Tapati! 

​Kurz vor der Eröffnung:

Es ist immernoch viel zu tun am Lager von Tahira. Die Trachten der Damen sind fertig, ebenso meine Kronen, aber es fehlen noch etliche Kostüme für die Musiker und da inzwischen weniger Helfer kommen, ist es knapp. Jessica die Schneiderin muss bis Samstagabend noch mehrere Kleider maßschneidern, und ein Küchenteam wird ab sofort Tag und Nacht daran arbeiten alle Teilnehmer und Helfer mit Essen und trinken zu versorgen. 14 schlaflose Nächte stehen einigen bevor, den anderen zumindest schlafärmere Nächte.

Tag 1 – Feierliche Eröffnung

Am Abend gegen 20 Uhr trudelte langsam Tahiras Familien und Bekanntenkreis am Basislager ein, um sie mit Gesang, Musik und schicker Kleidung zur Bühne zu begleiten, die nur wenige Meter entfernt liegt. Das Fest sollte um 21:45 beginnen und sie gingen zeitig los und kamen vor der anderen Kandidatin an. Die ganze Meute ist auf die Bühne geschunkelt und hat mit Leib und Seele gesungen noch bevor das eigentliche Abendprogramm startete. Das hat bei der anderen Gruppe wohl für Verwunderung gesorgt, der ein oder andere bissige Kommentar soll wohl gefallen sein.
Das offizielle Programm begann mit langweiligen Danksagungen und schließlich dem gemeinsamen Auftritt der vier Kandidaten, die sich alle einzeln vorstellten und zumindest bis dahin noch sehr harmonisch und wenig kämpferisch wirkten. Fer wirkte als einziger ein wenig unbeholfen und als sei ihm das alles gar nicht so recht. Es war eindeutig Tahira die präsentere, Fer wirkte wie ein Hündchen, das sie gerade ausführte. Doch als er sich vorstellen musste,  tat er es gut und als einziger mit englischer Übersetzung. Seine Stärken sind die Bühnentänze, aber er ist kein Entertainer.
Die Gegnerin, eine schlanke Schönheit, wirkt zerbrechlich und zart. Tahira scheint mehr Temperament zu haben.

Anschließend traten zwei Gruppen auf. Die ersten machten eine Art Schamanentanz und gaben den wichtigsten Persönlichkeiten und Gästen einen Happen von irgendeinem Opferessen, die zweite Gruppe war eine reine Tanzdarbietung mit Tänzen aus ganz Polynesien, angefangen mit Rapa Nui, dann Neuseeland, Hawaii und Tahiti. Die Truppe hatte grandiose Kostüme und sah fantastisch aus. Da ich in den letzten Wochen so nah an der Kostümmanufaktur dran war, interessiert mich das natürlich jetzt viel mehr.

Der ganze Abend war sehr schön, das schlechte Wetter ist gewichen und es hat gehalten und das Bühnenbild ist fantastisch. Jedes Jahr wird ein Künstler beauftragt das Bühnenbild zu gestalten und wer auch immer es war, hat unglaubliches malerisches Talent. Er hat mehrere alte Leute, die hier eine wichtige Rolle als Wissensträger und Vermittler spielen, abgebildet. Ob sie direkt mit den Kandidaten in Verbindung stehen, weiß ich leider nicht. Auf jeden Fall sehen Sie großartig aus mit der Beleuchtung. In ihrer Mitte ein gigantischer Krieger mit bestimmten Augen und einem langen Feder oder Blättermantel, der sich über die Bühne ergießt.

