flugzeug oder Schiff erreichbar, oder über die argentinische Seite, wo es leichter war zu bauen. Selbst heute sind mehrere Teilabschnitte nur über Fähren verbunden.
Für alle, die gerne die Carretera Austral und die daran angebundene Region in ihrem nostalgischen Charme erleben möchten, rate ich in den nächsten 2 Jahren zu reisen, danach ist sicherlich 95% der Straße asphaltiert.

An Tag 1 auf der Carretera Austral wurde ich von einem öffentlichen Bus kostenlos mitgenommen und ich gönnte mir einen Touri Ausflug: Bei Rio Puerto Tranquilo machte ich einen Bootsausflug zu den sogenannten Marmorhöhlen. Ich hatte Glück, dass ich an diesem Schlechtwettertag eine zweistündige Sonnenpause erwischte, in der unser Boot mit 7 Passagieren das einzige war, das den Ausflug machte. In den Sommermonaten ist hier wohl die Hölle los. Da soll es schwer sein per Anhalter zu fahren, weil es so viele Anhalter gibt, dass an der Straße außer einem selbst noch 50 andere warten.
Ich lerne beim Ausflug zwei Männer kennen, die danach in den Norden nach Coyhaique (Kojaike, 259km nördlich) zurückfahren und sich bereit erklären, mich mitzunehmen.

Mein Ausflug zu den Marmorhoehlen.


Während der nächsten Stunden fahren wir auf Schotterpiste im Regen durch dichte Wälder mit Giganten. Es ist wahrlich ein Regenwald. Es ist wunderschön und gefällt mir gut. Und es regnet 😉 Wir kommen außerdem am Cerro Castillo vorbei, ein schneebedeckter Berg, wo vor zwei Wochen 200 Kletterrouten eingeweiht wurden. Ich denke abermals, ich muss nochmal herkommen und zu einer anderen Jahreszeit die Gegend ganz in Ruhe erkunden. Diesmal bin ich ja aufgrund des Wetters eher auf der Flucht.

Mischpalette einer begnadeten Kuenstlerin, Mutter Natur. (Hier mit Miriam :-P)


In Coyhaique kommen wir um 21 h an, es ist vor zwei Stunden schon dunkel geworden. Und es macht sich bemerkbar, dass meine Fahrer aus der Großstadt Santiago kommen, wenngleich der eine seit ein paar Monaten in Coyhaique lebt. Sie setzen mich einfach an der zentralen Plaza de Armas ab und überlassen meine Suche nach eine Unterkunft zu so später Stunde mir selbst. Keine Einladung „ach, du kannst auch die Nacht auf meinem Sofa schlafen, oder dein Zelt in meinem Garten aufstellen“. Da merke ich wie sehr sich Stadtmenschen von Landmenschen unterscheiden und wie sehr ich in den letzten Wochen verwöhnt wurde.
Coyhaique ist schon eine richtige Stadt und ich werde schon nach 5 Minuten von einem vorbeilaufenden Mann angemacht, den ich ignoriere und noch meterweit meckern höre, wie unfreundlich die ausländischen Frauen doch seien, wenn man sie nett grüßen würde. Welcome to the city…
Ich laufe so schnell ich kann von Hostel zu Hostel und stelle wieder einmal fest, dass es nicht gut ist nach 17h irgendwo anzukommen und noch eine Unterkunft suchen zu müssen. In den Städten traue ich mich nicht einfach irgendwo alleine im Freien zu pennen, es sollte also schon ein günstiges Hostel sein. Da ist mir mein Sicherheitsgefühl und eine Nacht mit Schlaf wichtiger als meine Wanderschaftsregel kein Geld für Unterkunft auszugeben. Dank einer App für Backpacker finde ich um 22h eine passende Unterkunft und kann mich entspannt zurücklegen.
Am nächsten Tag sehe ich überrascht wie wunderschön Coyhaique gelegen ist. Ich versuche mich an andere Städte zu erinnern, die ich vor 13 Jahren im Schüleraustausch besucht habe und stelle fest, dass Coyhaique schöner sein muss, als die Städte, die ich damals kennengelernt habe, denn ich habe eigentlich keine Erinnerung an sie.

Coyhaique

Ich überlege noch, ob ich hier bleibe und versuche das Permakultur Zentrum zu finden, das ich im Vorfeld angeschrieben hatte und das mir nicht geantwortet hatte. Dort würde ich nach Arbeit fragen, denn derzeit suche ich nach Lehmbaustellen und Projekten nachhaltigen Lebens, mit Eigenanbau und ökologischen Bauweisen. Doch ich entscheide mich dagegen, denn je länger ich hier bleibe, desto kälter wird es auf meinem späteren Weg nach Norden. Also lieber ein andern Mal wiederkommen.
Ich fahre an diesem Tag, der kurz hinter Coyhaique abermals ins schlechte Wetter führt, zuerst mit einem ehemaligen Polizisten, der jetzt Bauunternehmer ist, dann mit Brummifahrer Fernando und zuletzt mit einem Ehepaar, das noch ewig weit fahren wird. Doch als ich merke, dass ich an ihrem Zielort nicht dort unterkommen kann, wo sie hingehen, beschließe ich mich früher absetzen zu lassen, um nicht denselben Fehler zu machen wie in Coyhaique und lande im grauen und tristen Puyuhuapi (Puyuwapi).
Der Weg hierher war trotz des starken Regens ein Highlight meiner Reise und abermals geht mir durch den Kopf, dass ich dieses Abenteuer nochmal „richtig“ durchziehen muss, dann vielleicht mit Fahrrad? Ein Großteil der Strecke war noch nicht asphaltiert und darum kamen die Autos nur mit 40-50 km/h voran. Schlaglöcher, Pfützen, Holzbrücken, rechts und links tropfender Regenwald, Pflanzen mit Blättern so groß wie Regenschirme und im Kontrast dazu die schneebedeckten Berge. Hinzu kamen Bauarbeiten (dort, wo gerade asphaltiert wird), wo abwechselnd von 13-17h nur eine Fahrtrichtung gestattet war.  Im Nachhinein stellte sich heraus, dass dieser Umstand, zusammen mit dem Dauerregen dazu führte, dass für uns Backpacker natürlich auch das Hitchhiken erschwert war und einige Leute Widerwillen für die nächsten Tage in Puyuhuapi strandeten. Zu dieser Jahreszeit ist dort sonst so gut wie nix los. Dort leben vielleicht 1000 Menschen, die Hälfte davon Straßenbauarbeiter ^^

Fernandos LKW
Autofahrt Nr. 3 – Endstation Puyuhuapi.

Bevor ich Puyuhuapi erreichte, hatte ich gelesen, dass es um 1935 von einem Deutschen, Otto Uebel, gegründet wurde. Heute sollte es angeblich eine Bäckerei mit deutschen Brötchen geben und eine Herberge mit deutschen Kuchen. Auf meinem Navi hatte ich gesehen, dass einige Straßen deutsche Namen haben. Und kurz nach meiner Ankunft sehe ich einen Mann mit rasiertem Schädel…. Da habe ich mich schon gefragt, ob es da vielleicht ein Zusammenhang gibt, oder nur mein Hirn wieder irgendwelche Vorurteile in kausale Zusammenhänge setzt. Das miese Wetter und der insgesamt ungemütliche Eindruck des Dorfes waren jedenfalls nicht förderlich.

