Die Uhren in Los Antiguos ticken anders. Oder zumindest die von Gerardo. Die in seiner Küche läuft einwandfrei, es ist immer 9:05. Je länger ich bei ihm wohne, desto stärker geht es mir auf den Sack. Nicht die Küchenuhr, sondern Gerardos innere Uhr. Inzwischen bin ich bald drei Wochen hier und am Rande eines Geduldfadenbruchs. Gerardo ist ein guter Gastgeber, eine begnadete Labertasche und ein leidenschaftlicher Koch, aber ein miserabler Arbeitgeber bzw Zeit- und Geldmanager. Ich hatte eine super Zeit hier, aber ich wollte schon vor zwei Wochen abreisen. Mein Verantwortungsbewusstsein und mein Perfektionismus standen mir im Wege (oder meine „deutsche“ Prägung?) Ich hatte gleich am Anfang mit ihm ausgemacht ihm einen großen Esstisch für den Quincho („Kinscho“ – jeder Argentinier, der was von sich hält, muss sowas haben. Das ist ein eigens zum Grillen und Essen in größerer Runde gebauter Raum oder sogar ein eigenständiges Gebäude mit eingebauter Parilla, „Parrischa“, ein Grill mit Schornstein.)

Auch den Bau eines Hühnerstalls hatten wir abgemacht. Ich sagte ihm welches Werkzeug ich brauchen würde und er sagte großzügig „das ist alles kein Problem, was ich nicht habe, dass kaufen wir, die Sachen kann ich ja auch später noch gut gebrauchen!“ Ich war selig und stellte eine Liste an Grundwerkzeugen und Maschinen auf und versuchte so sparsam und nützlich wie möglich zu denken, damit es bloß nicht zu viel und zu teuer würde. Ich machte einen Entwurf für den Tisch, wusste gaaaanz genau welche Materialien ich brauchen würde, ebenso für den Hühnerstall, den ich aus den zahlreichen Paletten fabrizieren wollte, die auf dem Hof eine riesige Wand bilden. Ein Schweißapparat, Elektroden, Akkuschrauber, Stichsäge, Kreissäge, Bohrmaschine, Schraubzwingen, Bohrer, Senker, Gewindeschneider, Trennscheiben und Schruppscheiben für die Flex, Schleifpapier, Kuhfuß, Dübel, Schrauben unterschiedlicher Köpfe, Längen (hatte bereits alles bemessen) und Farben (je nachdem ob sie sichtbar oder unsichtbar sein würden, Nägel und so weiter. Sprich, ich hatte den absoluten Masterplan und ein genaues Endergebnis vor Augen.
Viele Maschinen hatte Gerardo glücklicherweise bereits und er war bereit einen Schweißapparat und eine Kreissäge zu kaufen und den ganzen Kleinscheiß. Ich war ja an einem Sonntag angekommen und er fragte mich, ob ich ihn am Mittwoch nach Caleta, seinem bisherigen Wohnsitz an der argentinischen Atlantikküste, begleiten würde, um ihm bei seinem Umzug nach Antiguos zu helfen und dort die Maschinen und das Werkzeug zu kaufen. Er bat mich ihm einen Kostenvoranschlag und einen Zeitplan zu nennen und so einigten wir uns auf 4000 Ar$ und eine Woche Arbeitszeit nach Rückkehr aus Caleta. Der Preis erscheint mir (zu?) günstig, etwa 235€, aber ich brauche ja nicht viel und bekomme Kost und Logi, da hatte ich nicht genug Mut ihm mehr abzuverlangen aus Angst er könnte mich auf den Mond schießen, schließlich verdient man hier weniger als in Deutschland und er würde ja auch noch ne Menge ausgeben für meine Einkaufsliste. Ein durchschnittlicher Tageslohn liegt zwischen 300 – 600 Pesos (17-34€). Ich dachte mir also für eine Woche Arbeit könne ich schlecht das Doppelte verlangen, was aus meiner Sicht der Arbeitsaufwand durchaus Wert wäre. Er war jedenfalls einverstanden, wir brachen schließlich nach Caleta Olivia auf und dort ging bereits „los“, was bis heute anhält: Gerardos Gemütlichkeit und Verpeiltheit, die Seinesgleichen sucht. Man kann sagen er besitzt das Talent alle Zeit der Welt zu haben und wenns heute nicht klappt, dann halt morgen, oder übermorgen, und man darf nicht vergessen hier und dort mal was „kurz“ dazwischen zu schieben, mal ganz abgesehen von den Stunden (!), die man täglich damit verbringt gesellig mit anderen Menschen zu essen und trinken, zu kochen, zu quatschen, Eis zu essen, Mate zu trinken etc etc….Und wenn man dann gerade wieder Zeit hat der To-Do-liste nachzugehen, dann haben die Geschäfte Mittagspause, die machen nämlich alle zwischen 13-16h dicht. Am Anfang hat’s mich wenig gejuckt; ist ja an sich nicht zu verachten es gemütlich anzugehen, aber derzeit könnt ich uschraste.

