Weddingtime

Unsere „Reisegruppe“ kommt im Morgengrauen in Papeete, der Hauptstadt von Französisch Polynesien, an. Am Flughafen bekomme ich noch nicht einmal einen Stempel im Pass es ist Europäische Union, wie langweilig. Aber auch irgendwie komisch. Man ist am anderen Ende der Welt und dennoch im Nachbarland. Alle sprechen Französisch und ich freue mich wie ein Flitzebogen darauf mein Französisch in den nächsten Wochen aufzupolieren. Die „Osterhasis“ sind mal wieder mit Coolboxen verreist und jeder ‘nem Gepäckstück zuviel, Mann ist das wieder peinlich! Als ob‘s in Tahiti kein Essen gäbe.Während der Rest der Gruppe auf den Anschlussflug nach Raiatea wartet, warte ich auf Noëline, Leonies Schwester, bei der ich für ein paar Nächte unterkomme. Ich möchte nicht schon wieder fliegen und will versuchen per Segelboot nach Raiatea, 200 km nordwestlich von Tahiti, zu kommen. Ich gebe die Segelei doch nicht auf, nur weil in Chile niemand segelt, hier sind sicher mehr Boote unterwegs. Alle anderen denken sich wohl, die Arme, die denkt tatsächlich sie kann mit dem Segelboot kommen. Die verstehen eh nicht so recht, was ich hier mache…
Meine ersten Tage in Französisch Polynesien sind die reine Sinnesüberflutung. So viele Bäume, Ranken, Blüten, Gerüche, Farben! Es ist heiß, so heiß, dass ich zwischen 13-16 h am liebsten unter der Dusche eine Siesta machen möchte.Ich wohne bei Noëline, ihrer zehnjährigen Tochter Nora und ihrer Nichte Heinarii, die eine Ausbildung zur Krankenschwester macht. Sie haben ein großes Haus, vier Hunde, darunter Babulé, ein knutschiger Welpe. Die Hunde sind den ganzen Tag angeleint, weil sie nicht erzogen wurden und daher den ganzen Tag Unfug machen. Irgendwie ist das doch paradox.
Den ersten Tag gönne ich mir einen Ruhetag, abends gehen wir zum Strand. Schwarzer, weicher Sand, überall im Wasser lungern die Hoe-Jungs auf ihren Kanus. Frechheit! Tahiti ist der Hoe-Olymp, der Sport heißt hier allerdings Va’a und ich sitz neidend am Strand und schaue ihnen hinterher.

Am Tag danach beginnt meine Hochzeitsbootsuche nach Raiatea. Da die Überfahrt 24h dauert und ich ja auch bei den Vorbereitungen helfen will, habe ich also nicht viel Zeit.
Noëline fährt morgens um 7 in die Stadt und setzt mich ab. Ehe ich zu dem Yachthafen gehe, erkunde ich ein wenig das Zentrum und die Uferpromenade. Es gibt einen lebendigen Zentralmarkt, der selbst zu dieser frühen Stunde schon summt wie ein Bienennest. Die Stadt ist irgendwie fernöstlich angehaucht, ebenso wie die Vegetation, die Gesichter und die Esskultur. Obwohl ich noch nie in Südostasien war, stelle ich mir vor, dass ich hier auf einer Vorstation Südostasiens bin, nur dass die Asiaten hier Französisch quatschen, die Tahitianer ohne Baguette nicht überleben und im Carrefour das französische Käseparadies plündern.

Der Zentralmarkt von Papeete
Es rappelt in der Kiste.

Da Transport (wie alles ander auch) auf Tahiti nicht billig ist und die Touri-Info offenbar nur Honeymoonler mit ausreichend Kohle gewohnt ist, bekomme ich hier keine Auskunft über Aktivitäten, die nix kosten. Selbst die Wanderungen in die Berge, die mich durch die Wolken mit atemberaubenden Felswänden locken, sind schweineteuer. Es gibt nur eine Straße, die geht einmal um die ganze Insel, an der Küsten entlang. Schon wenige Km im Inselinneren gibt es keine Häuser mehr, die Berge gehen von dort bis zu 3000 m hoch und offenbar wollte sich niemand die Mühe machen dort zu bauen. Dieses Phänomen habe ich später auf all den weiteren Inseln auch erlebt. Und wenn der Blick so über die Inseln schweift und außer Urwald nichts sieht, keine Zeichen menschlicher Existenz, dann ist das mit Sicherheit das Wesentliche, was den Charme dieser Inseln ausmacht: Invasion der Natur, jede Insel könnte Drehort von Jurassic Park gewesen sein. Da schlägt mein Klettererherz jedes Mal höher, aber leider ist diese Sportart hier noch nicht angekommen. Hätten die Franzosen außer Delikatessen nicht auch noch ihre Kletterkultur mitbringen können? Menno.
Ich erkunde also nur zu Fuß. Es heißt ja auch schließlich Wanderschaft. Die erste Marina, so heißen die Yachthäfen, ist direkt im Zentrum. Doch ich finde das Büro nicht (dabei ist es ganz einfach zu finden, haha). Als ich es schließlich finde, ist der Mitarbeiter wenig hilfsbereit, er hat schließlich besseres zu tun als Anhaltern zu helfen ein Boot zu finden. Immerhin schenkt er mir einen Zettel und Tesa, so schreibe ich einen Notizzettel fürs Schwarze Brett und gehe zur nächsten Marina. Anleitung für Möchtegern-Matrosen – oder wie man auf einem Boot hitchhiked :

  • 1. Man darf keinen Zeitdruck haben.
    Mist, da liegt schon der erste Fehler.
  • 2. Man muss die Seeleute ansprechen (selbst wenn das schwarze Brett gut genutzt wird). Also raus mit meinem Schulfranzösisch.
  • 3. Man braucht ein einigermaßen sympathisches Auftreten und nicht allzu schmuddeliges Aussehen ;-P Das schaff ich.
  • 4. Einen strategisch guten Warteplatz, Sonnencreme, Hut und Trinkwasser.
  • 5. Was zu schreiben, Tesa und Reißzwecken.

Ich bin inzwischen in der Marina Taina, die Größte, und schaute mich um. Ein weites Gelände, alles weitgehend öffentlich, ein paar Restaurants, ein kleiner Bootsbaumarkt, das Büro, ein Waschsalon. Auch hier ist das Personal eher kühl. Sie mögen es wohl nicht, wenn niederes Volk ihre elitäre Kundschaft anpöbelt. Aber beinahe alle Segler, die ich anschließend so kennenlerne, sind unfassbar nett und hilfsbereit. Ich spreche jeden an, der mir über den Weg läuft, frage erst auf Englisch, ob sie English sprechen. Meinen französischen Eröffnungssatz perfektioniere ich über die nächsten 20-30 Ansprechpartner. „Guten Tag, ich suche ein Boot nach Raiatea, kennen Sie jemanden der dorthin fährt?“ Ich höre zum ersten Mal den Begriff „Dingy-Dock“, dort wird mir der größte Erfolg versprochen – und in der Kneipe zur Happy Hour, grins. Wat für Dinger?! Achso! Dinghis sind also die kleinen Motorschlauchboote, mit denen meine Opfer von ihren Segelbooten, die vor der Marina an den Bojen parken, an Land fahren! Am Dinghi-Dock muss ich also unschuldig dreinblickend auf sie lauern.
Ich setze mich also auf die Bank zwischen Waschsalon, Duschen und Dinghi-Dock, das ist der strategisch beste Platz. Hier entgeht mir so gut wie niemand. Wäsche waschen müssen alle, wenn sie ein paar Wochen auf See waren und nach Fisch stinken.Mein erstes Opfer ist mir hier und dort schon über den Weg gelaufen, ein älterer Herr, der mit schweizer Akzent Englisch spricht. Noch haben wir nicht geredet. Auf einmal sitzt er in seinem Dinghi und fährt schon los, ich muss wohl kurz am schwarzen Brett im Waschsalon gestanden haben. Das gibt’s doch wohl nicht, dass der mir jetzt entkommt! Ich rufe ihm hinterher und er kommt zurück. Das war der Beginn einer langen Freundschaft. Das war Franzi.
Wir unterhalten uns mindestens 20 min. Franz ist 70, gut gelaunt und jung geblieben, kommt aus der Schweiz und segelt seit 10 Jahren um die Welt. Viele Jahre alleine und seit bald zwei Jahren mit seiner Tochter Sandra. Leider fährt er weder nach Raiatea, noch später nach Neuseeland, aber er hat einen guten Seglerfreund, ein Deutscher, der gerade Richtung Neuseeland aufgebrochen ist und vllt irgendwo auf mich warten kann. Franz meint der wäre sicher entzückt eine deutsche Wandersgesellin dabei zu haben und wird sich bei mir melden. Na, das ist ja schonmal was, aber wie komm ich denn jetzt zur Hochzeit?Am Mittag meines zweiten Lauertages, ich habe bereits Sonnenbrand und eine wunde Zunge vom viele Menschen ansprechen (gefühlt kenne ich inzwischen jeden, der hier vor Anker liegt), lerne ich endlich Gilles aus Frankreich kennen, der tatsächlich nach Raiatea segelt. Wann? Morgen. Mit seiner Familie. Er telefoniert kurz, fragt seine Frau, ob ich mit darf und Wow! Er nickt und sagt es wäre ok! Boa, wie ich mich freue! Ich fühle mich mal wieder ziemlich unbesiegbar, haha. Naja, nach fünf Wochen vergeblicher Liebesmüh in Valparaiso ist es ja auch irgendwie gerecht, dass ich jetzt nach anderthalb Tagen ein Boot finde.
Am Abend genieße ich leckeres Abendessen bei Noëline daheim und lerne wie man hier in Französisch Polynesien rohen Fisch zubereitet. Es schmeckt köstlich, so gar nicht nach Fisch hehe. Zuvor hatte ich noch die Ehre mit einer Tahitianischen Rudergruppe ein Hoe-Training mit zu machen. Das ist schon ne ganz andere Liga als meine Rapa Nui -Truppe, die keine Gelegenheit auslässt, um ein Bierchen trinken zu gehen. Am nächsten Morgen schlage ich meine Wartezeit bis zur Treffstunde an der Touri-Info herum und lerne Carine kennen. Sie hat dort einen Souvenirstand und beantwortet geduldig all meine Fragen zum typischen Leben eines Tahitianers. Tahiti ist eigentlich nur der Name einer Insel. Dort ist auch die Hauptstadt. Das Land heißt genau genommen Französisch Polynesien und besteht aus mehreren Inselgruppierungen: die Gesellschaftsinseln (zu denen auch all die anderen Insel gehören, die ich in den kommenden Wochen betreten werde), die wilden Marquesas, die Tuamotus, die Austral Inseln und die Gambiers. Jede dieser Inselgruppen besteht ihrerseits aus einer Vielzahl von Inseln oder Atollen. Wie auch Carine, kommen einige Tahitianer von den weit entfernten Archipelen, um hier besseres Geld zu verdienen. Aber Carine sagt, eigentlich geht es uns nicht schlecht. Selbst wenn man nicht viel verdient, kann man hier überleben. Wir haben fast alle ein Haus mit Grundstück. Dort haben wir Kokos, Bananen, Papayas, und fischen gehen kann auch jeder. Sie sagt man verdiene so im Mittel 1300 Euro, in den Supermärkten ist das schnell weg. Aber wenn man kein Geld für Miete zahle, wäre es alles gar nicht so schlimm.

Kunsthandwerk in Tahiti. Aus Blumen, Pflanzenfasern, Blüten, Blättern, Muscheln, Samen etc.

Sie ist Anfang 30, hat ein stiefmütterliches Blumenkleid an und wirkt überhaupt mit ihrem lieben Gesicht und molligen Körper wie eine Oma, die zu jung ist. Sie macht fast alle ihre Souvenirs selbst. Sie flicht die Ketten und Armbänder, graviert das Perlmutt, fädelt Samen und Muscheln auf. Eine echte Kunsthandwerkwerin. Als ich mich von ihr verabschiede, verspreche ich ihr sie zu besuchen, falls ich wieder komme.