Puyuhuapi

Die nächsten Tage: Regen, Regen, Regen. Meine Lust die Carretera Austral bei diesem Wetter ausgiebig zu bereisen, sank stündlich. Ich habe in Puyuhuapi einen günstigen Campingplatz gefunden, den ich aufgrund der Möglichkeit mich dort zu duschen und aufs Klo zu gehen sowie in der warmen Küche auf das Ende des Regens zu warten, einem Zeltplatz im Wilden vorziehe. Eigentlich wollte ich am nächsten Morgen weiter, doch am Ende bleibe ich, wie viele andere, länger…
Am Campingplatz sind wir nur zu dritt. Das deutsch-australische Pärchen, das mit Fahrrädern unterwegs ist, sitzt seit Tagen hier fest und hat schließlich beschlossen in ein paar Tagen den Bus Richtung argentinische Grenze zu nehmen. Er ist Kapitän und ich ziehe ihm hilfreiche Informationen für meine Tahitireise aus der Nase. Der Campingplatz gehört Juan Pablo – der ist „Chilote“, so heißen die Bewohner der Insel Chiloe, unweit von hier. Er ist ein sehr netter Gastgeber und gesellt sich hin und wieder zu uns. Dabei erfahren wir mehr von Puyuhuapi. Er berichtet dass Otto Uebel den Ort gründete: seine deutsche Gefolgschaft hatte das Know-how und die Technologien um die Gegend zu besiedeln, die Infrastruktur zu bauen und das Land zu bearbeiten, die Arbeitskräfte kamen von der Insel Chiloe. Sie haben etwas Indianisches an sich und kennen sich gut mit Fischfang und Ackerbau aus. Alle locals sind Nachkommen dieser zwei Gruppen.

Die Teppichfabrik des Deutschen Dieter Hopperdietzel.
So sieht Puyuhuapi dann doch ganz schoen aus.


Am dritten Tag nutze ich eine Regenpause, um mich wieder auf den Weg zu machen. Wegen des Wetters ist meine innere Roulettekugel endlich auf einem Feld stehen geblieben: Argentinien. Dort ist vermutlich weniger Regen, also verlasse ich die Carretera Austral auch bald schon wieder. Wieder denke Ich: naja, Du kannst das fehlende Stück ja dann ein andern Mal machen. Dann kommst du im Spätsommer und hast es nicht so eilig…
Wider Erwarten dauert es keine 15 min, ehe ich mitgenommen werde. Ha! Ich komme heute immer nur stückchenweise voran, aber ohne große Mühe. Im zweiten Auto sitzen zwei Nonnen, hihihi. Sie nehmen ausgerechnet mich mit, diejenige die eine gewisse Abneigung gegen devote Prediger hat. Schwester Sofia und Schwester Pedrolina sind, wie fast alle immer, sehr erstaunt eine alleinreisende Frau zu treffen, die auch noch per Anhalter fährt, nein sowas! Ihrer Ansicht nach bin ich natürlich nur dank göttlicher Aufsicht gut beschützt bis hierher gekommen und noch nicht überfallen worden. Denn heutzutage sind die Menschen einfach verrückt, sie können sich auch nicht erklären warum, aber es gebe einfach soviele Kranke! Und wie das dann immer so ist, hat auch jeder irgendeine Geschichte zu erzählen von einem Fall, von dem er mal gehört hat….
Trotz meiner Abneigung an kirchlichen Bräuchen teilzunehmen, erkläre ich mich bereit mit ihnen ein „Rosario“ zu beten, für den Weltfrieden. Das kann meiner Meinung nach nie schaden, vor allem jetzt, wo die USA einfach eine Bombe über Syrien abgeworfen hat, Russland das gar nicht witzig findet und auch in Korea gerade die Fronten mal wieder auf Konfrontation stehen. Ich denke dann, meine Güte, wo ich bin, ist immer Frieden und die Leute zeigen sich von ihrer besten Seite. So viel Gutes kam mir in den letzten Monaten entgegen, dass ich es selbst kaum fassen konnte, nachdem ich in den letzten Jahren immer stärker das Gefühl hatte, die Menschheit immer weniger ausstehen zu können. Wie kann es dann sein, dass es so schwer ist in Frieden zu leben? Das Gebet dauert ewig, es wiederholt sich immer wieder, wie ein meditatives Mantra. Ein Abschnitt wird gesungen und ich schließe meinem Augen und beschließe mich einfach mal drauf einzulassen, schließlich bin ich inzwischen überzeugt, dass alle meine Begegnungen einen gewissen Sinn erfüllen und öffne mein Herz für die Stimmen der beiden Nonnen. Es ist schön wie sie singen und ich muss mich selbst daran erinnern, dass es keinen großen Unterschied gibt zwischen den Arten und Weisen zu sich selbst zu finden, in sich selbst zu ruhen und mit seinem Umfeld im reinen zu sein. Wenn es für sie irgendwelche biblischen Gebete sind, dann will ich das akzeptieren.
Schließlich reden wir noch ein wenig und ich erfahre etwas mehr über ihre Tätigkeit. Sie sind katholische Ordensschwestern und missionieren (Alaaaarm!). Der Orden hat an verschiedenen Punkten in Südchile seine Posten. Alle 3-5 Jahre wechseln die Schwestern den Standort und gerade fahren sie eine neue Schwester abholen.
Sie setzen mich in Santa Lucia ab, wo sie mir noch eine gesegnete weiterreise wünschen. Es hat inzwischen wieder stark zu regnen angefangen und ich suche Zuflucht in einem kleinen Teehaus. Ich bin der einzige Gast. Die Inhaberin ist so beleibt, dass jeder Schritt sie quält. Mit leidendem Gesicht nimmt sie mich in Empfang und schleppt unter größter Mühe einen Holzscheit zum Ofen. Als ich sie frage, ob ich ihr helfen könne und ob ihr nicht wohl sei, sagt sie es sei alles in Ordnung, aber glücklich sieht sie nicht aus… Ich trinke einen Tee und esse zum ersten Mal in meinem Leben eine süße Empanada. Apfelfüllung. Gar keine schlechte Idee! Aber ich bevorzuge dann doch die herzhafte Variante. Es regnet und regnet, das Teehaus ist leer, ich sitze stundenlang am Kamin. Ich nutze das kostenlose Internet und warte 4 Stunden auf den öffentlichen Bus, der von hier aus nach Futaleufu fährt, der Ort, den ich zum Tagesziel erklärt habe. Er liegt an der Grenze zu Argentinien. Er kostet nur etwas mehr als 1Euro, darum erlaube ich mir auch ihn zu benutzen. Um 17:50 kommt der Bus und hält direkt vor dem Teehaus, Trubel bricht aus, als alle auf einmal ins Teehaus stürmen um in 5 Minuten einen kleinen Snack zu sich zu nehmen. Ich stehe als einzige Ausländerin mit meinem großen grünen Rucksack am Bus und merke, wie mich alle mustern. Ich steige schließlich ein und genieße es auch mal wieder ganz passiv in einem Transportmittel zu sitzen und keine Gespräche führen zu müssen. Das ist nämlich auch ganz schön anstrengend mit den vielen Fahrern, die einen per Anhalter mitnehmen immer Gespräche zu führen!
Etwa 10 km vor dem Ort lasse ich mich absetzen. Ich hatte gelesen, dass es hier einen Zeltplatz gibt. Der Himmel ist schon dunkelgrau und ich laufe 25 min durch die Nacht. Auf die letzten Meter nehme ich meine Kopfleuchte heraus und erschrecke mich, als plötzlich zwei funkelnde Augen auf mich zukommen. Irre, wie schnell das Gehirn in solchen Momenten arbeitet: ich denke: Augen. Zu hoch über Boden, zu weit auseinander, also kein Puma. Uff, gut, aber was dann?! Es kommt! Ah, was ist es? Da! Ein Pferd! Ey, Schu, Schu, lass mich in Ruhe! Haha…Nach dem ersten Schreck, finde ich es lustig, dass es mich verfolgt. Ein Wachpferd.

