
April und Mai 2019.
Es war geschafft, es war mir tatsächlich gelungen: ich hatte ein Boot gefunden, das mich nach Vanuatu bringen würde. Mein Herz hüpfte vor Freude.
Der Katamaran war eine neue Welt und dennoch vertraut. Es gab Begriffe von Elementen, die es auf einem „Monohull“ nicht gibt, und auch das Segeln selber unterschied sich in manchen Dingen, aber als erstes fiel mir auf: der Herd ist ja ein ganz normaler Haushaltsherd, keine Wippe! Und es gibt eine Waschmaschine! und kaum Handgriffe, um sich festzuhalten! Ein Katamaran ist ein schwimmendes Wohnzimmer.

Ich war es noch nicht gewohnt, dass ein Katamaran weniger schaukelt, als ein Segelboot und fragte Francis mehrfach wohin er dieses oder jenes verstauen wolle, damit es nicht durch die Bude fliegt, nur um in ein grinsendes Gesicht zu blicken , das meinte es sei nicht nötig.
Auf unserem Weg nach Süden machten wir mehrfach Halt, einmal um uns von Francis‘ Tochter zu verabschieden und seine Geburtstagsgeschenke in Verwahrung zu nehmen, denn er würde in Kürze seinen 60 Geburtstag feiern. Ein zweiter Stopp wurde eingelegt, diesmal in den nächtlichen Wirrlichtern der Großstadt Gold Coast, um Nick, das letzte Besatzungsmitglied, abzuholen.
Ey, diese Lichter! Vor lauter Lichtern sieht man gar nicht, wo die Fahrrinne ist, welche Lichter näher sind und dann sind auch noch Idioten unterwegs, die Mitten in der Fahrrinne fischen oder ankern! Und dann die ganzen unbeleuchteten Boote, die in der Bucht parken….tsss
Nick war mir hingegen auf Anhieb mit seiner ausgeglichenen und dennoch aufgeweckten Art sympathisch. Ich hatte bereits in den ersten 12 Stunden mit meinem neuen Skipper gemerkt, dass es gut tun würde seine hibbelige Energie auf weitere Personen zu verteilen. Er würde mich sonst verrückt machen. Auch würde es gut tun bei den Gesprächen über den Zustand der Welt, Umwelt, Politik und Gesellschaft einen Puffer zu haben, der verhindert, dass wir aufeinander losgingen, so unterschiedlich waren unsere Einstellungen.
Der Grund für unsere Fahrt gen Süden, war der bessere Windwinkel für unsere Fahrt zum ersten Etappenziel, Lord Howe Island.




Zwei Nächte verbrachten wir in Yamba, das ich bereits kannte, denn ich hatte Wochen zuvor einen meiner Zettel hier aufgehängt, jetzt war ich hier als Crewmitglied. Mit Francis‘ Studienfreund, der hier wohnt, übte ich mich zum ersten Mal im Fliegen einer Drone, denn Francis hatte seit drei Jahren eine an Bord, doch nie benutzt, und nun hatte er mich zur Dronenbeauftragten ernannt. Ausgerechnet mich…! Ich bin doch technisch unversierter als so mancher Greis! Gerne erinnere ich mich an ein Telefonat vor ein paar Jahren. Ich hatte zum Geburtstag einen Pürierstab von meinen Großeltern geschenkt bekommen, das Paket kam direkt von Amazon. Als ich meinen auf die 90 zugehenden Opa fragte, wie sie das angestellt hatten, sagte er amüsiert „Mensch Miri, wir sind doch nicht von gestern! Wir haben das im Internet bestellt und mit der Kreditkarte bezahlt“. Oh Mann, ich hab coole Großeltern.
Also bin ich hier diejenige von gestern! und ausgerechnet ich soll Francis das Dronenfliegen beibringen? Dieses fiese Ding, das wie ein Schwarm Wespen klingt?
Von Yamba aus ging es weiter nach Süden bis Coffs Harbour, wo ich ein freudiges Wiedersehen mit meiner „australischen Familie“ hatte und mich freute für einen Abend vom Boot zu entkommen. Obwohl erst seit wenigen Tagen an Bord, kam es nicht selten dazu, dass ich mir einen bissigen Kommentar verkneifen musste, wenn Francis mal wieder über Veganer, Ausländer, oder über nicht auf Titel-wertlegende-Menschen ablästerte. Auch konnte er es nicht lassen immer wieder auf seinen Wohlstand und intellektuelle sowie generelle Überlegenheit hinzuweisen. Dieser Mann findet sich unwiderstehlich. Andererseits ist er ein Mann der stets ein freundliches Lächeln hat und gut gelaunt ist und seinen eben erwähnten Wohlstand auch gerne teilt. Das weiß ich natürlich auch zu schätzen. Ohne ihn wäre meine Reise nicht gelungen und im Laufe der Zeit lernten wir uns gegenseitig schätzen.


