Eine zünftige Wanderschaft ist durchzogen von vielen Bräuchen und Traditionen, die Wandersleute haben sogar ihre eigenen Begriffe für vieles. Ich schrieb ja bereits, dass ich mich mit einigen der Bräuche davon nicht identifiziere, aber ich picke mir die Lorbeeren heraus ^^
Die Wanderschaft beginnt traditionellerweise mit dem „Losbringen“ des Neuen durch einen oder mehrere „Alte“. Sie holen ihn daheim ab, helfen ihm beim Packen seines Bündels, malen in einer Karte einen Bannkreis von 50km um seinen Heimatort und feiern noch einmal tüchtig (das tun sie sowieso sehr gerne). Bevor er über das Ortschild klettern muss, wird er auf sein Vorhaben „festgenagelt“ und muss versprechen „Zwei Jahre und ein Tag“ (je nach Schacht auch drei Jahre und ein Tag) den Bannkreis nicht zu betreten. Nun wird ihm/ihr mit einem Nagel ein Ohrloch gestochen und sein Versprechen muss er geben, während er nun dort so festgenagelt liegt und vor Schmerzen und Prozenten wahrscheinlich grad nicht vernünftig denken kann. Ihr könnt euch vielleicht denken, mit welchem Teil der sogenannten Tradition ich da so meine Schwierigkeiten habe…..
Mit dem Ohrloch! Ich habe nämlich schon zwei! 😛 Naja, und ehrlich gesagt auch irgendwie mit diesem feierlichen festnageln – und die Hygiene! Oh mein Gott! Und das in Deutschland! (Naja, ist auch noch niemand von gestorben, zumindest weiß ich von nix)
Darum mache ich daraus meine eigene Interpretation… Für diejenigen, die es nicht wissen wollen – bitte hier aufhören zu lesen – aber irgendwann werdet ihr es eh erfahren. Ich bin mit Steffi zum Weimarer Piercingladen „Ungezogen“ gegangen und dort hat mir die Piercerin Kerstin, die wirklich ein Goldstück ist, einen Nasenpiercing gestochen. Ganz korrekt mit deutscher Papierarbeit, medizinischer Aufklärung und sterilen Werkzeugen von einer ausgebildeten „Festnaglerin“. Es hat gar nicht wehgetan, Zeugen für meinen Eid habe ich nur zwei, betrinken musste ich mich auch nicht und falls ich es nicht durchhalte mit der Reise, dann muss ich eben nur Steffi und Kerstin zum Schweigen bringen. B-)


Was nun noch fehlt, ist meine Kluft (auch hier verändere ich ein paar Punkte, aber eins möchte ich zugeben: die traditionelle Kluft finde ich superschick!!!) und mein „Bündel“ und dann möge das Abenteuer beginnen.
Und so am Rande: der Ohrring soll einem Gesellen in äußerster Not als Notgroschen dienen (der ist nämlisch aus Goooold). Und wenn er sich „unehrenhaft“ verhält und seinen Schacht oder andere Wandersgesellen in Ungnaden bringt, wird ihm sein Ohrring ausgerissen – daher der Begriff „Schlitzohr“. Ihr seht – man lernt total viel über deutsche Sprichwörter!!! (Allerdings bezweifele ich, dass dieser Begriff wirklich aus der Wanderschaft kommt. Das müsste man mal recherchieren, denn die deutsche Wanderschaft ist auch nicht so alt, wie man denkt….)
Wenn ihr mehr über die heutige traditionelle Wanderschaft wissen wollt und deren Einzelheiten, dann kann ich dazu gerne mal etwas ausführlicher Schreiben. Ich habe versucht mich da sehr gut zu informieren, aber ich sage gleich dazu, dass mein Wissen hauptsächlich von Freunden kommt, die auf Wanderschaft waren und aus einzelnen Berichten/Dokus, die man so im Internet findet. Das Wissen ist also nicht wissenschaftlich fundiert und wahrscheinlich äußerst subjektiv. Ich würde also auf meine Erläuterungen keinen wissenschaftlichen Anspruch erheben. Aus dem was ich sammeln konnte, habe ich meine persönliche Entscheidung getroffen einige Punkte anders umzusetzen, aber an den Grundpfeilern möchte ich nicht rütteln, da ich sie für erstrebenswert halte und richtig oder spannend finde.