In Futaleufú endet für mich der Abschnitt Carretera Austral. Ich bereue meine Entscheidung nicht, meinen ursprünglichen Plan die Carretera Austral komplett zu bereisen, abzubrechen, denn ich habe da so ein Gefühl, eine Zuversicht, dass ich das irgendwann nachholen kann. Ich bin zufrieden, weil ich grandiose Landschaften gesehen habe und nun in das trockene und sonnige Argentinien zurückkehre. In Futaleufú ist strahlender Sonnenschein und als ich die Grenze nach Argentinien abermals überquere, spüre ich ein eigenartiges Gefühl von Erleichterung, von Nach-hause-kommen. Es ist erstaunlich wie ich in den letzten Monaten Argentinien lieb gewonnen habe, es ist mir inzwischen lieber als Chile. Nicht der Landschaft wegen, die ist in beiden Ländern grandios, es sind die Menschen… Mit ihrem komischen Spanisch, das mir am Anfang irgendwie nicht so recht gefallen wollte. Die Argentinier sind einfach noch gastfreundlicher, noch offener, noch geselliger, noch toller 🙂

Hinter Futaleufú treffe ich auf dieselben Routen und Orte, die ich Wochen zuvor mit Thomas gefahren bin. Es wirkt aber alles ganz anders. Es verfolgt mich auch eine Verluststrähne. Zunächst vergesse ich ein Langarmshirt auf einer Wäscheleine, Tage später verliere ich meinen Hut, das Symbol des freien Wandersgesellen 😛 und dennoch hat man im Rucksack Dinge, die man seit 5 Monaten kein einziges Mal benutzt hat. Das ist doch wirklich verrückt!
Aber es kommen auch neue Sachen dazu: in Esquel kaufe ich mir eine…….

UKULELE! 🙂

Meine Reise führt mich über Esquel, El Bolson (das kommerzialisierte Hippiedorf), Villa la Angostura, und das Erdöldorf Catriel nach San Rafael, wo ich Pepe und Lili besuche, ein älteres Ehepaar, dass mich auf Feuerland als Anhalter mitgenommen hat und mich eingeladen hatte.
Circa 1700 km in 5 Tagen. Nicht schlecht 😀

Esquel: über einen Freund von einem Freund von einem Freund darf ich eine Nacht umsonst im Hostal Pintó übernachten ^^ Im Hostel lerne ich Vero und Gabriel kennen, die ursprünglich aus Mendoza kommen und mir Tipps geben, wo ich Lehmbau Projekte suchen kann und mir helfen können, wenn ich irgendwann mal nach Mendoza reise. Am Abend klappere ich ein paar Obst- und Gemüseläden, sowie Bäckereien ab und frage nach Resten, die nicht mehr verkauft werden können. Es ist unglaublich wie schwer beladen ich zum Hostel zurück kehre, damit kann ich das ganze Hostel mit Vitamin C versorgen! Neben Äpfeln, Birnen, Bananen (hier und da etwas matschig) bekomme ich ca 2Kg total süße Erdbeeren, boaaaaa 🙂 ich muss zwar jede Menge wegschneiden, aber es entsteht trotzdem ein gigantischer Obstsalat. So habe ich schon mehrfach köstlich gegessen. Danke an all die lieben Verkäufer, die mir immer mit einem Augenkniff noch eine Leckerei dazu tun! Wieso hab ich das in Deutschland noch nie gemacht? Es gibt doch eigentlich immer genug Essen für alle. Am nächsten Tag bin ich im Kaufrausch. Ich möchte das Geld, das ich beim Möbelbau verdient habe nachhaltig investieren. Ich kehre zum kleinen Musikgeschäft zurück, wo ich am Vorabend voller Sehnsucht die Gitarren beäugt hatte. Ich trinke mit Juan Carlos, dem netten Inhaber, ca 20 Tassen Mate ^^ und kaufe mir schließlich eine Ukulele. Er verkauft sie mir für 800 Pesos, anstelle für 950€, weil er meine Reise super findet und meinen Geldbeutel schonen möchte. Jetzt habe ich eine Ukulele <3

Ein Besuch im „Earthship“ in El Bolson. Das sind Projekte, die ich schon an verschiedenen Orten besucht habe , unter anderem auf der Osterinsel.

In El Bolson hoffe ich ein bisschen auf Hippieleben und indirekt auf Möglichkeiten dort im Lehmbau oder Biologischer Landwirtschaft zu arbeiten und treffe auf das verschlossenste Dorf von allen. Sogar ein Intermezzo mit der Polizei ist dabei ^^ ich suche mir einen Grünstreifen am Stadtrand, wo ich zelten will. Ein wenig spekuliere ich darauf, dass mich einer der Hippieanwohner kumpelhaft in seinem Hippiegarten schlafen lässt. Als ich eine Nachbarin ihr Grundstück verlassen sehe, gehe ich auf sie zu und spreche sie darauf an, dass ich vorhabe auf dem Grünstreifen neben ihren Haus zu übernachten. Sie sagt es sei nicht der beste Ort, da dort Abends viele Leute vorbei gehen, doch dass sie ihren Nachbarn auch Bescheid sagen würde, damit sich diese nicht wundern. Und weg war sie, keine 30 Minuten später bog ein Polizeiwagen um die Ecke und beäugte meinen Rucksack ganz misstrauisch, ob die Polizei auch einer ihrer Nachbarn ist? Ich ging auf sie zu und sie fragten mich ob es mein Rucksack sei und es folgte ein seltsames Gespräch am Autofenster, das bei mir den Eindruck erweckte, dass sich diese Polizisten (eine Frau und ein Mann. Sie saß am Steuer und schaute während der meisten Zeit betreten auf ihre Hände.) gerade irgendwelche Dinge ausdachten, um mich von der Straße zu holen. Er sagte ich dürfe dort nicht zelten, ich fragte warum, ich hätte schon an so vielen Orten gezeltet und es sei nie ein Problem gewesen. Ihnen fiel nichts viel besseres ein, als mir zu empfehlen einen Campingplatz zu suchen, ohne mir einen Grund zu nennen. Am Ende sagte ich ihnen, dass ich mich verpfatzen würde, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass es wirklich ein Verbot gebe. Es wird wohl eher so sein, dass sich die Polizei nervige Papierarbeit sparen will, falls mir etwas zustoßen würde. Ich blieb noch eine Weile dort und fragte schließlich zwei junge Mädels, ob sie mir etwas empfehlen könnten. Wir unterhielten uns eine Weile, sie überlegten, wo ich hin könnte. Letztendlich begleitete ich sie zu einem Platz, wo das eine Mädchen ihren Vater fragte, ob ich bei ihnen schlafen könne. Er war einverstanden und ich wartete bis er seinen Hippie- Schmuckstand abgebaut hatte, um mit ihm heim zu fahren. Just in dieser Zeit fand eine Demo statt gegen Gewalt gegen Frauen und Femizide, auf die die beiden Mädels gingen. Ich überlegte noch ob ich mich anschließen sollte, doch dann blieb ich bei meinen Sachen mit dem Gedanken, dass ich durch meine Reise allein schon jede Menge beitragen würde zum Thema. Ich merke gerade, dass ich dazu gerne noch etwas ausführlicher berichten möchte, das mache ich dann beim nächsten Mal.