Auf jeden Fall kamen zu den sozialen Hindernissen die finanziellen hinzu. Argentinien hat seit der neuen Regierung eine Inflation von jährlich 40% und es ist zum einen alles teurer geworden, zum anderen haben sich die Regeln für die Banken teilweise geändert. Man kann nicht mehr als 100 Euro innerhalb von 24h von der Bank abheben, also zahlen die meisten Leute mit Karte. Das führt an den Kassen zu komplizierten und langen Verhandlungen darüber, wie man am besten und billigsten zahlt, Raten sind sehr beliebt, bzw wie man von welchem Konto Guthaben aufs andere schiebt etc mit dem Ergebnis, dass Gerardo ganz oft mit leeren Händen wieder kam, weil er keinen Zugriff auf sein Geld hatte oder beschlossen hatte woanders nach einem günstigeren Angebot zu suchen, z.B in Chile, oder zu warten bis das entsprechende Geld auf dem richtigen Konto landete. Nervig! Es vergingen also die Tage und es waren immernoch nicht alle „Zutaten“ da, selbst die Profile, die wir erstaunlicherweise alle auf einmal und sogar in ein und demselben Geschäft erwarben, brachte er mir über 4 Tage verteilt in die Chacra (das hat nix mit den indischen chakras zu tun, hier heißen die Plantagen so), obwohl es keine große Menge war und auch in einem Rutsch geklappt hätte…Eine bis zum Schluss unmögliche Beschaffung waren Schraubzwingen und Senker. Wer hätte das gedacht, in Deutschland sind das Grundutensilien. Einen Innengewindeschneider habe ich erstaunlicherweise bekommen. Verkehrte Welt. Ich wurde immer ungeduldiger, weil meine Woche bereits um war und ich noch nicht einmal angefangen hatte zu schweißen. Es fehlte nämlich der Schutzhelm…Eines Abends kam Gerardo triumphierend heim und hielt mir einen Helm vor die Nase, den man ihm geschenkt hatte. Am nächsten Morgen legte ich los und sah mich gleich mit zwei neuen Hindernissen konfrontiert: Erstens war der Helm kaputt und die Scheibe so dunkel, dass man selbst beim Schweißen nichts sah, suuuuper, und zweitens blieben die Elektroden ständig kleben und ließen sich einfach nicht zünden. Ich feilte den ganzen Tag an allen Einstellungen des billigen Apparats herum, aber bekam es einfach nicht hin eine anständige Naht, ja noch nichtmal einen würdigen Punkt zu setzen. Am Nachmittag konsultierte ich einen Freund Gerardos, der mir eine andere Elektrodenart empfahl. Am nächsten Morgen sollte mir Gerardo diese also besorgen. Wieder verschwand er für mehrere Stunden.

Ich hatte in meinen zahlreichen Wartestunden bereits andere Dinge gebaut: zwei Böcke zum besseren Arbeiten und zwei Küchenregale aus Paletten. Als die neuen Elektroden endlich ankamen, versuchte ich es aufs Neue. Ihr werdet es nicht glauben, es ist mir selbst nach mehreren Tagen des Probierens nicht gelungen ordentlich zu schweißen, aber immerhin etwas besser als mit den ersten. Ich war auf jeden Fall mega frustriert, denn ich wusste auch nicht woran es lag: an mir, am Schweißapparat, an den Elektroden, oder an den Einstellungen. Schließlich kam Besuch, der auch Ahnung vom Schweißen hatte und probierte sein Glück. Es gelang ihm auch nicht. Wir hatten inzwischen dennoch angefangen die Profile zusammen zu braten, denn ich sah nicht, wie ich sonst voran kommen würde. Die Schweißstellen waren schlimmer als meine ersten Versuche in Bonn und ich war alles andere als zufrieden.