Tag 2 – Rano Raraku Triathlon
Wow, heute war ein unglaublicher Wettkampf.  In dem Vulkankrater in dem einst der Steinbruch für die Moai war und aus dessen roter Erde hunderte Moai noch immer neugierig ihren Kopf strecken, fand dieses Jahr zum vorläufig letzten Mal ein Triathlon statt, der es in sich hat. Vier Kategorien sind angetreten: Erwachsene Herren (23-40 Jahre) , Jugend Herren(bis 21), Damen und Kandidatinnen, und zu guter Letzt die Kinder. In jeder Kategorie treten die Teilnehmer für eine der beiden Kandidatinnen an. Tiare, unsere Gegnerin hat die Farbe weiß, und wir rot.

Der Triathlon besteht aus folgenden Sportarten: zuerst wird auf einem Totora-Boot und mit sehr spärlicher Bekleidung einmal durch den Kratersee (haha, meine Autokorrektur schlägt Kräutertee vor ^^, passt auch, wenn man die Farbe des Wassers betrachtet) gepaddelt. Anschließend wird mit Bananenstauden, die ein Gesamtgewicht von 20kg haben eine komplette Runde um den Krater gerannt, dann eine halbe Runde ohne Bananen und zuletzt auf einem Totora -Floß durch den See geschwommen.

Die Totora Floße
Runde 1: Hoe! rudern

Es ist Wahnsinn, wie heftig dieser Wettkampf ist und ich staunte nicht schlecht über die Leistung der Jungs und Herren, aber auch der Damen, die dasselbe nur ohne die Bananen machen und die Kinder, die nur Rennen und Schwimmen. Unser süßer Pari, der 10 jährige Sohn von Neka hat den zweiten Platz gemacht und ich hatte Pippi in den Augen, weil ich mich so für ihn gefreut hab, allerdings wollte er erster werden, weil er letztes Jahr auch zweiter wurde. Nicht schlecht der kleine Bengel.

Bananenwiegen, im Hintergrund rechts steht Fer.
Runde 2: Rennen mit 20kg
Runde 3: Schwimmen mit Totora Floß 

Leider ist es insgesamt für unsere Gruppe heute eher schlecht gelaufen, die meisten Siegerränge wurden von dem weißen Team belegt, das sehr starke Teilnehmer hatte und soweit ich das einschätzen kann auch mehr.
Der erste Wettkampf geht also definitiv an Team Weiß von Tiare. Der Pakaraticlan ist wohl schon immer für seine körperlichen Stärken bekannt. Sie stellen immer die besten Sportler auf und wer auch immer diese auf seiner Seite hat, wird in der Regel diese Wettkämpfe gewinnen.

Heute Nacht kommen dann die Gesänge und Rezitationen dran, darin könnte Tahira punkten. Ihre Familie hat eindeutig musikalische Stärken.

Ich werde berichten.

Ich wollt ich wär ein Huhn

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Wenn ihr wüsstet, wie gut es mir gerade geht!  Ich melde mich diesmal aus der Kommandozentrale von Tahira Nahoe, die dieses Jahr um die Krone zur Inselkönigin  kämpft und mitten im Endspurt zum Tapati steckt.