Eine Demo der Kampagne „Ni una menos“ ( = Nicht noch eine) gegen Gewalt gegen Frauen und Femizide.

Auf jeden Fall verbrachte ich die Nacht im Garten dieser Leute. Am Folgetag, ich wollte schon los zur Ruta, begegnete ich abermals dem Straßenmusikanten Pedro, ein Spanier, der auch einige Jahre in Deutschland gelebt hatte und fließend deutsch spricht. Er bat mich um meine Ukulele und spielte mehrere Lieder darauf. Am Ende bot er mir an noch eine Weile zu bleiben und so lernte ich noch einige nette Menschen kennen. Pedro ist ein komischer Kauz. Er ist seit Jahrzehnten on the road und hat gelernt Klaviere zu stimmen und Gitarren zu bauen. Damit, und als Straßenmusiker, bereist er die Welt und verdient seinen Lebensunterhalt. Ein bisschen wie ich.

Er ist schon seit vier Jahren in Argentinien, sein Visum ist seit bald 2 Jahren abgelaufen. Da solle man denken das wäre eine Katastrophe. Doch es ist völlig egal, ob man einen Tag, oder zwei Jahre drüber ist, es kostet 1500 Pesos Strafe, nach zwei Jahren kostet es dann 3000 (175€). Das ist aber trotzdem nicht viel, darum juckt es ihn ja auch nicht wirklich. Statt weiter zu reisen, bleibe ich noch eine Nacht, diesmal im Gebaude, wo auch er wohnt. Dort ist eigentlich ein Hostel, aber der Typ, der das Hostel diesen Sommer gemietet hat, um damit Geld zu verdienen, hat es für dieses Wochenende geschlossen und gefeiert, denn er muss es am nächsten Morgen dem Nachmieter übergeben. Ich lerne dort doch noch eine nette Truppe von Hippies kennen, jungen Leuten, die alle irgendwie auf der Reise sind, Argentinier wie Ausländer. Wir kommen gerade rechtzeitig zum Essen an und danach wird auf allen möglichen Instrumenten gejammt und ich unterhalte mich lange mit einigen Leuten. Es sind drei deutschsprechende Mädels da, eine davon heisst auch Miriam und warnt mich unter vier Augen vor Pedro. Ich frage mich innerlich, ob einer der “vielen Perversen”, vor denen Pedro mich beschützen wollte, als er mir anbot mit ihm in das Haus zu kommen, er selber sei. Doch die Nacht vergeht ohne Zwischenfälle. Am nächsten Morgen bin ich als erste wach und packe meine Sachen. Wieder bietet mir Pedro an mit ihm weiter zu reisen, “ganz unverbindlich”, doch da lehne ich dankend ab, das muss jetzt ja nun auch wieder nicht sein 😛

Und weg bin ich. Ich habe in der Zwischenzeit eine Email von einem Lehmbauprojekt bekommen, dass ich über Workaway kontaktiert habe und bekomme die freudige Antwort, dass ich herzlich willkommen bin. Es befindet sich in San Luis, weit weg von hier und so mache ich mich auf den Weg dorthin. Ich will zuvor Pepe und Lili besuchen, die schon auf mich warten. Ich habe zwei Optionen, entlang der Anden, was landschaftlich sehr schon ist, oder entlang der Pampa, die ich noch nicht kenne und wo besseres Wetter ist. Ich starte meinen Weg entlang der Anden und erlebe das erste Mal einen Sturm der stärkeren Art in meinem Zelt und weitere Ungeschicke. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich an dem Platz, der ein offizieller Wildcampingplatz ist, kein Wasser auffüllen kann. Er liegt an einem See und man kann üblicherweise das Wasser des Sees trinken. Doch der Sturm hat das Wasser so aufgewühlt, dass es nicht trinkbar ist. Ich rationiere mein 1 Liter Wasser so, dass ich um 9h morgens, nach einer turbulenten Nacht, den Parkwächter aufsuchen kann und ihn um Hilfe bitte. Ich habe mein nasses, schmutziges Zelt notdürftig zusammengepackt und will schnell weg. Doch der Parkwächter öffnet mir verschlafen, im Schlafgewand und wenig hilfsbereit, die Tür. Wasser will er mir nicht anbieten und auch keinen Rat, ob es ratsam ist der Andenpiste weiter zu folgen, oder nicht. Er ist einfach ein ganz untypischer Argentinier! Oder ist das vielleicht um 9h morgens zu viel verlangt von einem Argentinier, dass er so nett ist, wie seine anderen Landsmänner? Ich merke, dass ich richtig enttäuscht bin. An der Strasse stelle ich mich auf und halte den Daumen bei Autos aus beiden Richtungen hoch. Wer zuerst hält, wird darüber bestimmen, in welche Richtung es fur mich weiter geht, aber ich merke, dass ich doch lieber den Rückweg antreten sollte und die Route entlang der Pampa nehmen sollte. Und so kommt es dann auch. Noch am selben Tag fahre ich 200km wieder zurück und erreiche das Erdöldorf Catriel. Meine Anhalterfamilie macht alles wieder gut, was der atypische Parkwachter vermasselt hat. Sie fahren mich mehrere hundert Kilometer nördlich und bieten mir dann auch noch an bei ihnen zu übernachten.

Seit zwei Jahren unbestritten mein Lieblingsort Argentiniens: dieses Tal direkt noerdlich von Bariloche.

Am nächsten Morgen erreiche ich schon San Rafael, das in der Weinanbauprovinz Mendoza liegt. Es ist warm, herbstlich, sonnig. Kein Vergleich zu dem stürmischen, verregneten Ort, an dem ich vorgestern war. Alles richtig gemacht! Trotz des Umwegs! Manchmal ist ein Schritt zuruck ein Schritt vorwarts.

Mein erstes Mal in der Pampa, naja, in der gleichnamigen Region 😉
Die Anfahrt auf San Rafael.