In Coffs deckten wir uns noch mit letzten Lebensmitteln und Geschenken für die Menschen in Vanuatu ein. Die Leute dort freuen sich über Kleidung, Angelbedarf, Spielsachen, Samen etc, die man dann entweder verschenkt oder im Tauschhandel gegen frisches Obst und Gemüse oder Kunsthandwerk eintauscht. Ich war gespannt! Und auch der winzige Anteil Shopping-Queen und Trophäenjäger in mir fand Freude daran in einen Second-hand Shop zu gehen und eine ganze Tasche für 5 Dollar mit Kinderkleidung zu füllen, damit ich in Vanuatu punkten kann.


Die letzten Tage vergingen wie im Flug. Ein Highlight waren die drei von mir „geretteten“ Muttonbirds. Sie kommen nach Coffs Harbour um zu brüten und lassen nach wenigen Wochen die Küken allein. Während die Eltern schon wieder auf dem Wege nach Südostasien sind, müssen die Kids lernen sich selbst zu versorgen und vor allem zu fliegen! Sie sind so programmiert, dass sie der Mondlaufbahn folgen, um ihre Eltern einzuholen. Doch sind heutzutage die Lichter der Zivilisation so stark, dass sie verwirrt in die falsche Richtung starten und nicht wenige auf dem Meer oder Land eine Bruchlandung absolvieren. Dort werden sie von dahinschmelzenden Helfern wie mir eingesammelt, die diese ach so flauschigen Federbälle dann bei eine Stelle abgeben, wo sie untersucht und registriert werden. Am nächsten Nachmittag werden die Piepmätze wieder auf ihren Hügel getragen, ausgesetzt und müssen ihr Glück aufs Neue probieren. Der ein oder andere landet natürlich mehrfach in den Händen der Flughelfer, entweder weil er beratungsresistent ist, oder die freundliche Bedienung auskostet. Es kommt ja nicht alle Tage vor, dass man so viel Entzücken auslöst. Das ist sicher gut fürs Ego eines Heranwachsenden.
Schließlich ist es soweit. Nach beinahe zwei Wochen der verbissenen Wetterbeobachtung hat Francis die sich stabilisierende Wetterlage für perfekt befunden, um 800 Seemeilen nach Lord Howe zu segeln. Er ist sogar so zufrieden mit dem, was sein Wetterprogramm ihm prognostiziert, dass er (und wir) uns auf „Champagner – Segeln“ freuen können. Welle um die 1,5m Höhe und 10-12 m Abstand, gute Windstärke um die 15-20 Knoten. Er denkt, dass wir mit 10-12 Knoten die Stunde voran kommen, für einen Katamaran keine Seltenheit aber für mich eine bisher nur erträumte Segelgeschwindigkeit.

Ein letztes Mal tanken, letzter Einkauf, alle Dinge auf der To-Do-Liste haben wir bereits abgehakt, Logic befindet sich in einem guten Zustand, ist mit allem doppelt und dreifach ausgerüstet und scharrt schon ungeduldig mit den Hufen.