So ging das die nächsten Tage weiter und ich kam nur langsam voran. Immer wenn ich einen Arbeitsschritt beendet hatte, kam Gerardo nicht mit den fehlenden Dingen hinterher. Ich wurde täglich ungeduldiger, aber Gerardo fand alles immer halb so schlimm. In der Zwischenzeit hatten wir Besuch von verschiedenen Leuten bekommen: Freunde, Gerardos Mutter und Tante, Bekannte von Freunden, die am See angeln wollten. Außerdem kam Toni, ein Windsurfer aus Venezuela an, der saisonal mit Gerardo zusammen arbeitet und so weiter. Eine weitere Neuerung trat ein, als Gerardo und ich Holz kaufen gingen. Dort gab es Kätzchen (auch Holz ;-)) und Gerardo hatte seit Tagen erzählt, dass er einen Hund, eine Katze und Hühner für sein Grundstück brauche. Den Hund um Hasen zu jagen, da sie die Kirschbäume annagen, die Katze für die Mäuse und Ratten und die Hühner für Eier und gegen die Käfer, die der Plantage schaden. Die Männer des Holzgeschäfts schnappten blitzschnell eine der beiden auf und drückte sie mir in den Arm. Urplötzlich hatten wir nun also ein Kätzchen, nur das mit dem Holz hat mal wieder 4 Tage gedauert. Mit dem kleinen Kätzchen fuhren wir durch den Ort und erledigten die letzten Einkäufe, sogar in den Supermarkt durfte ich sie mittragen. Gerardo sagte ich solle ihr einen Namen geben und als erstes fiel mir „Iti“ ein, das ist Rapanui und heißt klein. Doch das überzeugte Gerardo nicht. „was heißt Meer auf Rapa Nui?“ „Moana“ sagte ich, und so wurde das kleine Kätzchen getauft. Ihr fehlten auf einer Seite die Schnurrhaare, irgendwer hatte sie mit einer Schere abgeschnitten oder abgebrannt, aber ansonsten war sie eine ganz Aufgeweckte. Schon nach wenigen Minuten in ihrer neuen Umgebung konnte ich sie mit einem Spielzeug, etwas Futter und Milch glücklich machen und sie hat sich nicht versteckt oder verkrümelt, selbst nicht, als wenige Stunden später das große Gewusel ausbrach.

Erst trafen die beiden Angler ein und kurz darauf Gerardos Mutter und Tante mit Toni und dem Beagle. Wir alle fragten uns was passieren würde, wenn der Hund und die Katze sich begegnen würden. Ich schlug vor die beiden erstmal ein paar Tage getrennt aneinander zu gewöhnen. Der Beagle war irgendwann der Mutter zugelaufen und sollte nun bei Gerardo bleiben. Er ist aber schon etwas älter, vielleicht 3-4 Jahre alt und wie alle Beagle sehr spritzig, noch dazu ein Jagdhund. Doch Rufi, Gerardos Mutter hatte bereits alle Türen aufgerissen, der Hund rannte, wie alle anderen auch, hin und her und erkundete das Umfeld. Nix da mit einfach mal vorsichtig abwarten. Die Katze wusste vermutlich gar nicht, wie ihr geschah, plötzlich stand ihr Todfeind in ihrer Küche, wo sie sich bereits gemütlich auf einen Sessel zusammengerollt hatte. Da war die Ruhe vorbei, sie verkroch sich unter und hinter den Schränken, während der Hund zwischen den Beinen hin und her rannte und alles beschnüffelte. Ich traute dem Braten, bzw dem Hund, nicht so recht. Mit einem Happs könnte er Moana erledigen. Doch ich war sehr überrascht, wie erstaunlich einfach alles ablief, vor allem im Zuge der nächsten Tage. Wir verbrachten den ersten Abend zu 7 in der Küche, kochten, aßen und quatschen und Moana kroch gelegentlich hervor, stets in sicherer Entfernung des Hundes, der sie schwanzwedelnd beobachtete und manchmal einen Satz auf sie zu machte, als ob er mit ihr spielen wolle. In der Zwischenzeit sollte ich auch dem Hund einen Namen geben und wieder fiel mir auf Anhieb ein Rapanui Wort ein: Poki. Das Kind.

Es war nun das Osterwochenende und bis auf die Besucher waren die Tage nicht anders als sonst. Keine besondere Tradition, zumindest nicht in diesem Personenkreis. Rufi, Gerardos nervige, aber sehr liebe Mutti, hat jeden Tag wie eine Wilde aufgeräumt, gekocht, geputzt, eingekauft etc. Ich bin meiner Arbeit hinterher gegangen, so gut es ging, und an den Nachmittagen gingen wir manchmal alle gemeinsam oder nur teilweise runter in den Ort zum Windsurfen.