Das Tapati wird seit einigen Jahren immer Anfang Februar gefeiert und ist mit das wichtigste Ereignis des Jahres. Zu dieser Gelegenheit steigen die Preise für Flüge,  Unterkünfte, Lebensmittel und allem anderen um ein Vielfaches und dennoch steigt die Zahl der Besucher jährlich. Viele lachende und weinende Augen blicken auf das Tapati.
Fer, von dem ich euch schon erzählt habe, ist Tahiras „Aito“ (‚A-Ito‘), also ihr Mitstreiter und so kam ich überhaupt zu meiner neuen Beschäftigung als Kronenbeauftragte.
Kurz nach Weihnachten, ich hatte mir vorgenommen zwischen den Jahren nicht zu arbeiten – eigentlich wollte ich sogar meine seit Jahren geplante Inselumwanderung machen, aus der leider wieder nix geworden ist – schrieb ich meinem Freund Hotu, ob ich ihm, seinem Bruder Fer und dem Rest der Familie noch bei irgendwas helfen könne, insbesondere bei den Arbeiten für die Trachten für Tapati. Das Tapati dauert zwei Wochen und in dieser Zeit treten mehrere Parteien gegeneinander um den Titel der Inselkönigin an. Aber vielmehr als ein Wettkampf zwischen zwei Individuen handelt es sich beim Tapati um den Wettkampf mehrerer ‚Clangemeinschaften‘ gegen einander. Das Ganze wurde vor einigen Jahrzehnten ins Leben gerufen, um die vom Aussterben bedrohte Kultur der Rapa Nui aufrecht zu erhalten, bzw überhaupt erst wieder ins Bewusstsein zu rufen und an die Nachkommen weiter zu geben. Es ist noch gar nicht allzu lange her, dass die Rapa Nui sich auf ihrer eigenen Insel nicht frei bewegen durften, bestraft wurden wenn sie Rapanui sprachen und ihren Kindern keine Rapanui Namen geben durften. Als der Knoten schließlich platzte, schuf man u. A das Tapati in Anlehnung an ähnliche Bräuche, die der mündlichen Überlieferung nach einst existiert haben sollen und die man sich bei den kulturellen Nachbarn aus Tahiti abguckte. Heutzutage hat das Tapati nur begrenzt was mit tatsächlichen historischen Aktivitäten zu tun, es ist eine Mischung aus alt und neu – auch wenn sie das ungern zugeben. Hauptsache das Feeling ist historisch, und ich sag euch eins, denen ist das bierernst, die kennen da keinen Spaß – das ist Krieg.
Die Parteien treten in allen erdenklichen Disziplinen gegeneinander an, in der Regel nach Geschlechtern und /oder Alter getrennt.  Sportliche Wettkämpfe, Kochen, Fischen, Singen, Tanzen, Schnitzen, Flechten, und Kunsthandwerk in allen erdenklichen Bereichen…die Liste ist lang.

Nihu-nihu, ein Geflecht aus Pandanusblättern
Nihu-nihu, ein Geflecht aus Pandanusblättern