Innerlich bin ich schon ganz aufgeregt wegen meiner ersten Segelfahrt. Trotz all der positiven Erwartungen, habe ich mir noch Tabletten gegen Seekrankheit besorgt. Ich will bloß nicht negativ auffallen. Gilles kommt pünktlich zum Treffpunkt und mit seinen Töchtern Apolline und Camille fahren wir auf dem Dinghi heraus. Ist das aufregend! Es liegen bestimmt hundert Segelboote vor Anker, welches ist wohl unseres? Schließlich steuern wir auf ein weiß-rotes Segelboot zu, es ist etwa 11m lang und heißt „Coccinelle“, Marinchenkäfer. Das ist doch süß! Vom ersten Tritt aufs Boot an bin ich absolut fasziniert. Es gibt so viel zu sehen auf so kleinem Raum. Jeder Quadratzentimeter ist perfekt durchdacht, sinnvoll designed und für irgendetwas belegt. Man erkennt und spürt auf Anhieb, dass Bootsarchitektur eine Königsdisziplin ist. Auf einmal denke ich mir, da hätte ich mich schon viel früher mit beschäftigen sollen, da gibt es sicher viel, was man hätte fürs Studium übertragen und nutzen können.
Wir steigen hinten aufs Boot und treten sofort auf das „Freiluftwohnzimmer“, wo die Sitzbänke ein U um die Steuerpinne bilden. Gegenüber ist die Hühnertreppe, die nach unten führt. Ich stecke von oben neugierig den Kopf durch und blicke in den Rumpf. Ist das gemütlich!!! Die Mädels sind schon längst unten und rufen mich aufgeregt dazu, sie wollen mir eine Führung geben. Wie Franzosen so sind, halten sie es für unnötig langsamer oder deutlicher für Anfänger wie mich zu sprechen. „Hier links ist unsere Fünfsterneküche, dort rechts das beste Büro der Welt.“ Dahinter, in der Mitte des Bootes ist die gemütliche Sitzecke, eine Ukulele hängt an der Decke, ein Globus auf dem markiert ist, wo sie schon überall waren, aus aller Welt hängen kleine Erinnerungsstücke und Fotos. Camille läuft durch bis ganz vorne „das ist mein Zimmer und hier ist auch unsere Toilette.“ Camilles Zimmer ist urgemutlich, wie eine kleine Höhle die sich an die Bootsform anpasst, eine dreieckige Matratze liegt darin auf der man auch zu zweit schlafen kann, nur Füßeln muss erlaubt sein. Sie ist die Ältere und hat Fotos von sich und ihren Freundinnen an die Seiten geklebt. Wir gehen wieder zur Leiter, rechts und links sind wieder zwei Kajüten, beide so, dass zwei Leute darin schlafen können, die jeweils äußere Wand ist schräg wie eine Lehne, die innere Seite hat eine tiefere Decke, dort passen nur die Beine drunter, denn darüber sind die Bänke des Freiluftwohnzimmers. So ist das ganze Boot perfekt verschachtelt. Es gibt Staukammern, Lampen, kleine Fenster. Die Küche erstaunt mich mit dem Vorhandensein eines Kühlschranks und einem Wipp-Herd, damit man auch bei Seegang immer im Lot kocht und nichts verschüttet. Und sogar ein Ofen! Ich bin hin und weg. Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass man einen Kühlschrank (und sogar ein Eisfach!) hat. Der verbraucht doch soviel Strom! In der Zwischenzeit ist nun auch Armelle angekommen, Gilles‘ Frau. Sie begrüßt mich und meine erster Gedanke, als ich ihren Gesichtsausdruck sehe ist, au weia, das ist so eine harte Nuss. Für mich ist sie eine typische Französin: eine schöne Frau, schlank in einem Alter, wo deutsche Frauen meist schon aufgegangen sind; wie machen die das bloß? Sie wirkt sehr streng, ernst, hart und hat so eine lauernde unterschwellige Aggressivität in sich. Ob sie es wohl doof findet, dass Gilles mich angeschleppt hat? Sofort bricht Aufbruchstimmung ein, ich soll mein Gepäck in die linke Kajüte tun, dort wo eigentlich das Ehebett ist. Da fühl ich mich gleich schlecht, denn Gilles und Armelle werden folglich im Salon auf den Sofas schlafen. Ist Armelle deswegen sauer? Ich biete mehrfach an selber auf dem Sofa zu schlafen, aber sie erklären mir, dass es normal sei, dass sie während längerer Überfahrten dort schliefen, wegen der Nachtschichten und um schneller oben zu sein, wenn was wäre. Also gut. Es wird noch schnell getankt und „ausklariert“, also bei der Hafenbehörde abgemeldet und schon sind wir unterwegs.

Zunächst müssen wir an Moorea (Mohr-e-a) vorbei, die Insel, die direkt gegenüber ist. Einmal an der vorbei, halten wir direkten Kurs nach Nordwest. Während wir so an Moorea vorbei tuckern, weil der Wind zum Segeln noch nicht reicht, sehen wir vor uns in etwa 200m Entfernung eine Walmami mit ihrem Jungen. Diese Passage zwischen den beiden Inseln ist berühmt fürs Whalewatching. Die Walmütter bringen in diesen warmen Gewässern ihre Kleinen zur Welt und verbringen oft einige Wochen Erziehungsurlaub in der Gegend, ehe sie weiter ziehen. Ich glaube in dem Moment, als ich Moorea im Sonnenuntergang sah und bei eintretender Dunkelheit ganz allein auf dem Deck lag und abermillionen Sterne über mir sah und unter mir an den Flanken des Boots kleine grünblaue Leuchtpunkte vorbei zogen und wieder verschwanden, war es um mich geschehen. Über und unter mir waren Sterne, war Unendlichkeit, war Frieden und Tiefe. Das Meer und ich, wir würden uns lieben. Ich hatte noch nie zuvor Plankton gesehen, nun konnte ich gar nicht fassen, dass es wirklich leuchtete. Es war eine magische Stimmung. Den Rest der Nacht schlief ich im Schleudergang. Die Wellen warfen mich von rechts nach links und wieder zurück. Ein Glück hatte ich die Tabletten, sonst hinge ich jetzt wie ein elendes Würmchen über der Reling. Über meinem Kopf schlugen ständig irgendwelche Seile und Rollen aufs Deck, wenn Gilles die Segel umstellen musste, es klang so, als wäre das in meinem Kopf drin. Natürlich waren alle Geräusche neu und unbekannt, da fragt man sich ja schon, ob sich das so gehört, oder der Untergang bald droht. Als die Sonne aufging, lief ich an Deck. Es war leicht bewölkt und in der Ferne regnete es auf die schwache Silhouette einer Insel, Land in Sicht! Für mich war es das aufregende erste Mal, alle anderen lagen noch sabbernd im Bett, woraus ich schloss, dass es sie herzlich wenig interessierte. Zu viele Male schon Land in Sicht. Seit 8 Jahren leben sie schon als Familie auf diesem Boot. Die kleine Apolline hat ihr ganzes Leben auf der Coccinelle verbracht. Allein in Französisch Polynesien sind sie schon seit 5 Jahren! Wenn sie mal irgendwo länger sind (wie auf den Marquesas, drei Jahre), dann gehen die Mädels zur Schule, ansonsten werden sie an Bord unterrichtet. Die französische Regierung hat eigens für solche Fälle ein Lehrprogramm, dass einmal im Jahr abgefragt wird und darüber entscheidet, ob die Schüler ins nächste Schuljahr kommen. Das klingt wie ne ziemlich coole Kindheit. Ein Leben wie ein Pirat auf einem Boot, um die Welt kommen, das Segeln im Blut haben, einmal im Jahr ne Allrounderprüfung machen, die staatlich anerkannt ist…
Die Insel in der Ferne ist Huahine (Wua-hineh), von dort ist es nicht mehr weit bis Raiatea. Auf die letzten Stunden werde ich noch von Apolline geschminkt; sie meint ich könne nicht ungeschminkt zur Hochzeit fahren. Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Schließlich ist der Moment gekommen, wo wir durch das Riff müssen. Alle Inseln, die ich in Französisch Polynesien besucht habe, haben einen solchen Riffring, den man nur durch Pässe überwinden kann. Ansonsten knallt man auf die Korallen und riskiert Schiffbruch. Dass manche dachten sie schaffen es mit ihren Superyachten auch so, belegen hier und da die Wracks. Hinter dem Riff beginnt das türkisblaue Photoshop-Gewässer, still wie ein See, weil das Riff die Wellen verschluckt hat. Auf unserer Rechten liegt inmitten der Lagune ein Häuschen auf Stelzen, eine Perlenfarm. Dort werden die schillernden Kugeln in Weiß, Schwarz und allen Schattierungen gezüchtet, die auf dem Schmuckmarkt teuer gehandelt werden. Jetzt wirds spannend. Wo und wie komme ich nun an Land und wo zum Geier stecken mein Vater und Leonie. Ich habe mir doch im Vorfeld so schön ausgemalt wie ich auf dem Bug des Schiffs mit flatternder Mähne und den majestätisch gehissten Segeln triumphierend in die Bucht steuere während am Ufer die ganze Hochzeitsschar staunend ob meiner grandiosen Performance mit dem Segelboot anzureisen, winkend und Tücher wedelnd salutiert. Leider nein. Kein Schwein war zu sehen. Was dazu führte, dass wir nicht mal mehr wussten, ob wir in dieser Bucht richtig waren oder nicht. Von meinem Vater wusste ich nur zwei Ortsnamen, Opua und Taputapuatea (tapu-tapu-a-tee-a) und ich hatte angekündigt, dass wir gegen Mittag da sein würden. Er hatte gesagt es gäbe sogar einen kleinen Kai, wo wir anlegen könnten, den wir weder auf unserer Seekarte noch mit bloßem Auge erkannten, das Uferwasser sah auch viel zu flach aus für unseren Kahn. Allgemeine Verwirrung, Streit zwischen Gilles und Armelle, dann noch ein gemeinsames Mittagessen während ich über Armelles‘ Handy versuchte Leonie zu erreichen, die jedoch nicht abnahm. Gilles hatte Skrupel mich einfach so abzusetzen, ohne dass ich wüsste wohin ich müsste. Armelle fand das wiederum albern, ich sei schließlich schon groß und weitgereist (da musste ich ihr Recht geben), schließlich traf ich die Entscheidung mich mit dem Dinghi am Ufer absetzen zu lassen und dort auf Rettung zu hoffen.
Ich bedankte mich bei Gilles dafür, dass er mir einen langersehnten Traum erfüllt hatte (wir sind auch weiterhin in Kontakt) und Armelle setzte mich am Sandstrand ab (wir sind auch noch in Kontakt 😛 ). Wir fragten ein paar Badegäste, ob sie wüssten wo die Familie Matanoa wohne und erfuhren was von „peka wänwiet“. Was bitte? Armelle erklärte mir…Die Straße habe Kilometersteine, am Kilometer 28 (PK 28) solle das Haus sein. Etwa 5 km von hier. Perfekt! Als nächstes quatschte sie ein Auto für mich an, ein junges französisches Honeymoonpaar, und sie erklärten sich bereit mich die paar Meter mitzunehmen. So kam ich völlig unglamurös im Haus von Leonie an, wo mein Vater schon ungeduldig auf mich wartete und mir erklärte er sei mehrfach mit dem Auto am Kai gewesen, zig mal am Ufer vorbeigefahren und sogar in den 30 km entfernten Hauptort gefahren, weil auch er nicht wusste, wo ich war. Mensch, wie hat man es nur früher, im prämobilen Zeitalter, geschafft sich im Vorfeld erfolgreich in einem fremden Ort zu einer entfernten Zeit zu verabreden? Menno, das war ne schwere Geburt!

Leonies Haus schaut aus dem Wald heraus.

Die nächsten Tage war mehr oder wenig geschäftiges Treiben. Auf jeden Fall war die Bude voll. Leonies Kinder mit Partnern, Enkel und Freunde, ein paar Freundinnen, ich…Jeder Raum war mit Matratzen ausgelegt, die tagsüber hochgeklappt wurden und niemand beklagte sich. In Deutschland wären die Gäste anspruchsvoller. Hier herrschte frohe Ferienlagerstimmung. Den besten Platz aber hatte ich: ein Zelt im Garten. Ganz für mich allein und abseits der Dauerberieselung von Smartphones, Tablets und Laptops. Ich merke, dass ich alt werde wenn ich auch schon zu den Leuten gehöre, die sagen früher war alles besser. Ich strandete also am Samstag auf Raiatea, Donnerstag war Weddingtime. Leonie hatte alles unter Kontrolle und versicherte uns es gäbe erst Mittwoch Arbeit für uns. Wenn man so um sich schaute, fragte man sich, wie zum Geier alles bis Donnerstag fertig sein sollte, es sah so überhaupt nicht nach Vorbereitungen aus. Und alle lagen entweder am Strand oder vor irgendwelchen Monitoren. Mein Dad zeigte mir die Ostseite der Insel und meine Augen hatten Mühe all die Abundanz zu verarbeiten. So viele Obstbäume, Blumen, ein üppiger Regenwald. Schöne Bergformationen, die keinen Tag gleich aussahen, weil die Nebelschwaden alles umspielten. Auf der anderen Seite das Meer, spiegelglatt.

Foto: Dietmar Quist

Die kommenden 14 Tage sollten ganz nebenbei auch mal wieder eine soziale Studie darstellen. Über Wohngemeinschaften einerseits und interkulturelle Aufeinandertreffen andererseits. Ich tappte schon früh in mein erstes Fettnäpfchen.

Lektion 1: Arme Leute
Ohne es zu wissen war ich gleich an meinem ersten Nachmittag in einen Fettnapf getreten, der offenbar zwei Tage lang meine neue Stiefschwester kränkte (im Grunde noch viel länger). Ich wusste aber von all dem nix und hatte auch nix bemerkt, bis mich die immer gut gelaunte und stets plappernde Berni ansprach und fragte, wie ich es wohl gemeint hatte, als ich an meinem Ankunftstag das untypisch schwach gewürzte und an Zutaten arme Ceviche (ein Gericht aus rohem Fisch) glücklich mümmelnd weil es trotzdem so lecker war, ironisch als „Arme-Leute-Ceviche“ bezeichnet hatte. Dass ich die Speise als „arm“ bezeichnet hatte, war wohl bei meiner Stiefschwester Vahine übel aufgestoßen. Ich erklärte Berni, dass es mit Humor zu verstehen sei und ich es positiv gemeint hatte, dass man mit wenigen Zutaten dennoch eine leckere Speise zaubern kann und dass für mich sowieso Arme-Leute-Essen keine Beleidigung darstelle. Berni verstand nach einer Weile, was ich meinte und warnte mich, dass dies bei Vahine und Teva nicht gut angekommen war und ich den Begriff nicht so leichtfertig benutzen solle, denn aus chilenischer Sicht sei „arm sein“ etwas ganz Furchtbares. Diese Beobachtung hatte ich ja bereits gemacht: in Chile versuchen die Ärmeren durch ihre Kleidung und ihr Äußeres einen besseren Status vorzutäuschen, um bloß nicht als arm erkannt zu werden. Und das Erstaunlichste: besser zu zehnt und auf gammeligen Matratzen mit Oma und Henne im Einraumhaus leben, aber ein iPhone haben, einen 1,5m Flachbildschirm und ein nicht allzu altes Auto, um nicht als „arm“ bezeichnet zu werden.
Der Tag ging vorbei und wir kamen Abends zurück, als im Garten bereits „die Jugend“ (also meine Generation ;-)) am Grillfeuer saß und vor allem Vahine schon ziemlich betrunken war. Ich setzte mich dazu und merkte sofort, dass sie heute das Hühnchen mit mir rupfen würde. Gut, dass Berni mich vorbereitet hatte und dass ich inzwischen das mitunter aggressive und streitlustige Rapanui-Gen kannte. Sonst wäre ich vermutlich aus allen Wolken gefallen, als Vahine anfing mit mir zu schimpfen. Ich tat mein Bestes mich bei ihr zu entschuldigen, falls ich sie beleidigt hatte, wollte ihr aber auch zeigen, dass aus meiner Sicht Armut ein facettenreicher Begriff ist, der nicht negativ ist und dass es sowieso mit Humor zu nehmen sei. Darüber kann man ja ewig philosophieren! Ist Armut nur fehlendes Geld?  Oder ist Armut was Emotionales? Was ist eigentlich Armut? Und wann ist Armut schlimm?

Wenn das nicht mal Reichtum ist.