Toni, der 20 jährige Venezolaner, stand mir in den nächsten Tagen manchmal als Praktikant bzw. Helfer zur Seite und jetzt weiß ich, wie nervig das sein kann. (Cheffe, falls Sie das grad lesen: Jetzt weiß ich wie es ist, wenn ein noch so eifriger Nichtswisser totaaal die Arbeit aufhält! ^^) Ich wurde ja ohnehin von Tag zu Tag mauliger, wenn Gerardo mal wieder meinen Aufenthalt um einen Tag verzögerte und dann auch noch einen Lehrling mit Arbeit beschäftigen, der, wenn man nicht aufpasste einfach anfing an meinem Arbeitsstück zu schweißen, welches ohnehin schon eine Katastrophe war! Ich kam mir zugleich mega unsympathisch vor, weil ich eigentlich ständig meckerte und korrigierte und aufschrie „nein, mach das nicht! Ich machs besser selber!“.
So vergingen die Tage. Toni hatte Geburtstag. Jeden Tag kam ich ein bisschen voran, wurde aber nie fertig. Hund und Katze wurden täglich kompatibler (sie hatten schon in der ersten Nacht gemeinsam in der Küche gepennt).
Sie beanspruchten jeweils die besten Sitzplätze (das wäre bei mir nie erlaubt gewesen, dass der Hund auf einem Sessel sitzt) und hinterließen diese dann so haarig, dass dort kein Mensch mehr sitzen konnte und wir alle auf den ungemütlichen weißen Plastikstühlen sitzen mussten, während sie die weichen Polster belegzen. Schon am zweiten Tag tötete Moana ihre erste Maus und verschlang diese ganz, mit dem Schwanz zuletzt. Applaus von Gerardo, der ja möchte, dass sie das Haus mausfrei hält.
Schließlich reisten alle, bis auf Toni, wieder ab. Ich lernte einiges über Venezuela, über die dortige wirtschaftliche Situation, den Alltag der Bevölkerung, was man besonders an Tonis Einstellung zu Essen bemerkt. Er hat IMMER Hunger und verschlingt das Essen, sobald es vor ihm steht, er isst dreimal soviele Portionen wie ein „normaler“ Mensch und wenn sich ihm die Möglichkeit bietet, isst er permanent was zwischen den Mahlzeiten. Und so ist das laut Gerardo mit allen Venezolanern die er kennt, denn sie haben oft nicht genug zu essen. Echt traurig…Am Tag der Unabhängigkeit, der in die Zeit meiner Anwesenheit fiel, gingen Tausende Venezolaner auf die Straßen, doch der Präsident hatte zusätzlich zu den Polizisten auch noch die privaten Sicherheitsfirmen mit Waffen ausgestattet und so starben mindestens 11 Personen, nur weil sie für mehr Demokratie auf die Straße gingen. Ob das in Deutschland in den Nachrichten kam? In Argentinien war es tagelang in den Medien.
Nach 2,5 Wochen stellte ich endlich den Esstisch fertig. Den Hühnerstall hatte ich in der Zwischenzeit abgeschrieben. Der hätte mich mit Sicherheit nochmal 4 Wochen beansprucht. Am Vorabend der Fertigstellung (es fehlten mir nur noch 100 Schrauben) schlug Toni vor ein Abschiedsessen zu machen und Gerardo fand die Idee gut und wir überlegten, welche Leute wir einladen würden. Ich kannte ja schon inzwischen einige. Am nächsten Tag machten Toni und ich was wir konnten, während Gerardo mit dem Auftrag die Schrauben zu besorgen und das Abendessen zu organisieren in die Stadt fuhr. Er brauchte mal wieder Stunden und kam mit leeren Händen über Mittag zurück, um gleich wieder abzudüsen, weil er mal „schnell“ nach Chile rüber musste. Da ahnte ich schon Schlimmstes und sah mich einen weiteren Tag warten. Zufällig kamen über Mittag zwei der Gäste kurz vorbei und wir erfuhren, dass Gerardo ihnen nicht einmal Bescheid gesagt hatte wegen des Essens. Also luden wir sie ein. Aber Gerardo kam erst gegen 19h zurück, hatte keinen Einkauf erledigt, noch dazu die falschen und unzureichende Schrauben mitgebracht und tat so, als ob das alles kein Problem sei, die anderen seien mir sicher nicht böse, wenn ich einfach so