Der Clou bei allen Wettkämpfen ist, dass sie, zumindest theoretisch, vor vielen Jahrhunderten hier stattgefunden haben sollen, also keine modernen Disziplinen darstellen. Aber auch das hat sich weiter entwickelt, sonst wäre wohl Fußball nicht dabei 😛
Auf jeden Fall erfordert das Ganze eine ungeheure Vorbereitungzeit und Aufwand und Hotu schickte mich zu Tahiras Familie, um dort auszuhelfen, weil ihre Familie den größten Part erledigen muss. Ich ging also eines Tages hin und bin seitdem jeden Tag als eine der beständigsten Helfer dabei.
Ich stelle fest, daß es wesentlich belohnender ist, den ganzen Prozess mitzubekommen, als am Ende als Zuschauer dabei zu sein. Ich habe viele neue Leute kennen gelernt und ich habe gelernt, dass das Tapati in Wirklichkeit ein ganzes Jahr dauert und nicht nur zwei Wochen, ich sehe den ungeheuren Aufwand, der betrieben wird, und ich sehe die Motivation, die die Teilnehmer antreibt. Es ist unglaublich bewegend und lehrreich und ich muss wieder einmal sagen, dass ich jedes Mal, wenn ich zur Insel komme, etwas Neues entdecke.
Ich versuche mal die Vorbereitungen zusammen zu fassen. Meistens steht kurz vor dem Tapati schon fest, wer das Jahr drauf als Kandidatin antritt. Früher haben sich dutzende Familien darauf beworben, weil der finanzielle und personelle Aufwand aber inzwischen noch größer ist, nehmen in der Regel nur noch zwei Parteien teil. Früher waren es nur Mädchen, volljährig, unverheiratet und kinderlos sollen sie sein, seit etwa zwei Jahren sind es immer ein Junge und Mädchen. Dies wurde eingeführt, um den Aufwand zu verteilen, damit er nicht nur auf der Familie des Mädchens lastet.
Stehen die Kandidaten fest, werden die Obmänner/Frauen durch die Familien bestimmt, die die Kandidatin in allen Angelegenheiten vertreten und die Koordination übernehmen. Manchmal ist es ein Elternteil, aber meistens eine andere Person, die schon reichlich Erfahrung mit den Vorbereitungen hat. In diesen Fall haben Tahiras Eltern nämlich noch nie wirklich am Tapati teilgenommen und eine Obfrau bestimmt, die seit vielen Jahren in erster oder zweiter Reihe das Tapati mitorganisiert. Ebenso die andere Kandidatin, die übrigens Tiare heißt. Die beiden Obfrauen verhandeln miteinander, mit der Stadtverwaltung und mit allen weiteren notwendigen Institutionen, verteilen Aufgaben, lösen Probleme, sammeln Teilnehmer und so weiter und so fort. Die Stadtverwaltung übernimmt die Kosten für den Bühnenaufbau, Lichttechnik und die Jury etc und stellt beiden Parteien ca 10.000€ zur Verfügung, alles Weitere tragen die Familien der Kandidaten. Mit 10.000€ kommen sie nämlich nicht weit…
Kaum ist das letzte Tapati vorbei, setzen sich also die Obfrauen zusammen und stellen ein Regelwerk auf, in dem alle Disziplinen, Wertungen, Wettkapfregeln, Mindestteilnehmerzahlen und einfach alles festgelegt wird, was während des Tapati stattfinden soll und wie. Schon hier beginnt in der Regel ‚der Krieg ‚, weil jede Partei natürlich solche Punkte durchsetzen will, in denen man besondere Stärken hat und die Gegnerpartei das versucht zu verhindern. Es kann Wochen, sogar Monate dauern, bis man sich einigt. Parallel dazu werden Materialien bestellt und besorgt für die Wettkämpfe, die Trachten und die Teilnehmer. Vor allem müssen die Familien Helfer finden, die Aufgaben übernehmen, Lebensmittel oder Essen sponsern und auch an den Wettkämpfen teilnehmen. Sie müssen entsprechend trainieren und sich vorbereiten.  Die Skulpturen müssen geschnitzt werden, aber nicht irgendwie, sie müssen eine Legende darstellen und deren Geschichte transportieren, am Besten mit Bezug zur Familiengeschichte der Kandidatin. Musik für die Tänze muss ausgewählt oder komponiert werden, jemand muß sich Choreographien ausdenken, Totora -Schilf muss geerntet und getrocknet werden für die Bötchen, und natürlich die Trachten, nicht nur für Tahira, sondern für alle Tänzer und Musiker.
Die Fertigung der Trachten wurde verteilt auf drei Leute: Fers Familie macht die Trachten der Kinder und Jugendlichen (ca 300), die Mutter der Obfrau macht die Trachten der erwachsenen Männer (ca 40.) und wir machen die Trachten der Erwachsenen Damen und der Musiker (ca 280).
Diese Trachten werden an zwei Abenden auf der großen Tapati Bühne getragen. Einerseits müssen Tahira und Fer alleine tanzen, andererseits mit den großen Gruppen. Alles wird bewertet und fließt in die Gesamtbewertung ein.
Die Trachten der Damen bestehen aus einem Rock, einem BH und einer Krone. Die Materialien variieren von Jahr zu Jahr, aber dennoch wiederholt es sich. Dieses Jahr hat Vero, die Obfrau, beschlossen, dass die Röcke aus Grünzeug, die BHs aus Grünzeug-schnipseln und die Kronen mit Federn geschmückt werden. Das klingt ja alles ganz wunderbar, aber das ist mehr Arbeit als man denkt! Es reicht nicht mit dem Rasenmäher übers Feld zu fahren, die Grasfransen aufzusammeln und um die Hüfte zu schnüren.