Für mich waren ja die Tahitianer mit ihren an „Gratis-Lebensmitteln“ reichen Inseln ein Extrembeispiel an Überfluss. Hier muss niemand verhungern. Und obwohl manche wenig Geld haben, so haben sie doch viel Besitz. Und es gibt sogar einige Tahitianer, die viel Geld haben und dennoch in einer „Wellblech -Streichholz-Schachtel“ leben und bescheiden sind. Warum ist Bescheidenheit eine Tugend und Armut eine Beleidigung?
Wie auch immer: als Blondine darf man Blondinenwitze reißen und als „Arme“, ja wohl auch über Arme-Leute-Essen! Außerdem sind Arme-Leute-Essen die allerleckersten, oder wer freut sich nicht über Ofenschlupfer, Kartoffelpuffer und Co? Die berühmtesten Nationalgerichte sind weltweit eh die Speisen der einfachen Leute.

Foto: Dietmar Quist

Dass, ich derzeit geldtechnisch ärmer bin, als Vahine, versteht hier aber eben niemand. Sie verstehen auch nicht, warum jemand ohne Geld verreist und halten es auch nicht für machbar. Wer so weit von Zuhause ist, der hat das nur mit Geld erreicht und ist reicher als man selbst. Dass jemand gezielt „Armut“ in materieller Hinsicht sucht, ist nicht nachvollziehbar – vor allem nicht wenn man besoffen ist und eigentlich nur des Streitens wegen streitet. Vahine warf mir vor ich sei kulturell unsensibel, hätte eine zu quadratische, starre, deutsche Weltanschauung und wäre dann auch noch zu blöd zu bemerken, wann ich einen Fehler mache und in ein Fettnäpfchen trete. Dass man als Fremder auch auf einen netten Hinweis angewiesen ist, damit man überhaupt weiß, dass man was falsch gemacht hat, wollte sie bei dem Pegel auch nicht begreifen.

Lektion 2: Teilen
Eine weitere interkulturelle Beobachtung machte ich im Laufe der Zeit auch über das Teilen. Ich lernte, dass es auch zu diesem Begriff unterschiedliche Auslegungen gibt. Eigentlich denkt man ja, teilen heißt teilen. Ganz einfach. Jeder bekommt was ab und zwar in möglichst ähnlichen Mengen. Aber in Polynesien heißt es schon man teilt, wenn der eine viel kriegt, der andere wenig, oder der eine zahlt und alle anderen nehmen sich davon. Zumindest war es so in Leonies Haus. Ob man davon auf ganz Polynesien schließen kann, weiß ich ja nun auch nicht…Leonies Kinder sind ja in verschiedenen Kulturen (Französisch Polynesien, Osterinsel/Chile) aufgewachsen – insofern ist das vielleicht auch ein konfundierter Mischmasch – oder es lag an der Größe der WG. Mir fiel auf, dass beim Essen in der Regel Schnelligkeit gefragt war – bei Bier sowieso, haha. Mein Vater, der in der Regel die größeren Einkäufe erledigte und somit zwangsweise auch zahlte, hatte oft damit zu hadern, dass Dinge, auf die er sich schon gefreut hatte, wie ein kaltes Bier oder eine gute Schokolade, aus dem Kühlschrank einfach blitzschnell verschwanden. Ein Kasten Bier kostet ein regelrechtes Vermögen, beinahe 50 Euro! Und bei etwa 10 Biertrinkern ist der Konsum dann kaum zu bremsen, kaum ist der Kasten da – so schnell kann man gar nicht gucken, da ist er schon wieder leer! Da bekam mein armer Dad häufig gar keins mehr ab – was ihn natürlich ärgerte, weil selten jemand anderes auf die Idee kam das Bier zu kaufen. Doch Leonie erklärte uns, dass bei ihr schon immer gegolten habe, jeder könne sich in der Küche stets von allem bedienen und niemand käme auf die Idee sich zu ärgern, wenn für ihn nichts mehr übrig bliebe. Sie meinte sogar, man solle Dinge gar nicht erst kaufen, wenn man nicht auch teilen könne. Aber uns ging ja gar nicht darum, dass wir nicht teilen können, sondern, dass wir nicht begriffen, warum so wenig Rücksicht und Achtsamkeit auf die anderen genommen wurde. Wenn wir Essen vom Vortag aßen, achtete ich stets darauf, mir nur so viel zu nehmen, dass für jeden was übrig war. Einmal hatten wir gegrillt und es waren etwa 5 Spieße übrig. Für mich stand fest: ich esse nur einen halben, damit jeder einen halben Spieß bekommt. Ich sah sogar meinen Vater noch vorwurfsvoll an, als er sich „zu viel“ nahm. Doch kaum hatten wir uns versehen, lagen die restlichen Spieße bei 3 Leuten auf den Tellern und was seh ich da! Einer nahm sich sogar zwei ! Sie fielen gierig über sie her und verschwendeten offenbar keinen Gedanken daran, ob für alle etwas Spieß da sei. Wie Spießig! Ha Ha. Da bekommt man glatt Futterneid!

Manche Situationen kamen mir regelrecht widersprüchlich vor. Der Gemeinschaftssinn wird in Polynesien ja viel größer geschrieben als bei uns und der auch bei uns sprachlich verankerte Begriff Tabu, kommt ja von hier. Ein Tapu war das höchste Verbot überhaupt und wurde für besonders „heilige“ oder unantastbare Orte oder Ressourcen verhängt. Damit wurde sicher gestellt, dass bestimmte Ressourcen nicht ausgebeutet wurden und weiterhin dem Clan zur Verfügung standen. Da gehört so eine Bierreserve auch dazu.

Doch genug gewundert. Es rückte der Tag näher, an dem ich meinen Vater zum Altar führen würde. Andersherum kommt mir nicht in die Tüte! Ein Tag vor der Hochzeit wurden wir zur Mithilfe aufgeteilt. Wir fingen an zu schmücken und zu basteln. Ein Festzelt wurde am Strand des Unesco-Weltkulturerbes aufgebaut, wo sonst würde ein Archäologe heiraten, und wir rückten aus, um den Wald zu plündern. Blumen, Wedel, Blätter. Ich merkte noch, wie ich innerlich zuckte, wenn Vahine, Teva oder jemand anderes eine Pflanze dermaßen kahlrupften, dass außer Stamm nichts stehen blieb. Der Gedanke schoß mir durch den Kopf „mensch, muss das sein, dass jede Blume, jedes Blatt dran glauben muss, die Pflanze stirbt doch dann, können die nicht ein bisschen mehr aufpassen und jeder Pflanze nur soviel wegnehmen, wie sie verträgt?!“. Aber dann fiel mir ein wie aberwitzig es ist im Urwald sparsam mit den Blüten umzugehen. Aber ehrlich, die Anzahl der Blumen auf der Hochzeit war beeindruckend. Selbst die „exotischsten, seltensten“ Blumen, die bei uns 20 Euro das Stück kosten, wurden hier „kopflos“ aus dem Wald gerissen und großzügig verteilt. Die Kinder und Teenies wurden zum Luftballonpusten verdonnert und Serviettenfalten.

Wir stellten Stühle und Tische auf und dekorierten mit Palmwedeln und Blattgirlanden. Parallel kochte in der Schulkantine Leonies „Kochteam“ ein polynesisches Festmahl. Hatten wir uns vorher gewundert darüber, dass man von den Vorbereitungen nichts mitbekam, lag das daran, dass Leonies Kirchengemeinde das meiste davon „heimlich“ unter ihrer Anleitung erledigte. Viele ihrer Gemeindeschwestern und Brüder stellten zum Teil kostenlos Lebensmittel von ihren Plantagen zur Verfügung: Taro, Maniok, Bananen, Kürbisse, Thunfisch, Kokosnüsse etc. Sie kochten und werkelten die ganze Nacht durch, während wir bis in die Morgenstunden Blumenketten und Kronen , sowie die Deko vom Hochzeitsauto bastelten. Ich lernte wie man aus Blättern Rosenblüten faltet, aus Blüten und Blättern Kronen pflicht und aus Palmstängeln Girlanden zwirbelt. Das machte Spaß.

Girlande aus der Faser eines Baumstammes

Leichte Panik kam in mir auf, als ich am Tag der Trauung mein Kleid von der Schneiderin abholen ließ. Sie hatte für mehrere von uns Kleider genäht, jeder hatte einen anderen Schnitt, aber alle in rot-weiß. Noch am Vortag hatte ich beim Abholen die völlige Krise bekommen, als das Kleid so gar nicht meinen Vorstellungen entsprach und noch dazu viel zu groß war. Es sah aus wie ein Müllsack. Habt ihr schonmal jemanden gesehen, der im Müllsack auf ne Hochzeit geht? Nein. Da sollte sie nochmal ran. Am Tag der Trauung bekam ich die neue Version ausgehändigt und bekam abermals die Krise. Der Schnitt sah jetzt topp aus, aber die Schneiderin hatte nicht mitgedacht und die engste Stelle nicht elastisch gemacht. Ich kriegte das Kleid nicht angezogen. Und das eine Stunde vor Abfahrt. Ich griff mir eine Freundin und bat sie so behutsam wie möglich das Kleid über meine Schultern zu zwingen. Es knackte ein paar Mal und zerriss den ein oder anderen Faden, aber nun hatte ich das Kleid an. Wie ich es wieder ausbekommen würde, war egal. Nun setzte ich meine selbstgemachte Krone auf, zog noch unbeholfen etwas Schminke über die Augen. Fertig. Ich war zufrieden. Manche waren Stunden mit Anziehen und Schminken beschäftigt, bei mir war das in 10 Minuten erledigt.

Der Supergau war, dass die beiden chilenischen Freundinnen Leonies doch tatsächlich die Hochzeit verpassten! Sie waren am Vortag zu einer Tagesfahrt nach Bora Bora aufgebrochen und haben die Rückfähre verpasst, weil sich ihre tahitianische Begleiterin verquatschte. Sie kamen 5 Minuten zu spät an den Kai und sahen noch die Fähre davon dampfen. Mäp.Eine ganz normale Hochzeit 😉

Am 21.09 um 13:00 war es so weit. Die Braut sah fantastisch aus, so eine schöne Frau! (Auch sonst im Übrigen 😉 ) Das Farbmotto war Rot und Weiß und auch mein Vater hatte sich in Schale geworfen, aber – und das war sowieso das Beste an der ganzen Feier – es war alles völlig unverkrampft und lässig, die Kleidung wie auch die Stimmung waren gemütlich und ungezwungen; ganz natürlich. Keine aufgesetzte Heiterkeit und Gästeanimation, keine peinlichen Spiele und ewigen Reden. Und alle sahen fantastisch aus.

Stolz auf meine selbstgemachte Krone. Foto: Dietmar Quist

Ich durfte das Brautpaar chauffieren und fuhr sie im geschmückten Auto zum Standesamt. Die Gäste trafen nach und nach ein, manche auch zu spät, aber die Türen standen offen und jeder konnte hineinschauen. Drinnen sah man auf zwei Seiten des Fronttisches, mehrere Stuhlreihen. Der Bürgermeister setzte schon an und hieß die mit Blumenketten dekorierten Gäste willkommen, auf der linken Seite die Familie und Freunde von Madame Matanoa und rechts die….äh, ebenfalls….naja, und ein paar weitangereiste Freunde und Familie von Monsieur Vogt.“ Haha, das war ich. Und fünf Freunde meines Vaters. Hihihi.

Foto: D. Quist
Foto: D. Quist

Die Zeremonie war auf Französisch und bestand im Wesentlichen aus den Gesetzesparagrafen und ein paar Worten zum Paar, der Ehre, dass wir an so einem bedeutenden Ort der Polynesischen Kultur feiern würden und dem Überreichen des Familienbuches, wo Platz für mindestens noch acht neue Kinder drin war. Dann kam das Ja-Sagen, beziehungsweise „Oui“-Sagen und zunächst war Leonie dran und dann mein Vater, der dreimal „oui“ sagen musste, ehe es deutlich genug war, weil er sich räuspern musste und nur ein komisches Gurgeln zu verlauten war, schmunzel schmunzel. Ach wie schön, jetzt ist er unter der Haube! Ich habe mich echt für die Zwei gefreut, es war ein schöner Moment.

Foto: Dietmar Quist

Anschließend machte Dietmar, unser Hochzeitsfotograf und Freund meines Vaters, noch einige Gruppenbilder, ehe wir im Hupkonvoi unüberhörbar zum Festzelt am Strand fuhren. Das machte im Grunde wenig Sinn, weil eh fast alle Dorfbewohner sowieso auf der Hochzeit waren, hahaha, aber hat Spaß gemacht. Das Festgelände war ein Anblick! Ein schöner, gebogener Sandstrand, in der Mitte ein Baum mit einem kleinen Empfangsbüffet darunter, seitlich einige Kokospalmen und hinter dem rot-weiß-gestreiften Festzelt die im Schatten riesiger Bamyanbäume verborgenen Umrisse des Weltkulturerbes „Tapu-tapu-atea“ (das doppelte TAPU verdeutlicht, wie EXTREM heilig und unantastbar dieser Kultplatz ist). Es trudelten nun auch noch mehr Gäste ein und nun waren wohl an die 150-170 Leute da. Die Kinder spielten am Strand und badeten, die Erwachsenen saßen um das Büffet herum. Der Pfarrer von Leonies Gemeinde hielt eine Rede auf Tahitianisch und nach dem Gebet wurde das Büffet eröffnet, das farbenfroh und schön in Palmwedelschalen angerichtet in der Mitte des Zeltes darauf wartete verschlungen zu werden. Es gab Lammcurry, Huhn, Fisch, teils gegrillt, teils roh, verschiedene traditionelle Beilagen wie „Poe“ in verschiedenen Varianten. Das ist eine Art fester Pudding bzw. Kuchen , der aus unterschiedlichen Gemüsesorten gebacken wird. Aus Taro, aus Maniok, aus Banane, aus Kürbis. Die Konsistenz ist schwer zu beschreiben, so eine Mischung aus Schlauchboot und Rührkuchen. Aber schmackhaft!

