If only I had an enemy bigger than myself.


„Dirtbags“. So werden die Kletterer liebevoll in einem Dorf mit dem lustigen Namen Natimuk genannt, dessen Klang mich irgendwie an Pumuckel erinnert, aber wohl einen Aborigine Ursprung hat. Es ist das 550 Seelen Dorf bei Mount Arapiles (Äh-rä-pie-lies), das seit den 60ern ein Mekka für Kletterer aus aller Welt ist. Glücklicherweise haben das Dorf und der Kletterfels null komma null kommerziellen Anschein. Das Dorf ist 10 km vom Klettercamp entfernt, einmal am Tag gibt es einen öffentlichen Bus, der nur hält, wenn man vorher den Fahrer anruft. Im Ort gibt es EIN Hotel, EINE Bank, EINE Apotheke, EIN Pub, EINE Milkbar (das ist der Tante Emma Laden), EINEN gut sortierten Kletterladen und das wars. Ach so ja, ein Pavillion auf der Hauptstraße für die Dorfkapelle und eine Polizgeistation. Beide scheinen unbesetzt zu sein.

Auf dem Zeltplatz sind bei meiner Ankunft etwa 6 Zelte. Also nix. Dafür, dass dieser Ort weltweite Anerkennung als Kletterhotspot hat, ist das doch ziemlich mau. Aber ich finds gut. Ruhig. Wäre da nicht der pausenlos brabbelnde Casey, der sich über Facebook bereit erklärt hat, mir seine Grundausrüstung zu leihen und dann spontan beschlossen hat mich nach Arapiles zu begleiten, weil es ihn in den Kletterfingern juckte. Leider sabbelt er unaufhörlich und schon nach einem Tag bluten meine Ohren von seinem oberschlauen Lehrergefasel. Alle zwei Minuten stellt er mir eine Frage, nur um sie dann minutenlang selbst zu beantworten, zugepackt mit Zahlen und Fakten, die kein Schwein interessieren. Ey, die armen Schüler. Noch dazu hat er offenbar schon lange keine Freundin gehabt und macht viel zu häufig idiotische Anspielungen auf Sex und Frauen, die an die Grenzen meiner Friedfertigkeit stoßen. Sprüche wie seine zwingen einen fast dazu Feministin zu sein, auch wenn man das eigentlich gar nicht sein will.
Da soll mir einer sagen, „Pass bloß auf, mit wem du auf dem Segelboot landest, da gibt es kein Entkommen“ – ich lerne an Land viel mehr Persönlichkeiten kennen, die ich möglichst schnell wieder loswerden will. Weil er mir seine Ausrüstung lieh, fühlte ich mich leider gezwungen während seiner Anwesenheit übers Wochenende mit ihm Klettern zu gehen und überhaupt mehr Zeit mit ihm zu verbringen als mir lieb war, statt wie ursprünglich geplant vor Ort eine Klettergemeinschaft zu bilden. Innerhalb von vier Tagen kam es zu drei größeren Aussprachen, aus denen Casey schloss, dass ich seine Annäherungsversuche ablehne, weil ich lesbisch sei. Soll mir recht sein – er soll denken was er will. Zugleich fragt sich der Troll in mir, wieso nur „Ausreden“ als Nein akzeptiert werden? Aus irgendeinem Grund ist Frau oft nur dann „entschuldigt“ sich nicht für einen Mann zu interessieren, der sie angräbt, wenn sie entweder einen festen Freund hat, oder Lesbe ist. Ich erlebe häufig, dass Frauen so tun, als hätten sie einen Freund, wenn sie einen Typen an der Backe haben, der sie kalt lässt. So was Unnötiges….Vor seiner Abreise schließen wir aber Frieden, umarmen uns und haben beide das gute Gefühl gesagt zu haben, was gesagt werden musste.