Anders als erwartet entpuppen sich die ersten 400 Meilen als ganz schöne Kotzefahrt. Statt Champagner gibt es was aus dem Shaker. Am besten was mit Sahne, Obststücken und so viel Zucker, dass daraus eine explosive geronnene Mischung entsteht, die den Magen auf die Barrikaden bringt. Der Ostaustralische Küstenstrom steht gegen die Wellen des Windes an, das Meer ist ruppig und aufgewühlt, der Strom drückt uns viel mehr herunter, als gedacht und zwingt uns viel höher am Wind zu segeln als gewollt,
der Wind ist ebenfalls stärker als prognostiziert.
Ich kämpfe gegen Übelkeit, habe schon ein Pflaster genommen und kann mich kaum im Boot bewegen, es schlägt einen herum wie im Rodeo. Es war ja unnötig im Katamaran ein paar Handgriffe anzubringen. Das Wasser in der Kloschüssel springt schon über den Rand, wer pissen will, muss schon während des Pullerns abpumpen, sonst kann man gleich noch die Dusche einschalten, da überlegt man nicht zweimal, ob man das große Geschäft lieber auf später verschiebt, der Wasserkessel poltert vom Herd durch die ganze Kombüse (ist ja schließlich kein Schaukelherd!), der Spülibehälter zerbricht auf den Bodenbrettern und verwandelt den Durchgang in eine Schlittschuhbahn, durch den Salon kullern die Limetten, wer keine Schicht hat und versucht zu pennen, wird in der Koje feststellen, dass er einmal die Minute von einem Wellenschlag in die Luft gehoben wird und Aladin auf dem Fliegenden Teppich spielen kann.
Doch Logic ist ein Katamaran und liebt es zu sprinten, der Wind treibt ihn in immer größere Geschwindigkeiten, er will zeigen was er kann. Wegen der kurzen und unordentlichen Wellen ist das aber ungemütlich, die Gefahr zu groß, dass Dinge kaputt gehen und wir überpowern.


Wir reffen was das Zeug hält, nehmen das Groß (das Segel am Mast) sogar ganz weg. Am Ende fahren wir selbst mit den letzten 10 Quadratmetern, die wir an der Genua (das große Vorsegel) stehen lassen noch 8-10 Knoten. Das Boot beruhigt sich etwas und liegt ruhiger, aber die Wellen schlagen von unten an die Brücke und weil die Wellen so kurz und wild aus allen Richtungen kommen, scheren die Rümpfe im Tal der Welle ruckartig aus. Wie eine Achterbahn.
Irritierte meldet mein Magen: diese Bewegung sind wir nicht gewohnt! Davon hast du nie was gesagt!
Mein Blick schweift über das Meer. Es sieht aus wie gewohnt, stelle ich mit den Augen eines Einrumpf-Matrosen fest. Wie kann das sein? Das Boot ächzt und knarzt, man hört regelrecht, wie das Material belastet wird und aufschreit. Torsion und Scherung, Zug und Druck. Leise danke ich dem Himmel, dass Logic ein Aluminiumboot ist. Ein Plastikboot will ich mir gar nicht erst vorstellen. Wie wird das erst, wenn das Meer wirklich mal tobt? Das ist ja hier trotz der düsteren Wolken noch Sonntagswetter!
Im Laufe der nächsten Wochen, in denen mich das Flaue in der Magengrube nie wirklich verlässt, lerne ich, dass es einfach am Katamaran liegt. Ein Rumpf bewegt sich anders als zwei. Wo Francis schon aufhört zu segeln, kann Andi mit der Dicken erst loslegen. Francis plant seine Routen ganz anders, benötigt andere Windstärken und Wellenhöhen als ein Monohull.

Im Morgengrauen des xxx Tages, taucht imposant die Bergkulisse von Lord Howe Island vor uns auf. Wir kommen gerade noch rechtzeitig vor der bevorstehenden Schlechtwetterfront an. Überhaupt kündigte der kalte Wind, den wir bis auf die Nasen vermummt abwetterten und die kräftigen Böen der letzten Tage schon an, dass der australische Sommer nun dem Winter Einzug gewährt. Es war definitiv an der Zeit nach Norden zu gehen. So lange, bis das Kokosnussöl in seinem Behälter wieder flüssig und klar bleibt.



Lord Howe Island hat einen Sonderstatus im Australischen Hoheitsgebiet. Es ist zum größten Teil Naturschutzgebiet wegen seiner Bedeutung als Brutstätte für einige Seevogelarten und überhaupt als sensibles Inselbiotop. Die Anzahl der Einwohner ist begrenzt auf 500, wenn ich mich nicht täusche und auch Besucher, dürfen zu keinem Zeitpunkt mehr als 300 sein. Wer als Segler unterwegs ist, darf nur an einer der wenigen Moorings bleiben und überhaupt eigentlich nur dann auf der Insel stoppen, wenn es ein Emergency Stopp ist, sprich um abzuwettern oder wichtige Reparaturen vorzunehmen. Drei Tage ist Maximum es sei denn die Wetterlage verhindert eine sichere Weiterfahrt.