abreiste. Glücklicherweise hatten wir während seiner Abwesenheit zufällig passende Schrauben gefunden und den Tisch fertiggestellt, doch an diesem Abend würde es definitiv keine Abschiedsfeier mehr geben. Ich war echt enttäuscht und sagte ihm, dass es nicht nur darum ginge endlich den Tisch fertig zu bekommen und abzureisen, sondern den Tisch mit ihm und meinen neuen Freunden einzuweihen und die Gelegenheit zu haben gebührend Tschüss zu sagen. Da erst checkte er worum es mir ging und fragte mich, ob ein Mittagessen am nächsten Tag noch mit drin sei, er würde sich um alles kümmern. Also willigte ich ein, aber irgendwie wusste ich schon, dass aus dem Mittagessen ein Spätmittagessen werden würde und ich wieder einen weiteren Tag auf meine Abreise würde warten müssen. Innerlich war ich echt wütend darüber, dass das alles für Gerardo „no hay problema“ ist, schließlich bedeutete es für mich täglich schlechtere Wetterbedingungen auf meinem Weg in den Norden, denn es hatte vielerorts bereits begonnen zu schneien! Der nächste Tag kam und verging wie befürchtet. Mittags kamen die ersten Gäste von dreien und Gerardo hatte noch nicht einmal mit dem Kochen begonnen. Daher mussten sie auch wieder los, ehe das Essen fertig war. Toni arbeitete über Mittag im Dorf und so blieb nur noch ein Gast übrig. Das Essen war lecker, aber die Absicht verschwunden und dann kam das Problem mit der Bezahlung. Tja, seit drei Wochen wusste Gerardo ja, dass und wieviel Geld ich bekommen sollte und dann musste er es in den letzten Stunden ganz plötzlich herbeizaubern. Das ging natürlich wieder nicht und er gab mir zunächst die Hälfte, musste sich sogar Geld leihen. Um den Rest abheben zu können, musste er bis Mitternacht warten und ich somit wieder einen Tag länger warten.

So nett Gerardo ist (ein wunderbarer Gastgeber)…ich war soooo froh endlich wieder on-the-road zu sein und machte Freudentänze als ich hinter seinem Haus die Grenze nach Chile passierte und das nächste Abenteuer bevorstand. Die Carretera Austral.
Ich lernte aus den drei Wochen nicht viele neue Arbeitstechniken, aber viele andere Dinge. Über billige Maschinen, Elektroden, Zeitmanagement, das Aushandeln von Bedingungen (oder was passiert, wenn man zu passiv ist und eben nicht verhandelt), Windsurfen, neue lokale Speisen und das Zubereiten von Mate.
Mate
Der Mate ist das Nationalgetränk der Argentinier und darf nie fehlen. Die Menschen verlassen niemals ohne Mate das Haus, ich wäre nicht verwundert, wenn der eine oder andere seinen Mate mit ins Grab nimmt. Der „Mate“ ist nicht, wie ich bis heute immernoch oft verwechsel der Tee, sondern der indianische Name für das Trinkgefäß (Mati) aus der man den Tee trinkt und für das „Ritual“ als Ganzes. Die Teeblätter selbst heißen Yerba (von hierba, das Kraut). Für einen Mate braucht man also:
- Den Mate (die Tasse, traditionell aus einem kleinen Kürbis, heute auch aus Holz, Plastik, Metall, Horn oder Glas)
- Yerba (den Tee)
- Und die „Bombilla“ (bombischa, ein Strohhalm meist aus Metall, seltener aus Holz)
Der Cebador (Sebadohr) ist derjenige der für die Gruppe den Mate zubereitet. Er füllt die Kürbistasse zur Hälfte oder sogar 3/4 mit der Yerba, legt die Hand auf die Öffnung und schüttelt den Becher, damit das Pulver herauskommt, das sich an seiner Hand sammelt und dann weg gepustet wird. Außerdem „sortiert“ dies den Tee, damit die gröbsten Hecksel unten liegen. (Diesen Schüttelschritt machen jedoch die wenigsten).
Die Bombilla kommt nun schräg hinein, oder wurde vorher in die Tasse gestellt. Der Strohhalm hat am unteren Ende ein Sieb, sonst würde man die ganze Zeit kleine Teestückchen schlucken und sehr unschön durch die Gegend spucken.