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Mein Rock und Vero

tmp_16094-DSC_1832725416282Varu-varu Kakaka

Monate lang wird bereits an den Röcken gearbeitet, seit April, um genau zu sein. Zunächst müssen junge Bananenbäume gefällt werden, die noch keine Früchte getragen haben, Jungfrauen sozusagen. Die Stämme haben Schichten, wie eine Lauchzwiebel. Diese Schichten werden einzeln abgelöst und auf einen Tisch gelegt. Mit einem Messer wird die Innenhaut eingeritzt und mit einem handelsüblichen Esslöffel das Fleisch abgeschabt. Mit dem Messer wird anschließend noch feiner abgeschabt und zuletzt vorsichtig die „Haare“, die Fasern der Rinde, abgehoben und abgezogen. Dies wird solange gemacht, bis die Haut nur noch ganz dünn und beinahe transparent ist. Dann wird der Streifen zusammengerollt, gebunden und zum Trocknen in die Sonne gelegt. Allein diese Arbeit ist sehr aufwendig und kraftintensiv. Ich habe es ca eine Stunde gemacht (nur zwei Streifen geschafft) und den Rest des Tages tat mein Arm weh 😛 und als ich dachte ich wäre schön längst fertig mit meinem Streifen, war das grade mal die Hälfte.tmp_16094-DSC_18401007609720
Von diesen Streifen werden mindestens 20 für einen kleinen bis normalen Rock benötigt. Das sind 2-3 Bananenstämme pro Person! Bei 200 Röcken lässt sich das einfach hochrechnen – es ist unglaublich!
Tagtäglich werden also Helfer aufgefordert bei diesem varu-varu kakaka (das Abkratzen der Stammblätter) zu helfen und das rhythmische Schaben der Löffel ist permanent zu hören.
Tahiras Familie hat extra für diese Arbeiten eine Überdachung gebaut, und hier ist das Herz aller Vorbereitungen. tmp_16094-DSC_1905-535200361In einem kleinen abgegrenzten Raum werden aus dem kakaka die Röcke konfektioniert und hier habe auch ich meinen festen Platz bekommen, wo ich an den Kronen arbeite.

Mein Werk, 211 Damenkronen
Mein Werk, 211 Damenkronen

Die Kronen werden aus Pappe, Stoff, Papier und Federn hergestellt und ich arbeite seit mehr als zwei Wochen an nichts anderem als diesen Kronen. Zunächst wird die Grundform aus der Pappe ausgeschnitten und einseitig mit Stoff beklebt. An die Seiten kommen zur Befestigung zwei elastische Riemen. Nun werden auf den Rand der Vorderseite die Federn jeweils einzeln aufgeklebt. An der höchsten Stelle sind die längsten Federn und zu den Seiten hin kürzer. Die Federn stammen von Hühnern und sind Braun, Schwarz und Weiß. Weil inzwischen jährlich Tausende von Federn erforderlich sind, werden sie inzwischen als Federbündel in Santiago gekauft und stammen wohl aus China. Zur Tapatizeit, so wurde mir erzählt, muss man auf seine schönsten Hühner gut aufpassen, weil tatsächlich Leute auf die Federn scharf sind.
70 Kronen von jeder Farbe wollte Vero haben und als die Federn fertig geklebt waren, kam abschließend das „Mahute -Fake“ zum Einsatz. Mahute ist ein Textil, dass aus einer Baumrinde hergestellt wird, da auch dies viel Zeit und Ressourcen in Anspruch nimmt, wird das Original nur für Tahiras Trachten verwendet, sie darf bei der Mehrheit der Wettkämpfe nur authentische Trachten tragen. tmp_16094-CollageMaker_20170118_204900-1124702879Für alle anderen kommt ein Papier zum Einsatz, dass eine ähnliche Anmutung hat.
Da die Herstellung der Kronen eine Geduldsprobe darstellt  und gründliches Arbeiten erfordert, hat Vero kaum Leute, die ihr dabei helfen können. Als ich ankam und sie sich von mir überzeugte, ernannte sie mich kurzerhand zur Kronenbeauftragten. Das war natürlich eine Riesenehre für mich, inzwischen wünschte ich allerdings, es gäbe noch 2-3 zuverlässige Helferlein 😛tmp_16094-DSC_1884-1000424224