Für den einen oder anderen gab es einen Dämpfer: es gab keinen Alkohol und keine Musik. Das lag zum einen an den Auflagen der Stadt zur Feier am Kulturerbe und andererseits daran, dass etwa 80 Prozent der Gäste aus religiösen Gründen sowieso keinen Alkohol trinken. Ich muss sagen, dass ich auch erst dachte, menno, das wird ja ganz schön triste, aber ich muss sagen, dass ich die Hochzeit als sehr angenehm und relaxed empfunden habe – vielleicht auch, weil renterfreundlich schon zur Abenddämmerung, also gegen 18:30, das komplette Festzelt samt Tischen etc. abgebaut wurde und sich die Feier auflöste. Natürlich haben wir „jungen“ alle die Augen verdreht und erstmal gemeckert, aber in unserem tiefsten Inneren waren wir doch alle auch ganz schön fertig von den zwei Vorbereitungstagen mit wenig Schlaf und viel Action und lagen zufrieden schnorpselnd auch schon ganz heimlich um 21:30 in unseren Betten.

Das Weltkulturerbe Taputapuatea.

Doch mit der Trauung war die Feierei noch nicht zu Ende. Und das Schönste an der ganzen Hochzeit war ja aus meiner Sicht sowieso die Tatsache, dass die Familie und engsten Freunde über einen längeren Zeitraum vor und nach der Trauung beisammen waren und so eine Art Familienurlaub gemacht haben. Das hat doch die ganze Veranstaltung sehr gelockert und gelassene Ferienstimmung aufgebracht. Zwei Tage nach der Trauung wurde Leonie in ihrer Kirche abermals getauft und anschließend verbrachten wir etwa zu zehnt ein Wochenende auf einem „Motu“. Motus sind kleine Riffinseln, die den Hauptinseln vorgelagert sind und dieses war ausgestattet mit öffentlichen Toiletten, Sitzbänken, Schutzdächern etc. wo wir umsonst grillen und zelten konnten – und das in spektakulärer Landschaft. Wir gingen schnorcheln, paddeln, die Jungs gingen Harpunieren und Fischen, die Mädels sonnten sich, baden, schlafen….

Danach löste sich die Gruppe langsam auf, als nach und nach die Leute abreisten. Die Freunde meines Vaters nutzten die Zeit, um fröhliches Inselhopping zu betreiben, die Osterhasis reisten zurück zur Osterinsel. An meinem Geburtstag waren wir nur noch zu dritt. Leonie, Dietmar und ich. Dietmar ist, wie auch die anderen Freunde meines Vaters, ein fester Bestandteil meiner Kindheitserinnerungen und es war spannend ihn jetzt ein zweites Mal kennen zu lernen. Ich kann mich bis heute daran erinnern, wie ich als vielleicht 8-Jährige bei ihm zuhause zum ersten Mal Freddy Mercury hörte und völlig geflasht von dieser irren Stimme war und wie ich in seinen Fotografien blätterte. Er sah damals schon genauso aus wie jetzt und wirkt auf mich noch genauso lustig und unkompliziert, wie ich ihn als Kind wahrgenommen habe. Vielleicht nehme ich zurück, dass ich ihn ein zweites Mal kennengelernt habe. Umgekehrt war der Veränderungsgrad wohl krasser. Auf jeden Fall sollte er die nächsten Tage mein Onkel und treuer Begleiter für alle Schandtaten und Abenteuer werden. Er vertrat meinen Dad an meinem Geburtstag, den wir auf meiner Luftmatratze auf einem Cargofrachter nach Papeete verbrachten, ging mit mir in die Jugendherberge, machte mit mir Ausflüge um die Insel und eine Wanderung und spendierte mir fast jede Mahlzeit, da mein polynesisches Geld nach drei Hostelnächten inzwischen aufgebraucht war. Wenn mich meine Wanderschaft dann irgendwann nach Ittlingen führt, ist meine Wiedergutmachliste bei ihm lang. Wenn wir irgendwo unterwegs waren, stellte ich ihn der Einfachheit halber eigentlich immer als meinen Onkel vor und so machten wir uns gemeinsam auf die Suche nach einem Boot nach Neuseeland – und für ihn (wenn möglich) auf die Marquesas.

Bretonische Crepes fressen in der Südsee mit Onkel Dietmar 😛
Der Frachter schaukelt langsam von Raiatea nach Papeete.

Weder das eine noch das andere klappte. Wie sollte es auch anders sein. Nur noch die späten Vögel waren zu diesen Zielen unterwegs – und die Wagemutigsten, muhahaha.

[Das Licht wurde dunkler und der Leser setzte mit tiefer, gedrungener Stimme fort]

Alle Welt sprach von der nahenden „Cyclon-Season“, die gefürchtete und manchmal verheerende Zyklonen mit sich brachte. Wer nach dem 1. November noch in der Südsee unterwegs war, lief Gefahr in einen Südseesturm zu geraten und nie wieder zurück zu kehren. Das Paradies konnte sich innerhalb weniger Tage in ein Inferno verwandeln, mit gigantischen Wellen und ungezähmten Winden, das Mann und Maus verschluckten. Wer konnte, brachte sich vorher in Sicherheit und suchte entweder auf den Marquesas, den Gambiers oder in Neuseeland Schutz vor diesen Naturgewalten.

Doch die unerschrockene Miri wollte wegen so einem läppischen Windchen nicht den Kopf verlieren (den Kopf verlieren, AAAH!!!) und gab die Suche nicht auf. Unaufhaltsam sprach sie jeden Matrosen an, der seinen Fuß auf Tahitis Erde setzte – ja sogar auf die virtuelle, digitale Erde. Sie schmückte alle Schwarzen Bretter mit ihrem sympathischen Zettel und wartete auf Reaktion.

Eins. Eines Tages vibrierte das Handy und eine Nachricht kam hereingeflogen. Javier stellte sich vor und fragte, ob immernoch Interesse daran bestünde nach Neuseeland zu reisen und wir setzten uns in Verbindung. Ich stellte ihm wichtige Fragen zu seinem Boot und der Reise und er schickte mir ein Video. Das Standbild weckte in meiner Magengrube schon bevor ich überhaupt das Video startete ein ungutes Gefühl. Aber mein Adlerauge und etwas Detektivarbeit verhalfen mir zu einer Entscheidung. Ich schlussfolgerte, dass Javier Chilene ist und kontaktierte alle meine chilenischen Freunde, die segeln , um mehr über diesen Seemann zu erfahren. Chile ist eben keine Segelnation und man kann davon ausgehen, dass die wenigen Überseesegler sich vermutlich kennen. Keiner kannte ihn und das war schon eigenartig. Meine Trumpfkarte war Cristian, ein chilenischer Segler und Freund von einem guten Freund auf der Osterinsel, der derzeit auf Raiatea ein Boot reparierte. Wir trafen uns und Cris kannte Javier tatsächlich und riet mir ab, mit ihm zu fahren. Er sagte menschlich gäbe es absolut keine Einwände, doch Javier habe so gut wie keine Segelerfahrung und sei bisher nur in Küstennähe um Uruguay herumgedümpelt. Er habe sich das Boot erst in Tahiti gekauft und somit wüsste man weder, ob das Boot, noch der Skipper überhaupt seetauglich seien. Und dann auf dieser Route. Cris hob mit weiten Augen die Hände und sagte: „Ich bin seit 25 Jahren unterwegs und ICH würde NICHT mit Javier nach ausgerechnet (!) Neuseeland segeln. Das wäre mir zu heikel“. Alles klar. Adios Amigo.

Cristian aus Chile rät mir ab mit Javier zu segeln. Foto: Dietmar Quist

Zwei.

Mit Dietmar streifte ich durch die Werften, als ein Riesenboot mit der Aufschrift „Bavaria“ meine Aufmerksamkeit fesselte. Welcher Idiot nennt sein Boot Bayern? Das hat ja noch nicht mal Meer. Gesegnet seien die Dummen. Während ich das Boot musterte, sah ich die Fahne und dachte, Moment mal!? Ist das nicht die Neuseeländische Fahne?! Halt, Stopp, Dietmar, da muss ich mal fragen!! Ganz aufgeregt stellte ich mich unter die Leiter und schrie nach oben, wo gerade noch der grauhaarige Kopf eines Mannes zu sehen war. He ihr, seid ihr Neuseeländer?! Fahrt ihr etwa nach Neuseeland und könnt mich mitnehmen? Ein bisschen mit der Tür ins Haus fallen, kann ja auch manchmal nicht schaden….Der Mann drehte sich um und schaute mich sichtbar skeptisch an. Er sagte sie seien in der Tat auf dem Weg nach Neuseeland und fragte ob ich bereits Erfahrung mit dem Segeln hätte. Ich sagte wahrheitsgemäß ich sei erst einmal gesegelt und auch nicht so weit, aber ich sei nicht seekrank geworden. Er meinte nüchtern er müsse das erst besprechen und bat mich am nächsten Tag nochmal vorbeizukommen. Ich hab mich richtig gefreut! So eine Art Vorstellungsgespräch! Vielleicht würde er ja am nächsten Tag nicht so ernst sein. Das Schiff war gigantisch und ich hatte mindestens zwei Männer gesehen und ich meinte auch einen dritten Kopf gesehen zu haben. Vielleicht waren es ja zwei Ehepaare? Auf das Boot passten mindestens sechs Menschen. Am nächsten Morgen war ich pünktlich da und der Mann kam runter vom Boot und ich sah schon an seiner Körpersprache, dass er mir einen Korb geben würde. Als ich nach den Gründen fragte, sprach er meine mangelnde Erfahrung an und sie hätten zu wenig Platz an Bord. Ich schaute ihn an und hatte das Gefühl, dass er mich veräppeln wolle. Auf dem Boot? Zu wenig Platz?! Und mangelnde Erfahrung? Das wäre doch quasi egal, wenn sie auch ohne mich die Überfahrt nach Neuseeland schaffen würden, würde es ja wohl auch MIT mir gehen. Kann ihnen ja egal sein, wenn ich völlig seekrank 10 Tage grün angelaufen in meiner Koje versacke. Ich versuchte ihn zu überzeugen ich hätte andere nützliche Qualitäten und würde bestimmt nicht seekrank werden – aber auch er ließ nicht locker. Er sagte die Überfahrt nach Neuseeland sei nicht ohne; viel höhere Wellen als hier im Planschbecken von Tahiti, mehr Wind. Alles rauher und bockiger. Er verriet mir noch sie seien zu zweit, weshalb ich es noch lächerlicher fand, dass auf seinem 57 Fuß Boot nicht genug Platz sei, aber gut, ich konnte ihn ja auch nicht zwingen. Er gab mir noch ein paar gut gemeinte Ratschläge, wo ich noch fragen könne, sagte mir aber auch, was ich eh schon wusste: du bist spät dran. Und Bavaria sei der Name des Herstellers.

Ja, aber es gibt sicher auch Segler, die spät dran sind. So wie ihr.

Drei.

Ich fand noch mindestens drei andere Boote, die nach Neuseeland unterwegs waren, aber sie waren schon voll. Määp. Manchmal habe ich mein Crewticket nach Neuseeland nur um einen Tag verpasst. Es hat nicht sollen sein. Aber ich bin ja inzwischen fest überzeugt: es hat alles seinen Sinn.

Mein Plan B war: wenn ich kein Boot nach Neuseeland finde, dann suche ich eins nach Samoa oder Tonga, das liegt wenigstens auf dem Weg. Und bislang war Andy, der erwähnte Freund von meiner ersten Seglerliebe Franzi noch immer dort und nach wie vor auf dem Weg nach NZ. Wir schrieben uns hin und wieder und er war offen dafür mich mitzunehmen, falls ich ihn noch einholte. Schließlich fand ich über findacrew das Boot von Paolo, der mit der Manihiki zu den Philippinen unterwegs war. In seiner Beschreibung stand, dass sie auch auf Samoa halten würden und so kontaktierte ich sie – inzwischen ein wenig in meinem Optimismus gekränkt. Er schrieb mir sehr sympathisch zurück und erzählte ein wenig über die Route, die Mitsegelbedingungen und seine bisher 4-köpfige Crew. Es klang eigentlich alles ganz gut… und als er sich auch bereit erklärte, dass ich nur für die Verpflegung zahlen würde, falls ich mitkäme, machte ich ein persönliches Kennenlerntreffen. Alle guten Dinge sind drei…

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Ich nehme in meinen Erinnerungen aus Tahiti mit: die Invasion der Natur, die umnebelten Berggipfel, den Duft der Blumen in einer Explosion aus Farben, das Lächeln der Menschen und ihre molligen, Zimtbraunen Knuddelkörper, das reichhaltige Essen, Streetart und die Farben des Meeres.

Landschaft

Vanille

Foto: Dietmar Quist
Foto: Dietmar Quist
Foto: Dietmar Quist
Foto: Dietmar Quist

Kurioses

 

 

Streetart

Foto: D. Quist

Das Lächeln, die Lebensfreude und die Schönheit der Menschen

Foto: D. Quist
Foto: D. Quist
Foto: D. Quist
Foto: D. Quist

Valparaiso

Wer mich schon vermisst hat und auf meinen Blog geschaut hat, hat sich vllt gewundert, dass er verschwunden war….oopsi… Dafür ist die miri jetzt nicht mehr in .de unterwegs, sondern weltweit. Dot com

War alles Absicht. Und ihr braucht nen langen Atem.