San Rafael ist die größte Stadt seit langem, in der ich verweile und es ist auffällig, wie alle Häuser vergittert und gegen Einbrüche gesichert sind. Die Mittel und Oberschichten in Südamerika leben alle hinter Gittern. Die Angst vor den Menschen anderer Schichten ist gross und die Einbrecher leben im Freien, während die Beklauten hinter Gittern leben. Auch bin ich hier dem ebenfalls in Lateinamerika typischen, ununterbrochenem Einfluss des Fernsehers ausgesetzt, der bei allen Mahlzeiten an ist, beim gemeinsamen am Tisch sitzen etc und ich merke nach kürzester Zeit, was für einen negativen Einfluss das auf mich hat. Im lokalen TV laufen Sendungen, die polemisieren und polarisieren. Schlecht redaktiert und letztendlich voller vager Vermutungen. Es geht um Korruption, Politik, gesellschaftliche Missstände, Gewalt und Überfälle. Das ganze führt dazu, dass die Sicherheit des Landes Dauerthema der Medien und Gespräche zwischen uns ist und mich tatsächlich anfangt zu lähmen. Wochenlang war ich Zeuge der unglaublichen Freiheit, die dieses Land zu bieten hat, der Gastfreundschaft und der schier unendlichen Güte der Menschen, die mir unterwegs begegneten. Glaubt man nur den Medien, ist Argentinien ein schreckliches Land und offenbar denken so auch viele Argentinier; sie haben kein Vertrauen in ihre Kultur. Da merkte ich, wie mir das Fernsehen schadet, wie ich auf einmal Angst bekam zu reisen, das Haus zu verlassen und in meiner Entscheidungsfähigkeit gelähmt war. Ich zwang mich schnell weiter zu fahren und betete, dass es in San Luis bei dem Lehmbau keinen Fernseher geben wurde. Pepe und Lili sagten mir es könne schwer sein nach San Luis zu trampen, es sei eine weniger typische Strecke und vielleicht auch deswegen unsicherer. Sie sollten Unrecht behalten: Ich wurde ohne langes Warten in zwei Schüben bis El Volcan gebracht, wo mich Franco von dem Lehmbau abholte. Und Gott sei Dank, einen Fernseher würde es nicht geben. 😀

Die nächste Zeit würde ich im fernsehfreien, idyllischen, kreativen, geistreichen und einfach erdenden Umfeld von Falka, Franco,  Theo und Suyai („Suschai“) verbringen. Woohoo!

Mit meinen lieben Freunden Pepe und Lili in San Rafael.
Ja, das ist ein echtes Foto von meiner Fahrt mit Pepe im Fiat 600.
Ein Besuch mit kostenloser Fuehrung in einer Bodega in San Rafael.

 

Nostalgie in San Rafael.

Mate Tee und kleine argentinische Handwerkskunde 

Die Uhren in Los Antiguos ticken anders. Oder zumindest die von Gerardo. Die in seiner Küche läuft einwandfrei, es ist immer 9:05. Je länger ich bei ihm wohne, desto stärker geht es mir auf den Sack. Nicht die Küchenuhr, sondern Gerardos innere Uhr. Inzwischen bin ich bald drei Wochen hier und am Rande eines Geduldfadenbruchs. Gerardo ist ein guter Gastgeber, eine begnadete Labertasche und ein leidenschaftlicher Koch, aber ein miserabler Arbeitgeber bzw Zeit- und Geldmanager. Ich hatte eine super Zeit hier, aber ich wollte schon vor zwei Wochen abreisen. Mein Verantwortungsbewusstsein und mein Perfektionismus standen mir im Wege (oder meine „deutsche“ Prägung?) Ich hatte gleich am Anfang mit ihm ausgemacht ihm einen großen Esstisch für den Quincho („Kinscho“ – jeder Argentinier, der was von sich hält, muss sowas haben. Das ist ein eigens zum Grillen und Essen in größerer Runde gebauter Raum oder sogar ein eigenständiges Gebäude mit eingebauter Parilla, „Parrischa“, ein Grill mit Schornstein.)

Eine Grillfeier im Quincho.

Auch den Bau eines Hühnerstalls hatten wir abgemacht. Ich sagte ihm welches Werkzeug ich brauchen würde und er sagte großzügig „das ist alles kein Problem, was ich nicht habe, dass kaufen wir, die Sachen kann ich ja auch später noch gut gebrauchen!“ Ich war selig und stellte eine Liste an Grundwerkzeugen und Maschinen auf und versuchte so sparsam und nützlich wie möglich zu denken, damit es bloß nicht zu viel und zu teuer würde. Ich machte einen Entwurf für den Tisch, wusste gaaaanz genau welche Materialien ich brauchen würde, ebenso für den Hühnerstall, den ich aus den zahlreichen Paletten fabrizieren wollte, die auf dem Hof eine riesige Wand bilden. Ein Schweißapparat, Elektroden, Akkuschrauber, Stichsäge, Kreissäge, Bohrmaschine, Schraubzwingen, Bohrer, Senker, Gewindeschneider, Trennscheiben und Schruppscheiben für die Flex, Schleifpapier, Kuhfuß, Dübel, Schrauben unterschiedlicher Köpfe, Längen (hatte bereits alles bemessen) und Farben (je nachdem ob sie sichtbar oder unsichtbar sein würden, Nägel und so weiter. Sprich, ich hatte den absoluten Masterplan und ein genaues Endergebnis vor Augen.

Viele Maschinen hatte Gerardo glücklicherweise bereits und er war bereit einen Schweißapparat und eine Kreissäge zu kaufen und den ganzen Kleinscheiß. Ich war ja an einem Sonntag angekommen und er fragte mich, ob ich ihn am Mittwoch nach Caleta, seinem bisherigen Wohnsitz an der argentinischen Atlantikküste, begleiten würde, um ihm bei seinem Umzug nach Antiguos zu helfen und dort die Maschinen und das Werkzeug zu kaufen. Er bat mich ihm einen Kostenvoranschlag und einen Zeitplan zu nennen und so einigten wir uns auf 4000 Ar$ und eine Woche Arbeitszeit nach Rückkehr aus Caleta. Der Preis erscheint mir (zu?) günstig, etwa 235€, aber ich brauche ja nicht viel und bekomme Kost und Logi, da hatte ich nicht genug Mut ihm mehr abzuverlangen aus Angst er könnte mich auf den Mond schießen, schließlich verdient man hier weniger als in Deutschland und er würde ja auch noch ne Menge ausgeben für meine Einkaufsliste. Ein durchschnittlicher Tageslohn liegt zwischen 300 – 600 Pesos (17-34€). Ich dachte mir also für eine Woche Arbeit könne ich schlecht das Doppelte verlangen, was aus meiner Sicht der Arbeitsaufwand durchaus Wert wäre. Er war jedenfalls einverstanden, wir brachen schließlich nach Caleta Olivia auf und dort ging bereits „los“, was bis heute anhält: Gerardos Gemütlichkeit und Verpeiltheit, die Seinesgleichen sucht. Man kann sagen er besitzt das Talent alle Zeit der Welt zu haben und wenns heute nicht klappt, dann halt morgen, oder übermorgen, und man darf nicht vergessen hier und dort mal was „kurz“ dazwischen zu schieben, mal ganz abgesehen von den Stunden (!), die man täglich damit verbringt gesellig mit anderen Menschen zu essen und trinken, zu kochen, zu quatschen, Eis zu essen, Mate zu trinken etc etc….Und wenn man dann gerade wieder Zeit hat der To-Do-liste nachzugehen, dann haben die Geschäfte Mittagspause, die machen nämlich alle zwischen 13-16h dicht. Am Anfang hat’s mich wenig gejuckt; ist ja an sich nicht zu verachten es gemütlich anzugehen, aber derzeit könnt ich uschraste.