Das Wasser, das nicht kochen durfte (ich fragte, ob man schummeln darf und das Wasser erst kochen darf und dann erkalten lassen kann, aber nein! Auf gar keinen Fall! Denn beim Kochen verändern sich die Eigenschaften des Wassers und der Mate schmeckt dann gaaaanz anders!) wird entlang des Strohhalms aufgegossen und bestenfalls tränkt man die Blätter erst eine Weile mit lauwarmen Wasser, ehe man ganz auffüllt. Ist das Wasser zu heiß, verbrennen die Blätter und der Tee wird noch bitterer, als er ohnehin schon ist.
Dann darf der Cebador nicht den Fehler machen aus Höflichkeit die erste Tasse einem anderen zu überreichen, denn der Mate könnte ja mißlungen sein (wer hat’s beim ersten Mal falsch gemacht?!) Er muß also die ersten 1-2 Tassen selber trinken. Generell sei an dieser Stelle erwähnt, dass der Mate immer wieder aufgefüllt wird, bis der Tee an Geschmack verliert.
Ist der Mate also genehmigt, reicht man die volle Tasse einem anderen. Der Strohhalm muss zum Empfänger zeigen, alles andere wäre unhöflich und diese Person trinkt den Tee komplett aus und reicht den Mate zurück. Jeder bekommt also eine volle Tasse, nicht wie beim Joint 😉
So darf jeder reihum Tee trinken und dabei gibt’s oft Kekse oder Blätterteiggebäck, sogenannte facturas. Der überreichte Mate sollte möglichst bald getrunken werden, weil das Teewasser immer bitterer wird. Erzählt jemand zu viel oder ist gerade mit beiden Händen beschäftigt, ist es ratsam, dass ein anderer den Mate trinkt.
Wer den letzten Mate trinkt, wird angeblich als nächster heiraten.
Mateprofis wissen genau wie man am besten, also am längsten, denselben Tee aufgießt und haben dazu eine bestimmte Technik. Bilden sich beim Nachgießen keine kleinen Bläschen mehr und schwimmen einige Teestängelchen an der Oberfläche, gilt der Tee als ausgetrunken und die Blätter müssen ausgewechselt werden.
Varianten :
- Mit Zucker, Stevia oder Honig.
- Mit Kaffee gemischt.
- Mit Orange, Zitrone, oder anderen Früchten.
- Mit weiteren Kräutern, wie Minze, Zitronenmelisse etc.
Ich habe den Fehler gemacht manchmal noch um 19h oder später einen Mate anzunehmen und konnte deswegen schon dreimal nicht einschlafen. Es sei also Vorsicht geboten! Der Tee enthält Koffein und macht munter 😉
Mate ist in Argentinien so bedeutsam, dass es eigens angepasste Wasserkocher gibt, selbst von internationalen Marken. Speziell für den argentinischen Markt bekommen sie einen Temperaturregler, der das Gerät ausschaltet, bevor das Wasser kocht, verrückt oder? 
An Tankstellen gibt es Heißwasserautomaten zum Auffüllen der Thermoskannen und wirklich überall kann man Matezubehör kaufen. In den Supermärkten gibt es quadratmeterweise Yerbasorten, so wie bei uns Bier. Seltsam, dass es hier kein Club Mate gibt…Vermutlich wäre das Getränk aus argentinischer Sicht eine Verschandelung ihrer Trinkkultur.
So, diesmal war’s etwas kürzer, beim nächsten Mal geht es um den Abschnitt der Carretera Austral 🙂 Machts gut und bis bald! Jetzt erstmal ein Mate 😉



Liebe Miri, wir haben lange gebraucht, um Deinen Bericht zu lesen und vor allem, um die vielen ausführlichen Details zu verinnerlichen. Danke für die Arbeit, die Du auch für die Berichterstattung aufgewendet hast. Deine vielen Abenteuer interessieren uns nach wie vor sehr.
Wir hoffen, es geht Dir weiterhin gut, und wir wünschen Dir für die Fortsetzung Deiner Reise viel Glück und viel Freude.
Liebe Grüße und alles Gute für Dich bis zum nächsten Mal
Reni und Opa
Liebe Miri, wir haben lange gebraucht, um Deinen langen Bericht zu lesen und vor allem mit allen Details zu verinnerlichen. Du hast Dir ja mit der Abfassung viel Mühe gemacht, danke dafür. Wir sind an Deinen „Abenteuern“ weiterhin sehr interessiert, weil sie so spannend sind.
Wir wünschen Dir für die weitere Reise alles Liebe und Gute, bleib gesund und habe weiter viele schöne bleibende Eindrücke.
Herzliche Grüße Reni und Opa