Valpo, wie Valparaiso liebevoll abgekürzt wird und von Amerikanern mit einem breiten „Väälpoww“ verhunzt wird, ist eine Stadt, die man nicht mit wenigen Worten beschreiben kann. Sie ist noch am ehesten schizophren. Wenn’s sowas wie multiple Schizophrenie gibt und man damit eine Stadt beschreiben könnte, dann würde dies auf Valpo zutreffen.
Dass ich ohnehin nach einigen Monaten in der Natur eine große Abneigung gegen Städte entwickelt habe, wird hier in gewisser Weise zum Konflikt, denn Valparaiso ist trotz aller Wucherungen auch eine faszinierende, anziehende Stadt und mit Sicherheit die allererste, die ich nennen würde, wenn man mich fragen würde, welche Stadt in Chile sich zu besuchen lohne. Heute, einige Wochen später, kann ich sagen, dass Valpo wie viele der anderen längeren Stationen meiner Walz, vor allem eine innere Reise war. Es ist so, als ob der Körper, wenn er nicht mehr im Äußeren reist, die Reise im Inneren fortsetzt. Aber fangen wir chronologisch an:


Mein Ziel ist es in Valpo ein Segelboot oder Schiff Richtung Polynesien zu finden, denn im September heiratet mein Vater auf Raiatea, woohooohooooooooo, Weddingtime! Raiatea hat mit Sicherheit noch nie jemand von euch gehört – schaut mal auf die Karte, dann seht ihr wie weit das weg ist. Von Chile aus sind das beinahe 9000km, uff! Ich habe mich im Vorfeld hier und dort informiert und muss mit mindestens 45 Tagen Überfahrt rechnen, plus die Zeit ein passendes Boot zu finden, daher bin ich mit genügend Vorsprung nach Valparaiso aufgebrochen, Chiles größte Hafenstadt.
Ich komme bei Sonnenuntergang an. Per Anhalter aus Santiago heraus zu kommen, war schwieriger als gedacht. Der Verkehr und die Menschenmassen bei Ankunft an der Uferpromenade sind anstrengend, weil es so viele interessante Leute gibt und man alles mit den Augen aufsaugen möchte und ich zugleich Angst habe, jemand könnte mich und meinen großen Rucksack überfallen wollen. Ich muss etwa 30 min laufen und eines muss man über Valparaiso wissen: die Stadt ist auf spektakuläre Art und Weise auf die Hügel der Küste zugeschneidert, noch nie habe ich dermaßen Steile Stufen, Straßen, Häuser und Geheimwege gesehen und an meinem ersten Tag muss ich bereits mit meinem Gepäck einen Hügel erklimmen, muss immer wieder pausieren und meiner Lunge und Schenkel eine Pause erlauben.

Blick aus Andreis Haus

Ich komme für ein paar Tage bei Andrei unter, den ich über Workaway gefunden habe und vor allem wegen der zentralen Lage zugesagt habe, denn ich will ja in den nächsten Tagen vor allem ein Boot nach Tahiti oder zumindest bis zur Osterinsel finden denn die liegt etwa auf halben Weg. Andrei hat ein ganz neues Bed&Breakfast und brauchte laut Beschreibung Hilfe beim Anfertigen von Palettenmöbeln, Streichen etc. Das klingt doch nach mir! Wir hatten kurz telefoniert und er war mir auf Anhieb sympathisch. Doch während der nächsten Tage stellte ich fest, dass ich mich ganz und gar nicht wohl bei ihm fühlte, nicht etwa, weil er doch nicht nett war, sondern weil wir keine funktionierende Kommunikation aufbauen konnten und ich ständig das Gefühl hatte etwas falsch zu machen. Letztendlich hatten wir vllt. auch unterschiedliche Vorstellungen von unserem Leistungsaustausch. Ich brauchte Flexibilität und so was wie Gleitzeit um meine Bootssuche voranzutreiben und ich hatte das Gefühl, dass ich seiner Meinung nach mehr und zu festen Zeiten arbeiten sollte, doch jedes Mal wenn ich nach Aufgaben fragte, oder meine Hilfe anbot, hatte Andrei wenig Ideen und er tat sich schwer sich welche auszudenken, weil er nicht wusste, ob ich nun nur eine Woche, oder einen Monat bleiben würde, das wusste ich ja schließlich selber nicht…Ich beschloss also nach wenigen Tagen umzuziehen und mich bei Jaime, einem chilenisch-brasilianischen Workaway-Gastgeber, einzuquartieren, den ich in der Zwischenzeit kennengelernt hatte. Das Problem bei Workaway ist, dass man oft keine Antwort erhält und dadurch vielen Gastgebern auf einmal schreibt. Im Falle Valparaisos haben mir dann unerwartet drei von etwa zehn angeschriebenen Stellen geantwortet und dann hatte ich das Dilemma umgekehrt. Schließlich habe ich bei allen dreien gewohnt 😉


Jaime wohnt am Rand von Viña del Mar, wie die Nachbarstadt (wie eine andere Welt) von Valparaiso heißt, und die zwei Städte gehen fließend ineinander über und treffen sich auf einem der Hügel, könnten aber unterschiedlicher nicht sein. Die Häuser der einen Seite des Hügels sind schon Viña, der spießige Regierungssitz Chiles, die anderen noch Valparaiso, die siffige Hafenstadt mit viiiel Geschichte, Graffitis, flippige Farben und vor allem spektakuläre Bauweisen. Von einem Stadtzentrum zum anderen hat man einen Gehweg von etwa 1 Stunde. Jaime hat hier das Haus seiner verstorbenen Mutter vor einiger Zeit geerbt und will dieses nun verkaufen. Dazu will er es noch anständig herrichten und braucht Hilfe beim Streichen, Ausmisten, Gartenpflegen, Dachrinnen reinigen etc.

Viña del Mar, das häßliche Entlein

Er ist Ende 30, hat Ingenieurswesen studiert, dann einige Jahre auf einem Flughafen gearbeitet, dann die Krise bekommen und angefangen auf Segelbooten anzuheuern, vor allem in Europa, wo er unter anderem Charterschiffe von A nach B brachte, oder als Koch anheuerte. Er war also ganz nebenbei eine große Hilfe bei meinen Erkundigungen nach Segelbooten, hatte Tipps und Ideen wo und wie ich noch nachfragen konnte und fragte in seinem Bekanntenkreis nach Möglichkeiten. Es destillierten sich drei bis vier Optionen heraus: (in absteigender Erfolgswahrschienlichkeit)
– Die „Achilles“, ein Versorgungsschiff der Marine, das zweimal im Jahr zur Osterinsel fährt und auch einige wenige Passagiere transportiert.
– Ein Segelboot
– Ein Cargofrachter
– Ein Kreuzfahrtschiff
In der ersten Woche erkundigte ich mich vornehmlich nach den ersten beiden, besuchte die Armada, das ist die Marine, traf mich mit Offizieren und Kadetten in albernen Uniformen, wurde von einer Abteilung zur nächsten geschickt. Das Ergebnis: die Achilles befördert nur Anwohner bzw. Angehörige von Anwohnern zu einem Preis von ca. 15€ täglich. Das geht ja…Die Überfahrt dauert etwa 12 Tage mit Zwischenstopp auf Juan-Fernandez (die Robinson Crusoe Insel) und würde am 17. August den Hafen verlassen. Das war mir zu spät, denn damit würde ich nur bis zur Osterinsel kommen und somit Schwierigkeiten haben ein pünktliches Segelboot nach Tahiti zu ergattern. Außerdem war ich weder Anwohner noch Angehörige und hätte die Gouverneurin der Osterinsel um eine Sondergenehmigung bitten müssen, welche in der Regel nur erteilt wird, wenn man einen gemeinnützigen politischen oder sozialen Zweck auf Rapa Nui unterstützen würde. Das würde schwer zu begründen werden…Na Frau Gouverneurin, wie wär‘s mit einem Moai aus Stahl?

Die Marine.

Parallel beschloss ich also, dass es dringend nötig sein würde Geld zu verdienen, denn ich musste damit rechnen für die Überfahrt doch Geld auszugeben, wenn auch weniger als für einen Flug, und hatte zu diesem Zeitpunkt nur noch sage und schreibe 30 Tausend Pesos, also gut 40 Euro. Und wenn ich noch ein paar Wochen in Valpo bleiben würde, bräuchte ich vielleicht auch hier und dort mal etwas Kohle. Bei den Workaways verdient man ja kein Geld, aber sie sind für mich bislang eine gute Basis gewesen, um bezahlte Jobs zu finden.
Die „Achilles“ wurde schon Ende der ersten Woche mit einem Kuli aus meinem Notizheft gestrichen. Leider nein. Frau Gouverneurin kriegt keinen Bittbrief von mir.
Inzwischen hatte ich allerlei Notizen zur Mitsegelgelegenheit notiert: Telefonnummern, Namen, Firmen, Agenturen, Adressen, Webseiten…Mit jeder Anlaufstelle kamen neue hinzu und wurden alte weggestrichen.


Am Ende der ersten Woche erkältete ich mich und interpretierte darin meine Abwehrhaltung zum Stadtleben, der Situation mit Andrei und dem Druck mit der Bootssuche. Ich hatte zwar noch Zeit bis Ende September, es war ja gerade mal Mitte Juni und ich war dennoch angespannt. Da kam mir die Einladung Udos, einem deutschen Aussteiger, dem ich ebenfalls über Workaway geschrieben hatte, sehr entgegen. Er wohnt außerhalb der Stadt im Off, im Wald an der Küste etwa 60 min südöstlich von Valpo . Ohne Strom und Internet, keine Nachbarn – das klingt nach meiner Welt, hehe. Er baut seit knapp zwei Jahren an seinem Haus – mit so vielen recycelten Baumaterialien wie möglich und Fundstücken vom Schrottplatz und im Wesentlichen mit der Arbeitskraft von Workaway-Voluntariern. Als er meine Anfrage erhielt, war er sofort der Überzeugung ich könnte gut in seine kleine Welt passen und vor allem handwerklich eine große Hilfe sein. Er hoffte wohl auf deutsche Wertarbeit…Oh je, sollte ich das riskieren? Wir einigten uns auf ein „Schnupperwochenende“ und dies kam mir mit meiner Erkältung und der Stadtflucht gerade Recht. Ich fuhr also mit einem Stadtbus 60min bis zur Endstation im Ort Laguna Verde, wo mich Udo mit seinem „Galloper“-Jeep abholte. Ich trug natürlich meine Kluft und hatte meinen Rucksack mit abgespecktem Inhalt dabei und Udo erzählte mir unterwegs (es waren nochmal ca 30-40 min Matschwaldweg) im schönsten Badisch von seinem Haus und wie es dazu gekommen war, dass er sich hier niedergelassen hat.

Die Anfahrt über Laguna Verde endet bei Regen so manches Mal im Graben.
Udos Hexenhaus und das Gästehäuschen. Alles aus Paletten, Lehm und Holz aus dem Wald

Für die folgende Zusammenfassung der Ereignisse gebe ich keine Garantie auf chronologische Richtigkeit: Er ist einige Jahre mit einem umgebauten Bus durch Chile, Argentinien und Bolivien gefahren, hat eine Weile in Bolivien gelebt und sich dort ein Grundstück gekauft, doch das Leben brachte ihn immer wieder nach Laguna Verde. Schließlich übernahm er dort von einem Deutschen ein Hostel und ließ sich dort nieder. Er verliebte sich in eine Chilenin und sie gründeten eine Familie. Sie lebten auch eine Weile in einem ausgebauten Bus im Bolivianischen Jungel und in den Sommermonaten flog er nach Deutschland und arbeitete dort als Ingenieur an verschiedenen Projekten. Irgendwann gab er das Hostel auf, auch die Beziehung ging in die Brüche (da besteht kein kausaler Zusammenhang soweit ich weiß) und es folgten einige Monate der Ungewissheit. Bis Aldo, Udos bester Freund, ihm erzählte sein Nachbargrundstück wäre frei. Das war vor zwei ein halb Jahren. Udo kaufte ca 50 Paletten, stellte das Projekt auf Workaway und mit einer Truppe von ca 12 Leuten wurden Bäume gefällt, das Fundament gesetzt und die Wände mit Paletten gezimmert. Nach und nach kamen neue Voluntarier und mit ihnen Lehm zwischen die Palettenhohlräume und so entstand ein Fachwerkhäuschen der etwas anderen Art. Udos Hexenhaus. Wunderschön und klug, mit vielen individuellen Details, weil jeder Helfer seinen Touch hinterlassen hat. Das Haus hat eine Seele und ich fühlte mich, wie damals bei Falka und Franco, auf Anhieb wohl.

Udos Hexenhaus und das Gästehäuschen. Alles aus Paletten, Lehm und Holz aus dem Wald.

Ich bekam an meinem ersten Tag eine Führung durchs Haus und das Grundstück, dann gab’s erstmal Mittagessen und nach dem Mittagessen und langen Dialogen, wie so oft in den nächsten Wochen, machten wir mit den beiden sooooooo süßen Hündinnen, Luna und Peluda, einen Ausflug zum Leuchtturm. Im Licht der bald untergehenden Sonne hatte die Küste eine magische Stimmung. Auf meiner Rechten das Meer, vor mir die zerklüftete Küste, mit steilen Hängen, mediterraner Vegetation, Möwen, Seelöwen (jaaaa!!! :-D) und zur Linken ein dichter Wald aus überwiegend Pinien und so gut wie keinen Häusern.

Plötzlich tritt man auf eine Lichtung und Bäm! drückt einem der Wind entgegen, dass man den ganzen Körper anspannen muss, um gegen ihn an zu kommen. Der Leuchtturm, klein und pittoresk, erwartet einen irgendwie freundlich und sympathisch am Ende der Landzunge auf einer Anhöhe. Es gibt ein Fleckchen, wo es windstill ist und dort warteten wir auf den Sonnenuntergang während wir eine Büchse original deutschen Bieres trinken. Prost! Danach gabs erstmal Abendbrot.
Mein erster Tag in der „Udopie“ war also super anstrengend und unentspannt 😛 Dennoch fühle ich mich auf Anhieb willkommen. Die Anspannung der Stadt in weiter Ferne, vom Winde aus dem Kopf gepustet. Es gibt zwar schwachen Handyempfang, der sogar mobiles Internet ermöglicht, aber ich will es gar nicht nutzen und schalte mein Handy lieber aus. Auszeit. Abschalten. Back to the roots. Am Abend, wir sitzen im Schein zweier Kerzen und das Feuer knackt, bringt mir Udo ein Mantra bei, mit dem er schon seit Jahren meditiert. Es ist auf Sanskrit, besteht nur aus vier kurzen Zeilen, und ich frage mich, wie ich mir das JEMALS merken soll. Ich kann mir ja noch nicht mal deutsche oder englische Texte merken. Selbst mein Schlaflied, dass meine Mutter mir als Kind jahrelang täglich vorgesungen hat, konnte ich alleine nicht singen… Ich habe in der Vergangenheit schon mehrfach versucht regelmäßig zu meditieren, noch nie mit einem Mantra, dann kommt noch mein miserables Gedächtnis hinzu! Das schaffe ich nie! Bei unserem ersten Versuch lese ich also ab. Ich tue mich schwer mit den Tönen, dem steigenden und fallenden Volumen. Doch es gefällt mir dennoch und ich nehme mir vor in den nächsten Tagen den Text zu üben.
Am zweiten Tag in der Udopie, Sonntag, beginne ich mit der Aufgabe, die Udo für mich auserkoren hat: das Frontfenster und wie Udo es nennt, die Augen seine Hauses und somit eines der wichtigsten Kunstwerke seines Waldhäuschens: „Der Diamant“.