Ich habe es einzig Emily aus Euroa zu verdanken, dass ich in Arapiles bin. Sie hat zwar mit Sport und Bewegung nichts am Hut aber irgendwie dachte sie sich dieser Ort wäre was für mich. Volltreffer! Ein 20 minütiger Dokufilm über die ländlichen Dorfgemeinschaften Australiens jenseits der ausgetreten Touristenpfade brachte mich auf eine neue Mission: ich muss in Natimuk einen „Climber-Farmer“ finden. Seit den 60ern zieht der Berg in dessen Umfeld bis dato nur Farmer lebten, die wenig für den Berg übrig hatten, die Kletterer an. Über die Jahrzehnte hinweg stellten die Kletterer immer ein wunderliches Volk dar, das so gar nicht in das Weltbild der Farmer passte. Sie waren schräge Vögel mit eigenartigem Modegeschmack. Sie waren arbeitslos, seltsam gekleidet, oft wochenlang ungeduscht und richteten sich über Monate am Stück am Fuße des Berges häuslich ein und machten nix anderes, als zu klettern. So was! Die Farmer und die Kletterer vermischten sich angeblich kaum.
Das kann doch nicht sein, denke ich mir, es gibt doch mit Sicherheit einen Farmer der klettert, oder einen Kletterer der hier eine Farm hat. Den muss ich finden!
Zunächst wollte ich 10-14 Tage hier bleiben. Am Ende wurden es vier Wochen. Und ich habe tatsächlich Farmer-Climber kennen gelernt. Juhee, es gibt sie!





Doch die erste Person, die Casey und ich kennen lernten, spricht ein ziemlich bayrisches Englisch und kommt vom Tegernsee. Georg: Blonder Surferboy läuft ums Camp und fragt die Leute wie man Grünkohl zubereitet. Da kann ich aushelfen. Nach Caseys Abreise wurde Georg mein “Morgen-Buddy” fürs Frühklettern. Bis auf uns Handwerker (er ist Zimmermann) ist das Camp bis 10 Uhr tot, da kommen wir von unserer Morgenrunde zurück und machen ein (zweites) Frühstück.
Mit Casey war ich nur einfache und sehr kurze Routen geklettert; die Höchste vielleicht 10 m. Da ich bis auf eine Gelegenheit in Chile keine Erfahrung mit dieser Kletterdisziplin im Freien und ohne Sicherungen hatte, musste ich mich stets nach meinem Partner richten. Für den Anfang war mir das Recht, aber schnell wollte ich mehr. Casey ist Outdoor-Educator, ein großes Ding hier in Australien, um Kindern möglichst oft und aktiv den Zugang zur Natur zu ermöglichen. Er hat ein großes Sortiment an Ausrüstung (und Fakten und Zahlen) für alle möglichen Sportarten in der Natur und er wird in allen ausgebildet, um Kinder ihre Schulfreizeiten zu füllen. Aber was das Klettern betrifft ist er nur dazu ausgebildet ein Seil am oberen Ende der Route zu verankern, damit die Kids hochklettern können und er sie wieder abseilen kann (nennt sich Toprope). Er weiß also unwesentlich mehr als ich, was unsere Kletteroptionen doch erheblich einschränkte.

Ich begriff ziemlich schnell, dass Klettern große Parallelen mit dem Segeln hat: Es ist eine ähnlich kommunale Familie, die ihre eigene Sprache hat und darin stundenlang über Technik oder eine bestimmte Route quasseln kann. Die Kletterer sprechen über die Kletterrouten, als wären es alte Freunde mit seltsamen Spitznamen aus der Oberstufe. „Warst du schon bei Dracula?“, „Boa, hast du gesehen wie Sowieso heute an Punks in the Gym gearbeitet hat?“. Es gibt an Arapiles über 3000 Routen und die Beziehung der Kletterer zu ihren Kletterprojekten fasziniert mich.
Da muss man erstmal reinwachsen.