Wir bleiben eine ganze Woche. Machen Wanderungen, gehen Schnorcheln, Stand-up Paddeln, Reparaturen, Wetter abwarten. Es ziehen immernoch Tiefs durch, das erste am Tag unserer Ankunft das nächste wenige Tage später, nicht lang genug, um bis Neukaledonien zu kommen. Als das zweite durch ist, sieht es besser aus. Wir planen wenige Stunden nach dem Höhepunkt des Sturms abzufahren und uns an den „Schwanz“ des Wirbels zu hängen. So hoffen wir schnell voranzukommen, ehe die nächste „Zwischenflaute“ eintrifft.
Wir sind die ersten Segler, die das Wetter für passend bestimmen und abfahren. Ein halber Tag nachdem das Tief abgezogen ist. Der Wind hat gerade erst gedreht, weht um die 20 Knoten – bei mehr lässt uns der Hafenmeister nicht durch den Pass. Wir sind bereit und starten kurz nach Mittag. Die Motoren auf Vollgas, denn im Pass sind die Wellen höher – an die 3 Meter. Es klappt gut und 2-3 Stunden später haben wir schon gute Strecke gemacht.
Wir sind schon eingespielt, es bedarf keiner Erklärungen mehr. Das Meer ist auch diesmal durcheinander, schließlich dauert es eine Weile, bis es sich nach dem Tief beruhigt. Noch stehen die alten Wellen gegen die Neuen, damit habe ich mich schon teilweise abgefunden. Francis übernimmt die erste Nachtschicht. Einmal wache ich auf und schaue nach dem Rechten. Ob Zufall oder nicht, Francis stellt gerade fest, dass der Riemen im Autopilot, der das Steuerrad bewegt, gerissen ist. Das ist nicht witzig. Aber komisch ist es auch. Wieso reißt er jetzt, wo es eigentlich gar nicht so wild ist? Es ist natürlich besser so. Ich wecke Nick und zu dritt bauen wir das gesamt Lenkrad unter voller Weiterfahrt ab. Nur mit einem Zange und dem Kompass wird Logic jetzt durch die Nacht gelotzt. Francis holt den Ersatzriemen und ich halte das Rad beim Wechseln. Fertig. Das ging doch ganz gut. Ich gehe wieder in meine Koje und warte bis zu meiner Schicht. So segeln wir in einer Woche durch bis Neukaledonien. Fische fangen wir nicht. Ich vermute, dass wir zu schnell sind. Lediglich ein paar fliegende Fische gesellen sich zu uns aufs Deck, aber in der Pfanne landen sie nicht.











Nouméa lässt mich als Stadt kalt. Nichts besonderes. Ich schaue mir gerne die Menschen an. Sie sind schön, die „Kanaken“. Ich gehe ins Museum und versuche mehr über die Geschichte des Landes vor und seit den Französischen Kolonisten zu erfahren. Es sind auch Melanesier und ich sehe Vertrautes, das mich an die anderen mela- und polynesischen Inselstaaten des Südpazifiks erinnert.

Wir bleiben nur 3 Tage in Nouméa und vor Abreise erfülle ich mir einen langersehnten Traum. Ein Besuch bei den „Eiern“ von Renzo Piano, deren Bilder mir aus dem Studium im Gedächtnis geblieben sind und die ich nie zu sehen für möglich gehalten hatte. Ich hatte ja noch nicht mal eine Vorstellung wo Neukaledonien sein solle.





Noch drei Nächte Buchtenhopping, dann eine letzte Überfahrt, diesmal eine kurze, es trennen mich nur noch 250 Seemeilen von Vanuatu und der Kama.











Liebe Miri,
es ist ja toll und bewundernswert, was Du so alles erlebt hast und noch erleben wirst. Wir freuen uns sehr über Deine Berichte und auch die eindrucksvollen Fotos. Sie verdeutlichen wenigstens ein klein wenig Deine abenteuerliche Reise. Wir freuen uns schon auf Deine Rückkehr im nächsten Jahr. – Weiterhin viel Glück, Gesundheit und immer eine Handbreit unter dem Kiel
Deine Großeltern Gerd und Reni