Hier sollen Glasscheiben rein.

Meine Vorgänger haben aus Holzstämmen ein Tragwerk in den Giebel gebaut, wo irgendwann mal Fensterscheiben hinein sollen. Aufgrund der Unregelmäßigkeit der Hölzer ist kein Feld wie das andere und um die Scheiben einsetzen zu können, muss eine ausgleichende Nut hergestellt werden. Keine leichte Aufgabe!
Während ich also an der Fassade arbeite, geht Udo in den Wald, Holz hacken für den Ofen, denn nachts wird es frisch, Pilze sammeln und Klos ausleeren. Bei den Klos handelt es sich um Trockentoiletten, was bedeutet, dass sie keine Spülung haben. Um die Geruchsbildung zu verhindern hat er ein Trennsystem gebaut, wo Trocken von Flüssig getrennt wird. Hinten ein großer Eimer, der nach Benutzung mit Sägespänen aufgeschüttet wird und vorne eine Trichtersystem aus Plastikflaschen. Alle paar Tage müssen diese also geleert werden.

Das Badezimmer. Sogar mit heißer Dusche.

Es gibt zwei Toiletten, eine im Haus, die genauso komfortabel wie eine normale Toilette ist, aber bereits eine gewisse Übung und Zielgenauigkeit voraussetzt und somit für Anfänger ungeeignet ist und die Draußentoilette für die Anfänger 😉 Dort sitzt man mitten im Wald, ohne Dach und Wand zwischen den Pinien und erfährt zum ersten Mal wie toll es ist so „ausgesetzt“ und frei seine Bedürfnisse zu verrichten und einfach mal in den Wald zu pupsen :$ das ist ziemlich toll 😉

Vielleicht nicht so schön, dafür umso mehr Freude beim Stuhlgang 😉

Für meine Aufgabe starte ich zunächst den maschinellen Versuch und greife zur Flex, meiner Lieblingsmaschine. Doch ich muss schnell eingestehen, dass mit der Holztrennscheibe ein völlig unkontrollierbares Höllenwerkzeug in meinen Händen liegt und der Aufgabe nicht gerecht wird. Damit bringe ich mich nur um. Ich wechsele also zum Stechbeitel und arbeitete mich Zentimeter für Zentimeter ins Holz und muss erfinderisch werden, um abzumessen, wo später die Scheibe aufliegen wird und wo noch Material weggenommen werden muss, damit die Scheibe richtig aufliegt. Das ist nicht an einem Sonntag zu schaffen und ich verbringe erst wieder ein paar Tage in Valpo bei Jaime um weiter nach einem Schiff zu suchen.


In der zweiten Woche widmete ich mich den Segelbooten und Frachtern. Für die Segelboote machte ich einen Aushang, den ich an die Yachthäfen ans schwarze Brett heften wollte. Den ersten hing ich an den Sportclub, den zweiten an einen quasi nur per Auto zugänglichen Hafen (in Chile haben offensichtlich alle Leute, die ein Segelboot haben auch einen fetten Wagen mit Chauffeur.). Dort schwatzte ich ein wenig mit dem freundlichen Portier, der mich in seiner Wachbude zum Kaffee einlud. Zum dritten Hafen musste ich etwa 45 min fahren, um von einem diesmal wenig hilfreichen Portier leidenschaftslos begrüßt zu werden und keine 5 min später wieder in denselben Bus zu steigen, der nun seinen Rückweg antrat. Das war wohl nix. Chile ist keine Segelnation und die wenigen Leute die Segelboote besitzen, sind in der Regel Snobs, die nur kurze Ausflüge an der Küste machen. In dieser Richtung bleibt mir also nichts als Warten, ob jemand auf meinen Zettel reagiert.
Parallel hat Jaime über Facebook all seine Kontakte nach Hinweisen gefragt und alle sagen dasselbe: es ist die falsche Jahreszeit und der falsche Hafen, um nach Seglern zu suchen, die den Pazifik überqueren. Die Hauptroute ist entweder von Panama aus, über Galapagos und dann direkt nach Polynesien, oder aber von Patagonien aus ebenfalls diagonal über den Pazifik. Nur die „Notlandungen“ kommen auf diese Höhe des Südamerikanischen Kontinents und meine Chancen sind somit gering und/oder leichtsinnig.
Ich melde mich bei zwei Onlineportalen an, über die Segelmitfahrgelegenheiten angeboten werden, um nach Alternativen in anderen Ländern, z. B Peru oder Ecuador, zu suchen, doch ich bin über den Erfolg skeptisch, denn ich will nicht das Risiko eingehen mich auf einen anonymen Onlinekontakt zu verlassen, mit dem ich dann mindestens 4 Wochen auf hoher See verbringen werde. Naja, andere heiraten dann auf die Art…
Ich suche noch die Adressen der Frachteragenturen heraus und telefoniere herum, Tag für Tag streiche ich mehr Notizen durch, als dass neue hinzukommen. Am Ende bleiben nur zwei Frachteragenturen übrig und ich beschließe persönlich zu ihnen Büro zu gehen. Die erste ist die „Iorana“. Das Büro ist in Valpo und ich treffe kurz vor 14h ein. Offenbar ist die einzige Mitarbeiterin gerade zur Tür raus und ich warte zwei Stunden (!) auf dem Treppenabsatz, immerhin lerne ich so ziemlich alle anderen Büros des Hauses kennen, unter anderem einen Anwalt. Das kann auch nicht schaden. Als gegen 16h die Sekretärin der Iorana eintrifft, erfahre ich, dass die Iorana keine Passagiere befördert. Doch die Sekretärin ist sympathisch und findet meine Idee ganz cool, hatte sogar selbst mal ähnliche Pläne für eine Reise nach Brasilien und gibt mir unerlaubterweise die persönliche Handynummer des Unternehmenschefs. Ein Rapanui. Bevor ich ihn anrufe oder anschreibe, will ich mich aber gut vorbereiten. Die Frachter sind zu diesem Zeitpunkt bereits meine wahrscheinlichste Option und ich will sie nicht vertun. Kreuzfahrtschiffe gibt es zu dieser Jahreszeit nicht.
Die andere Agentur, Kuhane, soll ein Büro in Vina haben. Ich laufe hin und erfahre, dass es das Büro zwar gibt, aber nie jemand anwesend ist und schon seit Wochen niemand mehr gekommen ist. Über die Telefonnummer ist niemand zu erreichen. In den folgenden Tagen, bekomme ich alle möglichen Hinweise: Freunde, die Leute kennen, die direkt auf den Frachtern arbeiten, deren Nummern. Eine Köchin, ein Mitarbeiter… Ich telefoniere mit ihm und erfahre auch von ihm, dass keine Passagiere mitgenommen werden können. Er sagt mir, dass der Kapitän niemals die Verantwortung für mich übernehmen wird. Doch er erwähnt, dass die Cargounternehmen für die Angehörigen ihrer Mitarbeiter Spezialtarife bei der Fluggesellschaft LAN haben und überlegt, ob ich über diesen Weg an ein billiges Flugticket komme. Wieder telefoniere ich hin und her – aber am Ende landet immer ein Strich in meinem Notizheft. Nun bleibt nur noch die Antwort vom Chef der Iorana und ich stelle mich schon innerlich darauf ein, dass ich mir einen Flug kaufen muss. Da fällt mir plötzlich ein, dass die Mutter vom Tapatikönig Fer, der ja mein Freund ist, bei LAN arbeitet und unter Umständen ebenfalls Sondertarife bei der Fluggesellschaft bekommt. Da die Familie mir in gewisser Weise „ etwas schuldig“ ist, wage ich den Versuch, sie um Hilfe zu bitten und schreibe ihr eine Nachricht.


Am Ende von Woche Zwei, als ich absehen kann, dass meine Recherchen in der Stadt erschöpft sind und mir nur noch das Warten bleibt, beschließe ich ganz zu Udo in das Waldhaus zu ziehen. Ich habe ja parallel zu all diesen Umfragen bei Jaime am Haus gearbeitet. Ich habe die Dachrinnen gereinigt und repariert, den alten Lack abgekratzt und die Fassade abgeblättert, damit sie frisch gestrichen werden kann. Doch auch diesmal ändert sich ein wenig die Dynamik, als Jaime Besuch von Freunden aus Brasilien bekommt. Beim ersten Besuch darf ich in „meinem“ Zimmer bleiben und Jaime schläft auf einer Isomatte, während der Gast in Jaimes Bett pennt. Jaime fühlt sich dem Besuch verpflichtet und macht mehrere Tage Touriprogramm mit ihm, obwohl er eigentlich am Haus arbeiten möchte, was dazu führt, dass er unzufrieden und genervt ist und am Ende ich es abbekomme. Er ist launisch und unausgeglichen. Als sich erneut Besuch ankündigt, heißt es zunächst, es sei alles kein Problem, doch völlig unerwartet bittet er mich am selben Tag der Anreise anderweitig unterzukommen und setzt mich kurzfristig und mehr als unvorbereitet auf die Straße. Bei Udo kann ich erst am Folgetag unterkommen und ich muss improvisieren. Glücklicherweise habe ich zwei Tage zuvor Diego kennengelernt, ein Freund von einem Freund auf der Osterinsel. Diego hatte mich auf eine Einweihungsfeier mitgenommen und mir mit seinem Motorrad ein wenig die Stadt gezeigt.

Diego wohnt derzeit in der Wohnung seiner Exfreundin und nun darf auch ich kurzfristig die Nacht hier auf dem Sofa verbringen. Diego ist Koch und derzeit arbeitslos und genauso pleite wie ich. In gewisser Weise ist das ein Problem, da ich mich zum ersten Mal seit langem wieder halbe/halbe an den Kosten für Verpflegung beteiligen möchte, aber nur noch wenig Geld habe.

Man lernt auch beim 10 Besuch in Chile was Neues. Hier ist Marihuana was ganz normales.

Da Diego Koch ist und Wert auf gute Lebensmittel legt, gebe ich an einem Tag mehr Geld aus, als wenn ich alleine kochen würde und am Ende bleiben mir nur noch 20 Tausend Pesos – 30 Euro. Da werde ich selber unruhig und hoffe umso mehr, dass ich auch bald ein wenig Geld verdienen kann.


Mein Wunsch wird erhört und ich lerne schon am nächsten Tag den Tischler José und seine Clique kennen. Sie haben auf winzigen 15 qm eine Holzwerkstatt. Unter der Clique befindet sich Koke, der im Gespräch über meine Walz fragt, ob ich Erfahrung im Lehmbau habe und meint er bräuchte Hilfe auf einer Baustelle. Wir schauen uns spontan die Baustelle an und prompt habe ich einen Job, der nach dem Wochenende für ein paar Tage Geld einbringt. Yiiihaaaa….Der Lohn ist mit 18 Euro täglich selbst für chilenische Verhältnisse sehr niedrig, aber alles ist besser als nix und bedauerlicherweise in Valpo standard. An diesem Donnerstag Nachmittag fahre ich zufrieden mit Udo auf dem Motorrad in den Wald und bin für die nächsten Tage auf mich allein gestellt und Aufpasser, denn es wurde ein Unwetter für die nächsten Tage angekündigt und bei schlechten Straßenverhältnissen kann Udo nicht mit dem Moped heim. Das Auto ist (mal wieder) in der Werkstatt und Udo muss an der Uni lehren. Er kann also erst wieder in den Wald kommen, wenn die Matschwege anfangen zu trocknen. Ich freue mich total auf die einsamen Tage im Wald, das handwerkliche Arbeiten in aller Ruhe, das schöne Haus, das Kaminfeuer am Abend, das Kerzenlicht… Udo hat für mich alles Wichtige vorbereitet: Essen, Kerzen, Brennholz, Wasser und ich freue mich auf das Wochenende ganz allein im Wald.

Mein Schlafzimmer


Das Wochenende genieße ich in vollen Zügen und komme gut voran mit dem Fenster. Luna und Peluda sind meine neuen Freundinnen, es regnet und regnet und regnet und bei Aldo, dem Nachbarn überflutet das Haus. Bei Udo ist alles schick, weil sein Haus windgeschützter ist. Ich singe alleine das Mantra und koche und putze, gehe Pilze sammeln und trocknen, backe Brot, sammele Pinienzapfen, die perfekt für den Kamin geeignet sind und lese ein Buch über Aborigines. Herrlich! Fast wie Urlaub.

Danach folgen zwei Tage an denen ich mit dem notorisch mindestens 2 Stunden verspäteten, unzuverlässigen und stets bekifften Koke auf der Baustelle Lehmputz verarbeite. Es ist interessant, denn er treibt mich teilweise in den Wahnsinn. Weil ich alles richtig machen will, frage ich in den ersten Stunden oft nach, wie ich etwas machen soll, woraufhin er mich mehrfach testet und sagt: hey, du bist nicht meine Assistentin, sondern du bist Meister, so wie ich. Du musst es machen, wie du es immer machst. Er benutzt die Lehmziegel aus den alten Gemäuern, die während des Umbaus des aus 1880 stammenden Bauwerks aus den Wänden geklopft wurden. Er weicht sie mit Wasser auf und verputzt per Hand die Wand. Ganz ohne Kellen und Schwämme bringt er ganz dünne Schichten auf und erhält so die unregelmäßige Oberfläche der Wand. Mir gefällt die Ästhetik und ich muss zugeben, dass seine Arbeit die bislang professionellste handwerkliche Arbeit ist, die ich in Chile während meiner Reise gesehen habe. Doch ich merke auch, dass er viele Dinge nicht kann und mich gar nicht getestet hat, sondern ausnutzt, haha. Und zum anderen nutzt er meinen Fleiß, um selber Eier zu schaukeln. Die schwersten Aufgaben, wie die Montage eines stabilisierenden Holzbalkens, muss ich ganz alleine verrichten. Er hilft mir kein Stück. Er steht unter Zeitdruck mit der Abnahme des Raumes und ohne meine Hilfe wäre er ehrlich gesagt völlig am Arsch. Deshalb bin ich am zweiten- und somit Abgabetag diejenige, die ihn pushen muss, sich auch mal ein wenig Mühe zu geben. Nach all dem Einsatz meinerseits war ich leicht genervt von seiner Attitüde und wirklich sauer, als sich herausstellte, dass er mich nicht würde bezahlen können, wie vereinbart. Am Ende hat alles auf den letzten Drücker geklappt. Wieder einmal war das eine hilfreiche Lektion meiner Wanderschaft. Stück davon!