Umzugswagen a lo Gerardo

Auf jeden Fall kamen zu den sozialen Hindernissen die finanziellen hinzu. Argentinien hat seit der neuen Regierung eine Inflation von jährlich 40% und es ist zum einen alles teurer geworden, zum anderen haben sich die Regeln für die Banken teilweise geändert. Man kann nicht mehr als 100 Euro innerhalb von 24h von der Bank abheben, also zahlen die meisten Leute mit Karte. Das führt an den Kassen zu komplizierten und langen Verhandlungen darüber, wie man am besten und billigsten zahlt,  Raten sind sehr beliebt, bzw wie man von welchem Konto Guthaben aufs andere schiebt etc mit dem Ergebnis, dass Gerardo ganz oft mit leeren Händen wieder kam, weil er keinen Zugriff auf sein Geld hatte oder beschlossen hatte woanders nach einem günstigeren Angebot zu suchen, z.B in Chile, oder zu warten bis das entsprechende Geld auf dem richtigen Konto landete. Nervig! Es vergingen also die Tage und es waren immernoch nicht alle „Zutaten“ da, selbst die Profile, die wir erstaunlicherweise alle auf einmal und sogar in ein und demselben Geschäft erwarben, brachte er mir über 4 Tage verteilt in die Chacra (das hat nix mit den indischen chakras zu tun, hier heißen die Plantagen so), obwohl es keine große Menge war und auch in einem Rutsch geklappt hätte…Eine bis zum Schluss unmögliche Beschaffung waren Schraubzwingen und Senker. Wer hätte das gedacht, in Deutschland sind das Grundutensilien. Einen Innengewindeschneider habe ich erstaunlicherweise bekommen. Verkehrte Welt. Ich wurde immer ungeduldiger, weil meine Woche bereits um war und ich noch nicht einmal angefangen hatte zu schweißen. Es fehlte nämlich der Schutzhelm…Eines Abends kam Gerardo triumphierend heim und hielt mir einen Helm vor die Nase, den man ihm geschenkt hatte. Am nächsten Morgen legte ich los und sah mich gleich mit zwei neuen Hindernissen konfrontiert: Erstens war der Helm kaputt und die Scheibe so dunkel, dass man selbst beim Schweißen nichts sah, suuuuper, und zweitens blieben die Elektroden ständig kleben und ließen sich einfach nicht zünden. Ich feilte den ganzen Tag an allen Einstellungen des billigen Apparats herum, aber bekam es einfach nicht hin eine anständige Naht, ja noch nichtmal einen würdigen Punkt zu setzen. Am Nachmittag konsultierte ich einen Freund Gerardos, der mir eine andere Elektrodenart empfahl. Am nächsten Morgen sollte mir Gerardo diese also besorgen. Wieder verschwand er für mehrere Stunden.

Die neuen Weinregale und das Eckregal, alles mit Palettenholz.

Ich hatte in meinen zahlreichen Wartestunden bereits andere Dinge gebaut: zwei Böcke zum besseren Arbeiten und zwei Küchenregale aus Paletten. Als die neuen Elektroden endlich ankamen, versuchte ich es aufs Neue. Ihr werdet es nicht glauben, es ist mir selbst nach mehreren Tagen des Probierens nicht gelungen ordentlich zu schweißen, aber immerhin etwas besser als mit den ersten. Ich war auf jeden Fall mega frustriert, denn ich wusste auch nicht woran es lag: an mir, am Schweißapparat, an den Elektroden, oder an den Einstellungen. Schließlich kam Besuch, der auch Ahnung vom Schweißen hatte und probierte sein Glück. Es gelang ihm auch nicht. Wir hatten inzwischen dennoch angefangen die Profile zusammen zu braten, denn ich sah nicht, wie ich sonst voran kommen würde. Die Schweißstellen waren schlimmer als meine ersten Versuche in Bonn und ich war alles andere als zufrieden.

Lorena will immer dabei sein und setzt sich auf die neuen Böcke. Es ist ihr auch schnurzpiepsegal, ob ich gerade schweiße, flexe, oder säge. Die kennt da nix :-O

So ging das die nächsten Tage weiter und ich kam nur langsam voran. Immer wenn ich einen Arbeitsschritt beendet hatte, kam Gerardo nicht mit den fehlenden Dingen hinterher. Ich wurde täglich ungeduldiger, aber Gerardo fand alles immer halb so schlimm. In der Zwischenzeit hatten wir Besuch von verschiedenen Leuten bekommen: Freunde, Gerardos Mutter und Tante, Bekannte von Freunden, die am See angeln wollten. Außerdem kam Toni, ein Windsurfer aus Venezuela an, der saisonal mit Gerardo zusammen arbeitet und so weiter. Eine weitere Neuerung trat ein, als Gerardo und ich Holz kaufen gingen. Dort gab es Kätzchen (auch Holz ;-)) und Gerardo hatte seit Tagen erzählt, dass er einen Hund, eine Katze und Hühner für sein Grundstück brauche. Den Hund um Hasen zu jagen, da sie die Kirschbäume annagen, die Katze für die Mäuse und Ratten und die Hühner für Eier und gegen die Käfer, die der Plantage schaden. Die Männer des Holzgeschäfts schnappten blitzschnell eine der beiden auf und drückte sie mir in den Arm. Urplötzlich hatten wir nun also ein Kätzchen, nur das mit dem Holz hat mal wieder 4 Tage gedauert. Mit dem kleinen Kätzchen fuhren wir durch den Ort und erledigten die letzten Einkäufe, sogar in den Supermarkt durfte ich sie mittragen. Gerardo sagte ich solle ihr einen Namen geben und als erstes fiel mir „Iti“ ein, das ist Rapanui und heißt klein. Doch das überzeugte Gerardo nicht. „was heißt Meer auf Rapa Nui?“ „Moana“ sagte ich, und so wurde das kleine Kätzchen getauft. Ihr fehlten auf einer Seite die Schnurrhaare, irgendwer hatte sie mit einer Schere abgeschnitten oder abgebrannt, aber ansonsten war sie eine ganz Aufgeweckte. Schon nach wenigen Minuten in ihrer neuen Umgebung konnte ich sie mit einem Spielzeug, etwas Futter und Milch glücklich machen und sie hat sich nicht versteckt oder verkrümelt, selbst nicht, als wenige Stunden später das große Gewusel ausbrach.