Alle Teilnehmer helfen ohne Bezahlung und es ist rührend, dass es Leute gibt, die jedes Jahr mit nicht gerade geringem Aufwand aufs Neue dabei sind. Vor allem die direkte Verwandtschaft der Kandidatin kann in den letzten Wochen gar nicht mehr ihrem Beruf nachgehen, aber es gibt auch andere die, um zu helfen, Tage oder gar Wochenweise fehlen. Manche bringen Essen vorbei, andere stellen Lebensmittel zur Verfügung, manche kochen und andere helfen direkt bei den Aufgaben.
Vero erzählt mir gerne Anekdoten aus Vorjahren und sie sagt, dass das Tapati jedes Mal eine Zerreißprobe darstellen kann. Es wird geweint, gelacht, und nicht selten gestritten, vor allem wenn sich Familien aufteilen, um unterschiedliche Kandidatinnen zu unterstützen. Sie sagt, dass man sich teilweise bitterböse verstreitet und es Fälle gibt, wo nach dem Tapati mit einem Mal wieder Friede Freude Eierkuchen ist, aber andere, die sich auf Jahre nichts mehr zu sagen haben.
Man kann sagen, dass es bestimmte Familien gibt, die noch aus früheren Zeiten per se miteinander alliiert sind. Aber weil sich logischerweise manche Familien irgendwann doch gemischt haben, gibt es da nicht immer Klarheit. Mal ganz abgesehen davon, daß es auch die Familie der Kandidaten selbst an nervliche Grenzen treibt.
In diesem Jahr hat sich beispielsweise die Familie von Tiare mit der ersten Obfrau verstritten und eine neue ernannt. Die neue wollte dann das bereits ausgehandelte Regelwerk nicht anerkennen und ein neues aushandeln, was Vero wiederum nicht einsah. Sie hat wenige Änderungen erlaubt und als der Tag kam, wo beide Parteien im Rathaus das Regelwerk unterschreiben sollten (das war vor 14 Tagen, also ohnehin schon recht spät), weigerte sich die andere Obfrau zu unterschreiben und drohte mit dem Austritt Tiares aus dem Tapati. Hierfür würde eine Strafe von ca 11.500€ anfallen, plus die Rückzahlung der 10.000€ von der Stadt. Also unterschrieb nur Vero und wartete ab, was passieren würde. Sie war sich sicher, dass die anderen noch unterschreiben würden, aber es ging natürlich hoch her. Sie wurde von der Familie der Gegnerin richtig in die Mangel genommen.
Eine Woche passierte nichts, wir gingen weiter unseren Vorbereitungen nach, als dann doch die zweite Unterschrift erfolgte, weil das Nichtunterschreiben einem Rücktritt gleich kommt und somit trotzdem die Strafe fällig wird.