Was ich in Deutschland in der Halle geklettert bin, war auch Toprope. Das Seil hängt schon dort, man muss nichts tun außer einer Route folgen und ist jederzeit gesichert. Die Fallhöhe ist quasi Null, vorausgesetzt dein Kletterpartner hält das Seil stets stramm. Die nächst höhere Disziplin ist Sportklettern. Das Seil liegt am Boden, die Route hat jedoch in vorgegeben Abständen Metallhaken mit Karabinern, in die sich der Vorsteiger mit dem Seil einhängt, sobald er sie erreicht. Die Fallhöhe beträgt den doppelten Abstand zum letzten Bolzen, manchmal also etliche Meter. Die Königsdisziplin ist das „Trad-climbing“ (traditionelles Klettern, kurz Trad). Der Fels befindet sich in seiner natürlichen Form ohne Bolzen und Anker. Der Vorsteiger sieht aus wie ein Weihnachtsbaum, an seinem Gurt hängen etwa 5 kg Metall, die er die Wand hochstemmen muss. Der Christbaumschmuck hat diverse Farben und Formen und dient als temporäre Sturzsicherung. Der Vorsteiger muss einschätzen auf welcher Höhe er Sicherungen setzt, wo er sie einfügen kann und welches Teil dort reinpasst. Hat er seine „Nuts, Cams, Offsets, Hexes, Friends etc.“ platziert, wird ein „Quickdraw“ – eine Schlinge mit zwei Karabinern eingehängt und dann das Seil. Je nach Schwierigkeit der Route und Erfahrungsgrad des Vorsteigers kann das eine ganze Weile dauern, bis man oben angekommen ist. Natürlich bestimmt die Möglichkeit Sicherungen platzieren zu können auch die Schwierigkeit der Route. Je weniger Risse und Spalte im Fels vorhanden sind, um den Kletterer vor Stürzen an schwierigen Zügen zu sichern, desto höher der Schwierigkeitsgrad.Der Nachsteiger hat dann die Aufgabe hinterher zu klettern und aufzuräumen. Er muss alle Sicherungen wieder heraushebeln, an den Gurt hängen und je höher er klettert mehr Kilos tragen.
Am Ende ist der Fels wieder leer, dann sitzt man zu zweit oben und kommt wie bitte herunter?!





Manchmal muss man im großen Bogen herunter wandern, meistens muss man jedoch nur ein paar Meter gehen, um an zwei Ketten oder Bolzen zu gelangen an denen man sich abseilt. Das Seil wird durchgefädelt, beide Enden heruntergeworfen, man hängt sich ein und seilt sich nacheinander ab. Unten zieht man an einem Ende des Seils und holt das komplette Seil wieder herunter.
Drei Stunden später ist die Route also endlich beendet. Hätte man das nicht auch schneller gekonnt? Menno. Trad Climbing erfordert handwerkliches Geschick, Kraft und Ausdauer, Können, ein gutes Auge und Einschätzungsvermögen, Verantwortungsbewusstsein, innere Ruhe und jede Menge mentale Kontrolle.
Wie oft klammerte ich mich in den nächsten Wochen winselnd an den Berg und fragte mich warum zum Teufel man sich sowas freiwillig antat! Unter mir die Schlucht von teilweise an die 100 m, über mir der vermeintlich unbezwingbare Fels. Ich kletterte nur Nachstieg, wie entsetzlich musste es für den Vorsteiger sein?!
Doch immer wenn ich eine solche Route endlich geschafft hatte, füllte sich meine Brust mit Stolz und einem Gefühl von Kraft. Wieder einmal hatte ich meine (Höhen- und anderen) Ängste überwunden, meine Grenzen überschritten, mir selbst bewiesen, wie stark und schwach der Geist ist. Manchmal schafft man eine Route nicht, dann entdeckt man Wut, Enttäuschung, Selbstzweifel, Angst… Der Fels zeigt uns in den schwierigen Momenten unsere inneren Monster und offenbart Emotionen und Ausdrucksformen, die wir sonst kontrollieren. Manche werden aggressiv und garstig zu ihrem Partner, andere weinen, andere starr und handlungsunfähig. Am Ende vom Tag hat man zu sich selbst und dem Buddy ein engeres Verhältnis.