Das Haus aus 1883 wird gerade abermals renoviert


Danach wohne und arbeite ich ausschließlich bei Udo, denn alle weiteren Versuche an einen bezahlten Job zu kommen, scheitern leider. Doch immerhin bin ich bei Udo bestens versorgt, gebe kein Geld aus und genieße meine Arbeit. Tagsüber bin ich allein, da Udo gegen 7 zur Uni fährt und abends gegen 18/19h heim kommt. Manchmal kommt Aoni, Udos Siebenjähriger Sohn zu Besuch und verbringt einen Abend, oder ein Wochenende mit Udo. Zu Beginn spüre ich bei Aoni ein Desinteresse bzw. eine gewisse Ablehnung mir gegenüber, was mich verunsichert, da ich ja eh schon diesen „Kinderkomplex“ habe, wo ich immer wieder denke, dass ich für Kinder total öde und langweilig bin, bzw. umgekehrt einfach ratlos bin, wie ich eine Beziehung zu einem Kind aufbauen soll.

Jeden Abend meditieren Udo und ich gemeinsam und wer will es glauben, ich singe schon am 4. Tag ganz ohne spicken den Text richtig mit! Jaahaaa….wir singen immer harmonischer, oder in harmonischer Disharmonie, mal laut, mal leise, mal flüsternd und es ist faszinierend, wie es immer leichter wird, nach dem Gesang für ein paar Minuten die „Affen im Kopf“ still zu kriegen. Und mit Aoni komme ich irgendwann auch richtig gut zurecht (und dass, obwohl Aoni Spinnen liebt).
Nach etwa einer Woche ist meine Vorbereitung am Fenster so weit fertig, dass Udo die Scheiben bestellen kann und wir gemeinsam die Maße austüfteln. Und ein paar Tage und Experimente später kommt der historische Tag an dem die Scheiben eingesetzt werden können und Udo nach zwei Jahren im Wind scheppernder Plastikfolien nun endlich ein echtes Fenster hat. Applaus!!!


Insgesamt verbringe ich bei Udo 4 Wochen. Nach der Aufgabe mit dem Diamanten, bekommt das Bad eine Tür, die historische Eingangstüre wird von alter Farbe befreit und zu neuer (alter) Schönheit restauriert, und zuletzt setze ich die Arbeit am Frontfenster fort und setze die Streben für die letzten noch fehlenden Scheiben ein und baue die Türen für den zukünftigen Balkon. Udo macht mit mir den Kettensägenführerschein, ich baue ihm heimlich ein Schachbrett, Aoni bekommt einen kleinen Tisch und, und und…ich erreichte mal wieder den Punkt, wo ich mich selbst unter Druck setzte mit meinem Perfektionismus. Udo sagte mal einen schönen Satz, den ich nie vergessen werde und in Zukunft hoffentlich in angebrachter Dosis umsetzen kann: Übe dich in Schlampigkeit!

Die Tür vorher und nachher

Ich erinnerte mich an einen Satz über das Miteinander von Helena, die Thomas und ich in Patagonien als Anhalterin mitgenommen habe: „in der ersten Woche bist du noch ganz begeistert, nach zwei Wochen bist du von den Macken genervt, nach drei Wochen kriegst du die Krise und in der vierten Woche kommt man zu dem Ergebnis, dass es besser sei sich zu trennen“. So, oder so ähnlich ging es mir in der „Udopie“. Udo ist im Grunde ein herzensguter Mann, der mir manchmal zu viel redet, immer „Eeeeecht?!“ sagt (uups, das sage ich inzwischen auch! 😛 ), oder etwas „gar nicht glauben kann“, der jeden irgendwie für irgendwas bewundert, der viele Menschen ganz ganz toll oder süß findet, in manchen Punkten dem schwäbischen Geiz alle Ehre macht, aber andererseits gerne kleine Geschenke macht. Es war irgendwann ziemlich klar, dass er auch mich ganz ganz toll fand und er lobte mich ohne Halten (Lydia, lass dir das eine Lehre sein! Zu viel Lob ist auch verkehrt…;-)) Die Begeisterung war mir schon suspekt! Es war eine intensive und nicht ganz einfache Zeit, weil ich im gesamten Zeitraum die einzige Voluntarierin war. Schließlich drohte mir die Decke auf den Kopf zu fallen, ich fühlte mich schließlich eingeengt, angespannt und irgendwann, als auch der letzte Anker der Bootssuche – die noch ausstehende Antwort vom Eigentümer der Iorana – negativ ausfiel, beschloss ich, dass es wieder Zeit war zu tippeln. Gott sei Dank hatte mir Su, die Mutter vom Tapatikönig, inzwischen zugesagt, dass sie mir helfen würde ein Ticket von Santiago zur Osterinsel zu besorgen, und ich Anfang/Mitte August würde fliegen können. Ich wusste zwar weder wann ich fliegen würde, noch was es mich kosten würde, aber ich hatte keine Wahl, als mich auf sie zu verlassen. Es war inzwischen um den 20 Juli, also blieb mir noch mindestens eine Woche vor dem Flug zur Osterinsel und ich war fest entschlossen, diese letzte Woche nicht mehr in der Udopie zu verbringen. Da meine Freunde aus Lima schon die ganze Zeit gejammert hatten, dass ich sie auch mal besuchen kommen solle, kaufte ich mir kurz entschlossen ein Ticket nach Lima. Als einzige Verteidigung kann ich sagen, dass ich nicht weiß, wann ich wieder nach Südamerika kommen werde, möglicherweise erst in 4-5 Jahren; und mein letzter Perubesuch liegt auch schon wieder 7 Jahre zurück, was meinen Freunden gegenüber natürlich unverantwortlich ist. Das ist also Rechtfertigung genug für eine Ausnahme.

Im Nachhinein fehlt es einem schon… Dieser magische Ort, die Hänge, die Seelöweninsel…

Lima

Ich habe es getan! Mir die Haare kurz geschnitten! Schon seit so vielen Jahren spiele ich mit dem Gedanken mir mal einen Kurzhaarschnitt zu machen und wenn ich dann beim Friseur sitze, traue ich mich doch nicht. Diesmal nicht! Ich bin mutig geworden und abenteuerlustig. Ganz im Sinne meiner bisherigen Walz überwinde ich auch jetzt meine eigenen Limits. Schneid sie ab!
Prima Klima in Lima

Als ich in Lima ankomme, stehen die Nationalfeiertage bevor, die ich ganz vergessen hatte. Das bedeutet leider das Schlimmste. Die ganze Stadt ist rot-weiß in den peruanischen Nationalfarben geschmückt, an jeder Waschmaschine hängt ‘nen Fähnchen, die Radiosender bringen landestypische Musik und es gibt alle möglichen patriotischen Festakte, Militärparaden und Volksfeste. Oh je…Aber! es hat auch was Gutes…meine beiden besten Freunde Michelle und Tito haben ein langes Wochenende und somit mehr Zeit für mich.
Ich habe nur eine Woche in Lima, dieser schmuddeligen, versmogten Riesenstadt, die so wenig liebenswert ist und meine ehemalige Gastschwester Michelle holt mich am Flughafen ab. Ich habe sie seit 7 Jahren nicht mehr gesehen (es könnten auch 8 sein – wir sind schon so alt geworden, dass wir es nicht mehr wissen) und sie ist moppeliger geworden, genau wie ich haha, aber ansonsten im Gesicht immer noch genau wie früher, sogar die Frisur ist noch dieselbe (im Gegensatz zu mir, hehe). Als wir uns das letzte Mal sahen, war Michelle seit kurzem mit dem Studium fertig und hatte gerade angefangen, bei einem großen Lebensmittelkonzern zu arbeiten. Dort ist sie auch heute noch und ihr Leben hat sich in der „typischen“ Weise entwickelt, wie es sich so viele Menschen in ihrem Leben erträumen und erstreben: ein sicherer Job, gutes Einkommen, wenig Freizeit, sie hat jetzt ein schickes Auto, dass zweimal die Woche gewaschen und geputzt wird, damit es auch immer schön glänzt, sie regt sich über den Verkehr auf und über die Armen, die klauen und kriminell werden, macht aus diesem Grund an jeder Ampel die Fenster herunter und versteckt ihr iPhone aktuellster Generation in der Seitentür. Sie hat seit vier ein halb Jahren einen Freund, der seit über einem Jahr in Kanada lebt und seinen Master gerade beendet hat und sie wollen demnächst zusammen ziehen und heiraten.

Oma Doris, Mama Cecilia, Schwester Michelle und Prinz Eisenherz

Tito hat nach dem Produktdesign-Studium eine kleine Firma gegründet, die mit 3D-Druckern Prototypen herstellt und ist damit erfolgreich gewesen und konnte nun das Unternehmen vergrößern. Er ist Vollblut-Geschäftsmann und liebt seinen Job über alles. Eine Familie will er nicht, auch keine Partnerin, er ist mit sich selbst, seinen drei Mitarbeitern und seiner Firma verheiratet und verbringt nicht selten die Nacht auf dem Sofa des Büros. Vielleicht sieht er deswegen weg so erschreckend alt aus…Es ist irgendwie eigenartig, dass ich ausgerechnet mit ihm, dem Unternehmer, sozialkritische, philosophische Gespräche über die Entwicklung unserer modernen Gesellschaft führen kann, über Materialismus und Kapitalismus und wie unsere Menschheit mit beschleunigendem Tempo gegen eine Wand zu fahren scheint. Er ist offen für meine „esoterische“ Gedankenwelt und meine liebe Schwester Michelle lehnt es ab Produkte aus Vollkornmehl zu essen, weil dieses „kaum oder schlecht verarbeitetes Weizen sei, dass nicht so gut ist, wie das Weißmehl, das so schön fein und rein ist.“ Naja, sie arbeitet ausgerechnet in der Mehlproduktion des Lebensmittelkonzerns und muss drei Mehlwerke koordinieren. Vielleicht ist ihr das viele Weißmehl nicht so gut bekommen, wie sie denkt.


Am zweiten Tag nach Ankunft fahre ich mit Michelles Familie (es ist ein reiner Frauenhaushalt dreier Generationen) in einen „Country Club“ etwa 1 Stunde von Lima entfernt. Jeder Limeno der Mittel- und Oberschicht muss Mitglied in einem Club sein, um auch wirklich was zu sein. Im Countryclub unseres Vertrauens scheint angeblich immer die Sonne, egal wie pieselig es in Lima ist. Und tatsächlich, wir fahren extra früh los, um die Rushhour zu überlisten, und bei Ankunft im Club scheint die Sonne. Den Tag verbringen wir dort, es wird standesgemäß gegrillt und entspannt, um die Mittagszeit gibt es anlässlich der Feiertage einen Umzug, wo die einzelnen Gremien des Clubs, wie beispielsweise die Schachgruppe, die Tanzgruppe, die Sportgruppen, die Omis, die Opis und so weiter und so fort ihren glamourösen Auftritt haben. Jede Gruppe hatte ein Motto und dazu entsprechend „traditionelle“ Trachten aus billigem Plastik, es wurde Marinera getanzt, ein Volkstanz, auch Tänze aus dem Amazonas und aus den Anden und alles wurde von einer motivierten Blaskapelle begleitet. Es waren aber auch irgendwelche Römer und Amor vertreten, seltsame Maskottchen und fragwürdige Kreaturen…Es ist schon eigenartig, wenn man bei den Menschen Tränen in den Augen sieht und echte Rührung und tiefstes Glück, wenn ihre Landesfahne gehisst wird und die Hymne durch die Lautsprecher scheppert. Mit dieser Art Stolz werde ich mich wohl nie identifizieren können. Ich musste mich auch echt zurückhalten nicht loszulachen, als der nicht sehr talentierte Moderator minutenlang von Peru geschwärmt hat und von der schönsten Nation der Welt, mit den tollsten Bergen, den blauesten Seen, den grünsten Wäldern, und von der einzigen Nation in der man geboren werden möchte.

Die Unabhängigkeit Perus von Spanien wurde das ganze Wochenende gefeiert und meine Gastmutter und Gastoma, Cecilia und Doris, schauten sich stundenlang im Fernsehen die Militärparaden an und die Ansprachen der führenden Politiker. Stundenlang konnten sie darüber lästern, wie die dazugehörigen Ehefrauen, Töchter und Enkel gekleidet waren, zu bunt, zu sommerlich, zu zugeknöpft, zu unkonservativ. Wenn ich vorsichtig bohrte, wo genau ein Zusammenhang zwischen der Kleidung und der politischen Zukunft eines Landes bestehe, erntete ich nur eine bissige Bemerkung, dass es gegen das Protokoll sei. Und Skandal! Dass der Präsident am wichtigsten Tag in die evangelische Kirche ging und dort seine Gedenkrede hielt, statt in der katholischen Kirche, wie es sich für ein katholisches Land gehöre…Ein Unding!
Da saß ich nun am Esstisch und fragte mich, ob ich mich heute noch genauso eng mit dieser Familie anfreunden würde, wenn ich sie jetzt erst kennenlernen würde. Wohl nicht mehr so intensiv… und dann dämmert es mir, dass nicht sie sich so verändert haben in den 13 Jahren, die ich sie nun kenne, sondern ich. Doch spätestens als wir mit den Maul-Auf-Klemmen aus Cecilias Zahnarztpraxis versuchten Tabu zu spielen, waren all diese düsteren Überlegungen wieder vergessen.