Moana 🙂

Erst trafen die beiden Angler ein und kurz darauf Gerardos Mutter und Tante mit Toni und dem Beagle. Wir alle fragten uns was passieren würde, wenn der Hund und die Katze sich begegnen würden. Ich schlug vor die beiden erstmal ein paar Tage getrennt aneinander zu gewöhnen. Der Beagle war irgendwann der Mutter zugelaufen und sollte nun bei Gerardo bleiben. Er ist aber schon etwas älter, vielleicht 3-4 Jahre alt und wie alle Beagle sehr spritzig, noch dazu ein Jagdhund. Doch Rufi, Gerardos Mutter hatte bereits alle Türen aufgerissen, der Hund rannte, wie alle anderen auch, hin und her und erkundete das Umfeld. Nix da mit einfach mal vorsichtig abwarten. Die Katze wusste vermutlich gar nicht, wie ihr geschah, plötzlich stand ihr Todfeind in ihrer Küche, wo sie sich bereits gemütlich auf einen Sessel zusammengerollt hatte. Da war die Ruhe vorbei, sie verkroch sich unter und hinter den Schränken, während der Hund zwischen den Beinen hin und her rannte und alles beschnüffelte. Ich traute dem Braten, bzw dem Hund, nicht so recht. Mit einem Happs könnte er Moana erledigen. Doch ich war sehr überrascht, wie erstaunlich einfach alles ablief, vor allem im Zuge der nächsten Tage. Wir verbrachten den ersten Abend zu 7 in der Küche, kochten,  aßen und quatschen und Moana kroch gelegentlich hervor, stets in sicherer Entfernung des Hundes, der sie schwanzwedelnd beobachtete und manchmal einen Satz auf sie zu machte, als ob er mit ihr spielen wolle. In der Zwischenzeit sollte ich auch dem Hund einen Namen geben und wieder fiel mir auf Anhieb ein Rapanui Wort ein: Poki. Das Kind.

Poki

Es war nun das Osterwochenende und bis auf die Besucher waren die Tage nicht anders als sonst. Keine besondere Tradition, zumindest nicht in diesem Personenkreis. Rufi, Gerardos nervige, aber sehr liebe Mutti, hat jeden Tag wie eine Wilde aufgeräumt, gekocht, geputzt, eingekauft etc. Ich bin meiner Arbeit hinterher gegangen, so gut es ging, und an den Nachmittagen gingen wir manchmal alle gemeinsam oder nur teilweise runter in den Ort zum Windsurfen.

Toni, Gerardo, Mutter Rufi, Tante Kuki und Poki.
Poki und ich machen eine Spritztour. Auch der Mate darf nicht fehlen.

Toni, der 20 jährige Venezolaner, stand mir in den nächsten Tagen manchmal als Praktikant bzw. Helfer zur Seite und jetzt weiß ich, wie nervig das sein kann. (Cheffe, falls Sie das grad lesen: Jetzt weiß ich wie es ist, wenn ein noch so eifriger Nichtswisser totaaal die Arbeit aufhält! ^^) Ich wurde ja ohnehin von Tag zu Tag mauliger, wenn Gerardo mal wieder meinen Aufenthalt um einen Tag verzögerte und dann auch noch einen Lehrling mit Arbeit beschäftigen, der, wenn man nicht aufpasste einfach anfing an meinem Arbeitsstück zu schweißen, welches ohnehin schon eine Katastrophe war! Ich kam mir zugleich mega unsympathisch vor, weil ich eigentlich ständig meckerte und korrigierte und aufschrie „nein, mach das nicht! Ich machs besser selber!“.

 

So vergingen die Tage. Toni hatte Geburtstag. Jeden Tag kam ich ein bisschen voran, wurde aber nie fertig. Hund und Katze wurden täglich kompatibler (sie hatten schon in der ersten Nacht gemeinsam in der Küche gepennt). Sie beanspruchten jeweils die besten Sitzplätze (das wäre bei mir nie erlaubt gewesen, dass der Hund auf einem Sessel sitzt) und hinterließen diese dann so haarig, dass dort kein Mensch mehr sitzen konnte und wir alle auf den ungemütlichen weißen Plastikstühlen sitzen mussten, während sie die weichen Polster belegzen. Schon am zweiten Tag tötete Moana ihre erste Maus und verschlang diese ganz, mit dem Schwanz zuletzt. Applaus von Gerardo, der ja möchte, dass sie das Haus mausfrei hält.

Schließlich reisten alle, bis auf Toni, wieder ab. Ich lernte einiges über Venezuela, über die dortige wirtschaftliche Situation, den Alltag der Bevölkerung, was man besonders an Tonis Einstellung zu Essen bemerkt. Er hat IMMER Hunger und verschlingt das Essen, sobald es vor ihm steht, er isst dreimal soviele Portionen wie ein „normaler“ Mensch und wenn sich ihm die Möglichkeit bietet, isst er permanent was zwischen den Mahlzeiten. Und so ist das laut Gerardo mit allen Venezolanern die er kennt, denn sie haben oft nicht genug zu essen. Echt traurig…Am Tag der Unabhängigkeit, der in die Zeit meiner Anwesenheit fiel, gingen Tausende Venezolaner auf die Straßen, doch der Präsident hatte zusätzlich zu den Polizisten auch noch die privaten Sicherheitsfirmen mit Waffen ausgestattet und so starben mindestens 11 Personen, nur weil sie für mehr Demokratie auf die Straße gingen. Ob das in Deutschland in den Nachrichten kam? In Argentinien war es tagelang in den Medien.

Nach 2,5 Wochen stellte ich endlich den Esstisch fertig. Den Hühnerstall hatte ich in der Zwischenzeit abgeschrieben. Der hätte mich mit Sicherheit nochmal 4 Wochen beansprucht. Am Vorabend der Fertigstellung (es fehlten mir nur noch 100 Schrauben) schlug Toni vor ein Abschiedsessen zu machen und Gerardo fand die Idee gut und wir überlegten, welche Leute wir einladen würden. Ich kannte ja schon inzwischen einige. Am nächsten Tag machten Toni und ich was wir konnten, während Gerardo mit dem Auftrag die Schrauben zu besorgen und das Abendessen zu organisieren in die Stadt fuhr. Er brauchte mal wieder Stunden und kam mit leeren Händen über Mittag zurück, um gleich wieder abzudüsen, weil er mal „schnell“  nach Chile rüber musste. Da ahnte ich schon Schlimmstes und sah mich einen weiteren Tag warten. Zufällig kamen über Mittag zwei der Gäste kurz vorbei und wir erfuhren, dass Gerardo ihnen nicht einmal Bescheid gesagt hatte wegen des Essens. Also luden wir sie ein. Aber Gerardo kam erst gegen 19h zurück, hatte keinen Einkauf erledigt, noch dazu die falschen und unzureichende Schrauben mitgebracht und tat so, als ob das alles kein Problem sei, die anderen seien mir sicher nicht böse, wenn ich einfach so abreiste. Glücklicherweise hatten wir während seiner Abwesenheit zufällig passende Schrauben gefunden und den Tisch fertiggestellt, doch an diesem Abend würde es definitiv keine Abschiedsfeier mehr geben. Ich war echt enttäuscht und sagte ihm, dass es nicht nur darum ginge endlich den Tisch fertig zu bekommen und abzureisen, sondern den Tisch mit ihm und meinen neuen Freunden einzuweihen und die Gelegenheit zu haben gebührend Tschüss zu sagen. Da erst checkte er worum es mir ging und fragte mich, ob ein Mittagessen am nächsten Tag noch mit drin sei, er würde sich um alles kümmern. Also willigte ich ein, aber irgendwie wusste ich schon, dass aus dem Mittagessen ein Spätmittagessen werden würde und ich wieder einen weiteren Tag auf meine Abreise würde warten müssen. Innerlich war ich echt wütend darüber, dass das alles für Gerardo „no hay problema“ ist, schließlich bedeutete es für mich täglich schlechtere Wetterbedingungen auf meinem Weg in den Norden, denn es hatte vielerorts bereits begonnen zu schneien! Der nächste Tag kam und verging wie befürchtet. Mittags kamen die ersten Gäste von dreien und Gerardo hatte noch nicht einmal mit dem Kochen begonnen.  Daher mussten sie auch wieder los, ehe das Essen fertig war. Toni arbeitete über Mittag im Dorf und so blieb nur noch ein Gast übrig. Das Essen war lecker, aber die Absicht verschwunden und dann kam das Problem mit der Bezahlung. Tja, seit drei Wochen wusste Gerardo ja, dass und wieviel Geld ich bekommen sollte und dann musste er es in den letzten Stunden ganz plötzlich herbeizaubern. Das ging natürlich wieder nicht und er gab mir zunächst die Hälfte, musste sich sogar Geld leihen. Um den Rest abheben zu können, musste er bis Mitternacht warten und ich somit wieder einen Tag länger warten.