Als Georg mein Morgen-Buddy abreiste, war da erstmal ein Loch. Mein anderer Freund Kai, mit dem ich in der Freizeit oft malte oder zeichnete, war auch abgereist, ebenso mein Freund Matt, der sich bereit erklärt hat mich zu heiraten, falls ich einwandern möchte, haha. Auch die beiden lustigen Amis Jay und Alex, die mich manchmal nachmittags zum Klettern mitgenommen hatten, reisten irgendwann ab. Es war Zeit mir neue Freunde zu suchen. Zum Glück waren da die „Residents“ Jon, Yasha und ein paar Tage später Smash – die einzige andere Frau im Dauerlager – mit der ich mich auf Anhieb gut verstand. Jon und ich gingen ein paar Mal klettern, und hakten ein paar von den „Klassikern“ ab. Es waren vor allem diese Routen, die mich emotional am stärksten forderten. Das schweißte uns ganz schön zusammen.


Dann Yasha, alias Ninja. Ich sah ihn oft wie einen asiatischen Mönchskrieger auf seiner Slackline üben. Zusammen mit meinen anderen Freunden hatten wir oft tuschelnd, mit offenen Mündern und weiten Augen in der Ferne gesessen und beobachtet, was noch nie jemand von uns je gesehen oder für möglich gehalten hatte: der Gurt hing ohne jegliche Spannung und berührte beinahe den Boden und er glitt darauf herum und machte noch dazu darauf Kampfsport, als gäbe es keine Schwerkraft. Er war Georgs „Haupt-Buddy“, blieb aber stets für sich und pflegte wenige soziale Kontakte. Durch seine übermenschlichen Superkräfte wirkte er unnahbar, doch nun hatte auch er auf einmal ein Loch zu füllen und sprach mich an, ob wir klettern gehen sollten. Ich konnte es nicht fassen, dieser Superhero, der viel schwerer kletterte als ich, würde sich doch nur langweilen! Doch wir hatten viel mehr Spaß als erwartet und gerade als ich bereit war, abzureisen, bot sich eine weitere großartige Chance an, die ich unmöglich vergehen lassen konnte: einer der lokalen Kletter-Weisen, bot mir an mit ihm zu klettern und mir den Vorstieg beizubringen. Wowww, ich fühlte mich so reich beschenkt vom Leben. Simon, der seit den 80ern hier klettert, erfahrener Kletterguide ist und Autor der Routenführer, die jeder benutzt, kostet normalerweise 350 Dollar am Tag. Da bietet er mir einfach so an, mir ein paar Tips zu geben!
Dafür war ich mehr als bereit meinen Aufenthalt zu verlängern. Zwei halbe Tage nahm sich Simon Zeit mir Privatunterricht zum Christbaumschmuck zu geben. Es machte sooo Spaß! An den Nachmittagen ging ich mit Yasha an einfachen Routen üben, was Simon mit gezeigt hatte, diesmal war ich der Vorsteiger. So ein Unterschied! War eine 11 als Nachsteiger ein Klacks (da kletterte ich inzwischen Grad 17 bis 18), war es im Vorstieg doch nochmal ne andere mentale Nummer! Ich begriff warum Meditation auch für Kletterer ein Riesenplus ist.

Am Ende der vier Wochen war ich stolzer Vorstiegskletteraffe, hatte von Smash, der einzigen anderen „Dauer-Frau“ im Camp gelernt wie man die neuseeländischen Tanz-Poi bastelt und wieder einmal jede Menge neuer Menschen in mein Herz geschlossen, Helden kennengelernt, Ängste konfrontiert, Selbsterfahrungen gesammelt…Ich war bereit für das nächste Kapitel: Outback.
Bald würde ich an der Ostküste meine Suche nach Segelbooten Richtung Vanuatu beginnen müssen, doch zuvor wollte ich in die Rote Wüste Australiens.





Liebe Miri,
vielen Dank für Deinen dramatischen Bericht. Da wird einem ja schon als Leser ein wenig schummrig! Wir wünschen Dir alles Liebe für Deine weiteren Unternehmungen. Deine Fotos sind wie immer sehr eindrucksvoll und auch atemberaubend. Bewundernswert, wie mutig Du bist! Pass aber auf Dich auf.
Viele herzliche Grüße aus Merry Old Germanie
Deine Reni und Dein Opa aus Düren