Einige Tage später landete ein Artikel in meinem Postfach über die Unfähigkeit der ach so weltoffenen Menschen, tolerant zu sein gegenüber den Personen mit festen Denkstrukturen und „begrenztem“ Horizont und damit selbst in eine fundamentalistische Position rutschen. Das machte mich nachdenklich, da ich mich in einigen Punkten ertappt fühlte. Obacht!
An Essen würde es mir die Woche nicht mangeln. Seit Wochen schon hatte ich mich auf die peruanische Küche gefreut, die meiner Meinung nach eine der besten der Welt ist und in den letzten Jahren die internationale Gourmetküchen erobert. Bei Ankunft habe ich darum gebeten ausschließlich peruanisch bekocht zu werden. Ana, das Kindermädchen des Hauses kommt aus dem peruanischen Amazonasgebiet und lebt schon seit 40 Jahren in Michelles Familie. Sie hat Cecilia als junges Mädchen kennengelernt und deren drei Kinder bis heute begleitet. Sie ist ein angestelltes Familienmitglied und eine super Köchin und kocht die ganze Woche ein peruanisches Gericht nach dem anderen für mich.

Und Pisco Sour nicht zu vergessen

Ich begleite sie auf den Markt, wo es sogar Alligatorenköpfe gibt und Schlangen. Es gibt einen Heiltrankstand mit zig Terrarien und Aquarien und einem Mixer, wo der „Barman“ eine Kröte aus dem Eiswasser angelt und zu einem dubiosen Heiltrank schreddert.

Hinter ihm im Regal stehen grottig designte Schachteln mit Mittelchen für alle möglichen Leiden. Und Farben, überall Farben, Gerüche, Menschen, Pflanzen, Gemüse und Obst, dass man noch nie gesehen hat, oder noch nie für essbar gehalten hat. Kartoffeln gibt es hier in tausend Farben und Varianten, es gibt sogar irgendwo ein Kartoffelmuseum, auch Bananen! Es gibt Markthallen, wo lagermäßig 20 m lange Gänge mit 6 m hohen Industrieregalen ausgestattet sind, darin fahren Gabelstapler herum und suchen die entsprechenden Bananen – denn es ist eine Markthalle, wo es ausschließlich Bananen gibt. Pinke Bananen, Kochbananen, Bratbananen, Obstbananen. Auch Mais! Lila Mais, weißer Mais, wo jedes Korn so groß ist, wie der Zahn eines Pferdes, Mais für dieses, Mais für jenes…Der Markt scheint – es ist ein ganzes Stadtviertel – trotz des chaotischen Anscheins eine gewisse Struktur zu haben, die sich mir nicht offenbaren wird.

Wir gehen zunächst in irgendwelche Hallen, wo es Gewürze, Mehle, getrocknete Kartoffeln, Nüsse, Weizenarten, Körner und so weiter gibt. Dann gibt es Bereiche, da bekommt man Fleisch, dann gibt es Kräuter, Backartikel und so weiter. Auf den Straßen sind dann die Obst und Gemüsestände, in einem Nachbarviertel gibt’s Klamotten, Schuhe und Markenimitate zu Spottpreisen. Ich kann gar nicht alles aufsaugen und je voller es wird, desto exotischer fühle ich mich inmitten all der indianischen Gesichter und Leiber. Alle starren mich an und aus vielen Augen kann ich nicht ablesen, ob sie freundlich oder feindlich gesinnt sind. Froooind oder Feeeeind?


Am Montag lasse ich mich zum Indiomarkt fahren. In Lima war die Sicherheitspolemik schon damals zu meinen Schulzeiten ein Thema und man rät mir heute umso mehr nur mit Bekannten Auto zu fahren. Taxis sind angeblich nicht mehr sicher – selbst nicht die privaten, da sind die Busse ok, dafür aber „riskierst du darin dein Leben“ (wegen des Fahrstils). Der Verkehr, der schon immer eine Katastrophe war, ist noch schlimmer geworden, weshalb ich am liebsten laufen würde, aber das wird mir – das versteht sich von selbst – verboten. Ich staune über die Entwicklung der Stadt. Ich dachte ja schon immer „mehr Stadt“ ginge nicht, aber doch. Noch mehr Werbung, noch größer, jetzt in blinki-blinki, digital und überall, noch mehr Autos, doch nicht mehr die Blechschachteln auf Rädern, sondern glänzende, protzige asiatische Marken, noch mehr fette Geländewagen. Noch mehr Konsum, noch mehr Lifestyle, noch mehr Statussymbole. In Südamerika dreht sich alles darum, sein Geld, egal wie wenig man hat, auszugeben und (vor allem in Chile) bloß nicht zu zeigen, dass man arm ist. Hier ist Geiz nicht geil. In Peru sieht man durchaus den armen Menschen ihre Armut an, aber man kann eben auch mit weniger Geld schon den größten Scheiß kaufen.
Der Indiomarkt ist, wie der Lebensmittelmarkt, eine Explosion von Eindrücken. So viele Farben, bunte Stoffe, Souvenirs, Taschen, Kleidung, Keramik, Instruments….eine unendliche Liste. Da ich weiß, wie gerne ich durch die Hallen streife, habe ich allen anderen abgeraten mich zu begleiten. So habe ich keinen Zeitdruck. Und ich bleibe sage und schreibe 8 Stunden und begehe nur drei von etwa fünf Hallen. Ich schnacke mit manchen Verkäufern etwas länger, man muss handeln und ich mache gute Käufe. Es gibt hier soooo weiche Pullis aus Alpaka Wolle, schöne bunte Decken, Geschenke und so weiter. Da werd ich glatt ein bisschen traurig, dass ich keinen Platz habe mir selber etwas zu kaufen.
Am Ende ist die Woche ruckzuck vorbei und von allen Vorhaben habe ich nur einen Bruchteil erledigt. Typisch! Da war doch noch die Überlegung meine Schule zu besuchen und meine Abiprüfungen anzuschauen, nach zehn Jahren hat man Einblick in die Klausuren. Ja ja, zehn Jahre ist das schon her….Da hätte ich sicher gestaunt. Ich bin mir sicher, dass ich die Klausuren heute nicht mehr bestehen würde. Und vielleicht alte Lehrer treffen und ein bisschen schwatzen, die würden sicher auch denken…“oh man, was ist aus der bloß geworden, eine Wandersgeselling – nach dem guten Abi…!!“ Aber es war auch schön nur mit Michelle und Tito Zeit zu verbringen und alles etwas gelassener anzugehen. Ein nennenswerter Nachmittag war noch ein Grillfest bei Michelles Schwiegereltern. Es waren etwa 25 Leute anwesend und der erste Eindruck war: High Society. Die aufgetakelten und operierten Ladies, ein Designerhaus, alles total schick und teuer. Hausangestellte in eleganter Kleidung, die den Grill machen und die Drinks zubereiten, zwei fette Autos, ein perfekt gepflegter Rasen. Au weia dachte ich….genau meine Welt….da fühl ich mich wieder wie das fünfte Rad am Wagen. Meine dreckigen, klobigen Wanderstiefel hat man sicher aus dem All gesehen. Herrlich war die Erkenntnis, dass mit zunehmendem Alkohol die Gäste immer „normaler“ wurden, sie ihre Etikette ablegten und lustig und gelassen über die gleichen Themen diskutierten wie jeder andere auch. Es war, als ob man mit dem Reichsein auch einen Verhaltenscodex zu erfüllen habe, den man in den eigenen vier Wänden in geschütztem Ambiente dann getrost ablegen kann und ganz ungeniert „unreich“ sein darf. Das war auch mal eine nette Erkenntnis.
An meinem letzten Tag in Lima erreichte mich die Botschaft von Su, dass sie mir ein Flugticket besorgt hatte für den 9. August, in einer Woche. Ich fragte nach, wie viel ich ihr dafür schulde und fiel aus allen Wolken, als sie mir sagte es sei ein Geschenk von ihr und ihrer Familie als Dank für meine Hilfe beim Tapati vor 6 Monaten. Da war ich wieder ganz schön baff. Und natürlich auch wieder mal davon überzeugt, was sich in den letzten Monaten immer wieder zeigte: dass man Positives erntet, wo man Positives säht. The law of attraction.
So blieben mir noch 5 Tage in Santiago, meine letzten Tage auf dem Südamerikanischen Kontinent nach 8 Monaten Walz – da wird man schon ein wenig sentimental. Ich kaufte von meinen letzten 25 Tausend Pesos Mitbringsel für die Leute auf der Osterinsel und vor allem für Su und die „königliche Familie“ und reiste zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Umzugskarton im Flugzeug.

Darin alle Geschenke und Lebensmittel für die Osterinsel und in meinem Geldbeutel noch sage und schreibe 3000 Pesos. Etwa 4,50 Euro. So „arm“ war ich noch nie. Und so reich an schönen Erinnerungen.
Auf dem Weg zum Flugzeug erhaschte ich einen letzten Blick auf die Andenkordillere und schickte in Gedanken ganz viel Dankbarkeit und eine warme Umarmung an all die Menschen, die mich in den letzten Monaten aufgenommen, mitgenommen, gefüttert, begleitet haben, mich zum Lachen und zum Weinen brachten, mir Geschichten erzählt haben und mich in ihre Familien aufgenommen haben. Ihr wart der Hammer!

Miri auf der Walz.

Osterinsel die zweite

Und immer wieder was Neues

Wie oft habe ich schon erwähnt, dass ich auf der Osterinsel jedes Mal was anderes erlebe und neues erlebe, obwohl sie so klein ist und ich schon so oft da war?! Meine diesmaligen Highlights waren definitiv meine kleine Villa Kunterbunt, in der ich drei Wochen unterkam und meine sportliche Laufbahn als Ruderprofi. Nachdem ich in den letzten Monaten und all den lieben Menschen auf meinem Wege deutlich an Kilos zugelegt hatte, meine Hosen spannten, ich mich unsportlich fühlte und ich langsam nachdenklich wurde, beschloss ich abermals mit dem Hoe weiterzumachen und schloss mich einer sehr lustigen und kameradschaftlichen Anfängergruppe an. Was haben wir gelacht! Wir trainierten drei Mal die Woche und wollten uns auf einen Anfängerwettkampf vorbereiten, an dem ich auch hätte teilnehmen können, wenn nicht zuletzt das Datum verschoben wurde und wir dann stattdessen das Grillen und Biertrinken trainierten.

Aber ansonsten trainierten wir mit dem schwersten und unbeliebtesten Boot der ganzen Insel, um am Tag der Tage wie eine Rakete davon zu schießen. Am Ende bin ich nirgendwohin geschossen – aber ich hatte meinen Spaß und habe meine Liebe zu diesem Sport weiter entwickelt.
Die Villa Kunterbunt war meine last-minut Schnäppchen, von meiner Freundin Mata organisiert, denn Mera hatte mich diesmal gebeten anderswo unterzukommen, weil sie mit der vergrößerten Familie und der anstrengenden Wohnsituation mit den Nachbarn, eine gewisse Ruhe brauchte. Mata, eine bisherige Backgroundfreundin, kam mir zu Hilfe und brachte mich spontan in der Hütte ihres Freundes unter, der gerade für 4 Wochen nach Bali gereist war. Ich verliebte mich auf anhieb in seine sympathische Surferbude. Eine Terasse mit Hängematte, ein kleines Zimmer mit Surfbrettern geschmückt, eine kleine Küche. Und in der Ecke ein schwarzer Stoffschrank aus dem ein intensiver Geruch strömte…darin 8 emporstrebende Pflänzchen und eine lila Lampe. Sowas hatte ich noch nie gesehen und gerochen. Jetzt verstand ich auch, warum Mata mir am Telefon so geheimnistuerisch gesagt hatte, ich dürfe niemanden nach Hause nehmen und niemanden was erzählen. Später erfuhr ich ich hatte falsch verstanden. Nicht etwa die Polizei durfte davon keinen Wind bekommen – sondern die lieben Mitbürger. Es ist nämlich sehr weit verbreitet in Häuser einzubrechen, nur um eine gute Pflanze zu klauen. Wer hat sowas schonmal gehört – Pflanzendiebe.

Eins und zwei macht vier, la laaa la la

Ich ging noch am ersten Tag zu Sonia, für die ich schonmal auf einer Grabung gearbeitet hatte, und begann am folgenden Tag bei ihr zu arbeiten. Ich hatte ja nicht gerade viel Geld übrig hehe. Ich sollte für sie sechs Terassen schleifen und streichen und evtl. danach noch weitere handwerkliche Aufgaben erledigen. Parallel versucht ich wieder mein Glück mit den Segelbooten, aber es war niemand da und würde auch niemand kommen nach Einschätzung der ortskundigen Segler. So ein Mist. Am Ende blieb ich vier Wochen auf der Osterinsel, arbeitete davon drei Wochen bei Sonia und zuletzt eine Woche bei ihrer Schwester Viki, wo ich dann auch die letzte Woche unterkam. Viki ist außerdem Matas Mutter und inzwischen empfinde ich diese Familie als wirklich enge Freunde. Es war diesmal ein anderer Aufenhalt als sonst. Arbeiten – Geld anhäufen – Sport machen.

Vorher
Nachher

Ich schloss neue Freundschaften und „räumte“ die alten auf, die mich belasteten. Ich merkte, dass meine Lehren mit Meister Udo aus Valparaiso Früchte trugen.

Was sich auch diesmal nicht veränderte, war dieser Spagat zwischen Faszination und Abscheu der hiesigen Mentalität. Und das Gefühl, dass sich hier sehr sehr bald eine „blutige“ Revolution ereignen wird, bei der Köpfe rollen werden. Hoffentlich nur auf politischer Ebene. Der Wunsch der Rapanui ihr Eiland autonom zu administrieren ist mit derart viel Fremdenhass und Polemik verbunden, dass ich mich mit jedem Besuch unwohler fühle. Und bald, denke ich, wird es explodieren. Ich habe immer wieder Sitationen erlebt, in denen ich meine intelligenten und intellektuellen Freunden nicht wieder erkannt habe. Ich werde aus diesem Fleck Erde mit seinen ungewöhnlichen Menschen irgendwie nicht schlau. Naja, mein Chef hat immer gesagt: „Man darf ruhig dumm sein, man muss sich nur zu helfen wissen“. Das muss Trost genug sein.

Wie wird es für meine Freunde weiter gehen?
Ganz rechts Viki, meine neue Freundin

Am 12. September reiste ich zusammen mit meinem Vater, seiner lieben Leonie und einem Haufen von Freunden und Verwandten nach Papeete, Tahiti. Das würde nun endgültig der Beginn eines neuen Abschnitts werden: Ozeanien. Weddingtime. Segeltime (hoffentlich). Adios amigos de Latinoamerica – danke für die letzten 9 Monate.

Weddingtime!