Der Esstisch

So nett Gerardo ist (ein wunderbarer Gastgeber)…ich war soooo froh endlich wieder on-the-road zu sein und machte Freudentänze als ich hinter seinem Haus die Grenze nach Chile passierte und das nächste Abenteuer bevorstand. Die Carretera Austral.

Ich lernte aus den drei Wochen nicht viele neue Arbeitstechniken, aber viele andere Dinge. Über billige Maschinen, Elektroden, Zeitmanagement, das Aushandeln von Bedingungen (oder was passiert, wenn man zu passiv ist und eben nicht verhandelt), Windsurfen, neue lokale Speisen und das Zubereiten von Mate.

Mate

Der Mate ist das Nationalgetränk der Argentinier und darf nie fehlen. Die Menschen verlassen niemals ohne Mate das Haus, ich wäre nicht verwundert, wenn der eine oder andere seinen Mate mit ins Grab nimmt. Der „Mate“ ist nicht, wie ich bis heute immernoch oft verwechsel der Tee, sondern der indianische Name für das Trinkgefäß (Mati) aus der man den Tee trinkt und für das „Ritual“ als Ganzes. Die Teeblätter selbst heißen Yerba (von hierba, das Kraut). Für einen Mate braucht man also:

  • Den Mate (die Tasse, traditionell aus einem kleinen Kürbis, heute auch aus Holz, Plastik, Metall, Horn oder Glas)
  • Yerba (den Tee)
  • Und die „Bombilla“ (bombischa, ein Strohhalm meist aus Metall, seltener aus Holz)

Der Cebador (Sebadohr) ist derjenige der für die Gruppe den Mate zubereitet. Er füllt die Kürbistasse zur Hälfte oder sogar 3/4 mit der Yerba, legt die Hand auf die Öffnung und schüttelt den Becher, damit das Pulver herauskommt, das sich an seiner Hand sammelt und dann weg gepustet wird. Außerdem „sortiert“ dies den Tee, damit die gröbsten Hecksel unten liegen. (Diesen Schüttelschritt machen jedoch die wenigsten).

Die Bombilla kommt nun schräg hinein, oder wurde vorher in die Tasse gestellt. Der Strohhalm hat am unteren Ende ein Sieb, sonst würde man die ganze Zeit kleine Teestückchen schlucken und sehr unschön durch die Gegend spucken.

Das Wasser, das nicht kochen durfte (ich fragte, ob man schummeln darf und das Wasser erst kochen darf und dann erkalten lassen kann, aber nein! Auf gar keinen Fall! Denn beim Kochen verändern sich die Eigenschaften des Wassers und der Mate schmeckt dann gaaaanz anders!) wird entlang des Strohhalms aufgegossen und bestenfalls tränkt man die Blätter erst eine Weile mit lauwarmen Wasser, ehe man ganz auffüllt. Ist das Wasser zu heiß, verbrennen die Blätter und der Tee wird noch bitterer, als er ohnehin schon ist.

Dann darf der Cebador nicht den Fehler machen aus Höflichkeit die erste Tasse einem anderen zu überreichen, denn der Mate könnte ja mißlungen sein (wer hat’s beim ersten Mal falsch gemacht?!) Er muß also die ersten 1-2 Tassen selber trinken. Generell sei an dieser Stelle erwähnt, dass der Mate immer wieder aufgefüllt wird, bis der Tee an Geschmack verliert.

Ist der Mate also genehmigt, reicht man die volle Tasse einem anderen. Der Strohhalm muss zum Empfänger zeigen, alles andere wäre unhöflich und diese Person trinkt den Tee komplett aus und reicht den Mate zurück. Jeder bekommt also eine volle Tasse, nicht wie beim Joint 😉

So darf jeder reihum Tee trinken und dabei gibt’s oft Kekse oder Blätterteiggebäck, sogenannte facturas. Der überreichte Mate sollte möglichst bald getrunken werden, weil das Teewasser immer bitterer wird. Erzählt jemand zu viel oder ist gerade mit beiden Händen beschäftigt, ist es ratsam, dass ein anderer den Mate trinkt.

Wer den letzten Mate trinkt, wird angeblich als nächster heiraten.

Mateprofis wissen genau wie man am besten, also am längsten, denselben Tee aufgießt und haben dazu eine bestimmte Technik. Bilden sich beim Nachgießen keine kleinen Bläschen mehr und schwimmen einige Teestängelchen an der Oberfläche, gilt der Tee als ausgetrunken und die Blätter müssen ausgewechselt werden.

Varianten :

  • Mit Zucker, Stevia oder Honig.
  • Mit Kaffee gemischt.
  • Mit Orange, Zitrone, oder anderen Früchten.
  • Mit weiteren Kräutern, wie Minze, Zitronenmelisse etc.

Ich habe den Fehler gemacht manchmal noch um 19h oder später einen Mate anzunehmen und konnte deswegen schon dreimal nicht einschlafen. Es sei also Vorsicht geboten! Der Tee enthält Koffein und macht munter 😉

Mate ist in Argentinien so bedeutsam, dass es eigens angepasste Wasserkocher gibt, selbst von internationalen Marken. Speziell für den argentinischen Markt bekommen sie einen Temperaturregler, der das Gerät ausschaltet, bevor das Wasser kocht, verrückt oder? 

An Tankstellen gibt es Heißwasserautomaten zum Auffüllen der Thermoskannen und wirklich überall kann man Matezubehör kaufen. In den Supermärkten gibt es quadratmeterweise Yerbasorten, so wie bei uns Bier. Seltsam, dass es hier kein Club Mate gibt…Vermutlich wäre das Getränk aus argentinischer Sicht eine Verschandelung ihrer Trinkkultur.

So, diesmal war’s etwas kürzer, beim nächsten Mal geht es um den Abschnitt der Carretera Austral 🙂 Machts gut und bis bald! Jetzt erstmal ein Mate 😉

Prost!