Seit zwei Wochen nun werden auch die Tänze geprobt. Jedes Team hat drei Kategorien, die Kinder, die Jugendlichen und die Erwachsenen. An den Proben darf jeder Teilnehmen, also auch Nicht-Rapa Nui, und es wird richtig voll. Zeitgleich, an einer anderen Location proben die Truppen von Tiare ihre Tänze. Vero, Jessica (die extra angereiste Schneiderin) und ich kriegen jedes Mal die Krise, wenn neue Damen auftauchen, weil es für uns bedeutet, daß wir noch mehr Trachten machen müssen.tmp_16094-DSC_18551985223200An den Proben nehme auch ich teil und habe am ersten Tag gedacht, dass ich es lieber lassen sollte ^^ wie soll ich mir das jemals einprägen? Poschwung nach rechts, linker Arm so? Gesicht nach oben? Manchmal stand ich einfach nur regungslos in der Mitte mit einem Fragezeichen im Gesicht. Die Zuschauer hatten sicher ihren Spaß… Inzwischen komme ich ganz gut zurecht und zusätzlich zu den Schritten, wurden jetzt die Formationswechsel hinzugefügt, das sieht am Ende sicher toll aus. Die Frauen machen immer sehr weiche, fließende Bewegungen, die Männer haben kraftvolle, sportliche Schritte und müssen zwischendurch Brüllen. Ihr kennt doch sicher den Haka der Maori aus Neu Seeland, hier auf Rapa Nui gibt’s den auch, er heißt Hoko und ist auch ein Einschüchterungstanz. Es ist wirklich mit das  Beeindruckenste, was es gibt, wenn eine Horde Männer mal so richtig die Sau rauslässt ^^ dieses Jahr wird der Hoko sogar eine der Wettkampfdisziplinen sein, darauf freu ich mich schon. Und vor unserem großen Tanzauftritt am 29.1 werden einige Damen erstmals einen Hoko als Eröffnung aufführen. Schade, dass ich dann gerade hinter der Bühne stehe und mich umziehe. Neka, eine Frau die man schon im normalen Leben nicht wütend machen will, wird teilnehmen und ich muss sagen, dass ich ihr das jetzt schon abnehme. Sie kann einen echt das Fürchten lehren.

Vielleicht noch ein paar Worte zu Tahira. Sie ist 21 und unglaublich sympathisch. Sie hat was freches und was keckes, ist wunderschön und hat vor allem Kampfgeist. Sie muss jeden Tag trainieren: schwimmen, surfen, laufen, paddeln, rudern, Hoko, Tanzen, Singen, Lieder auswendig lernen, Choreographien lernen und Vieles mehr. Ich hebe meinen Hut vor ihrer Leistung und der ihrer Eltern, die trotz aller Arbeit immer lieb und herzlich sind und als letzte ins Bett gehen und als erste aufstehen.

tmp_16094-CollageMaker_20170118_205115-567475662Jeden Tag werden 200 „Sopaipillas“ für die Teilnehmer der Tanzproben gemacht, das sind frittierte Teigteller. Wasser, Saft und Obst wird den über 400 Teilnehmern tagtäglich zur Verfügung gestellt, plus das Essen in der „Zentrale“ für alle Weiteren. Wenn die Männer des Nachts oder des Tages in den Vulkan hinabsteigen, um Schilf zu besorgen, dann müssen die ebenfalls eingedeckt werden, dann alle möglichen Transporte, Besorgungen, Helfer hin und her fahren.
Ich frage die Eltern manchmal, wie sie das schaffen und sie sagen jedes Mal „con mucho amor“ – mit viel Liebe.
Wenn alles vorbei ist, packen sie ihre Sachen und gehen ein paar Tage Zelten.
Ich bin gerade mal seit Ende Dezember dabei und träume jetzt schon von meinen Federn. Ich wollt ich wär ein Huhn…Wenn all die Kronen, die ich im Schlaf weiter geklebt habe, echt wären, wäre ich schon längst fertig.tmp_16094-DSC_19141418001298

So, jetzt habe ich schon einiges geschrieben und freue mich über Feedback und Fragen. Sobald das Tapati beginnt, werde ich versuchen euch täglich auf dem Laufenden zu halten, mal sehen, ob das technisch möglich sein wird.

Ich hoffe euch geht’s allen gut und ihr seid gut ins neue Jahr gerutscht. Iorana mauruuru.


Ein kleiner Exkurs zum TOKI, das ich vor zwei Jahren in der Bauphase besucht habe. Es ist schon in Benutzung, aber immernoch nicht fertig.tmp_16094-CollageMaker_20170118_205446-1419013838